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Henriette Sontag

Gertrude Walpurga Sontag, Henriette Gräfin von Lauenstein, Henriette Rossi, Henriette Sontag-Rossi

* 3. Januar 1806 in Koblenz, Deutschland.
† 17. Juni 1854 in Mexiko Stadt, Nordamerika.



„Wenn ich keine einzelne besondere Eigenschaft an ihr herauszuheben wüsste, so ist ihr ganzes Wesen eine erfreuliche Erscheinung auf den Brettern. Sie weiß ihre niedliche Person als dritte, vierte und fünfte usw. unter so vielem Ungewohnten auf einem größern Theater immer glücklich aufzustellen, und da sie vollkommen vokalisiert und artikuliert, leuchtet ihr Stimme auch unter den viel stärkern wie ein klares Gestirn herab. Ihr Gesicht geht gleichsam parallel mit der Melodie und so auch Arme und Hände, und das alles wiederholt sich nicht, es bleibt das Nämliche und ist doch neu.“

(Friedrich Zelter, in: Heinrich Stümcke. Henriette Sontag. Ein Lebens- und Zeitbild, Berlin, Selbstverlag der Gesellschaft für Theatergeschichte, 1913, S. 84 f.)
Schriftprobe
Mediennachweis

Bild:
Emil Pirchan, Henriette Sontag. Die Sängerin des Biedermeier, Wien, Wilhelm Frick Verlag, 1946.

Schriftprobe:
Emil Pirchan, Henriette Sontag. Die Sängerin des Biedermeier, Wien, Wilhelm Frick Verlag, 1946.

Tätigkeitsfelder
Opernsängerin, Sopranistin


Orte und Länder
Henriette Sontag wirkte bis 1830 an allen großen Bühnen Zentraleuropas. Ihre Karriere begann in Prag und setzte sich in Wien, Berlin, Paris und London fort. Nach ihrer Heirat mit dem Diplomaten Graf Carlo Rossi gab sie nur noch vereinzelt und in privatem Rahmen Konzerte. Die Familie Rossi lebte zunächst in Den Haag und Franfurt/Main. Aus beruflichen Gründen folgte der Umzug nach St. Petersburg und schließlich nach Berlin. Im Jahr 1849 nahm Henriette Sontag ihre Karriere wieder auf, sang in England und Schottland (Manchester, Birmingham, Southampton, Wright, Brighton, Liverpool, Edinburgh, Glasgow, York, Bristol, Exeter), trat in London und Paris auf und schloss eine Tournee durch die wichtigsten Städte Deutschlands an. Im August 1852 reiste sie nach Amerika. Dort sang sie in New York und gab Gastspiele in Philadelphia, Boston, Baltimore, Louisville, New Orleans, Cincinnati und Buffalo. Zuletzt lebte sie in Mexiko Stadt.


Profil
Henriette Sontag wirkte bis zu ihrem 24. Lebensjahr an den großen Opernhäusern Europas. Ihr Bühnendebüt gab sie am Prager Nationaltheater, dem sich weitere Engagements in Wien, Berlin, Paris und London anschlossen. Die Sängerin war besonders berühmt als Darstellerin der Susanna aus Mozarts „Le Nozze di Figaro“ und sang vor allem Rollen des leichten, brillanten Fachs wie die Titelpartie aus Rossinis „Semiramide“ oder die Amina aus Bellinis „La Sonnambula“; sie gilt als bedeutendste Koloratursopranistin ihrer Epoche. Nach ihrer Heirat mit dem Diplomaten Graf Carlo Rossi, nahm sie Abschied von der Bühne und widmete sich nur mehr ihrem Mann und ihren Kindern. Erst in den Revolutionsjahren 1848/49, als sich die finanzielle Situation der Familie verschlechtert hatte, kehrte Henriette Sontag auf die Bühne zurück. Obwohl sie schon 43 Jahre alt war, konnte sie mühelos an ihre Karriere anknüpfen und feierte auch in Amerika große Erfolge.

