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Siegrid Ernst

Weitere Namen: seit ihrer Heirat mit Konrad Meister auch Siegrid Ernst-Meister

* 3. März 1929 in Ludwigshafen am Rhein.



„Wer neue Musik oft für kalt und technoid hält, wird bei Siegrid Ernst eines anderen belehrt. Es überrascht bei allem avancierten Tonfall, der durch entsprechende Kompositionstechniken bis hin zur Zwölftontechnik und Clusterbildung erreicht wird, die emotionale Tönung in den einzelnen Werken, denen man fast gewillt ist, Farben zuzuordnen.“

(„Weserkurier“, 15. Februar 2006)
Tätigkeitsfelder
Komponistin, Pianistin, Musikpädagogin, Mitbegründerin des “International Congress on Women in Music”, Vorsitzende des Arbeitskreises “Frau und Musik”

Orte und Länder
Siegrid Ernst wuchs in Ludwigshafen auf. Sie erhielt ihre Ausbildung in Heidelberg, Frankfurt und Wien. Als Pädagogin war sie an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Heidelberg und Mannheim sowie an der Hochschule für Künste Bremen tätig. Ernsts Werke wurden in Europa, in den USA, in Mexiko sowie in Japan aufgeführt.

Profil
Siegrid Ernsts Kompositionsstil zeichnet sich durch den Einsatz einer großen Bandbreite verschiedenster Kompositionstechniken in Kombination mit Geräuschen bis hin zum Einbezug performativer Elemente aus. Mit ihrer musikpädagogischen Arbeit prägte sie die deutsche Musiklandschaft, indem sie insbesondere junge Komponistinnen förderte. Ihr kompositorisches Oeuvre umfasst Kammermusik für Streicher, Bläser, Klavier, Liederzyklen, Orchestermusik, Kantaten, eine Kinderoper sowie Improvisations- und Performancekonzepte.

Biografie

Siegrid Ernst wurde am 3. März 1929 in Ludwigshafen am Rhein geboren. Sie entstammt einer musikbegeisterten Familie. Mit sieben Jahren begann sie, Klavier zu spielen, bald erhielt sie auch Violinunterricht. Früh beschäftigte sie sich darüber hinaus mit Musiktheorie. 1948 machte sie ihr Abitur und studierte anschließend Musikpädagogik bei Else Rehberg in Heidelberg, dann Klavier bei August Leopolder in Frankfurt und Richard Hauser in Wien. Außerdem absolvierte sie ein sechsjähriges Kompositionsstudium bei Gerhard Frommel in Heidelberg.

In den Folgejahren setzte eine rege Konzerttätigkeit als Pianistin im In- und Ausland ein, sowohl als Solistin wie im Rahmen von Kammermusikensembles, häufig im Duo mit dem Pianisten Konrad Meister. Dabei setzte sie sich maßgeblich für die Musik zeitgenössischer Komponisten ein. Ein besonderes Augenmerk legte sie außerdem auf die Förderung von Komponistinnen, so wirkte Siegrid Ernst viele Jahre als Vorsitzende des Internationalen Arbeitskreises „Frau und Musik“, war langjähriges Mitglied der GEDOK und gehörte zu den Mitbegründerinnen des International Congress on Women in Music.

Nach dem Krieg besuchte Siegrid Ernst die Darmstädter Ferienkurse, außerdem Veranstaltungen und Meisterklassen in Donaueschingen, in Paris und Wien, wo Komponisten wie Iannis Xenakis, Karlheinz Stockhausen und György Ligeti zu ihren Lehrmeistern wurden. Bereits in dieser Zeit sucht sie nach Wegen, die Zwölftontechnik undogmatischer und freier zu handhaben und herkömmliche Spielweisen, z.B. von Blas- und Streichinstrumenten zu erweitern.

