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Edith Kraus-Bloedy

Edith Kraus, Edith Steiner-Kraus (erster Ehename)

* 16. Mai 1913 in Wien, Österreich.



„Leichtigkeit der Hand, Sicherheit, Rundung und Klarheit der Passagen, Feuer und Phantasie.“ (Viktor Ullmann über Edith Kraus in seinen „26 Kritiken über musikalische Veranstaltungen in Theresienstadt“. Siehe auch „Würdigung“)
Mediennachweis

Rechte unbekannt

Tätigkeitsfelder
Pianistin, Klavierpädagogin, Professorin für Klavier, Jurorin

Orte und Länder
Nach ihrer Kindheit in Wien und Karlsbad studierte Edith Kraus von 1926-1930 bei Artur Schnabel in Berlin. Es folgte eine rege Konzert- und Unterrichtstätigkeit in Prag. 1942 bis 1945 war sie im Ghetto Theresienstadt interniert. Nach der Befreiung kehrte sie zunächst nach Prag zurück und wanderte von dort 1949 mit Mann und Tochter nach Israel aus. In Tel Aviv hatte sie von 1957-1981 eine Klavierprofessur an der Musikakademie inne. Heute lebt Edith Kraus in Jerusalem.

Profil
Nach ihrem Klavierstudium bei Artur Schnabel an der Berliner Hochschule für Musik wirkte Edith Kraus als Pianistin und Pädagoin vor allem in Prag. Trotz Verfolgung und Deportation durch die Nazis nach Theresienstadt konnte sie nach der Befreiung ihre Karriere in Prag zunächst fortsetzen. 1949 emigrierte sie nach Israel und hatte von 1957-81 eine Klavierprofessur an der Universität Tel Aviv inne.
Seit ihrer Pensionierung gilt ihr besonderes Engagement der Musik der „Theresienstädter Komponisten“, v.a. Viktor Ullmanns und Pavel Haas’, deren Werke sie auf CD einspielte. Als Pädagogin und Jurorin wirkt sie bei internationalen Meisterkursen mit und engagiert sich als Holocaust-Überlebende und Zeitzeugin für die Versöhnung und die Vermittlung der Geschichte an die jüngere Generation.

Biografie

Edith Kraus wurde 1913 in Wien geboren und wuchs in Karlsbad auf. Dort erhielt sie ihren ersten Klavierunterricht im Alter von sieben Jahren. Als Wunderkind geltend, debütierte sie elfjährig in der Öffentlichkeit. 1926-1930 studierte sie Klavier bei Artur Schnabel an der Berliner Hochschule für Musik. Nach Abschluss ihres Studiums ließ sie sich in Prag nieder, wo sie eine intensive Konzerttätigkeit aufnahm und als Klavierpädagogin tätig war.

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten und dem Einmarsch in die Tschechoslowakei wurde ihre Karriere durch das Auftrittsverbot für jüdische Künstler jäh unterbrochen. 1942 wurde sie zusammen mit ihrem Mann Karl Steiner nach Theresienstadt deportiert. Trotz der widrigen Lebensbedingungen wurde sie eine der aktivsten Künstlerinnen im Kulturleben des Ghettos.

Nach der Befreiung 1945 kehrte sie allein nach Prag zurück – ihr Mann war in Auschwitz ermordet worden. In Prag konnte sie ihre Karriere zunächst fortsetzen, emigrierte aber 1949 sie mit ihrem zweiten Mann, den sie 1946 geheiratet hatte, und ihrer Tochter nach Israel. In Tel Aviv begann sie bald zu unterrichten und zu konzertieren und trat in die dortige Musikakademie ein, die später der Universität angeschlossen wurde. Von 1957 bis zu ihrer Pensionierung 1981 hatte sie eine Professur für Klavier inne. Nach ihrer Pensionierung widmete sie sich vornehmlich den Werken der so genannten „Theresienstädter Komponisten“ und spielte u.a. Werke von Ullmann und Haas auf CD ein. Weiterhin wirkt sie als Pädagogin und Jurorin bei internationalen Meisterkursen mit und engagiert sich als Holocaust-Überlebende und Zeitzeugin für die Versöhnung und die Vermittlung der Geschichte an die jüngere Generation.
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Würdigung

Edith Kraus gilt als Spezialistin für die Werke Viktor Ullmanns, Pavel Haas’ und die tschechische Klaviermusik. Nach ihrer Befreiung aus Theresienstadt machte sie sich besonders um die Werke der so genannten „Theresienstädter Komponisten“ verdient.
So spielte sie 1993 Ullmanns Klaviersonaten Nr. 1,2,3,4 und Nr. 6 (die sie bereits in Theresienstadt uraufgeführt hatte) sowie die Lieder von Pavel Haas, zusammen mit Karel Berman, auf CD ein. Bei Konzerten in der Tschechischen Republik, in Dänemark, England, in den USA und in Israel begleitete sie die Lieder von Pavel Haas.

Viktor Ullmanns schreibt in seiner Kritik Nr. 23 zu einem Theresienstädter Klavierabend:
„Die prachtvolle E-dur-Sonate op.6 [von Mendelssohn], mit der uns Edith Steiner-Kraus diesmal beschenkte, mag aus der nicht viel späteren Zeit stammen: sie sprudelt eine um die andere Herrlichkeit aus sich heraus, sie ist in Form, Invention, Stil und Satz von unbegreiflicher Reife.

Was Rellstab an Mendelssohns Spiel rühmt: Leichtigkeit der Hand, Sicherheit, Rundung und Klarheit der Passagen, Feuer und Phantasie – es sind Eigenschaften, die auch für die Interpretin, für Edith Steiner-Kraus gelten können. Man kann sich diese Sonate, vom jugendlichen Mendelssohn vorgetragen, kaum schöner denken.“ (Ullmann, 1983, S. 82).

