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Kristina von Schweden

Christina von Schweden, Christine von Schweden, Cristina Alexandra di Svezia/Svetia

* 8. Dezember 1626 in Stockholm, Schweden.
† 19. April 1689 in Rom, Italien.



„Il semble qu’elle [la musique] soit proprement faite pour l’âme, l’harmonie ayant avec elle une espece de simpatie qui la charme, mais il est dangereux a un honneste homme surtout un Prince d’en savoir trop.“ (nach Larsson 2000, Sp. 1052)
Tätigkeitsfelder
Königin, Mäzenin, Gründerin eines Theaters

Orte und Länder
Kristina von Schweden dankte nach zehnjähriger aktiver Regierungszeit ab und reiste über Hamburg, Antwerpen, Brüssel, Innsbruck und zahlreiche italienische Städte nach Rom, wo sie sich endgültig niederließ. Ihr Leben und Wirken in Rom wurde von vier ausgedehnten Reisen nach Frankreich, Hamburg und Schweden unterbrochen.

Biografie

Kristina von Schweden widmete ihr Leben in besonderem Maß den Wissenschaften, der Kunst und der Musik Frankreichs, später der Italiens. Sie verzichtete auf die schwedische Krone und ließ sich in Rom nieder. Dort gründete sie das erste öffentliche Theater der Stadt und unterhielt in ihrem Palazzo eine Hofkapelle mit den besten römischen Musikern ihrer Zeit. Außerdem legte sie mit ihren „Conversazioni della regina“ den Grundstein für die spätere Accademia dell’Arcadia (vgl. Larsson 2000)
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Würdigung

Kristina von Schweden war interessiert an wissenschaftlichen, religiösen, philosophischen, literarischen und musikalischen Themen. Ihre musikhistorische Bedeutung liegt vor allem in der Förderung von Musikschaffenden. Waren die Päpste Alexander VII. Chigi (1655-1667), Clemens IX. Rospigliosi (1667-1669) und Clemens X. Altieri (1670-1676) dem kulturellen Leben gegenüber noch weitgehend positiv gegenüber, so unterband Innozenz XI. Odescalchi (1676-89) sämtliche öffentlichen Aufführungen. Einerseits wirkte sich die mangelnde Kontinuität in der Folge der Kirchen- und Stadtoberhäupter hinderlich auf die Entwicklung des kulturellen Lebens der Stadt aus: Weder entstand eine kontinuierliche Förderung durch eine Familie, wie dies in anderen italienischen Städten der Fall war; noch war die Gesetzeslage einheitlich (plötzliche Kritik an profanen Stücken, Verbot von Frauen auf der Bühne). Andererseits war Rom geprägt von einer Vielzahl finanzstarker Familien, die sich in der Förderung von Künstlern zu übertreffen suchten. Kristina von Schweden ermöglichte durch große finanzielle Aufwendungen, besonders aber durch ihr Wissen, ihr Interesse, ihrem Blick für musikalische Begabungen und ihre Stellung als dem Papst nahezu gleichrangig(e) Autorität („La Regina“) eine kulturelle Kontinuität, die das Musikleben Roms nachhaltig prägten (vgl. Larsson 2000). Sie umgab sich mit den besten Künstlern ihrer Zeit, verpflichtete jedoch nicht nur bereits etablierte, sondern mit Alessandro Stradella und Alessandro Scarlatti auch Musiker, die am Anfang ihrer Karriere standen.
Darüber hinaus verfasste sie selbst Schriften über Kunst und Musik (“Pensées, L’Ouvrage du Loisir” sowie “Les Sentiments Héroïques”). Bedeutender aber ist ihr praktisches Handeln. So zeigt Carolyn Gianturco in der bislang einzigen Aufsatzsammlung zur Rolle Kristinas als Musikfördernde (“Cristina di Svezia e la musica”, Roma 1998), dass die Königin dem Librettisten Sebastiano Baldini und Alessandro Stradella für die Oper “Il Damone” von 1677 detaillierte Anweisungen zu Szenerie, Text, Stimmung und Musik gab (vgl. Gianturco 1998, S. 47ff.).
Herausragend ist außerdem die Rolle, die sie der Musik in ihrer Akademie beimaß. So heißt es in Artikel 1 der Satzung:
“Ogni Accademia commincerà con una fellicissima [sic!]sinfonia doppo la quale si cantera la prima parte del componimento musicale et destinata per l’Academia di quel giorno. Finita questa prima parte si fa la lettione Accademia, doppo la quale si canta la seconda parte della composizione e così finisce con la musica comme principio. Quando il componimento non sara diviso in due parti si commincera pure con la sinfonia et in tal caso si leggerà parimente dopo la sinfonia.” (zit. nach i Gianturco 1998, S. 55)
Jede Zusammenkunft der Akademisten wurde mit einem eigens dafür komponierten Stück eröffnet, das nur für die Lesung unterbrochen werden durfte, sollte es den Charakter der Komposition entsprechen. Wie viele und welche Kompositionen en detail für die Akademien entstanden, ist der Autorin zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bekannt.
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Rezeption