1957 heiratete sie den Pianisten Konrad Meister (1930-2003), ihren langjährigen Duopartner. Nach der Geburt ihrer beiden Kinder 1961 und 1963 beendete sie die pianistische Karriere und widmete sich ausschließlich ihrem kompositorischen Schaffen. Es entstanden erste Werke für Schulensembles und spezifisch für Schulaufführungen gedachte Arbeiten.

1961 veröffentlichte Siegrid Ernst die „7 Haikus für tiefe Stimme, Viola, Violoncello und Klavier“, für die sie japanische Kurzgedichte (aus jeweils drei Zeilen mit 5 + 7 + 5 Silben) als Vorlage wählte. Darin bediente sie sich der Zwölftontechnik und kombinierte sie mit anderen Techniken, um die knappen, enigmatischen Texte musikalisch auszudeuten. Dieses kombinatorische Prinzip prägte ihr gesamtes weiteres Schaffen.

Ihre „Suite für Orchester“, entstanden im Jahre 1963 anlässlich eines Schuljubiläums, kombiniert die verschiedensten stilistischen Mittel der klassischen Moderne. Ein vielfältig gemischter, von Viertelton-Verschiebungen geprägter und zeitweise impressionistisch anmutender Klang trifft auf verschiedenste Geräusche. Wiederum experimentiert sie mit alternativen Spieltechniken, um das Klangspektrum einzelner Instrumente und Instrumentengruppen zu erweitern.

Anfang der 1980er Jahre ging sie, vermittelt durch ein Stipendium der Bundesrepublik Deutschland für die Cité Internationale des Arts, für einige Monate nach Paris.

Siegrid Ernst lehrte an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Heidelberg-Mannheim und an der Hochschule für Künste in Bremen Klavier und Komposition, Tonsatz, Formenlehre sowie Analyse zeitgenössischer Musik und Improvisation.1989 wurde ihr zudem der Professorentitel h.c. der Interamerican University of Humanistic Studies, Florida verliehen. Viele Jahre lang wirkte sie zudem als Jurorin für „Jugend musiziert“ und „Jugend komponiert“.

Ihre einfacheren Werke für den Schulgebrauch gipfelten 1990 in der Kinderoper „Jaga und der kleine Mann mit der Flöte“ nach einem Libretto von Helga Rink, das wiederum auf einer Erzählung von Irina Korschunow basierte.

Nachdem sie sich ihr gesamtes Leben lang mit postmodernem Stilpluralismus, alternativen Spieltechniken und der Hinzuziehung von Geräuschen in die Musik auseinandergesetzt hatte, arbeitete sie Anfang der 1990er Jahre gelegentlich mit bildenden Künstlerinnen, Schriftstellerinnen und Performancekünstlerinnen zusammen und integrierte Klangsäulen – d.h. Lautsprecher, mit denen Klänge gleichförmig in alle Richtungen abgestrahlt werden können – in ihre Kompositionen, so in „Kreisgerade“
Ihre Werke kamen in Europa, in den USA, in Mexiko sowie in Japan zur Aufführung.

Seit 1998 ist sie Juryvorsitzende des Bremer Komponistenwettbewerbs.

Am 5. November 2004 organisierte die Komponistin Violeta Dinescu an der Universität Oldenburg anlässlich des 75. Geburtstags von Siegrid Ernst ein ihr gewidmetes Konzert-Colloquium.

Der Pianist Rudolf Meister, Rektor der Mannheimer Musikhochschule, ist ihr Sohn.

Siegrid Ernst lebt in Bremen.
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Würdigung

Nicht nur als Komponistin, sondern vor allem auch als unermüdliche Förderin weiblicher Komponisten und als eine der wenigen Komponistinnen, die sich in ihrem Schaffen auch mit musikpädagogischen Fragen beschäftigt haben, ist Siegrid Ernst eine prägende Gestalt in der deutschen Musikwelt.
Sie erhielt das Ehrendiplom mit Goldmedaille des Istituto Europeo di Cultura in Mailand und 1989 die Ehrenprofessur der Interamerican University of Humanistic Studies in Florida, USA.
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Werkverzeichnis

Kompositionen

(Siegrid Ernsts Schriften und Kompositionen werden verlegt beim Furore-Verlag in Kassel, beim Tonger-Verlag in Köln sowie beim Lothringer Verlag.)

