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Nancy Storace

Ann(a) Selina Storace, Sorace (urspr. Familienname), Storaci, Storazzi, Mad. Fis(c)her (nur im Jahr der Heirat, 1784)

* 27. Oktober 1765 in Marylebone, England.
† 24. August 1817 in Herne Hill (Dulwich), England.

Bei Hodges (Hodges 1989, S. 101) wird der 23.08.1817 als Sterbedatum angegeben.

„Of her talents as an Actress and vocal Performer nothing need be said, as the public well knew and highly admired her in both Capacities […] none of her successors have equalled her original humour and spirit. She was an excellent musician, and if her voice had been equal to her knowledge and taste, she would, perhaps, have been without a rival.“ (Nachruf aus „The Morning Chronicle“, 26. August 1817, zit. nach Hodges 1989, S. 101.)
Mediennachweis

Nancy Storace. Strich von Pietro Bettelini, 1788

Tätigkeitsfelder
Sängerin

Orte und Länder
Nancy Storace war gebürtige Engländerin, ging aber bereits mit 13 Jahren nach Italien, wo sie ihre ersten großen Erfolge feierte. 1783 wurde sie nach Wien engagiert, wo sie bis 1787 blieb. Danach kehrte sie nach England (London) zurück und blieb dort – bis auf eine vierjährige Europatournee nach Frankreich, Italien und Deutschland – ansässig.

Profil
Nancy Storace ist vor allem als erste „Susanna“ in Mozarts „Le nozze di Figaro“ im historischen Gedächtnis geblieben. Darüber hinaus war sie in ihren Wiener Jahren die unumstrittene Prima buffa der dortigen Bühnen. Nach ihrer Rückkehr nach London feierte sie vor allem in Opern ihres Bruders Stephen Storace große Erfolge.

Biografie

Am 27. Oktober 1765 wurde Nancy Storace in Marleybone geboren und auf den Namen Ann Selina getauft. Bereits mit acht Jahren hatte sie ihre ersten Auftritte als Sängerin. Sie erhielt Unterricht bei Antonio Sacchini und Venanzio Rauzzini und feierte 1776 ihr Operndebüt am King’s Theatre (London). 1778 begab sie sich zusammen mit ihren Eltern auf eine Reise nach Italien, wo eine Vervollkommnung ihrer Ausbildung geplant war. Bereits ab 1779 aber war Nancy Storace an diversen Opernhäusern in Italien engagiert, darunter Florenz, Lucca, Treviso, Livorno, Parma, Turin, Mailand und Venedig. 1783 kam sie als Hofsängerin nach Wien, wo sie u.a. Wolfgang Amadeus Mozart kennenlernte. Sie avancierte hier rasch zu einer der bekanntesten und beliebtesten Sängerinnen ihres Fachs. In Wien heiratete sie den Violinisten und Komponisten John Abraham Fisher, die Ehe ging aber bald nach der Hochzeit in die Brüche: Man warf dem Ehemann die Misshandlung seiner Frau vor und Joseph II. verwieß ihn deshalb der Stadt. Im Sommer 1785 gebar Nancy Storace eine Tochter, die allerdings kurz nach der Geburt starb. Bereits im September 1785 kehrte Nancy Storace auf die Bühne zurück, begeistert gefeiert mit der zu diesem Anlass von Mozart, Salieri u.a. komponierten Kantate „Per la ricuperata salute di Ophelia“ (Text: Lorenzo da Ponte). 1786 trat sie als erste Susanna in Mozarts „Le nozze di Figaro“ auf. Am 23. Februar 1787 veranstaltete sie eine Abschiedsakademie, für die Mozart ihr die Arie „Non temer amato bene“ (KV 505) komponiert. Sie kehrte nach London zurück, wo sie zwischen 1787 und 1797 diverse Engagements am King’s Theatre und anderen Londoner Bühnen hatte. Daneben trat sich auch bei Konzerten und Oratorien-Aufführungen auf. 1797-1801 unternahm sie eine Konzertreise mit dem Tenor und Lebensgefährten John Braham (Frankreich, Italien, Deutschland). Am 3. Mai 1802 brachte sie ihren Sohn William Spencer Harris Braham in London zur Welt. Sie zog sich 1808 von der Bühne zurück und starb am 24. (oder 23.) August 1817 in Herne Hill (Dulwich).
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Würdigung

