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Clär Weglein

Klara Weglein, Clair Weglein

* 26. November 1895 in Ulm, Deutschland.
† 4. Februar 1973 in Stuttgart[?], Deutschland.

Sicher ist, dass Clär Weglein bis zu ihrem Tode in Stuttgart gewohnt hat. Ob sie indes tatsächlich dort verstorben und begraben wurde, ist den bislang ausgewerteten Akten nicht zu entnehmen. Als möglicher Todes- und Begräbnisort kommt auch Ulm denkbar.

„Das Lehrerverzeichnis weist viele Veränderungen auf, aber es ist immerhin noch beinahe die Hälfte, die ich kenne.“ [Brief von Clär Weglein an die Leitung der Musikhochschule Stuttgart, 29. Juli 1946, Staatsarchiv Ludwigsburg: Bestand Musikhochschule Stuttgart, Personalakte Clär Weglein, EL 218 II, Büschel 599.]
Tätigkeitsfelder
Dozentin für Gehörbildung, Klavierlehrerin, Hausangestellte

Orte und Länder
Die meiste Zeit ihres Lebens verbrachte Clär Weglein im südwestdeutschen Raum, die Städte Ulm und Stuttgart bildeten dabei die wichtigsten Koordinaten. Unterbrochen wurde diese Zeit durch das achtjährige Exil in Schottland, wohin sie 1939 als Jüdin fliehen musste. Von dort kehrte sie 1947, von der Musikhochschule Stuttgart zurückgerufen, nach Deutschland zurück, wo sie bis zu ihrem Lebensende blieb.

Profil
Clär Wegleins Lebensgeschichte stellt eines der wenigen Beispiele für die gelungene Remigration einer nach 1933 aus Deutschland exilierten Musikschaffenden dar. Die Umstände ihrer Rückkehr und die Reaktionen darauf geben einen Einblick in die komplexe Gemengelage aus Wiedergutmachungsversuchen und Beschweigen der Vergangenheit, aus Erwartungshaltungen und Ressentiments, die für die Diskurse der deutschen Nachkriegsgesellschaft über Exil und Remigration prägend war. Zugleich lassen sich in Clär Wegleins Lebensweg in der Zeit nach der Vertreibung Grundmuster des sogenannten „Exils der kleinen Leute“ (Wolfgang Benz) erkennen. In umfangreichen Briefen, aber auch in den Unterlagen der Wiedergutmachungs- und Personalakten sind die Zusammenhänge ihres Lebens dokumentiert.

Biografie

Geboren und aufgewachsen in Ulm, verlagerte Clär Weglein 1917 ihren Lebensmittelpunkt nach Stuttgart. Sie studierte am Königlichen Konservatorium Stuttgart, der späteren Musikhochschule, Klavier und nahm dort 1923 einen sog. einfachen Lehrauftrag für Gehörbildung an. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde Clär Weglein 1936 von der Hochschule entlassen und schloss sich daraufhin zunächst der Stuttgarter Jüdischen Kunstgemeinschaft an, in der sie bis 1939 als Klavierlehrerin tätig war. In Folge der „Reichskristallnacht“ floh sie 1939 gemeinsam mit ihrer Schwester Irma nach Glasgow (Schottland) wo sie mehrere Jahre als Hausangestellte arbeitete. 1946 wurde sie von der neuen Leitung der Musikhochschule Stuttgart angeschrieben und um Rückkehr auf ihre ehemalige Stelle gebeten. Clär Weglein stimmte diesem zu, und ihre Remigration nach Deutschland erfolgte ein Jahr später nach Klärung der äußerst umfangreichen Formalitäten. An der Stuttgarter Musikhochschule arbeitete Clär Weglein schließlich erneut – und bis zu ihrer Pensionierung 1961 – als Lehrerin für Gehörbildung. Sie starb 1973, vermutlich in Stuttgart.
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Würdigung