Biografie

Henriette Sontag war die Tochter des Schauspielerehepaares Franziska und Franz Sontag. Noch vor ihrer Gesangsausbildung am Prager Konservatorium von 1817 bis 1821 wirkte sie schon im Alter von fünf Jahren bei Theateraufführungen mit.
Ihr Debüt als Opernsängerin erfolgte 1819 am Prager Ständetheater als Prinzessin von Navarra in François Adrien Boieldieus „Jean de Paris“. Ab 1822 folgten Gastspiele in Wien, zuerst im Theater an der Wien und dann im Hoftheater am Kärntnertor, wo Carl Maria von Weber auf sie aufmerksam wurde und ihr die Titelrolle seiner neuen Oper „Euryanthe“ zur Uraufführung anbot. 1825 verabschiedete sie sich, als mittlerweile arrivierte Gesangskünstlerin, von Wien und reiste über Leipzig nach Berlin, wo sie zunächst am Königstädter Theater und dann an der Hofoper für Furore sorgte und von den Berlinern vergöttert wurde („Sontag-Fieber“). 1826 holte Gioacchino Rossini sie nach Paris, wo er seit 1824 Direktor am Théâtre Italien war. 1828 stellte sie sich dem Londoner Publikum vor. Nach ihrer Vermählung mit dem sardischen Diplomaten Carlo Graf Rossi im Jahr 1827 gab sie ihre Karriere im Alter von 24 Jahren auf dem Höhepunkt ihres Erfolges zu Gunsten ihrer Ehe auf, die für ihren Mann, den Grafen Rossi, als nicht standesgemäß betrachtet wurde. Henriette Sontag trat sang auch weiterhin, jedoch vor allem in privaten Kreisen.
Nach dem finanziellen Ruin ihres Mannes während der Märzrevolution 1848, nahm sie ihre Opernlaufbahn im Alter von 43 Jahren wieder auf. Sie konnte an ihre einstigen Erfolge anknüpfen und sie sogar noch ausbauen, wobei sie nun auch dramatische Partien wie Bellinis „Norma“ in ihr Repertoire aufnahm. Um die Familie finanziell abzusichern, begab sie sich 1852 auf eine Tournee durch Amerika, die sie schließlich auch nach Mexiko führte. Dort starb Henriette Sontag 1854 an der Cholera.
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Würdigung

Henriette Sontag feierte zu ihren Lebzeiten außergewöhnliche sängerische Erfolge. Zentrum ihres künstlerischen Schaffens bildete dabei hauptsächlich die Oper. In dieser Gattung galt sie als bedeutendste Gesangskünstlerin ihrer Epoche.
Ihre glockenreine, in allen Lagen ausgeglichene, überaus bewegliche Stimme traf den Geschmack ihrer Zeit, und durch ihre mädchenhafte Gestalt konnte sie auch darstellerisch überzeugen (Stümcke, Sontag S. 42 f.).
Henriette Sontags Erfolge waren denen einer Maria Malibran oder Giuditta Pasta ebenbürtig. Nach ihrer längeren sängerischen Schaffenspause erweiterte sie ihr Repertoire an Partien des leichten Fachs durch dramatische Rollen, u.a. mit Vincenzo Bellinis „Norma“.
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Rezeption