Als Überlebende und Zeitzeugin des Holocaust engagiert sich Edith Kraus seit Jahren für die Versöhnung und die Vermittlung der Geschichte an die jüngere Generation, so etwa im Rahmen internationaler Meisterkurse für Nachwuchsmusiker. (Siehe auch Biografie).
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Rezeption

Zu ihren Theresienstädter Konzerten liegen Kritiken von Viktor Ullmann vor (siehe „Würdigung“), von dem insgesamt 26 Kritiken zu musikalischen Veranstaltungen in Theresienstadt überliefert sind.
Eine umfassende Darstellung der Rezeption wäre wünschenswert (siehe „Forschungsbedarf“).
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Repertoire

Das Repertoire von Edith Kraus-Bloedy umfasst Werke der „Theresienstädter Komponisten“ Viktor Ullmann (Sonaten Nr. 1,2,3,4 und Nr. 6) und Pavel Haas (Suite,op.13, Lieder) sowie Werke von Bach, Beethoven, Brahms, Chopin, Mozart, Smetana, Schumann, Schubert und Brahms.
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Literatur und Quellen

Primärquelle

Interview der Verf. mit Edith Kraus am 7.11.1999 in Jerusalem.

Sekundärquellen (alphabetisch sortiert)

Adler, Hans Günther. Theresienstadt 1941-1945. Das Antlitz einer Zwangsgemeinschaft. Geschichte, Soziologie, Psychologie. Tübingen: Mohr, 1955.

Adler, Hans Günther. Die verheimlichte Wahrheit. Theresienstädter Dokumente. Tübingen: Mohr, 1958.

Grunwald, Julia. „Edith Kraus“, in: Arbeitsgruppe Exilmusik Hamburg (Hg.). Lebenswege von Musikerinnen im „Dritten Reich“ und im Exil (= Schriftenreihe Musik im „Dritten Reich“ und im Exil, Bd. 8; herausgegeben von Hanns-Werner Heister und Peter Petersen). Hamburg: von Bockel, 2000. S. 229-251.

Initiative Hans Krása, Verein der Freunde und Förderer der Theresienstädter Initiative e.V. (Hg.). Komponisten in Theresienstadt. Hamburg: Initiative Hans Krása, 1999.

Karas, Joza. Music in Terezín 1941-1945. New York: Pendragon Press, 1985.

Kuna, Milan. Musik an der Grenze des Lebens: Musikerinnen und Musiker aus böhmischen Ländern in nationalsozialistischen Konzentrationslagern und Gefängnissen. Frankfurt am Main: 2. Aufl. Zweitausendeins, 1998.

Longerich, Peter. Die Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942: Planung und Beginn des Genozids an den europäischen Juden. (Publikationen der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Bd.7). Berlin: Ed. Hentrich, 1998.

Ullmann, Viktor. 26 Kritiken über musikalische Veranstaltungen in Theresienstadt. Mit einem Geleitwort von Thomas Mandl, hrsg. u. kommentiert von Ingo Schultz. Hamburg: v. Bockel, 1993.

Tamar-Hoffmann, Heidi, Klein, H.G. (Hg.). Musik in Theresienstadt. Die Komponisten Pavel Haas, Gideon Klein, Hans Krása, Viktor Ullmann, Erwin Schulhoff (gestorben im KZ Wülzburg) und ihre Werke. Referate des Kolloquiums in Dresden am 4. Mai 1991 und ergänzende Studien (Verdrängte Musik Bd.1). Berlin: Musica Reanimata, 1991

Diskografie
CD’s:

„V. Ullmann, Sonaten 1-4“. EDA 005-2, Berlin 1993.

„P. Haas, Suite op.13, Janacek, Suk ». Koch International Classics 372312.

“The Terezín Music Anthology Vol. 1 – V. Ullmann: piano sonatas no. 5, 6, 7, quartet for strings no. 3”. Koch International Classics #7109, 1992.

Filmografie

They never touched my bread (zusammen mit K. Berman). BBC.

Music of Terezín. BBC 1993.

Goethe und Ghetto. Schwedisches Fernsehen 1994.

Aspekte. ZDF 1997.

Links
http://www.pamatnik-terezin.cz
Památnik Terezín (Nationles Kulturdenkmal)

http://www.terezinmusic.org
Terezin Chamber Music Foundation:

http://www.nmz.de/nmz/nmz1999/nmz06/rumpf/haufe.shtml
(Interview in der nmz: Pianistin befragt Pianistin: Friederike Haufe trifft Edith Kraus in Jerusalem.)

http://www.nmz.de/nmz/2004/03/feature-kraus.shtml
(Artikel in der nmz: Begegnung mit Jahrhundertzeuginnen. Die Pianistinnen Edith Kraus und Alice Herz Sommer.)
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Forschung

Die biografischen Informationen stammen von Edith Kraus selbst.
Informationen über das Musikleben in Theresienstadt sind über Pamatnik Terezín (siehe auch „Links“) erhältlich.
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Forschungsbedarf

Wünschenswert wären:
- Dokumentation und Rezeption ihrer Konzerttätigkeit und Rundfunkaufnahmen. Vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden mehrere Radioproduktionen mit Edith Kraus in Berlin und in Prag, nach Kriegsende entstanden weitere Produktionen in Prag (1945-48), Jerusalem und Kopenhagen.
- Untersuchungen zu ihrem pianistischen Stil
Autor/innen:
Julia Grunwald

Bearbeitungsstand:
Redaktion: Nicole K. Strohmann
Zuerst eingegeben am 22.06.2007