Lexikalischer ArtikelMultimediale Präsentation MaterialsammlungKommentierte Links

Lilli Friedemann

Elisabeth Friedemann (geb.)

* 17. Juni 1906 in Kiel, Deutschland.
† 20. Dezember 1991 in Mölln, Deutschland.



„Improvisieren braucht einen Anlass.“
(Lilli Friedemann im persönlichen Gespräch mit Matthias Schwabe, o. J.)
Schriftprobe
Mediennachweis

Bild:
Lilli Friedemann mit Bratsche
Matthias Schwabe (Hg.). Zum Gedenken an Lilli Friedemann. Ringgespräch über Gruppenimprovisation Heft LV. Berlin, Juni 1992.
Mit freundlicher Genehmigung des Rings für Gruppenimprovisation.

Schriftprobe:
Privater Brief, unveröffentlichter Privatbesitz, 1985

Tätigkeitsfelder
Dozentin, Autorin, Herausgeberin, Improvisatorin, Musikpädagogin, Bratschistin, Geigerin, Rebecspielerin

Orte und Länder
Nach ihrem Examen an der Musikhochschule in Berlin ging sie nach Danzig. Dort war sie während des Zweiten Weltkriegs an der Musikhochschule tätig. Nach der Flucht erhielt sie an der Musikhochschule Hannover einen Lehrauftrag für Geige. Ab 1967 lebte sie in Hamburg. Sie unterrichtete im eigenen Studio sowie an der Musikhochschule Gruppenimprovisation.

Profil
Lilli Friedemann ist die Begründerin der musikalischen Gruppenimprovisation. Mit ihrem Wirken hat sie entscheidend die Entwicklung der Musiktherapie und Musikpädagogik in Deutschland beeinflusst. Ihre Veröffentlichungen gehören zum Repertoire der musikpädagogischen Ausbildung. Mit dem Ensemble „Ex Tempore“ für improvisierte Musik hat sie die Musikszene der Neuen Musik innovativ bereichert. Ihre vitale Persönlichkeit verkörperte das, was sie vom improvisierenden Menschen erwartete: „Zugleich spielendes Kind und ganzer Mensch“ zu sein (Lilli Friedemann. Zit. n.: Herwig von Kieseritzky. „Lilli Friedemann“. In: Zum Gedenken an Lilli Friedemann (2). Ringgespräch über Gruppenimprovisation Heft LVI. Berlin, Dezember 1992. S. 3).

Biografie

Lilli Friedemann wurde am 18. Juni 1906 geboren. Sie erhielt früh Geigenunterricht und unterrichtete schon mit 11 Jahren selbst. Als sie 8 Jahre alt war, begann der Erste Weltkrieg, an dem ihr Vater als Soldat teilnahm.
Lilli Friedemann studierte in den 1920er Jahren an der Musikhochschule in Berlin u.a. bei Carl Flesch Geige und bei Paul Hindemith Tonsatz. Auf Anregung Paul Hindemiths unterbrach sie ihr Studium, um in einem Landerziehungsheim Geige zu unterrichten. Diese menschliche Erfahrung prägte die Abschlussphase ihres Studiums und die sich anschließende Zeit der Arbeit mit einem Streicherensemble sowie als Geigenlehrerin.
Aus Danzig, wo sie später an der Musikhochschule tätig war, floh sie während des Zweiten Weltkriegs mit einem der letzten Züge. An der Musikhochschule in Hannover erhielt sie anschließend einen Lehrauftrag für Geige. Sie konzertierte mit einer Streichergruppe und begann mit einem eigens für sie gebauten Rebec zu improvisieren und Tanzmusik zu machen. Es folgte die neue Erfahrung, mit Laienmusikern Begleitmusik zum Theater zu entwickeln. Daraus wurde allmählich das Zusammenspiel ohne Noten - die musikalische Gruppenimprovisation. Es folgten erste Veröffentlichungen im musikpädagogischen Bereich zum Thema Improvisation.
1964 gründet sie in Hamburg den „Ring für Gruppenimprovisation“. Infolge der guten Resonanz aus Fachkreisen siedelte Lilli Friedemann 1967 nach Hamburg über. Sie widmete sich jetzt ganz der Gruppenimprovisation. Es erschienen weitere Bücher, und sie erhielt einen Lehrauftrag an der Hamburger Musikhochschule.
1977 zog sie nach Mölln. Achtzigjährig erprobte sie mit dem von ihr gegründeten Ensemble „Ex Tempore“ die Improvisation in Konzerten. Am 20. Dezember 1991 starb sie in Mölln.
nach oben