„7 Miniaturen nach japanischen Haiku“ für tiefe Stimme, Viola, Violoncello und Klavier (1961)

„Kleine Suite“ für Klavier (1963)

„Variationen für großes Orchester“ (1965)

„Sextett“ für Holzbläser (1965)

„Kleine Hand in meiner Hand“ – 12 Lieder für Sopran und Klavier (1966)

„Wohin“ - für drei Gruppen von Instrumentalisten (1972)

“Quattro mani dentro e fuori” für 2 Pianisten (1975)

“Mutabile” für 3 Spieler mit 11 Blockflöten (1977)

„Spiel für Pedal und Register“ für Orgel (1980)

“Damit es anders anfängt zwischen uns allen“ für gemischten Chor und Orgel nach einem Text von Hilde Domin (1983)

„15 neue Weisen von A - und anderen Meisen“ für Kinderchor und Instrumentalisten (1983)

“3 Stücke” für Orchester (1984)

“Facetten” für Orchester (1984)

“Recitativo appassionato e salto” für Streichorchester (1985)

“Wege…” für Stimme, Saxophon, Violoncello und Klangsäule (1988)

„Concertantes Duo“ für Blockflöten und Schlagzeug (1991)

„Kreisgerade“ für Stimme, Saxophon, Violoncello, Klangsäule (1991)

„Hommage“ für Sopran, Posaune, Schlagzeug und Orgel (1992)

“Jaga und der kleine Mann mit der Flöte” – Kinderoper (1994)

„Concertantes Duo“ für Blockflöten und Schlagzeug (1991)

„Was singt uns Sprache, was spricht Musik“ Mitmachspiel für Singstimme, Klarinette, Violoncello und Schlagzeug (1992)

“E…staremo freschi!” für Tenorsaophon (1992)

„Triade“ für Kammerorchester (1994)

„Wieder-Vereinigung“ für 1 Sängerin, 2 Spielakteure und Kammerorchester (1995)

“Peace Now” (1983/1997)

“Noch sind alle Wege offen” Oratorium für Chorgruppen, 3 Solisten, Bläser und Orgel (1995/1996)

“Spirale“ 10 Humoresken für Sopran solo nach "Stilübungen" von Raymond Queneau (1997)

„Spaltung“ für Klavier und Elektronik (1998)

“Trio“ für Flöte, Viola und Gitarre (1999)

„Für drei“ für Flöte, Klarinette und Fagott (2000)

“Zwiefach versatil“ für 2 Spieler mit Block- und Querflöten sowie Tamtam (2001)

„Naselang das Elefantenkind“ für Sprecher und Klavier (2003)

„Schattenspiele“ für Klavier (2004)

„Para“  für Mezzosopran, Querflöte,  Violoncello und Klavier (2004)

“Memento” für Bariton, Saxophon, Schlagzeug und Klavier (2008)

„Das Signal“ für Sprecher und Orgel (2012)


Diskografie

Bis heute sind folgende CDs mit Werken von Siegrid Ernst erschienen:

Noch sind die Wege offen... (Arbeitskreis Ostbremer Kirchenmusik); ASIN: B001W0FK98

Chamber Music (Vienna Modern Masters); ASIN: B000004A6I

New Music For Orchestra: Music from Six Continents (Vienna Modern Masters); ASIN: B002X3NAZE

Music From 6 Continents (Vienna Modern Masters); ASIN: B000004A75

Facetten (Hastedt); ASIN: B000BV5XJG
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Quellen

Sekundärliteratur

Komponisten der Gegenwart im deutschen Komponisten-Interessenverband: ein Handbuch. Berlin, 1995. S. 278.

International Encyclopaedia of Women Composers. Aaron Cohen. New York, 1981. S. 148.

