STARTSEITE

HAMBURGER DIENSTMÄDCHEN - TRINTJE, GESCHE UND DIE "VERKEHRTE WELT"
Die Hamburger Gänsemarktoper
Hamburger Oper am Gänsemarkt. Baubeginn: 1677- Abriss: 1757.
Zeichnung von Peter Heineken 1726. Staatsarchiv Hamburg

Zwischen Gänsemarkt und Binnen-Alster eröffnete 1678 die Gänsemarktoper, das "magnifique Operen-Hauß am Gansemarckt." Das Opernhaus war kein Prunkbau, sondern ein unscheinbares Fachwerkhaus, in dem eine Bühne mit enormer Tiefe und ausgeklügelter Bühnenmaschinerie rund 2000 Zuschauer und Zuschauerinnen in biblische, antike und mythologische Welten - aber auch in das damals aktuelle Hamburg versetzen konnte. Die Gänsemarktoper wird vielfach als „Bürgeroper“ bezeichnet, aber hier muss differenziert werden: zwar waren Eigner und Pächter bürgerlich, jedoch blieb der Einfluss des Adels prägend.
Zum Gründungskonsortium zählten: der Rechtsanwalt und spätere Ratsherr Gerhard Schott, der Jurist Peter Lütkens, und der Organist der Hauptkirche St. Katharinen Jan Adam Reinken - ideell und finanziell unterstützt wurde das Unternehmen durch Herzog Christian Albrecht von Holstein-Gottorf. Die Bühne wurde mit einem Opernstoff über Adam und Eva eröffnet: "Der erschaffene, gefallene und auffgerichtete Mensch" (Komposition: Johann Theile, Libretto: Christian Richter). Obwohl in den ersten Jahren einige biblische Opernstoffe auf dem Spielplan standen, kämpfte der pietistisch ausgerichtete Teil der Geistlichkeit zunächst gegen die Gänsemarktoper als einen "Tempel der Wollust."

Die Oper war ein Wirtschafts- und Standortfaktor, wie auch der Hamburger Musiker, Musiktheoretiker und Sekretär der englischen Gesandtschaft Johann Mattheson 1728 betonte: "Wissenschafften, Künste und Handwercker fahren wol dabey, und der Ort macht sich so ausnehmend mit guten Opern, als mit guten Banken: denn diese nützen und jene ergetzen. Die letzten dienen zur Sicherheit, die ersten zur Lehre." (Johann Mattheson: Der Musicalische Patriot, Hamburg 1728, S.176)
Trotz künstlerischer Hochleistungen war die Oper ein Verlustgeschäft und blieb angewiesen auf Zuschüsse aus Adels- und Diplomatenkreisen. Der Rat der Stadt unterstütze die Oper nach dem Vorbild der Fürstenhöfe, auch wenn die Stadtkämmerer immer wieder auf die Sparbremsen traten. Die Operndirektionen wechselten, einzig Margaretha Susanna Kayser (geb. Vogel 21.03.1690 Hamburg, gest. 8.3.1774 Stockholm), eine berühmte Sängerin, behauptete sich über einen längeren Zeitraum.

Gänsemarktoper Hamburg von der Lombardsbrücke. Ölgemälde um 1760/70.
Museum für Hamburgische Geschichte

Fast 320 verschiedene Opern sind hier aufgeführt worden und ermöglichen so einen Streifzug durch europäische Operngeschichte. Denn ein Großteil der Opern sind deutschsprachige Bearbeitungen von italienischen oder französischen Vorlagen, einige sind Neuschöpfungen, gelegentlich mit Hamburger Lokalkolorit und plattdeutschen Einlagen. Rund 50 Opern, ein Sechstel, waren Festopern (Singballette, Prologe, Epiloge), Auftragswerke für Krönungen, Geburtstage von Fürstinnen und Fürsten oder Siegesfeiern.

Während fast alle Libretti erhalten sind, ist ein Großteil der Musik verloren gegangen, da Partituren (in der Regel) nicht gedruckt wurden. Nur einige Opern sind komplett überliefert - und einzelne Arien, die in gedruckte oder handschriftliche Sammlungen übernommen wurden.

Es gab eine weitere Sehenswürdigkeit, ausgestellt in einem Nebenraum der Oper: das Modell des Salomonischen Tempels, zwischen 1680 und 1692 nach den Plänen des Rekonstruktionsversuches des Jerusalemer Tempels, den Nebukadnezar 586 v. Chr. zerstörte, gefertigt. Heute kann es im Museum für Hamburgische Geschichte bewundert werden.

Im April 1738 wird das Hamburger "Theatro" als "selbständiges Unternehmen" geschlossen. Das Haus wurde fortan genutzt von Operngesellschaften, wie denen von Angelo und Pietro Mingotti, oder von Theatertruppen (die z.B. geleitet wurden von den Schauspielerinnen Caroline Neuber oder Sophie Charlotte Schröder).
Ab Oktober 1751 stand das Haus leer und wurde dann 1757 abgerissen. An die Hamburger Gänsemarktoper erinnert heute nur noch eine Gedenktafel am Hotel Vierjahreszeiten.

Quellen:

Gisela Jaacks: Hamburg zu Lust und Nutz. Bürgerliches Musikverständnis zwischen Barock und Aufklärung (1660 - 1760). Hamburg 1997.

Hans Joachim Marx: Geschichte der Hamburger Barockoper. Ein Forschungsbericht. In: Hamburger Jahrbuch für Musikwissenschaft. Bd. 3. Hamburg 1978. S. 7-34.

Hans Joachim Marx: Politische und wirtschaftliche Voraussetzungen der Hamburger Barock-Oper. In: Hamburger Jahrbuch für Musikwissenschaft. Bd. 5. Laaber 1981. S. 81-89.

Dorothea Schröder: Zeitgeschichte auf der Opernbühne. Barockes Musiktheater in Hamburg im Dienst von Politik und Diplomatie. Göttingen 1998.

Joachim R.M. Wendt: Neues zur Geschichte der Hamburger Gänsemarktoper. In Hans Joachim Marx (Hrsg.): Beiträge zur Musikgeschichte Hamburgs vom Mittelalter bis in die Neuzeit. Hamburger Jahrbuch für Musikwissenschaft. Band 18. Frankfurt/Main, Berlin, Bern u.a. 2001. S.177-193

Joachim E. Wenzel: Die Geschichte der Hamburger Oper 1678-1978. Hamburg 1978.