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  • Lexikographie, Gender und Musikgeschichtsschreibung

    Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)
    Rethinking Genre

    Vortrag von Susan Wollenberg (Oxford)
    27.5.2016 16:30-17:00, Fanny Hensel-Saal

    Abstract

    Der Gedanke, Genre neu zu bewerten (der sich im Licht der begrüßenswerten Entwicklung der Frauenforschung über die letzten drei Jahrzehnte entwickelt hat), gründet sich auf zwei wesentliche Motivationsfaktoren. Erstens: Als ich in den 1990er Jahren an der musikwissenschaftlichen Fakultät der Universität Oxford erstmals überhaupt Kurse über Komponistinnen abhielt – zunächst als eines der besonderen Wahlfächer im Rahmen der grundständigen Studiengänge (diese Initiative wurde von meinen zu der Zeit noch durchweg männlichen Kollegen in der Fakultät erfreulicherweise enthusiastisch begrüßt und unterstützt) –, standen uns relativ wenige Bücher und andere wissenschaftliche Quellen zur Verfügung. Deshalb schien die Veröffentlichung des „New Grove Dictionary of Women Composers‟ (Hg. Julie Sadie und Rhian Samuel) im Jahr 1994 ein überaus wichtiger Schritt auf dem Weg dahin zu sein, dringend benötigte grundlegende Informationen zu diesem Thema bereitzustellen, um es für die Zukunft auf eine solidere Grundlage zu stellen. Ich stellte den Studierenden in meinen Lehrveranstaltungen die Aufgabe, ausgewählte Artikel auszuwerten, und zwar unterteilt nach unterschiedlichen Kriterien wie Genre, Ort und Periode. Das Ergebnis war so beeindruckend, dass ich meinen Ansprechpartner bei den „Musical Times‟ fragte, ob Interesse daran bestehe, dieses gemeinschaftlich erarbeitete Material für die Zeitschrift zu verwenden – und zu unserer Freude stimmte er zu. Ich überarbeitete die Beiträge und schrieb eine Einführung dazu, und die Besprechung wurde im April 1995 veröffentlicht.

    Die Studierenden lieferten viele gehaltvolle Hinweise, von denen ich hier nur einen herausgreifen möchte, der mehrfach als Kritikpunkt angebracht wurde: Während sie die vielen nützlichen Eigenschaften des Lexikons begrüßten, merkten sie an (hier beispielhaft Anthony Wilson, „17th- and early 18th-century France‟), dass das NGDWC, betrachtet man seine Benutzbarkeit, zwar das Auffinden bestimmter Komponistinnen gut ermöglicht, aber nicht einen Überblick über einen weiter gefassten Bereich wie Frankreich zur Zeit des Ancien Régime oder das deutsche Kunstlied – wenn man von einer Person noch nichts weiß, hat man keine Möglichkeit, an Informationen über sie zu kommen. Es gibt keine allgemeinen Einträge im NGDWC, so dass sich „France‟ (Frankreich) oder „Song‟ (Lied) nicht nachschlagen lassen (MT Apr. 1995, S. 195).

    Jetzt überspringen wir 20 Jahre, um uns anzusehen, was passieren könnte, wenn ein Lexikon tatsächlich allgemeine Artikel dieser Art zu bieten hätte. In unserem Vorwort zu „Women and the Nineteenth-Century Lied‟ (Hg. Aisling Kenny und Susan Wollenberg, Ashgate 2015) findet sich die folgende Passage:

