Portrait Sabine Ercklentz

Eine Trompete zu dekonstruieren ist leicht. Das Mundstück wird abgezogen, die Ventilzüge entfernt. Was bleibt, ist das Rohr mit seinen Windungen, Verzweigungen und dem Schall­stück. Als sich die 1967 in Mönchengladbach geborene Trom­peterin Sabine Ercklentz gegen Ende ihres Jazz-Studiums an der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler der Frage nach ihrem persönlichen Idiom stellt, liegt die erste Antwort in der rigorosen Reduktion des Materials. Seither erforscht sie den Zwischenraum, der auf der einen Seite vom Ton, auf der anderen vom Rauschen begrenzt wird.

Wenn sich Melodien ausbreiten, klingt es, als wäre ihnen der Boden entzogen. In solchen Augenblicken schwanken die Töne. Was ihnen fehlt, ist die Festigkeit des klassischen Trom­peten­tons, seine Strahlkraft und martialische Selbstgewissheit. Die Demontage des Instruments zeigt ihre Wirkung. Aber auch der Ansatz, die Formung des Mundraums, Sprechen und Sing­en transformieren das Luftgeräusch.

Allein das rhythmische Sediment verrät noch, dass Sabine Ercklentz weiterhin als Jazzmusikerin auftritt und der popu­lären Musik nicht ganz entsagt hat. In manchen Komposi­tio­nen brauchen die rhythmischen Patterns allerdings eine Weile, bis sie an die Oberfläche gespült werden, so in pruh (2002) für Trompete und Innenklavier mit Elektronik, einer Gemein­schafts­komposition mit Andrea Neumann. Wie hier, setzt sich auch in anderen Stücken erst nach und nach ein fragiler Puls­schlag durch. Seit den neunziger Jahren ist Sabine Ercklentz im Duo mit Andrea Neumann (Innenklavier und Mischpult) zu

hören. Das Duo ist zwar in der experimen­tellen E-Musik zu Hause, die Musikerinnen integrieren aber auch Elemente der populären und elektronischen Musik wie Clicks & Cuts und Glitch. In pünktlich (2002) imitieren die Composer Perfor­merinnen Sample-Strukturen und die Fehler-Ästhetik des Glitch. In Solo (2003) für Trompete und Computer wird das Klangfeld von scharfkantigen, digitalen Störsignalen zerschnit­ten, dazu generiert die Trompeterin ein Spektrum aus instru­mentalen Rauschklängen, perkussiven Plops und verzerrten Flattergeräuschen.

Anfangs bestand das Setup von Sabine Ercklentz aus Mi­kro­fonen, Verstärker und analogen Gitarren-Effektgeräten für Verzerrungen, Delays und Loops. Seit 2003 ist auch der Com­pu­ter dabei. Teils dient er der live-elektronischen Klangbear­bei­tung, teils wird er zur Produktion von Zuspielen eingesetzt. Das Material besteht in der Regel aus field recordings. In stündlich kontrapunktieren die Aufnahmen fahrender Züge die realen Geräusche der hinter dem Konzertsaal gelegenen Bahn­strecke. In Bialetti (Duo Ercklentz Neumann) liefert das Rö­cheln einer Espressomaschine die Matrix für die Dramaturgie der gesamten Komposition, in sound alike 2 spielt Sabine Ercklentz mit Fahrradgeräuschen, in over the shoulder (2009) mit dem Klang und den emotionalen Bedeutungen des mensch­lichen Atems.

Seit stündlich ist der performative Aspekt in den Einzel- und Gruppenarbeiten von Sabine Ercklentz immer wichtiger geworden. Im Trio Larry Peacock erforscht sie mit Henri