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Hildegard von Bingen

Hildegard von Bermersheim (geb.)

* 1098 in Bermersheim bei Alzey, Pfalz.
† 17. September 1179 in Rupertsberg bei Bingen.



„symphonialis est anima“ – „die Seele ist symphonisch“
(Hildesgardis Bingensis Epistolarium. Lieven van Acker (Hg.). Turnhout: Brepols, 1991. S. 65.)
H�rbeispiel
Sequenz „O Jerusalem“
Notenbeispiel
Mediennachweis

Bild:
„Hildegard und Vollmar“
Quelle: Liber Scivias illuminatus, Faksimile
Mit freundlicher Genehmigung Abtei St. Hildegard

Hörbeispiel:
Hildegard von Bingen. Sequenz „O Jerusalem“.
CD Hildegard von Bingen. „O Vis Aeternitatis“. Vesper in der Abtei St. Hildegard. Schola der Benediktinerinnenabteil St. Hildegard, Eibingen. Leitung: Johannes Berchmans Göschl.
ARS MUICI AM 1203-2
Mit freundlicher Genehmigung durch Freiburger Musik Forum / ARS MUSICI

Notenbeispiel
"O magne pater" aus dem Dendermonde Codex
Copyright Alamire Musicpublishers
http://www.alamire.com

Tätigkeitsfelder
Äbtissin, Geistliche Begleiterin, Schriftstellerin, Komponistin.

Orte und Länder
Hildegard von Bingen wuchs in Bermersheim und auf der Burg Sponheim auf. Von 1112 bis 1151 lebte sie als Benediktinerin auf dem Disibodenberg. 1151 gründete sie ihr eigenes Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen. Sie unternahm vier größere Predigtreisen, die sie nach Mainz, Würzburg, Bamberg, Trier, Metz, Köln, Maulbronn, Hirsau bis nach Essen-Werden führten.

Profil
Das Leben und die Werke der Hildegard von Bingen sind geprägt von ihrer besonderen Begabung, die sie selbst die Gabe der Schau nennt. Diese nichtekstatischen visionären Erlebnisse gaben den Anstoß zu den theologischen Werken. Sie bestimmten die spezifische Form geistlicher Begleitung, die Hildegard von Bingen anbot. Ihre Auswirkung auf die Komposition zeigt sich in erster Linie in der bildhaften Sprache der Texte. Die medizinischen Werke Hildegard von Bingens sind eine Sammlung des Erfahrungswissens ihrer Zeit, verbunden mit eigenen Beobachtungen.

Biografie

Hildegard von Bingen ist 1098 als jüngstes von 10 Kindern der Adeligen Hildebert und Mechthild von Bermersheim geboren. Als zehntes und darüber hinaus visionär begabtes Kind wurde von ihren Eltern für sie die klösterliche Laufbahn vorgesehen, eine Entscheidung, die sie sich späterhin bewusst zueigen gemacht hat. Hildegard von Bingen wurde in die neu errichtete Frauenklause des kurz zuvor neubesiedelten Benediktinerklosters auf dem Disibodenberg gebracht. Dort wurde sie von der Leiterin der Klause, Jutta von Sponheim und einem vom Männerkloster zu diesem Zweck abgestellten Mönch, Volmar von Disibodenberg, unterrichtet. Volmar unterstützte Hildegard von Bingen, als sie begann, ihre Visionen systematisch aufzuzeichnen. Nach Jutta von Sponheims Tod wurde Hildegard von Bingen zur Leiterin der inzwischen stark angewachsenen Klause gewählt. In der Folge ihrer öffentlichen Anerkennung als Visionärin und der damit verbundenen Beauftragung zur Veröffentlichung weiterer Werke gründete Hildegard von Bingen ein vom Konvent auf dem Disibodenberg unabhängiges Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen. Einige Jahre später erfolgte die Gründung eines Tochterklosters auf der anderen Rheinseite bei Eibingen. Hildegard von Bingens Kompositionen waren zu diesem Zeitpunkt schon über Deutschland hinaus bekannt. Zeugnisse hierzu gibt es in ihrem Briefwechsel, beispielsweise im Schreiben des Magisters Odo von Paris. Hildegard von Bingen unternimmt zahlreiche Predigtreisen, in denen sie die geistliche Begleitung verschiedener Konvente mit öffentlichen Predigten auf Marktplätzen verbindet. Ihre Beziehungen zur Kirchenleitung, zum Hochadel und zu den zu ihren Lebzeiten regierenden Kaisern geben ihr ein weites Wirkungsfeld, ausreichend finanzielle Mittel und Sicherheitsgarantien für ihre Konvente in Zeiten öffentlicher Unruhen. Als Hildegard von Bingen 1179 stirbt, hinterläßt sie mit 77 Gesängen, einem geistlichen Singspiel, drei umfangreichen Visionswerken und umfassend ausgearbeiteten medizinischen Schriften ein bemerkenswert facettenreiches Werk.
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Würdigung

