Lexikalischer ArtikelMultimediale PräsentationMaterialsammlungKommentierte Links

Marianne Kirchgessner

Maria Eva Theresia Kirchgessner (geb.), Marianne Kirchgäßner

* 5. Juni 1769 in Bruchsal, Deutschland.
† 9. Dezember 1808 in Schaffhausen, Deutschland.



„…ihr himmlisches Spiel auf diesem ausserordentlichen kostbaren Instrumente entzückte jedes an reine Harmonie gewöhnte Ohr und zwar ganz über alle unsere Erwartung; denn bis daher hörten wir nur blosse schwerfällige, melancholische Adagios mit einzelnen heulenden Tönen auf der Harmonika. Aber diese junge blinde Künstlerin behandelt dieses Instrument ganz anders; die vortreffliche Kompositionen, worauf sie sich hören läßt, spielt sie vollgriffig mit ganzer Harmonie, ihre Nüanzirungen, Wachsen und Hinsterben der Töne, Mordenten u.d.gl. sind unnachahmlich; Allegros, welche vor ihr noch kein Künstler gewagte hat, spielt sie mit einer unglaublichen Fertigkeit, voll von sanfter Grazie und Empfindung.“
Auszug aller europäischen Zeitungen. Wien. Freytag den 13. May 1791, Nr. 109 (zit. nach Schneider 1985, S. 324).
Mediennachweis

gemeinfrei

Tätigkeitsfelder
Glasharmonika-Virtuosin

Orte und Länder
Aus Bruchsal stammend und in Karlsruhe ausgebildet ging Marianne Kirchgessner ab 1791 mehrfach auf ausgedehnte Konzertreisen. Die erste, die fast 10 Jahre dauerte (mit zeitweiliger kurzer Rückkehr in ihre Heimat und mehrmonatigen Aufenthalten in London u.a.), führte sie u.a. auch nach Linz, Wien, Dresden, Leipzig, Berlin, Hamburg, London, Kopenhagen und Petersburg. Nachdem sie sich in Gohlis (bei Leipzig) niedergelassen hatte, schränkte sie ihre Reisetätigkeiten etwas ein, wobei sie auch von dort aus mehrfach Konzertreisen unternahm.

Profil
Marianne Kirchgessner war eine der angesehensten Virtuosinnen auf der Glasharmonika, einem Instrument, das 1761 von Benjamin Franklin erfunden worden war und aufgrund seines obertonreichen, „gläsernen“ Klangs zahlreiche Künstler, Dichter und Musiker der Empfindsamkeit faszinierte. Obgleich sie blind war unternahm Marianne Kirchgessner (in Begleitung des Musikverlegers Heinrich Philipp Bossler und dessen Frau) jahrelange Konzertreisen und wurde so enorm populär. Schriftsteller wie Johann Wolfgang von Goethe und Jean Paul wurden durch ihr Spiel inspiriert, zahlreiche Komponisten, darunter Wolfgang Amadeus Mozart, komponierten für sie. Ihr früher, plötzlicher Tod gab der These Auftrieb, dass das Spiel der Glasharmonika gesundheitsschädlich sei (vgl. Bosseler 1809). Sie starb jedoch an den Folgen von Unterkühlung, zugezogen auf einer winterlichen Fahrt während einer ihrer Konzertreisen.

Biografie

Am 5. Juni 1769 wurde Marianne Kirchgessner in Bruchsal geboren. Mit etwa vier Jahren erblindete sie in der Folge einer Blatternerkrankung, dennoch wurde ihre offensichtliche musikalische Begabung früh gefördert. Sie kam ab 1780 zur Ausbildung zum Karlsruher Kapellmeister Johann Alois Schmittbauer. Im Januar 1791 brach Kirchgessner in Begleitung des Speyrer Musikverlegers Heinrich Philipp Bossler zu einer mehrjährigen Konzertreise auf, die sie im ersten Jahr über Linz nach Wien führte, wo sie Wolfgang Amadeus Mozart begegnete. Dieser komponierte für sie das Quintett für Glasharmonika, Flöte, Oboe, Viola und Violoncello KV 617 und das Adagio KV 356/617a für Glasharmonika solo, weitere Werke Mozarts für die Glasharmonika blieben Fragment. Kirchgessner gab mehrere Konzerte in Wien, bei denen sie u.a. auch die Werke Mozarts uraufführte. 1792 konzertierte sie u.a. in Prag, Dresden, Leipzig, Berlin, Hamburg und Magdeburg; von März 1794 bis Herbst 1796 ließ sie sich als angesehene und erfolgreiche Glasharmonika-Virtuosin in London nieder. Weitere Stationen der Konzertreise zwischen 1796 und 1800 waren Hamburg, Kopenhagen, Danzig, Königsberg und Petersburg. Sie kehrte dann über Schlesien und die Lausitz nach Sachsen zurück. Um den Jahreswechsel 1799/1800 ließ sie sich in der Nähe von Leipzig nieder (Gohlis) und ging von nun an von hier aus auf Konzertreisen, u.a. nach Hannover und Frankfurt/Main (1801), Stuttgart, Leipzig, Berlin, Wien und Prag (1802-1808). Im Sommer 1808 begegnete sie Johann Wolfgang von Goethe in Karlsbad. Sie starb auf einer Konzertreise von Stuttgart aus kommend in Schaffhausen.
nach oben