"Eine jüdische Lehrerin, die 1936 entlassen werden mußte und nach England auswanderte, haben wir vor einem halben Jahr zurückgerufen. Unsere Arbeit werden wir auch fernerhin für die Kunst, und für sie allein, im Geiste der Völkerversöhnung und Völkerverständigung treiben." (Redemanuskript von Hochschulrektor Hermann Keller für die Neunzigjahrfeier der Musikhochschule Stuttgart 1947, Staatsarchiv Ludwigsburg, Bestand Musikhochschule Stuttgart, EL 218 I, Bü. 13.) In diesem Zitat aus einer Festrede des ersten Nachkriegsrektors der Stuttgarter Musikhochschule, Hermann Keller, spiegelt sich die ganze Komplexität der Situation wider, in der sich Clär Weglein als aus dem Exil nach Deutschland remigrierte Musikschaffende in den Nachkriegs- und Wiederaufbaujahren befand. Dies gilt für das zwischen Schuldbewusstsein, Versöhnungsanliegen und Abwehrhaltung changierende Verhältnis der Dagebliebenen zu den ehemals „ausgewanderten“ Rückkehrern ebenso, wie für das Empfinden der nun fremd gewordenen Heimat seitens der RemigrantInnen. Nur in einer kurzen Phase unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs wurde die Situation der Exilanten in Deutschland thematisiert, Aufrufe zur Rückkehr waren aber oft rein symbolische Akte, oder blieben in den häufigsten Fällen gänzlich aus. Vor diesem Hintergrund stellt Clär Wegleins Rückkehr an ihre alte Wirkungsstätte, die auf der Basis enger persönlicher Bindungen innerhalb des kleinen Kollegiums an der Musikhochschule Stuttgart zustande kam, eine absolute Ausnahme dar. Neben diesem ungewöhnlichen Fall einer persönlichen Wiedergutmachung durch eine einzelne Institution zeigt gerade auch Clär Wegleins Wiedergutmachungsprozess, wie in Deutschland von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis weit in die heutige Zeit mit den Verfolgten des Dritten Reichs und dem ihnen zugefügten Unrecht umgegangen wurde. In langwierigen, stark bürokratisierten und weit abseits der Öffentlichkeit durchgeführten Prozessen wurde den Verfolgten und Vertriebenen des Dritten Reichs in einem Klima der Geheimdiplomatie und des „gegenseitigen Beschweigens“ (s. Norbert Frei) eine rein materielle Entschädigung, eine „Wiedergutmachung“ gewährt, die für alle Beteiligten den Vorteil einer weitgehenden Geräuschlosigkeit in der Durchführung bot.
Über den speziellen Aspekt der Remigration hinaus zeigt Clär Wegleins Lebensgeschichte für die Zeit des Exils Parallelen zum Schicksal vieler alleinstehender Frauen, gerade auch Musikerinnen, die im Fluchtland in einfachsten Dienstmädchen- oder Haushälterinnenpositionen arbeiten mussten. Für diese Frauen war, in noch viel stärkerem Maße als bei männlichen Exilanten, die Flucht ins Exilland gleichbedeutend mit dem unwiderruflichen Ende der musikalischen Karriere. Einen Rückruf aus Deutschland, wie ihn Clär Weglein 1946 erreichte, erhielten sehr wenige – zumindest lassen dies bisherige Untersuchungen vermuten.
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Rezeption

Aufgrund der geschilderten „Geheimdiplomatie“, die nach 1945 in Westdeutschland für den Umgang mit Remigranten – und auch für den Umgang mit Clär Weglein – typisch war, sind die Vorgänge um ihre Entlassung und ihre Rückkehr lange Zeit in Vergessenheit geraten. Keine der einschlägigen Publikationen der Musikhochschule Stuttgart – etwa Festschriften oder Jahresberichte – erwähnt die besondere Geschichte Clär Wegleins. Die zitierte Passage aus der Rede des damaligen Hochschul-Rektors Hermann Keller aus dem Jahr 1947 (s. Würdigung) stellt bis heute die einzige öffentliche Stellungnahme der Musikhochschule zu Clär Weglein dar. In der für die im Jahr 2007 anstehende 150-Jahrfeier der Hochschule geplanten Jubiläumsschrift ist jedoch ein Beitrag zu Juden an der Musikhochschule Stuttgart vorgesehen, der sich u.a auch mit Clär Weglein befassen wird. Der Exilmusikforschung ist Clär Weglein bislang ebenfalls nicht bekannt. Ein Kongressbericht zum im Dezember 2005 in Wolfenbüttel durchgeführten Symposium „Wo anknüpfen? Internationale musikwissenschaftliche Tagung zu Exil und Rückkehr an Musikhochschulen“, der einen Beitrag des Verfassers über die Musikhochschule Stuttgart und Clär Weglein enthält, ist in Vorbereitung.
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Quellen

Aktenbestand zu Clär Weglein im Staatsarchiv Ludwigsburg:
1.) Bestand Musikhochschule Stuttgart, Personalakte Clär Weglein Personalakte:, EL 218 II, Büschel 599
2.) Bestand Landesamt für Wiedergutmachung, Wiedergutmachungsakte Clär Weglein, EL 350, Büschel ES 4564
3.) Bestand Reichsmusikkammer, Akte Clär Weglein, K 745 II, Büschel 3552

Literatur
Matthias Pasdzierny: „Vieles war sehr schwer – innerlich und äusserlich“. Emigration und Remigration Stuttgarter Musiker nach 1933, Staatsexamensarbeit Staatliche Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart 2003.
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Forschung

Der Hauptteil des Quellenbestands liegt im Staatsarchiv Ludwigsburg (detaillierte Übersicht s.o.); Unterlagen zur Stuttgarter Jüdischen Kunstgemeinschaft befinden sich im Stadtarchiv Stuttgart.
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Forschungsbedarf

Über den exemplarischen Einzelfall von Clär Weglein hinaus wäre sicherlich eine größer angelegte geschlechtsspezifische Untersuchung zur Remigration von Musikschaffenden nach 1945 ein äußerst interessantes Forschungsfeld. Hauptziel einer weiteren Forschung zu Clär Weglein selbst könnte zunächst die Recherche nach einem evtl. vorhandenen Nachlass sein. Weiterhin wäre eine umfassende Erforschung ihrer Tätigkeit in der Stuttgarter Jüdischen Kunstgemeinschaft von Interesse. Hierzu befinden sich noch unbearbeitete Quellen im Stadtarchiv Stuttgart.
Autor/innen:
Matthias Pasdzierny

Bearbeitungsstand:
Redaktion: Nicole K. Strohmann
Zuerst eingegeben am 10.04.2006