fete pour les noces de fauvel
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Tanz der Salome
Stundenbuch um 1430
Bibliothèque Nationale Paris,
ms. latin 1156 B fol. 166

ie Frage der Prostitution wurde von den mittelalterlichen Autoren (und hier wird ausdrücklich die männliche Form verwendet, da es sich durchweg um männliche Verfasser handelt) im Hinblick auf die Spielfrau eindeutig beantwortet:

concubinen ofte spilfrowen
Chronik der Stadt Münster (Westfalen)
(zit. nach Salmen, 2000: 12)

Ein unumstößliches Verdikt. Ebenso galt der Umkehrschluss: Spielfrauen verdienten sich mindestens einen Teil ihres Lebensunterhaltes durch Prostitution.

Auch wenn es im Umfeld der Spielfrauen sexuelle Dienstleistungen gegen Entgelt gegeben hat, sollte dies kein Grund dafür sein, allen Spielfrauen Prostitution zu unterstellen. Diese Vorstellung bediente offensichtlich nicht nur die Phantasien einzelner, sondern ist Teil einer kollektiven Verdächtigung, die über die Jahrhunderte weiterwirkt. Nicht umsonst hat sich das Verdikt der Prostitution in Verbindung mit einer Existenz als professioneller Musikerin bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts erhalten, wie sich beispielsweise noch an der Vita der französischen Komponistin Germaine Tailleferre erkennen lässt. Deren Vater stellte sich der musikalischen Karriere der Tochter mit der Behauptung entgegen, sie könne gleich eine Hure werden, wenn sie Musik als Beruf wähle (Andersen, 2001: 31).
Hauptgrund für die Langlebigkeit der Verdächtigung ist sicherlich die Interferenz zweier Phänomene: die Randständigkeit der Musikerin im sozialen Gefüge (und damit ihre soziale Nähe beispielsweise auch zu Wanderdirnen, Konkubinen, Hetären) und das sich über die Jahrhunderte herausbildende Herrschaftsverhältnis zwischen männlicher und weiblicher Lebenswelt.
Auch die Blickwinkel historischer Interpretation spielen eine Rolle. Die Auswertung der Quellen (vgl. hierzu die Ausführungen bei Salmen, 2000: 13f.) zeigt oftmals stereotype Züge. Das bei Augustinus geprägte Begriffspaar "meretrices et histriones" (Prostituierte und Schauspieler) wurde von nachfolgenden Autoren übernommen und nicht mehr hinterfragt. Weitere Begriffe für die ihren Körper gegen Lohn anbietende Frau waren meretricula, meltritz, meretrices vagabundä, offen huoren, hubschfrowen oder falsche Magdalenerinnen. Da auch in Freudenhäusern Musik gemacht wurde (Schuster, 1995: 122), lag die Ineinssetzung öffentlichen Musizierens mit Prostitution nahe. Zugleich wurden Spielmänner bzw. die Frau begleitende Männer als Kuppler diffamiert. Wenn sich Spielfrauen nicht selbst verdingten, wurde auch ihnen oft Kupplerei unterstellt, wie es im Fall der Ehefrau des Trobadors Gaucelm Faidit (Ende des 12. Jahrhunderts) belegt ist. • Guillelma Monja wurde in einem zeitgenössischen Kommentar sogar vorgeworfen, das eigene Ehebett für die Liebesspiele anderer zur Verfügung gestellt zu haben (nach Rieger, 1991: 241), pikanterweise für eine Frau, in die ihr Ehemann angeblich selbst verliebt war. Allerdings sind Anekdoten dieser Art historisch nicht belegbar und es ist zu vermuten, dass es sich meist um Konstruktionen aus Briefwechseln oder anspielungsreichen Liedtexten handelt. (Interessanterweise sagen die Quellen nichts über männliche Prostitution.)

Die jüngere Spielfrauenforschung hat durch Analysen der Quellen belegt, dass  Pauschalerklärungen zu diesem Thema oft in die Irre führen (z. B. Rieger, 1991: 229ff.). Eine unhinterfragte Parallelisierung von musikalischer Darbietung mit sexuellem Dienst verfestigt ein veraltetes Geschichtsbild, wo mittlerweile eine breitere Interpretationspalette zur Verfügung steht. Sich prostituierende Frauen konnten Musikerinnen oder Spielfrauen sein. Der Umkehrschluss, Spielfrauen seien per se Prostituierte gewesen, ist noch lange nicht zutreffend, nur weil es einzelne Beispiele hierfür gibt oder weil es aus Überlebensgründen für manche Spielfrau notwendig gewesen sein mag, gelegentlich ihren Körper zu verkaufen.

Den gantzen tag stehet die gassen offen, unndt sitzen die weiber jegliche vor ihrem zelt, ettwan ein seitenspiel oder gesang treibendt
Thomas Platter, Schweizer Arzt, der im 16. Jahrhundert in Spanien reiste, über seinen Aufenthalt in Barcelona in einem Freudenhaus (zit. nach Salmen, 2000: 14).

Inwieweit die Reiseberichte männlicher Autoren die Realität abbilden oder nicht doch auch die Phantasien desjenigen darstellen, der im weit entfernten Land fremde Sitten und Gebräuche notierte und vielleicht auch manches überinterpretierte, sei zumindest gefragt.

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