Würdigung

Marianne Kirchgessner gehörte zu den bekanntesten Glasharmonika-Virtuosinnen ihrer Zeit. Ihre ausgedehnten Konzertreisen machten das Instrument europaweit bekannt, ihr Spiel inspirierte zahlreiche Komponisten zu Originalkompositionen für Glasharmonika und zahlreiche Schriftsteller, die im Klang des ungewöhnlichen Instruments eine Versinnbildlichung romantischer und empfindsamer Ästhetik erkannten.
nach oben

Rezeption

Zu Lebzeiten genoss Marianne Kirchgessner eine große Popularität, die mit der ihres Instruments einherging.
nach oben

Werkverzeichnis

Es ist nicht bekannt, dass Marianne Kirchgessner selbst auch komponiert hat. Ob sie – nach zeitgenössischem Usus – an ihrem Instrument improvisiert hat, kann man hingegen durchaus vermuten.
nach oben

Repertoire

Da die Glasharmonika um 1790 ein relativ neues Instrument war, lagen – von den Zeitgenossen mehrfach beklagt – kaum Originalkompositionen vor. Es ist daher davon auszugehen, dass häufig Bearbeitungen von Klavier- oder anderen Werken aufgeführt wurden. Darüber hinaus war die Faszination des Instruments auch Anlass, eigens für die Glasharmonika zu komponieren. Zahlreiche Kompositionen wurden daher für die Glasharmonika, bzw. für die Glasharmonika-Spieler/innen geschrieben. Marianne Kirchgessner kam auf diese Weise im Laufe ihrer Karriere zu einem immer umfangreicheren Repertoire, das heute – nicht zuletzt da das Instrument kaum noch gespielt wird – nur noch in Bruchstücken rekonstruiert werden kann (vgl. dazu unter Forschungsbedarf).
Da die Musikerin als blinde Virtuosin ohnehin nicht auf gedrucktes Notenmaterial zurückgreifen konnte und viele Dokumente von ihrer enorm schnellen Auffassungsgabe berichten, ist außerdem anzunehmen, dass einige der für sie komponierten Werke nie gedruckt vorlagen.
nach oben

Literatur und Quellen

Quellen:
Bossler, Heinrich Philipp. „Mariane Kirchgessner in den letzten Tagen ihres Lebens (Bruchstück der zu erwartenden Biographie dieser Künstlerin von Hrn. Rath Bossler).“ In: Allgemeine musikalische Zeitung Nr. 32 (10. Mai 1809), Sp. [497]-509.
Cramer, Carl Friedrich. Magazin der Musik. Zweyter Jahrgang 1784.
Rochlitz, Friedrich. „Ueber die vermeynte Schädlichkeit des Harmonikaspiels“. In: Allgemeine musikalische Zeitung, 1. Jg., Nr. 7 (14. November 1798), Sp. [97]-102.
Rölling, Carl Leopold. Über die Glasharmonika. Ein Fragment. Berlin, o.J. [1787].
Schubart, Christian Friedrich Daniel. Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst. Wien 1806.
Mozart. Die Dokumente seines Lebens. Gesammelt und erläutert von Otto Erich Deutsch. Kassel u.a.: Bärenreiter 1961.

Zahlreiche Quellen sind außerdem abgedruckt in Schneider 1985 (s.u.).