Hildegard von Bingen verfasste im Laufe ihres Lebens 77 Gesänge und ein geistliches Singspiel, den “Ordo Virtutum”. In einer Zeit, in der Gesänge für die Liturgie in der Regel anonym überliefert wurden, ist dies ein beachtliches Œuvre. Dass Frauen im 12. Jahrhundert in Klöstern ebenso komponierten wie außerhalb, etwa im Bereich der Troubadourmusik, ist inzwischen ausreichend belegt. Doch auch mit Rücksicht darauf ist das Werk Hildegard von Bingens ungewöhnlich umfangreich, seine Breitenwirkung erheblich. Zweifelsohne hängt dies mit dem durch die Veröffentlichung der Visionswerke bedingten Bekanntheitsgrad der Komponistin zusammen. Hildegard von Bingen hat die Veröffentlichung all ihrer Werke vom Zeitpunkt ihrer kirchlichen Anerkennung, die 1147 durch Papst Eugen III. auf der europäischen Bischofssynode von Trier erfolgte, aktiv betrieben. Sie veranlasste bereits vor 1158 die Redaktion der bis zu diesem Zeitpunkt entstandenen kompositorischen Werke und ihre Zusammenstellung in einem Kodex, von dem wir heute annehmen, dass er die Vorlage des „Villarenser Kodex“ gewesen ist, der 1175 als Geschenk an die Mönche des Klosters Villers gesandt wurde.
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Rezeption

Die Rezeption der Werke Hildegard von Bingens war während ihrer Lebenszeit beträchtlich. Nach ihrem Tod gibt es keine Belege für eine weitere Rezeption, wiewohl davon auszugehen ist, dass einmal eingeführte Gesänge auch späterhin in der Liturgie Verwendung fanden. Im Gegensatz zu ihren anderen Werken aber wurden nach ihrem Tod keine neuen Abschriften des gesamten Repertoires mehr angefertigt. Dasselbe gilt im großen und ganzen für die Visionsschriften, die nur in kleinen Teilbereichen weiter tradiert wurden. Im Gegensatz dazu sind die medizinischen Schriften gerade in Abschriften späterer Jahrhunderte belegt. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzte das Interesse an den Kompositionen Hildegard von Bingens wieder ein.
In den 1970er Jahren begannen die ersten Ensembles, die Gesänge einzuspielen. Dabei lassen sich über lange Jahre hin zwei „Lager“ unterscheiden. Die VertreterInnen des einen singen in äqualistischer Aufführungspraxis, bei der jeder Neume die gleiche Tondauer verliehen wird, ungeachtet ihrer ursprünglichen rhythmischen Wertigkeit. Die VertreterInnen des anderen Lagers verwenden die mensuralistische Lesart, bei der jede Textsilbe etwa gleichlang sein soll, wodurch die melismatischeren Partien wesentlich schneller gesungen wurden als die syllabisch vertonten. In den 1990er Jahren setzte der Trend ein, die Gesänge wieder in ihrem ursprünglichen Umfeld zu verorten. Viele Einspielungen simulieren den liturgischen Kontext durch Einfügung von Psalmen, Lesungen oder Glockengeläut. Viele, aber nicht alle Einspielungen verwenden Instrumente. Hildegard von Bingen ist in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu einer Art Kultfigur mit hohem identifikatorischen Wert geworden. Dies zeigt sich unter anderem in der Rezeption ihrer Gesänge in der Popszene, deren Einspielungen es bis in die Charts schafften.
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Werkverzeichnis

