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Helene Liebmann

Helene Riese, (jüd. Vorname Lea) nahm bei ihrer Taufe im Jahr 1813 den 2. Vornamen Maria od. Sophia [widersprüchl. Quellenlage] u. um 1820 den Nachnamen Liebert an.

* 16. Dezember 1795 in Berlin, Deutschland.
† 1835 in oder bei Hamburg [?], Deutschland.



Tätigkeitsfelder
Pianistin, Komponistin, Sängerin.

Orte und Länder
Die in Berlin geborene Helene Riese zog im April 1814 mit ihrem Ehemann für ca. 4 Jahre nach London. Spätestens ab 1819 verlegte sie ihren Wohnsitz nach Hamburg.

Profil
Verglichen mit anderen Instrumentalistinnen nahm Helene Riese in jungen Jahren eine Sonderstellung im öffentlichen Konzertwesen Berlins ein, da sie als Pianistin weitaus häufiger in Erscheinung trat als ihre Kolleginnen, besonders auch in stehenden Abonnementkonzertreihen. Als Komponistin widmete sie sich schwerpunktmäßig den Klaviersonaten und der Kammermusik. Leider sind nur sehr wenige Werke der Komponistin überliefert, was eine globale Charakterisierung ihres Kompositionsstils erschwert.

Biografie

Helene Riese wurde am 16.12.1795 in Berlin geboren. Sie erhielt in Berlin Klavierunterricht bei Franz Lauska und war im Berliner Konzertleben als Pianistin sehr bekannt. Nach ihrer Hochzeit mit John Joseph Liebmann zog sie mit ihrem Ehemann im Frühjahr 1814 nach London und nahm dort Kompositionsunterricht bei Ferdinand Ries. Ungefähr vier Jahre später zog das Ehepaar nach Hamburg und nahm dort nach einiger Zeit den Nachnamen Liebert an. Unter diesem Namen nahm die Musikerin als Sängerin am Konzertleben teil. Die letzte überlieferte Komposition Helene Liebmanns stammt aus dem Jahr 1816, also aus ihrer Londoner Zeit. Die Musikerin wurde in diesem Jahr 21 Jahre alt. Helene Liebert starb nach 1835, vermutlich in der Nähe von Hamburg.
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Würdigung

Helene Liebmann orientierte sich in ihren Klavierkompositionen an den Ansprüchen und interpretatorischen Fähigkeiten der gehobenen Gesellschaftsschicht. Sie schrieb brillante und elegante Klavier- und Kammermusik, die für nicht professionelle Klavierspieler vergleichsweise einfach, aber gleichzeitig wirkungsvoll war.
In ihren kammermusikalischen Kompositionen spiegelt eine ausgeprägte gleichberechtigte Stimmführung das Gespür der Komponistin für die Charakteristika der einzelnen Instrumente wider. In ihrer Cellosonate op. 11 und dem Grand Trio op. 11 [sic!] fällt die gleichberechtigte und mit den anderen Instrumenten dialogisierende Stimmführung des Cellos auf.
Mit der Form des Strophenliedes, dem deutlichen Vorrang des Wortes vor der Musik und der stark zurücktretenden Klavierbegleitung stehen die Liedkompositionen Helene Liebmanns ganz in der Tradition der Berliner Liederschule.
Der gesamte Veröffentlichungszeitraum beschränkt sich auf die Jahre 1811 bis 1816, Helene Liebmann wurde in diesem Jahr 21 Jahre alt.
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Rezeption

Als Pianistin in Berlin war Helene Riese häufig bei großen Konzertveranstaltungen im Saal des königlichen Nationaltheaters bzw. Schauspielhauses zu hören. Der Rahmen, in dem sie auftrat, lässt den Schluss zu, dass sie sich sehr großer Beliebtheit beim Berliner Konzertpublikum erfreut haben muss. Dies bestätigen auch diverse Konzertankündigungen und Rezensionen in der Haude- und Spenerschen Zeitung Berlins. Am 05.02.1812 führte Helene Riese in einem solchen Konzert eine ihrer eigenen Klaviersonaten auf. Zeitlich in Frage kommen hier die Klaviersonaten opp. 1 bis 3, eventuell auch op. 4 oder op. 5. Von der Tagespresse wurde Helene Riese sehr geschätzt.