Geschichten von Kristina von Schweden ranken sich häufig um ihren ungewöhnlichen Lebensstil und ihr gelegentlich als anstößig wahrgenommenes Verhalten. Während ihre Bedeutung für die Musikgeschichte nach Ansicht der Autorin eher marginal behandelt wird, ist immerhin im Italien der heutigen Tage ein starkes Bewusstsein für das Wirken der „Regina“ zu erkennen, was sich in überwiegend italienischen Forschungsarbeiten über die „Regina“ niederschlägt.
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Literatur und Quellen

Literatur (Auswahl)
Callmer, Christian. „Königin Christina, ihre Bibliothekare und ihre
Handschriften: Beiträge zur europäischen Bibliotheksgeschichte“. (= Acta Bibliothecae Regiae Stockholmiensis, Bd. 30). Stockholm: Kungl. Bibliotek, 1977.
Findeisen, Jörg-Peter: Christina von Schweden: Legende durch Jahrhunderte. Frankfurt am Main: Societäts-Verlag, 1992.
Hættner Aurelius, Eva. „Inför lagen. Kvinnliga svenska självbiografier från Agneta Horn till Fredrika Bremer“. (= Litteratur, teater, film, N.S. 13). Lund: Lund Univ. Press, 1996.
Hanheide, Stefan. „Königin Christina und die zeitgenössische Musik“. In: Christina, Königin von Schweden, Katalog der Ausstellung im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück 23.November 1997 – 1.März 1998. Hg. von der Stadt Osnabrück et.al., Red. Ulrich Hermanns. Bramsche: Rasch Verlag 1997, S. 197-210.
Heyden-Rynsch, Verena von der. Christina von Schweden: die rätselhafte Monarchin. Weimar: Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, 2000.
Larsson, Gunnar. Christina (Alexandra). In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. 2., neubearbeitete Ausgabe. Ludwig Finscher (Hg.), Personenteil Bd. 4. Kassel u. a. 2000. Sp. 1050-???.
Leopold, Silke „Rome: Sacred and Secular“. In: The Early Baroque Era. From the late 16th century to the 1660s. Ed. by Curtis Price. Houndmills, Basingstoke: The Macmillan Press Ltd., 1993, S. 49-74.
Rodén, Marie-Louise. Queen Cristina. Hg. von Eva Sigsjö, Lund (?): Svenska Institutet 1998.
Rosa, Susan. „Drottning Christinas konversion: En omvändering“. Uppsala: Signum, 1975.
Stolpe, Sven: Königin Christine von Schweden. 2. Auflage, Frankfurt am Main: Knecht, 1964.

Convegno Internazionale „Cristina di Svezia e la Musica“: Roma, 5.-6. Dicembre 1996. (=Atti dei convegni Lincei; Bd. 138). Roma: Accademia Nazionale dei Lincei, 1998.

Quellen
Drottning Christina av Sverige. “Gesammelte Werke. Autobiographie, Aphorismen, historische Schriften [mit 130 restaurierten Faksimileseiten der Arckenholtzausgabe von 1751/1752]”. Hamburg: Autorenverlag Maeger, 1995.
“Drottning Kristinas Maximer. Les Sentiments Héroïques”, herausgegeben und übersetzt von Sven Stolpe. Stockholm: Bonnier 1959.
Die Kristinasamlingen (Codices Reginenses) mit etwa 2000 Handschriften befinden sich in der Biblioteca Apostolica Vaticana.
Handschriften, Briefe etc. befinden sich auch in der Azzolinosamlingen und der Montpelliersamlingen im Riksarkiv, Stockholm.
Weitere Quellen sind in der
Bibliothèque Nationale de Paris,
Biblioteca Medicea Laurenziana di Firenze
und der
Bibliothèque Interuniversitaire de Montpellier, Graphisme et Gravure.
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Forschungsbedarf

Kristina von Schweden ist eine beliebte Person der Geschichtsschreibung, die leider zu unwissenschaftlichen Phantasien anregt. Die deutschsprachigen Informationen über ihr Wirken als Mäzenin in Stockholm und Rom beschränken sich auf kurze Abschnitte, die Dank Silke Leopold in Standardwerken der Musikgeschichte zu finden sind (u.a. im Handbuch der musikalischen Gattungen (Band 11), hg. von Siegfried Mauser). Nach Ansicht der Autorin ist Kristina von Schweden ein Thema, das unter dem Aspekt „Musik als kulturelles Handeln“ einer Aufarbeitung bedarf, die ihrer Bedeutung als Förderin von Musikern, die selbstverständlich und fest im Kanon europäischer Kunstmusik des 17. und 18. Jahrhunderts verankert sind, gerecht wird.
Autor/innen:
Katrin Losleben

Bearbeitungsstand:
Redaktion: Nicole K. Strohmann
Zuerst eingegeben am 15.06.2006