Nancy Storace gehörte in den 1780er Jahren zu den wichtigsten Sängerinnen und Sängerdarstellerinnen im Buffo-Fach. Als Prima buffa war sie 1783-1787 in Wien. Ihre in London verbrachten Jahre (ab 1787) standen vor allem im Zeichen der Zusammenarbeit mit ihrem Bruder Stephen, die Geschwister Storace gehörten zu den Stars der Londoner Bühnen. Die dritte Phase ihres künstlerischen Weges verband sie mit dem Tenor Braham, mit dem sie nochmals auf den Kontinent zurückkehrte, um hier vor allem in Paris, aber auch in Italien, Wien und Hamburg aufzutreten.
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Rezeption

Zu den meistdiskutierten Fragen aus dem zeitgenössischen Umfeld gehörten das Aussehen von Nancy Storace, ihre Gehälter und ihre Lebensführung: die Hochzeit und die gescheiterte Ehe, die zahlreichen Verehrer aus den höchsten Kreisen der Diplomatie und der Kunst, der frühe Tod ihrer Tochter, die illegitime Lebensgemeinschaft mit Braham, der uneheliche Sohn sowie die Trennung von Braham 1815 – all das gab immer wieder Anlass, in der Öffentlichkeit ausgebreitet und diskutiert zu werden. Auch ihre stimmlichen Fähigkeiten waren umstritten, überzeugend hingegen scheinen ihre schauspielerischen Fähigkeiten gewesen zu sein.
Nancy Storace gehört zu jenen Sängerinnen des 18. Jahrhunderts, die durch ihre Zusammenarbeit mit Mozart im historischen Gedächtnis geblieben sind. Sie wird heute vor allem als Mozarts „erste Susanna“ rezipiert. Die 2002 von Dorothea Link herausgegebene Sammlung von für Nancy Storace komponierten Werken eröffnet hingegen den Blick auf eine Vielfalt, die bei einer reinen Mozart-orientierten Rezeption auf der Strecke blieb: zahlreiche der wichtigsten Opernkomponisten des ausgehenden 18. Jahrhunderts schrieben für sie Rollen oder einzelne (Einlege-)Arien, darunter Salieri, Paisiello, Martín y Soler und ihr Bruder Stephen Storace.
In der jüngeren Forschung überwiegt die Tendenz, ihr als Künstlerin gerecht zu werden. Dazu gehört die Betrachtung der für sie komponierten Rollen und Arien, die Rückschlüsse auf ihre Stimme zulassen. Als Ausnahmen sind Stellungnahmen zu betrachten, die das jenseits bürgerlicher Vorstellungen verbrachte Leben der Nancy Storace auf eine moralische Waagschale legen.
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Repertoire

Eine Auflistung der nachweisbaren Auftritte und Rollen von Nancy Storace wird hier in Kürze erscheinen. Sie liegt die Edition von Dorothea Link zugrunde.
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Quellen