Über ihre außergewöhnlichen kompositorischen Fähigkeiten legt eine ausführliche Werkrezension ihrer Klaviersonaten op. 1 und 2 in der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ Zeugnis ab. Mit ihren Kompositionen bediente Helene Riese bzw. Liebmann vor allem auch die interpretatorischen Fähigkeiten der gesellschaftlichen Oberschicht.

In heutigen Publikationen über Frauen in der Musik wird Helene Liebmann zwar regelmäßig mitaufgeführt; allerdings werden Informationen und Quellen selten hinlänglich geprüft. So dient anscheinend vielen Autoren Ledeburs Tonkünstler-Lexikon Berlins als Quelle, das Helene Liebmann die Autorschaft an den Aschenbrödel-Variationen, den Figaro-Variationen sowie an 6 Ländlern zuspricht. Diese Werke stammen jedoch nicht von Helene Liebmann, sondern von dem Komponisten Emmanuel Liebmann. Darüber, dass auf dem Titelblatt der häufig erwähnten Aschenbrödel-Variationen ebenso wie auf dem Titelblatt der Figaro-Variationen »E. Liebmann« als Verfasser genannt wird, scheint sich bislang niemand weiterführende Gedanken gemacht zu haben.
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Werkverzeichnis

A. Vokalmusik

Lieder

Lied von Göthe [sic!] aus Wilhelm Meister [Mignon: Kennst du das Land?], op. 4, As-Dur, T.: Johann Wolfgang von Goethe, Caroline Lauska gewidmet, Berlin: Kunst- und Industriecomptoir, 1811.

Sechs Lieder mit Begleitung des Pianoforte, o. op., herausgegeben zum Besten der kranken Waisen im großen Friedrichs-Waisenhaus, Berlin: Johann Friedrich Unger, 1811/1812.

Sechs deutsche Lieder mit Begleitung des Pianoforte, op. 8, der Prinzessin Wilhelm von Preußen gewidmet, Berlin: Salfeldsche Buchhandlung, 1812.

Sechs Lieder, o. op., Berlin: Rücker, spätestens 1817, nicht überliefert.


B. Instrumentalmusik

Kammermusik

Deux Sonates pour le Pianoforte avec accompagnement d’un Violon obligé, op. 9,1, G-Dur, Silvester Cohn gewidmet, Berlin: Adolf Martin Schlesinger, 1813.

Grande sonate pour le Pianoforte et Violoncelle, op. 11, B-Dur, Max Bohrer gewidmet, Leipzig und Berlin: Bureau des arts et d’industrie, zwischen 1813 und 1815.

Grand Trio pour le Pianoforte avec accompagnement de Violon et Basse, op. 11, A-Dur, Ferdinand Ries gewidmet, Leipzig: C. F. Peters, spätestens 1816.

Grand Trio pour le Pianoforte avec accompagnement de Violon et Basse, op. 12, D-Dur, Ferdinand Ries gewidmet, Leipzig: C. F. Peters, spätestens 1816.

Grand Quatuor pour le Pianoforte, Violon, Viola et Violoncelle, op. 13, As-Dur, Joseph Augustin Gürrlich gewidmet, Leipzig: C. F. Peters, spätestens 1816.

Sonate pour le Pianoforte avec un Violon obligé, op. 14, B-Dur, Henriette Lindau gewidmet, Leipzig: C. F. Peters, spätestens 1816.


Klaviermusik

Sonate pour le Piano-Forte, op. 1, D-Dur, Madame Heinzius gewidmet, Berlin: Bureau des arts et d’industrie, 1811.

Sonate pour le Piano-Forte, op. 2, Es-Dur, Rudolph Schadow gewidmet, Berlin : Bureau des arts et d’industrie, 1811.

Grande Sonate pour le Piano-Forte, op. 3, c-Moll, Maria Paulowna gewidmet, Berlin: Bureau des art set d’industrie, 1811.