Würdigung

„Manchmal fantasiere ich: hätte Lilli Friedemann einen geschickten Promotor für Präsentationen, gehörte sie gar zum Geschlecht 01...,.sie wäre keine Pädagogin, sondern Leitfigur der Avantgarde... wäre, hätte... Bedeutend und originell war sie.“ (Barbara Gabler. „Pädagogischer Eros: Lilli Friedemann, Musikpädagogin, 1906-1991“. In: Ringgespräch über Gruppenimprovisation Heft LVI. Berlin, Dezember 1992. S. 5)

Für Lilli Friedemann bedeutete die Gruppenimprovisation eine umfassende menschliche, aber auch musikalische Aufgabe. Herwig von Kieseritzky fasst ihre Arbeit wie folgt zusammen:

„Auf diesem nicht unumstrittenen Gebiet ist es ihr gelungen, die Wiedersprüche zwischen pädagogischem Anliegen und Kunstanspruch, individuellem Ausdrucksbedürfnis und Partnerbezogenheit, Freiheit und Gebundenheit miteinander zu versöhnen. (Herwig von Kiesritzky. „Lilli Friedemann“. In : Gedenken an Lilli Friedemann( 2 ) Ringgespräch über Gruppenimprovisation Heft LVI. Berlin, Dezember 1992. S. 3)

Lilli Friedemann entwickelte ein Konzept für die Basisausbildung im Bereich Gruppenimprovisation und richtete Lehrgänge dafür ein. Über ihre Arbeit schrieb sie in ihren Erinnerungen (S. 18):

„Ich habe ein großes Geschenk mitgekriegt........... Damit meine ich , dass ich kreativ bin. Es ist einfach meine Sache, zu improvisieren und zu lehren.“

Im Kreis ihrer Schülerinnen, die sie gern mit ihrer Kreativität als Leiterin der Gruppenimprovisation beschenkte, blieb Lilli Friedemann jung. Sie musizierte und bildete Nachwuchskräfte aus. So entwickelte sie eine zeitgenössische Musizierform und verstand sich selbst dabei als Suchende. Sie bleibt in Erinnerung als eine beeindruckende pädagogische und künstlerische Persönlichkeit, voll tiefer Menschlichkeit, Humor und Vitalität: „Zugleich spielendes Kind und ganzer Mensch“ (Lilli Friedemann. Zit. n.: Herwig von Kieseritzky. „Lilli Friedemann“. In: Zum Gedenken an Lilli Friedemann (2). Ringgespräch über Gruppenimprovisation Heft LVI. Berlin, Dezember 1992. S. 3).
Die Begegnung mit ihr wurde für viele ImprovisatiorInnen eine beglückende Erfahrung, da sich in der musikalischen Gruppenimprovisation eine Ordnung ohne Herrschaft abbildet.
nach oben

Rezeption

Als Lilli Friedemann 1967 nach Hamburg kam, fand sich sofort ein Kreis von Interessierten zusammen, der bis heute ihre Methoden praktiziert und weiterführt. Der von ihr gegründete "Ring für Gruppenimprovisation" besteht auch heute noch und die von ihr initiierte Reihe "Ringgespräch über Gruppenimprovisation" wird auch weiterhin in Berlin herausgegeben.
In wissenschaftlichen Arbeiten zu Fragen der Improvisation wird auf sie Bezug genommen (z.B. bei Eckhard Weymann). Außerdem werden ihre Methoden auch heute noch in der Musikpädagogik gelehrt und eingesetzt (z.B. in Kindergärten). Auch in der Musiktherapie wird ihre Methode gelehrt und eingesetzt.
Einige ihrer Bücher sind heute vergriffen.
nach oben

Werkverzeichnis

Schallplatten

Lilli Friedemann. Einstiege in neue Klangbereiche durch Gruppenimprovisation. Stereo 45 UpM. Universal Edition, 1973.

Bandaufnahmen

Diverse Bandaufnahmen. Unveröffentlicht. Archiv für Gruppenimprovisation c/o Matthias Schwabe, Wilskistr. 56, 14163 Berlin.

Lieder

Nun danket alle Gott für drei Singstimmen. Unveröffentlicht, 1922.

Ein kleines Kindelein, Duett für Sopran und Alt. Unveröffentlicht, 1925.

Schriften (chronologisch)

Musizierfibel. Sing- und Instrumentalschule für Kinder von 4-10 Jahren. Henry Litolff’s Verlag, 1956.

Gemeinsame Improvisation auf Instrumenten: mit ausführlichen
Spielregeln; ein praktischer Beitrag zur Musiklehre
Kassel: Bärenreiter, 1964.

Tanzduette als Geigenübung: für 2 Geigen, Geige und Bratsche oder
Zwei Bratschen (auch mit Bläsern); Geigenstimme. Wolfenbüttel : Möseler, 1968.

Improvisieren zu Weihnachtsliedern: für Gruppen von Sängern und Spielern aller Instrumente einschließlich Orffschlagwerk; mit einer allgemeinen Anleitung zu improvisierter Liedbegleitung. Kassel: Bärenreiter, 1968.

