eniger märchenhaft und betont "realistisch" hat sich Irmtraut Morgner mit ihrer Darstellung von Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura in die Literaturgeschichte eingeschrieben. Ihr Roman erschien 1976, geschrieben in der DDR in einer Zeit, als offiziell das Motto von "Weite und Vielfalt" als Resultat einer der vielen Bitterfelder Konferenzen zur Kulturpolitik ausgegeben wurde. Man kann dies als eine Art innergesellschaftlicher "Tauwetterperiode" in der Geschichte des real existierenden Sozialismus betrachten. Auf der anderen Seite dieser Entwicklung standen immer wieder restriktive Schritte und extreme Reaktionen seitens der SED-Kulturpolitiker, wie sie die Ausbürgerung Wolf Biermanns zeigte. Morgners Roman ist in Collage-Manier geschrieben. Auch er trägt märchenhafte, phantastische Züge bei der Anordnung von Zeit und Raum, ist an Satire und bitteren Elementen jedoch kaum zu überbieten. Vielmehr kann er als Spiegel einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Frauenemanzipation in der DDR wie zugleich auch in der westlichen Sphäre gesehen werden.

Zum Inhalt: Bei Morgner erwacht die durch Magie über Jahrhunderte jung gehaltene und historisch verbürgte Trobadora aus einer Art Dornröschenschlaf und versucht sich als Dichterin und Weltverbesserin zunächst in ihrer provenzalischen Heimat, ehe sie über mehrere Stationen (bei denen sie sowohl vergewaltigt wird als auch ihren Körper notgedrungen verkaufen muss, um Behausung und Schutz zu finden) in die DDR gelangt. Dort trifft sie auf die Akademikerin Laura, die sich – mit heutigem Vokabular gesprochen – gerade in Mutterschutz und Elternzeit befindet. Sie schlägt sich damit herum, Säuglingspflege und Berufstätigkeit in Einklang zu bringen, was entgegen der offiziellen Staatsdoktrin auch in der DDR in diesen Jahren (noch?) kein leichtes Unterfangen war. Sowohl Beatriz als auch Laura machen ihre eigenen Erfahrungen mit der im sozialistischen Realismus angeblich längst vollzogenen Gleichstellung der Geschlechter und durchschreiten – jede auf ihre Weise – einen Lernprozess. Aufgabe der vermeintlichen Spielfrau Laura ist es dabei, ihre Trobadora durch das Notieren ihrer Poesie zu unterstützen sowie die in der DDR-Kulturbürokratie allfälligen Anträge und Rechtfertigungspapiere beizubringen, über die die mehr als 500 Jahre alte Französin naheliegenderweise nicht verfügt. Während Beatriz der "standesgemäßen" Aufgabe nachgeht, im Auftrag der DDR-Autoritäten der Weltrevolution durch zeitgemäße Kunst auf die Sprünge zu helfen (wozu Recherchen im nicht-sozialistischen Ausland ebenso notwendig sind wie Aufenthalte in sozialistischen Großbetrieben), schlägt sich Laura mit vielen Alltagsproblemen herum. Wie bei einem so realitätsnahen Ansatz zu erwarten, übersteht die eigentlich gute Beziehung zum Kindsvater die Mühen der Ebene nicht – man trennt sich, immerhin im Guten. Zwischen Beatriz’ und Lauras Weltsicht bleiben (standesbedingte?) Unterschiede bestehen, wie sich in zahlreichen Diskussionen erweist. Ein vergleichbares Happyend wie bei Ganß gibt es bei Morgner für beide Frauen nicht. Während Beatriz schließlich stirbt und die Unmöglichkeit der Realisierung einer rundum gerechten Welt erkennt, geht für Laura das Leben weiter – nicht konfliktfrei, aber doch ohne depressive Verstimmung.

Es gibt also zwei echte Hauptheldinnen – auch hier steht in der Überlieferung die Spielfrau hinter der höher gestellten Trobadora zurück. Insofern ist Morgners Roman auf eine Weise sehr authentisch und der historischen Figur möglicherweise angemessen, auch wenn die Autorin sich allerdings um konkret überlieferte Einzelheiten wenig bekümmert. Der Roman ist eine überaus originelle Mischung aus phantastischen Elementen und zeitgenössischer Diskussion um Frauenrechts- und -lebensfragen. Er wurde sowohl in der DDR als auch in der damaligen Bundesrepublik mit großem Interesse aufgenommen und diskutiert. Es überrascht nicht, dass den DDR-Oberen eine solche, fast pessimistisch anmutende Darstellung der weiblichen Lebenswelt in der real existierenden DDR nicht gefiel. Während das Buch in der BRD schnell mehrere Nachauflagen erlebte, war es in der DDR kurz nach seinem Erscheinen bereits vergriffen und nur noch "unter der Hand" zu bekommen (was ein seinerzeit üblicher Ausdruck für Waren war, die man nicht im regulären Verkauf erhielt, obgleich es sich um DDR-Erzeugnisse handelte). Wie treffend die künstlerische Verarbeitung jedoch erlebt wurde, zeigte die Art der Resonanz bei den Leserinnen. Literatur im totalitären Staat war ein wichtiges Kommunikationsmedium. Dass sich als Gegenstand dieser Kommunikation die Spielfrauen in eine tagesaktuelle Debatte einbrachten, schlägt in mehr als nur einer Hinsicht einen Bogen zwischen den Jahrhunderten und den Frauen dieser Zeiten.