Sekundärliteratur:
Fürst, Marion. Maria Theresia Paradis. Mozarts berühmte Zeitgenossin. Köln/Weimar: Böhlau 2005 (= Europäische Komponistinnen, Bd. 4).
Gloede, Wilhelm. „Zum Glasharmonika-Quintett KV 617“. In: Mitteilungen der Internationalen Stiftung Mozarteum 50 (2002), S. 63-66.
Hoffmann, Bruno. Ein Leben für die Glasharfe. Backnach: Niederland-Verlag 1983.
Hoffmann, Bruno. „Mariane Kirchgeßner in Schaffhausen“. In: Schaffhauser Nachrichten Nr. 191, 192, 195, 196, 202 und 207. Schaffhausen (16.-22. und 29. August, 4. September 1968).
Hoffmann, Freia. Instrument und Körper. Frankfurt am Main: Insel 1991.
Pisarowitz, Karl Maria. Zum Bizentenar einer Blinden. Marianne Kirchgäßner (1769-1808). In: Mitteilungen der Deutschen Mozart-Gesellschaft, Augsburg 1969, Heft 3/4, S. 72-75.
Reckert, Sascha. Artikel „Glasharmonika“. In: Musik in Geschichte und Gegenwart, 2. Aufl. Sachteil.
Ruh, Hubert. „Johann Alois Schmittbaur. Markgräflich-Badischer Hofkapellmeister“. In: Badische Heimat 1959 (Heft 1), S. 10-12.
Schmidt, Matthias. Das Andere der Aufklärung. Zur Kompositionsästhetik von Mozarts Glasharmonika-Quintett KV 617. In: Archiv für Musikwissenschaft, Jg. 60, Heft 4 (2003), S. 279-302.
Schneider, Hans. Der Musikverleger Heinrich Philipp Bossler 1744-1812. Mit bibliographischen Übersichten und einem Anhang: Mariane Kirchgeßner und Boßler, Tutzing 1985.
Sterki, Peter. Klingende Gläser. Die Bedeutung idiophoner Friktionsinstrumente mit axial rotierenden Gläsern, dargestellt an der Glas- und Tastenharmonika. Bern u.a.: Peter Lang 2000.
Thomsen-Fürst, Rüdiger. „This will be delivered to you by Mr. & Mrs. Davies & charming Daughters“. Die Konzertreise der Familie Davies 1767/68-1773. In: Le musicien et ses voyages. Christian Meyer Hg.). Berlin 2003, S. 349-369.
Ullrich, Hermann. Die blinde Glasharmonikavirtuosin Mariane Kirchgessner und Wien. Eine Künstlerin der empfindsamen Zeit, Tutzing 1971.
Unseld, Melanie. Mozarts Frauen. Begegnungen in Musik und Liebe. Reinbek: Rowohlt 2005.
Welck, Friedrich von. Karlsruher Geschichte der Stadt und ihrer Verwaltung. Bd. 1. Karlsruhe 1895.

Artikel in Lexika (Liste unvollständig):
„Kirchgessner, Marianne“. In: Musikalisches Conversations-Lexikon. Hermann Mendel (Hg.). 6. Bd., Berlin: Verlag von Robert Oppenheim 1876, S. 71.
„Kirchgeßner, Marianne“. In: Musik in Geschichte und Gegenwart, 2. Aufl., Personenteil, Bd. 10, Sp. 149-150 [Linda Maria Koldau].

Links
http://www.glassarmonica.com/resources/index-catalog.html
(Repertoire für Glasharmonika, z.T. für Kirchgessner komponiert)
http://www.crystalmusic.com/glassarmonica.html
(über Glasharmonika)
http://www.wu-wien.ac.at/earlym-l/logfiles/earlym-l.log9112c
(über Glasharmonika)
http://www.allegria-concept.de/ensemble.htm
(aktuelles Ensemble mit Glasharmonika)
nach oben

Forschung

Die Arbeiten von Ullrich und Schneider (s. unter Sekundärliteratur) bieten bereits eine gute Grundlage zur weiteren Erforschung der Tätigkeiten Marianne Kirchgessners. Nachforschungen im Karlsruher Stadtarchiv haben keine weiteren Hinweise auf die Ausbildungszeit Kirchgessners ergeben. Es ist anzunehmen, dass eine systematische Aufarbeitung der Reiseroute weitere Details zu den Konzerttätigkeiten Marianne Kirchgessners zu Tage brächten (s. unter Forschungsbedarf).
Die von Bossler angekündigte Biographie über Marianne Kirchgessner ist – soweit bislang bekannt – nie vollendet worden.
nach oben

Forschungsbedarf

· Über die bereits vorliegenden Dokumentationen der Konzertreisen bei Schneider und Ullrich hinaus gehört eine Untersuchung zu den Konzertreisen zu den wichtigsten Forschungsdesideraten.
· Weiterer Forschungsbedarf besteht bei der Aufarbeitung ihres Repertoires und der für sie komponierten Werke. Dies könnte u.a. durch die systematische Auswertung der Rezensionen erfolgen.
· Der Einfluss ihres Spiels auf die zeitgenössischen Literaten wird aus literaturwissenschaftlicher Perspektive erwähnt, auch hier müssten allerdings Forschungen ansetzen, um im interdisziplinären Dialog dem Phänomen des Klangs der Glasharmonika in Verbindung mit der Person Kirchgessners nachzugehen.
· Schließlich gehört eine allgemeinere Aufarbeitung der im 18. und frühen 19. Jahrhundert auftretenden Glasharmonika-Virtuso(inn)en zum weitergreifenden Forschungsbedarf (vgl. dazu auch Thomsen-Fürst 2003).
Autor/innen:
Melanie Unseld

Bearbeitungsstand:
Redaktion: Nicole K. Strohmann
Zuerst eingegeben am 25.08.2006