    Bis vor relativ kurzer Zeit wurde die Geschichte des Kunstliedes des 19. Jhds. – genau wie die so vieler anderer Genres – traditionell fast ausschließlich anhand der von Männern hervorgebrachten Werke beschrieben. Trotz aller seiner überzeugenden Eigenschaften und seiner zahlreichen Vorteile gegenüber jeglichen ähnlichen Versuchen, die ihm vorangegangen waren, war einer der Nachteile des „New Grove Dictionary of Women Composers‟ seine Fixierung auf Einträge zu Komponistinnen, mit der Folge, dass andere Kategorien weggelassen wurden. Im Hinblick auf das Hauptwörterbuch ist es aufschlussreich, den Eintrag zum Kunstlied im ursprünglichen NGDWC von 1980 mit dem in der überarbeiteten Fassung zu vergleichen. Als Eric Sams 1980 über das „romantische Lied‟ schrieb und in den Abschnitten 2–7 (nach einer Einführung) unter den Überschriften „Schubert‟, „Loewe und Mendelssohn‟, „Schumann und Franz‟, „Wagner, Liszt und Cornelius‟, „Brahms‟ und „Wolf‟ einen historisch-kritischen Text über Komponisten und ihre Werke verfasste, schien ihn nicht zu stören, dass in dieser Darstellung ausschließlich männliche Komponisten Erwähnung fanden. In der überarbeiteten Fassung in der Ausgabe von 2001 wurden (unter Beibehaltung des ursprünglichen Aufbaus) Fanny Hensel und Clara Schumann in die Abschnitte über Felix Mendelssohn bzw. Robert Schumann mitaufgenommen, sogar samt einer vergleichenden Bemerkung zu den beiden Frauen dahingehend, dass die Tatsache, dass Clara Schumann, „als Liedkomponistin Fanny Mendelssohn Hensel (sic) nicht ebenbürtig war, vermutlich darin begründet liegt, dass das Kunstlied sie weniger interessierte als instrumentale Formen der Musik‟. Diese Aussage stellt auch die Quintessenz der Bemerkungen zu Claras Liedern dar: Kein bestimmtes Lied von ihr findet Erwähnung.

    Und wenn im Eintrag zum Stichwort „Lied‟ von 2001 auch deutlich klargestellt wird, dass Fanny Hensel nicht mehr als „bloße Fußnote der Leistungen Mendelssohns in der Liedkomposition‟ angesehen wird, sind ihr trotzdem (welche Ironie!) bloß ein paar Zeilen am Ende des Abschnitts über Loewe und Mendelssohn gewidmet – ganz im Gegensatz dazu, wie im selben langen Absatz bewundernd und detailliert auf Mendelssohns Lieder eingegangen wird: Seine Werke werden getrost in ihrer eigenen Nische in der Geschichte des Kunstlieds verortet, während den mehreren hundert Liedern seiner Schwester kein bestimmter, eigener Platz in dieser Geschichte zugewiesen wird. Ebenso wenig wird ein bestimmter kritischer Standpunkt zu ihren kompositorischen Leistungen in diesem Genre eingenommen. Auch hier wird wieder – ganz anders als bei ihrem Bruder – kein Lied von Fanny namentlich genannt.

    Damit schließe ich meine Ausführungen, mit denen ich die dringende Notwendigkeit darlegen wollte, Genre im Rahmen einer Konferenz neu zu bewerten, was einen Wendepunkt in der Entwicklung der Frauenforschung im Bereich der Musik markieren wird.

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    Vita

    Susan Wollenberg war bis Oktober 2016 Professorin für Musik an der Fakultät für Musik der Universität Oxford und „Fellow and Tutor of Lady Margaret Hall‟ (wo sie heute „Emeritus Fellow‟ ist) sowie Dozentin für Musik am Brasenose College. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Music at Oxford in the Eighteenth and Nineteenth Centuries (2001), Concert Life in Eighteenth-Century Britain (2004), gemeinsam herausgegeben mit Simon McVeigh, und The Piano in Nineteenth-Century British Culture: Instruments, Performers and Repertoire (2007), gemeinsam herausgegeben mit Therese Ellsworth. Sie richtete die Konferenz anlässlich des 200. Geburtstags von Fanny Hensel aus (Oxford, Juli 2005) und edierte den Konferenzband für das „Nineteenth-Century Music Review‟ 4/2 (2007) unter dem Titel Fanny Hensel (née Mendelssohn Bartholdy) and her Circle. Sie berief das Symposium „Ethel Smyth and her Generation‟ an der Fakultät für Musik der Universität Oxford ein (November 2008), in Verbindung mit dem „Internationalen Ethel Smyth Symposium‟, das an der Universität Paderborn und der Hochschule für Musik Detmold abgehalten wurde: Ihr Beitrag zur letztgenannten Veranstaltung wurde im Konferenzband veröffentlicht (hg. von Cornelia Bartsch und Rebecca Grotjahn). Ihre Monographie Schubert’s Fingerprints: Studies in the Instrumental Works wurde 2011 bei Ashgate veröffentlicht. Gemeinsam mit Aisling Kenny hat sie „Women and the Nineteenth-Century Lied‟ (Farnham: Ashgate, 2015) herausgegeben.