Die Werke Hildegard von Bingens sind heute in zwei Hauptquellen überliefert, dem “Villarenser-“ und dem “Riesenkodex”. Daneben gibt es eine überschaubare Streuüberlieferung. Sowohl der “Villarenser-“ als auch der “Riesenkodex” liegen inzwischen faksimiliert vor. Der “Riesenkodex” wird mitunter nach seiner heutigen Provenienz als “Dendermonder Kodex” zitiert. Neben den Faksimiles existiert eine Ausgabe der Gesänge in Quadratnotation sowie eine Transkription in moderner Notation von Marianne Richert Pfau. Übersetzungen der Gesänge existieren in Zusammenhang mit der Ausgabe in Quadratnotation sowie ohne Noten in der lateinisch/deutschen Ausgabe von Berschin/Schipperges. Sehr wahrscheinlich lag bereits dem “Villarenser Kodex” eine Sammlung der bis dahin entstandenen Werke zugrunde, die uns nicht überliefert ist. Der “Riesenkodex” bietet neben dem bis auf zwei Gesänge kompletten Bestand des “Villarenser Kodex” weitere, später entstandene Kompositionen sowie den “Ordo Virtutum”. Es ist angesichts fehlender Lagen im “Villarenser Kodex” allerdings davon auszugehen, dass der “Ordo” bereits zu einem früheren Zeitpunkt vorlag und in der ersten Sammlung enthalten war.
Die Kompositionen Hildegard von Bingens sind in Neumenschrift auf vier Linien notiert, von denen die Fa-Linie rot und die Do-Linie gelb eingefärbt ist. C- und F-Schlüssel werden durchgängig verwendet, die Vorzeichnung b kommt regelmäßig vor.
Bei einigen Kompositionen kann der Eindruck entstehen, der “Riesenkodex” überliefere eine überarbeitete Fassung einzelner Gesänge. In der Regel sind die Übereinstimmungen jedoch hoch. Abweichungen finden sich bei der Notation des Quilisma, einer Neume mit spezieller rhythmischer Aussagequalität, die häufig mit präpunktischer Note im Mehrtonabstand notiert wird, wobei das Quilisma mitunter auf derselben Tonhöhe wie die präpunktische Note, dann wieder höher als diese notiert wird. Die Analyse dieses Phänomens ergab, dass keinem dieser beiden Notationsphänomene grundsätzlich der Vorzug zu geben ist. Es kann also nicht davon ausgegangen werden, dass das Quilisma im Mehrtonabstand mit unisonischem Praepunctum generell korrigiert werden müsse, wie dies in einigen Aufnahmen zeitweise praktiziert worden ist.
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Quellen

Quellen

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Links

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Homepage der Abtei St. Hildegard. Hier finden sich Informationen zu Leben und Werk der Hildegard von Bingen, zu klösterlicher Lebensweise heute und zu benediktinischer Spitiualität.

www.uni-mainz.de/~horst/hildegard/ewelcome.html-1k-
Beiträge zur Hildegard von Bingen Forschung sowie weitere Links.

www.fordham.edu/halsall/med.hildegarde.html
Infos zu Biografie und werk sowie zu der These der Migränekrankheit Hildegard von Bingens.

www.tl.infi.net/~ddisse/hildegar.html-81k
Infos zu den Kompositionen auf der Basis der Arbeiten von Newmann und Hosezki.

www.irupert.com/HILDEGRD/-4k-
Infos zu Leben, werk und Gesängen sowie zum Rheingau.

www.music.acu.edu/www/iawm/pages/Med
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Forschung

Die biographische Literatur über Hildegard von Bingen ist in den letzten Jahren expandiert. Dabei handelt es sich zumeist um theologisch-hagiographisch orientierte oder populärwissenschaftliche Werke. Geschichtswissenschaftlichen Ansprüchen entsprechen die Biographien von Michaela Diers und Barbara Beuys. Sie enthalten zugleich die neuesten Forschungsergebnisse hinsichtlich des ersten Lebensjahrzehntes Hildegard von Bingens. Die Ausführungen auf dieser Seite basieren auf: Barbara Stühlmeyer. Die Gesänge der Hildegard von Bingen. 2003.
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Forschungsbedarf

Die musikbezogene Hildegard von Bingen-Forschung sollte sich verstärkt der Frage der Notation zuwenden. Bisherige Studien zu Einzelneumen haben ergeben, dass eine grundlegende Analyse des Materials auf der Grundlage der Gregorianischen Semiologie notwenig und hilfreich wäre. Vor allem für die Aufführungspraxis lassen sich hier konkrete Ergebnisse erwarten. Die Erforschung und Edierung von Vergleichsmaterial sollte in den nächsten Jahren das Verständnis der liturgischen Musik des zwölften Jahrhunderts vertiefen. Vergleichende Forschung im Bereich liturgische Musik, frühe Mehrstimmigkeit sowie Troubardour und Trouvere Musik könnten Hinweise darauf erbringen, wie die Verwendung von Instrumenten bei der Aufführung der Gesänge Hildegard von Bingens ausgesehen hat. Hier kann auch die vergleichende Ikonografie wertvolle Auskünfte über Instrumententypen liefern. Die verschiedenen Heiligengesänge, speziell die an Maria gerichteten sollten mit weiterem Vergleichsmaterial in Beziehung gesetzt werden.
Autor/innen:
Barbara Stühlmeyer, Die Grundseite wurde im Januar 2004 verfasst.

Bearbeitungsstand:
Redaktion: Sophie Fetthauer
Zuerst eingegeben am 26.05.2004.
Zuletzt aktualisiert am 26.05.2004.