Kollektivimprovisation als Studium und Gestaltung neuer Musik. Wien: Universal Edition, (c 1969).

Kinder spielen mit Klängen und Tönen: ein musikalischer Entwicklungsgang aus Lernspielen für Vorschulkinder, Schulanfänger, Sonderschüler. Wolfenbüttel: Möseler,1971.

Einstiege in neue Klangbereiche durch Gruppenimprovisation. Wien: Universal Edition, 1973.

Gemeinsame Improvisation auf Instrumenten: mit ausführlichen Spielregeln; ein praktischer Beitrag zur Musiklehre. Kassel: Bärenreiter, 1974.

Trommeln – Tanzen - Tönen: 33 Spiele für Große und Kleine. Wien: Universal-Edition, c 1983.

Erinnerungen. Mölln: unveröffentlichtes Manuskript, 1988. Privatbesitz Gesine Thomforde.
nach oben

Repertoire

Lilli Friedemann war lange Zeit als Konzertgeigerin tätig. Sie war Interpretin für neue und alte Musik. Ihr genaues Repertoire ist jedoch unbekannt. Nachgewiesen ist, dass sie in Konzerten Werke von Johann Sebastian Bach gespielt hat. Ab 1986 hatte sie zusammen mit dem von ihr gegründeten Ensemble „Ex Tempore“ zahlreiche Auftritte (u.a. in der Hamburger Musikhochschule) mit improvisierter Musik.
nach oben

Quellen

Literatur (chronologisch)

Thomforde, Gesine. Musikalische Gruppenimprovisation mit Kindern. Als Teil einer musikalischen Früherziehung. Hamburg, Schriftliche Hausarbeit, Erste Staatsprüfung für die Lehrämter und die erweiterten Lehrämter mit den Schwerpunkten Grund- und Mittelstufe, 1980.

Gabler , Barbara. „Pädagogischer Eros: Lilli Friedemann, Musikpädagogin, 1906-1991“. In: Ringgespräch über Gruppenimprovisation Heft LVI. Berlin, Dezember 1992. S. 4-5.

Schwabe, Matthias (Hg.). Zum Gedenken an Lilli Friedemann. Ringgespräch über Gruppenimprovisation Heft LV. Berlin, Juni 1992.

Kieseritzky Herwig von, Schwabe, Matthias. „Tänzerin auf dem Seil. Im Januar 1987 führten Herwig von Kieseritzky und Matthias Schwabe ein bisher noch unveröffentlichtes Interview mit Lilli Friedemann“. In: Zum Gedenken an Lilli Friedemann. Ringgespräch über Gruppenimprovisation Heft LV. Berlin, Juni 1992. S. 13-17.

Kieseritzky, Herwig von. „Lilli Friedemann“. In: Zum Gedenken an Lilli Friedemann (2). Ringgespräch über Gruppenimprovisation Heft LVI. Berlin, Dezember 1992. S. 3.

Schwabe, Matthias (Hg.). Zum Gedenken an Lilli Friedemann (2). Ringgespräch über Gruppenimprovisation Heft LVI. Berlin, Dezember 1992.

Links

http://www.impro-ring.de (Stand: 13.1.2005)
Internetseiten des „Ring für Gruppenimprovisation e. V.“, den Lilli Friedemann zusammen mit SchülerInnen 1964 in Hamburg gegründet hat.
nach oben

Forschung

Im Archiv für Gruppenimprovisation in Berlin (c/o Matthias Schwabe, Wilskistr. 56, Berlin) liegt Material vor, dass noch nicht ausgewertet ist. An Hand der vorhandenen Daten ist es zur Zeit noch schwierig Lilli Friedemanns Lebenslauf genau zu rekonstruieren. Die Erinnerungen von Lilli Friedemann sind ein persönliches Dokument, in dem sie über eigene Erlebnisse und Erfahrungen erzählt. Genaue Datierungen kommen darin nicht vor.
nach oben

Forschungsbedarf

Forschungsbedarf zu Lilli Friedemann gibt es in verschiedenen Bereichen:
- Ordnung des Bandmaterial im Archiv für Gruppenimprovisation in Berlin
- Sammlung, Archivierung und wissenschaftliche Betrachtung ihrer Kompositionen
- Untersuchung ihrer Rolle in der Musiktherapie und der Musikpädagogik
Autor/innen:
Gesine Thomforde, Die Autorin hat L. Friedemann auf einer Tagung 1970 kennengelernt und bis zu ihrem Tod mit ihr zusammen gearbeitet (Ausb. 1974/75; priv. Kontakt: Teilnahme des Sohnes Jens Thomforde an Gruppenimprovisationen in einer Schule für Körperbehinderte).

Bearbeitungsstand:
Redaktion: Sophie Fetthauer
Zuerst eingegeben am 21.01.2005.
Zuletzt aktualisiert am 21.01.2005.