Zur Repräsentanz zeitgenössischer Komponistinnen im öffentlichen Musikleben der BRD. Maria Schmidt, Magisterarbeit. 1985.

Vom Schweigen befreit. Bevollmächtigte der Hessischen Landesregierung für Frauenangelegenheiten (Hg.). Wiesbaden, 1987. S. 7.

Frau und Musik am Beispiel von Hildegard von Bingen und modernen Komponistinnen. Mirja Lorenz, Examensarbeit. Münster, 1989. S. 18-35.

Klaviermusik von Komponistinnen des deutschsprachigen Raumes im 20. Jahrhundert. Andrea Hoß, Examensarbeit. Münster, 1989. S. 20-24.

Gesellschaftliche Situationen zeitgenössischer Komponistinnen, aufgezeigt an zwei Bremer Frauen: Siegrid Ernst - Ellen Koopmann. Dagmar Kunze, Examensarbeit. Bremen, 1991. S. 46–84.

Organ and Harpsichord Music by Women Composers: An Annotated Catalog (Music Reference Collection), 1991.

Komponistinnen der neuen Musik: Alice Samter, Felicitas Kukuck, Erna Woll, Ruth Bodenstein-Hoyme, Ruth Zechlin, Eva Schorr und Siegrid Ernst: eine Dokumentation. Beate Philipp (Hg.). Kassel, 1993. S. 180–205.

Siegrid Ernst zum 65. Geburtstag: ein Portrait. Beate Philipp. In: Info-Archivnachrichten des Internationalen Arbeitskreises Frau und Musik e.V. 29/1994. S. 7 und 8.

Siegrid Ernst. In: Komponistinnen der Gegenwart. Beate Philipp. München, 1994. S. 194.

Komponistinnen: eine Bestandsaufnahme. Wuppertal, 1994. S. 29 und 173.

Komponistinnen von A-Z. Antje Olivier und Karin Weingartz-Poerschel (Hg.). Düsseldorf, 1995. S. 112.

Komponistinnen aus 800 Jahren. Antje Olivier und Sergi Braun. Unna, 1996. S. 133.

Komponistinnen in Deutschland. Roswitha Sperber (Hg.). Bonn, 1996. S. 53 und 54.

Hochschullehrer (Musikhochschule Mannheim): Sidney Corbett, Ulrich Leyendecker, Hermann Grabner, Michael Küttner, Siegrid Ernst, Barbara Heller. LLC Books. Wiki-Series, 2011.

Annäherung VIII – an sieben Komponistinnen. Portraits und Werkverzeichnisse: Isabella Leonarda, Maddalena Lombardini Sirmen, Siegrid Ernst, Gabriele Hasler, Janet Beat, Olga Magidenko, Carmen Maria Carneci. Brunhilde Sonntag und Renate Matthei (Hg.)- Bd VIII. Kassel, 1997
(enthält Notenbeispiele, Fotos, Werk- und Literatur-verzeichnisse sowie Diskografien).

Passions of Musical Women. Jeannie Gayle Poole. La Crescenta, 2009.
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Forschung

Bislang liegen einige biografische Skizzen und Porträts zur Komponistin Siegrid Ernst vor.
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Forschungsbedarf

Bis auf wenige biografische Artikel oder Rezensionen in Lexika und Onlinedatenbanken fehlt jede weitergehende musikwissenschaftliche Sichtung, Analyse und Würdigung ihres Schaffens. Nur unter Mithilfe der Komponistin war es überhaupt möglich, obiges Werkverzeichnis zu erstellen. Insbesondere ihre Arbeiten für Schulorchester und kleinere Schulbesetzungen – als Zeugnisse einer intensiven Beschäftigung mit der Heranführung von Kindern an die Musik – verdienten eine engagierte Aufarbeitung.
Autor/innen:
Lena Haselmann

Bearbeitungsstand:
Redaktion: Regina Back
Zuerst eingegeben am 22.03.2013