Henriette Sontag wurde von ihren Anhängern enthusiastisch verehrt. Höhepunkt ihrer Karriere war ihre Verpflichtung in Berlin an der Hofoper 1825/26. Durch das Engagement der berühmten Sängerin versprach sich die Theaterleitung wieder steigende Besucherzahlen. Das große Interesse, das ihr daraufhin von den Berlinern entgegengebracht wurde, betraf nicht nur ihr künstlerisches Schaffen, sondern auch ihr Privatleben. Die besondere Verehrung, die ihr zu Teil wurde, bezeichnete man schon zu Zeiten ihres Berlinaufenthalts als „Sontag-Fieber“ (Stümcke, Sontag, S. 48-51) und schlug sich in zahlreichen Liedern, Gedichten und Artikeln – von genervten Sontag-Gegnern auch in satirischer oder parodistischer Form – nieder. Der Theologe und Theatergegner Gottgetreu Tholuck verfasste beispielsweise die Verse (nach Stümcke, Sontag, S. 87):
„Wie preißt man sie nicht als der Oper Zierde,
Und sie vergöttert mancher gute Christ.
O, daß d e r Sonntag so gefeiert würde,
Wie es d i e Sontag ist.“
Heute wird die Sängerin Henriette Sontag kaum noch als ebenbürtig mit Maria Malibran oder Angelica Catalani erachtet. Möglicherweise traf Angelica Catalani mit ihrer Aussage über Henriette Sontag einen der Gründe: „Elle est la première dans son genre, mais son genre n'est pas le premier.“ („Sie ist die erste Sängerin ihres Fachs, aber ihr Fach ist nicht das erste.“ Vgl. Stümcke, Sontag, S. 89) Bei Recherchen zu Henriette Sontag fällt außerdem auf, dass amerikanische Bibliotheken mehr Sekundärliteratur über die Künstlerin bereithalten als deutsche. Es wäre zu untersuchen, ob Henriette Sontag in den USA einen höheren Bekanntheitsgrad genießt als in Deutschland.
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Repertoire

Opernrollen
(Komponist, Oper, Rolle)

Domenico Cimarosa: „Il matrimonio segreto“, Carolina
Niccolò Antonio Zingarelli: „Romeo e Giulietta”, Giulietta
Peter von Winter: „Das unterbrochene Opferfest“, Myrrha
Wolfgang Amadeus Mozart: „Le nozze di Figaro“, Susanna
Wolfgang Amadeus Mozart: „Don Giovanni“, Zerlina, Donna Anna
Ferdinando Paër: „Sargines“, Sophie
Anton Fürst von Radziwill: „Faust“, Gretchen
François Adrien Boieldieu: „Jean de Paris“, Prinzessin von Navarra
Daniel-François-Esprit Auber: „La neige“, Berthe
Daniel-François-Esprit Auber: „L' ambassadrice“, Gräfin Westerburg
Daniel-François-Esprit Auber: „L' enfant prodigue“
Carl Maria von Weber: „Der Freischütz“, Agathe
Carl Maria von Weber: „Euryanthe“, Euryanthe
Gioacchino Rossini: „L' Italiana in Algeri“, Isabella
Gioacchino Rossini: „Tancredi“, Amenaide
Gioacchino Rossini: „Il barbiere di Siviglia“, Rosina
Gioacchino Rossini: „Otello“, Desdemona
Gioacchino Rossini: „La Cenerentola“, Angelina
Gioacchino Rossini: „La donna del Lago“, Elena
Gaetano Donizetti: „L'Elisir d'amore“, Adina
Gaetano Donizetti: „Lucrezia Borgia“, Lucrezia
Gaetano Donizetti: „Lucia di Lammermoor“, Lucia
Gaetano Donizetti: „La Fille du Régiment“, Marie
Gaetano Donizetti: „Linda di Chamounix“, Linda
Gaetano Donizetti: „Maria di Rohan“, Maria
Jacques Fromental Halévy: „La Tempesta“, Miranda
Vincenzo Bellini: „La Sonnambula“, Amina


Konzerte
(Auswahl)

Giovanni Battista Pergolesi: „Stabat mater“
Wolfgang Amadeus Mozart: „Magnificat“, KV 193
Ludwig van Beethoven: Missa Solemnis, Symphonie Nr. 9
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Quellen

Primärliteratur

Gautier, Théophile. L' Ambassadrice. Biographie de la Comtesse Rossi, Paris 1850

Gundling, Julius. Henriette Sontag. Künstlerlebens Anfänge in Federzeichnungen, Grunow, Leipzig, 1841