Große Klaviersonate op. 4, spätestens 1812, nicht überliefert.

Große Klaviersonate op. 5, spätestens 1812, nicht überliefert.

Grande Sonate pour le Pianoforte, op. 15, g-Moll, Carl Emanuel Ezechiel gewidmet, Leipzig: Bureau de Musique de C. F. Peters.

Fantaisie pour le Pianoforte, op. 16, a-Moll, Emil Riese gewidmet, Leipzig: Bureau de Musique de C. F. Peters.

Variationen über „Wenn mein Pfeifchen“, o. op., spätestens 1813, nicht überliefert.

2 weitere Klaviersonaten, Prag: Schoedl, spätestens 1813, nicht überliefert.
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Repertoire

Als Pianistin:
Klaviersonaten von Lauska
Klavierkonzerte von Dussek, Steibelt, Eberl
Klavierquartett von Sterkel

Als Sängerin:
Rolle der Michal in Händels „Saul“.
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Literatur und Quellen

Literaturverzeichnis
A. Quellen
Anonym. Recensionen. In: AMZ 13 (1811), Sp. 573–576.
Berlinische Nachrichten von Staats- und gelehrten Sachen. Berlin: Verlag der Haude- und Spenerschen Buchhandlung, 1806-1815.
Brandt, M.G.W. Leben der Luise Reichardt. Nach Quellen dargestellt. 2. erw. Aufl. Basel 1865.
Ebel, Otto. Art. „Liebmann (Hélène, née Riese)“. In: Les femmes compositeurs de musique. Dictionnaire Biographique. Paris 1910. S. 104.
Fétis, F.-J. Art. „Liebmann (Mme Hélène), née Reise [sic!]“. In: Biographie universelle des musiciens et bibliographie générale de la musique. Bd. 5. Paris 1878. S. 301.
Fétis, F.-J. Art. „Riese (Hélène)“. In: Biographie universelle des musiciens et bibliographie générale de la musique. Bd. 7. Paris 1875. S. 259.
Gaßner, F. S. (Hg.). Art. „Liebmann, Madame Helene, geborene Riese“. In: Universallexikon der Tonkunst. Neue Hand-Ausgabe in einem Bande. Stuttgart 1849. S. 542.
von Ledebur, Carl Freiherr. Art. „Riese (Helene)“. In: Tonkünstler-Lexikon Berlin’s von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart. Berlin 1861. S. 463.
Mendel, Hermann (Hg.). Art. „Liebmann, Helene, geborene Riese“. In: Musikalisches Conversations-Lexikon. Eine Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften. Bd. 6. Berlin 1876. S. 322.
Mendel, Hermann (Hg.). Art. „Riese, Helene“. In: Musikalisches Conversations-Lexikon. Eine Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften. Bd. 8. Berlin 1877. S. 347.
Michaelis, A. Art. „Riese, Helene, geb. Liebmann.“ In: Frauen als schaffende Tonkünstlern. Ein biographisches Lexikon. Leipzig 1888. S. 35.

B. Literatur
1. Artikel aus Lexika und Enzyklopädien
Cohen, Aaron I. (Hg.). Art. „Liebmann, Helene (nee Riese)”. In: International Encyclopedia of Women Composers. 2. Aufl. Bd. 1. New York, London 1987. S. 418.
Lievenbruck, Susanne. Art. „Liebmann, Liebert (ab etwa 1820) Helene“. In: MGG2. Personenteil. Bd. 11. Kassel u. a. 2004. Sp. 102 f.
Olivier, Antje; Braun, Sevgi (Hg.). Art. „Liebmann, Helene (geb. Riese)“. In: Komponistinnen aus 800 Jahren. [Kamen] 1996. S. 248.
Reich, Nancy B. Art. „Liebmann [née Riese], Helene”. In: The New Grove Dictionary of Women Composers. Julie Anne Sadie und Rhian Samuel (Hg.). London 1994. S. 281.