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Cilve, Peter: Mozart and His Circle. A Biographical Dictionary. London: J. M. Dent 1993.
Deutsch, Otto Erich: Mozart. Die Dokumente seines Lebens. Kassel: Bärenreiter 1961.
Dittrich, Marie-Agnes: “Dichterleid und Damenzank: Zu Salieris ‘Prima la musica e poi le parole’ und Mozarts ‘Schauspieldirektor’”. In: Zeit in der Musik, Musik in der Zeit. Diether de LaMotte (Hg.). Frankfurt am Main, Berlin u.a.: Peter Lang 1997, S. 90-104.
Edgcumbe, Earl Mount: Musical Reminiscences. London 1834.
Geiringer, Karl, und Geiringer, Irene: “Stephen und Nancy Storace in Wien”. In: Österreichische Musikzeitschrift. Vol. 34/1. Jan. 1979. S. 18-25; wiederabgedruckt: „Stephen and Nancy Storace in Vienna“. In: Weaver, Robert L. (Hg.): Essays on the Music of J. S. Bach and Other Divers Subjects. A Tribute to Gerhard Herz. New York 1981. S. 235-244.
Girdham, Jane: “The last of the Storaces”. In: The Musical Times. Vol. 129. No. 1740. Jan. 1988. S. 17-18.
Heartz, Daniel: “Constructing ‘Le nozze di Figaro’”. In: Journal of the Royal Musical Association 112/1. 1987. S. 77-98.
Highfill, Philip H. u.a.: A Biographical Dictionary of Actors, Actresses, Musicians, Dancers, Managers, and Other Stage Personnel in London, 1660-1800. Carbondale: Southerns Illinois University Press 1991.
Hodges, Sheila: “’One of the most accomplished women of her age’. Anna Storace, Mozart’s first Susanna”. In: The Music Review Vol. 50 Nr. 2. Mai 1989. S. 93-102.
Hodges, Sheila: “Lorenzo Da Ponte’s first Susanna”. In: Omaggio a Lorenzo Da Ponte. Atti del Convegno "Lorenzo Da Ponte. Librettista di Mozart." Mostra del Libro. "Il Poeta, il Musicista, il Teatro" Repertorio bibliografico. New York, Columbia University. Casa Italiana, Piccolo Teatro. 28-30 marzo 1988. Rom: Ministero per i beni culturali e ambientali 1992. S. 357-364. (= Quaderni di libri e riviste d’Italia. 24).
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Jenkins, John: Mozart an the English Connection. London: cygnus arts 1998.
Kelly, Michael: Reminiscences. 2 Bde. London: Henry Colburn 1826.
Lewy Gidwitz, Patricia, Matthews, Betty: Nancy Storace. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Stanley Sadie (Hg.), Bd. 24, 2. Auflage, London, 2001, S. 441-442.
Link, Dorothea (Hg.): Arias for Nancy Storace. Mozart’s First. Middleton: A-R Editions (= Recent Researches in the Music of the Classical Era, 66) 2002.
Matthews, Betty: “Nancy Storace and the Royal Society of Musicians”. In: The Musical Times. Vol. 128. Nr. 1732. Juni 1987. S. 325-327.
Michtner, Otto: Das alte Burgtheater als Opernbühne von der Einführung des deutschen Singspiels (1778) bis zum Tod Kaiser Leopolds II. (1792). Wien: Österreichische Akademie der Wissenschaften 1970.
Mozart. Briefe und Aufzeichnungen. Gesamtausgabe, gesammelt und erläutert von Wilhelm A. Bauer und Otto Erich Deutsch, 7 Bde., Kassel u. a. 1962.
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Payer von Thurn, Rudolf: Joseph II. als Theaterdirektor. Ungedruckte Briefe und Aktenstücke aus den Kindertagen des Burgtheaters. Wien/Leipzig: Heidrich 1920.
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Rieger, Eva: Nannerl Mozart. Leben einer Künstlerin im 18. Jahrhundert. Frankfurt am Main: Insel 1990.
Sandor, Peter: “Mozart’s favorite ladies”, in: Opera/Canada Vol. XXIV/2. Juni 1983. S. 15-17, 44.
Unseld, Melanie: Mozarts Frauen. Begegnungen in Musik und Liebe. Reinbek: Rowohlt 2005.
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Forschung

Als verschollen muss wohl der Briefwechsel zwischen Nancy Storace und Wolfgang Amadeus Mozart gelten, der vermutlich nach ihrer Rückkehr nach London (1787) einsetzte.
Die Briefe, die im Sir John Soane’s Museum aufbewahrt sind, wurden z.T. in der jüngeren Forschung (u.a. Hodges 1989) verwendet; zu den Forschungsdesideraten ist allerdings eine systematische Auswertung dieser Quellen zu zählen.
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Forschungsbedarf

Systematische Auswertung der Briefe/des Briefwechsels im Sir John Soane’s Museum London.


Forschungen zum sozialen Status der Primadonnen am Wiener Hoftheater unter Joseph II.


Nancy Storace scheint eine besonders gesellige und Gesellschaft pflegende Person gewesen zu sein. Wo sie auftrat, war sie Mittelpunkt eines illustren Kreises, nicht nur bestehend aus Musikern und Sängerkollegen, sondern – über ihren Bruder – auch bestehend aus Komponisten, aber auch Literaten, Architekten, Gelehrten, Politikern und vielen anderen. Insofern wäre die Aufarbeitung des Zirkels um Nancy Storace – sowohl während ihrer Zeit in Italien, als auch aus der Wiener, der Londoner und der späteren Zeit in Herne Hill – wünschenswert.

Autor/innen:
Melanie Unseld

Bearbeitungsstand:
Redaktion: Nicole K. Strohmann
Zuerst eingegeben am 09.01.2006