Rellstab, Ludwig. Henriette, oder die schöne Sängerin: Eine Geschichte unserer Tage. (von Freimund Zuschauer), Herbig, Leipzig, 1826

Sontag, Carl. Vom Nachtwächter zum türkischen Kaiser! Bühnenerlebnisse aus dem Tagebuch eines Uninteressanten, Hannover, Helwing, 1875


Sekundärliteratur

Becker, W.J. „Henriette Sontag“, in: für Heimatkunde des Regierungsbezirkes Coblenz und der angrenzenden Gebiete von Hessen-Nassau, Koblenz 1921, Heft Nr.14, S. 52-55

Karrenbrock-Berger, Anneli. „ Henriette Sontag - eine europäische Nachtigall“, in: Karrenbrock-Berger, Anneli (Hg.), „Mutter-Beethoven-Haus, Höfische Kultur und gesellschaftliches Leben in Ehrenbreitstein“ (Mittelrhein-Museum Koblenz), Kleine Reihe Bd. 6, Görres Verlag, Koblenz, 2005, S. 60-64

Kühner, Hans. „Große Sängerinnen der Klassik und Romantik. Ihre Kunst – ihre Größe – ihre Tragik“, Victoria Verlag Martha Körner, Stuttgart, 1954, S. 75-139

Michaud, Cécile (Hg.). „Die göttliche Jette. Ein Weltstar aus Koblenz. Der Sängerin Henriette Sontag zum 200. Geburstag.“ Mittelrhein-Museum Koblenz, Kleine Reihe Bd. 8, M. Kramp, Koblenz, 2006

Pirchan, Emil. „Henriette Sontag. Die Sängerin des Biedermeier“, Wien, Wilhelm Frick Verlag, 1946

Russel, Frank. „Queen of Song. The life of Henrietta Sontag“, New York, Exposition Press, 1964

Stümcke, Heinrich. „Henriette Sontag. Ein Lebens- und Zeitbild“, Berlin, Selbstverlag der Gesellschaft für Theatergeschichte, 1913
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Forschung

Es gibt zahlreiche Quellen und Dokumente (hauptsächlich Briefe) bezüglich Henriette Sontag, die bislang kaum erforscht wurden und unveröffentlicht in verschiedenen Bibliotheken und Museen (z.B. in der Staatsbibliothek zu Berlin, in der Wiener Stadtbibliothek oder im Landesmuseum Prag) liegen. Auch zahlreiche Rezensionen und Zeitungsartikel über die Sängerin, die eine wichtige Forschungsgrundlage für eine Rezeptionsgeschichte bilden, sind bislang nicht hinreichend ausgewertet worden. Eine ausführliche bibliographische Auflistung (auch anonymer Zeitungsartikel) findet sich im Anhang bei Emil Pirchan (siehe Literatur).
Bei der Stichwortsuche über den „Karlsruher Virtuellen Katalog“ (KVK) findet sich erstaunlicherweise mehr Sekundärliteratur in den USA (Library of Congress) als im europäischen Ausland.
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Forschungsbedarf

Die aktuellsten und umfassendsten Publikationen über Henriette Sontag liegen bereits Jahrzehnte zurück, so dass Bedarf an einer neuen wissenschaftlichen Studie über die Sängerin besteht. Insbesondere die Forschung zu ihrem Opernrepertoire weist Lücken auf und müsste vervollständigt werden. Eine Untersuchung ihrer vielseitigen Konzerttätigkeit, gerade in den Jahren nach ihrer Heirat mit dem Grafen Rossi, steht ebenso noch aus. In diesem Zusammenhang wäre auch Henriette Sontags Berliner Salon näher zu betrachten. Darüber hinaus wäre eine Sammlung und kritische Edition ihrer Korrespondenz als wichtige Grundlage zur Opern-, Gesangs- und Genderforschung erstrebenswert.
Autor/innen:
Amélie Pauli, 26. November 2008

Bearbeitungsstand:
Redaktion: Regina Back
Zuerst eingegeben am 05.04.2009