2. weitere Abhandlungen
Jackson, Barbara Garvey (Hg.). „Hélène Liebmann, née Riese”. In: Lieder by women composers of the Classic Era. Bd. 1. Fayetteville (Arkansas) 1987. S. 1–9.
Meyer, Eve R. Art. „Hélène Riese Liebmann”. In: Women Composers. Music through the Ages. Sylvia Glickman und Martha Furman Schleifer (Hg.). Bd. 3: Composers Born 1700 to 1799. Keyboard Music. New York 1998. S. 340–371.
Pyron, Nona (Hg.). Vorwort zu: Early Cello Series. Helene Liebmann: Sonata for Cello & Piano. Op. 11 (1806). Fullerton / Californien: Grancino Editions 1982. Nr. 8201 (= Early Cello Series, Bd. 1).

3. selbstständige Schriften
Löbig, Susanne. Helene Liebmann, geb. Riese. Pianistin-Komponistin-Sängerin in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (=Schriften zur Musikwissenschaft. Bd.13. Hg. v. Musikwissenschaftlichen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz) Mainz 2006.

C. Discographie
Mignon op. 4. In: Von Goethe inspiriert. Lieder von Komponistinnen des 18. und 19. Jahrhunderts. Elisabeth Scholl / Sopran, Burkhard Schaeffer / Klavier. Kassel: Salto-Records International (SAL 7007) 1999.
Grande Sonate pour Pianoforte et Violoncelle B-Dur, op. 11. In: Das Originalinstrument. Der Erard-Flügel von 1838. Uta Barbara Schwenk / Violoncello, Rainer Maria Rückschloß / Klavier. New Media (1340790) 1990.
Grande Sonate B-Dur Op. 11. In: Sonaten für Violoncello und Klavier. Camilla de Souza / Violoncello, Heike Dörr / Klavier. Ludwigsburg: Bauer Studios (SACD 9016-3) 1992.
Grande Sonate pour Pianoforte et Violoncelle B-Dur op. 11. In: Mozartiana. Hommage an Mozart. David Geringas / Violoncello, Tatjana Schatz / Klavier. Bietigheim-Bissingen: EBS-Records (ebs 6027) 1996.
Grande Sonate B-Dur, op. 10 [sic! recte: 11], Grand Trio A-Dur op. 11. In: Hofkomponistinnen in Europa. Aus Boudoir und Gärten. Vol. 1. Irene Schmidt / Querflöte, Jaroslav Sveceny / Violine, Wladimir Kissin / Violoncello, Fine Zimmermann / Cembalo. Erkrath: Cybele (UBC 1801) 1998.
Tempo di Menuetto aus Sonate g-Moll, op. 15. In: Hofkomponistinnen in Europa. Aus Boudoir und Gärten. Vol. 2. Fine Zimmermann / Cembalo. Erkrath: Cybele (UBC 1802) 1998.
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Forschung

Vor allem die Analyse der zeitgenössischen Tagespresse Berlins brachte die Recherche über das Leben Helene Liebmanns ins Rollen. Nach Bekanntwerden des Vornamens ihres Vaters konnten über Kirchen- und Adressbücher das familiäre Umfeld sowie die zentralen Lebensdaten der Musikerin erschlossen werden.

Die Behauptung, Helene sei mit ihrem Mann nach Wien gezogen (Fétis. Art. „Riese“. Biographie universelle... Bd. 7. Paris 1875. S. 259.), kann nicht bestätigt werden.

Es liegen weder Manuskripte der Werke noch Briefe oder sonstige Dokumente aus der Hand der Musikerin vor.
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Forschungsbedarf

Auch in den Londoner und Hamburger Lebensabschnitt der Musikerin könnte durch entsprechendes Vorgehen mit Sicherheit mehr Licht gebracht werden. Neben ihrem Sterbedatum bleibt bislang offen, ob Helene Liebmann Kinder hatte, ob sie unterrichtete und in welchem Umfang sie nach ihrer Rückkehr nach Deutschland als Pianistin oder Sängerin am Konzertleben teilnahm.
Autor/innen:
Susanne Löbig, geb. Lievenbruck

Bearbeitungsstand:
Redaktion: Nicole K. Strohmann
Zuerst eingegeben am 11.11.2005.
Zuletzt aktualisiert am 11.09.2007.