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Marie Bigot

Anne Marie Cathérine Kiené, Marie Bigot de Morogues

* 3. März 1786 in Colmar, Frankreich.
† 16. September 1820 in Paris, Frankreich.



„Es ist schwierig, wenn nicht gar unmöglich, das Talent von Mme Bigot zu beschreiben. Verbinden Sie die Feinfühligkeit und den Charme von Marie Pleyel mit der träumerischen Anmut von Chopin; fügen Sie den enthusiastischen Schwung von Liszt hinzu, so gewinnt man eine ungefähre Vorstellung von der wundervollen Interpretation von Mme Bigot. Ein übernatürlicher Instinkt, eine Art von genialer Eingebung ließen sie augenblicklich die Idee des Komponisten erkennen, sein Ziel und die Entwicklungen, die der Hauptidee zugrundeliegen, und vermittelten ihr dergestalt den anvisierten Ausdrucksgehalt jedes musikalischen Satzgliedes und der entsprechenden klanglichen Realisierung.“

Dictionnaire du XIX Siècle par Pierre Larousse, Paris 1786-1820, Bd. 2, Sp. 729. (Übersetzung der Autorin)
Mediennachweis

Bild:
© Beethoven-Haus Bonn.www.beethoven-haus-bonn.de

Tätigkeitsfelder
Pianistin, Komponistin, Klavierpädagogin, Salonière

Orte und Länder
Marie Bigot war zunächst in Wien tätig, wo sie sich sowohl öffentlich als auch halböffentlich für das Werk Beethovens einsetzte. Nach ihrer Übersiedlung nach Paris im Jahre 1809 gehörte sie zu den frühen Wegbereitern von Werken der Wiener Klassiker als auch Johann Sebastian Bachs.

Profil
Marie Bigot war eine ausgezeichnete Pianistin und trat sowohl öffentlich in Konzerten als auch halböffentlich im Rahmen musikalischer Salons auf. Durch die Berufstätigkeit ihres Mannes im Hause des Grafen Rasumovsky lernte sie Joseph Haydn und Ludwig van Beethoven kennen. Dieser war häufiger Gast bei der Familie Bigot. Möglicherweise erteilte er Marie Bigot auch Unterricht, die häufig seine neuesten Kompositionen kennen lernte und auch die „Appassionata“ aus dem Autograf gespielt haben soll.
Ihre Tätigkeit als Klavierpädagogin, die sie vermutlich schon in Wien begonnen hatte, musste sie in Paris verstärkt fortsetzen, da sie infolge der Gefangenschaft ihres Mannes im Russlandfeldzug Napoleons gezwungen war, den Lebensunterhalt für sich und die beiden Kinder zu verdienen.
Zeitgenossen beschrieben Marie Bigot als versierte Komponistin. Bedauerlicherweise konnten bislang nur wenige Kompositionen von ihr aufgefunden werden.

Biografie

Anne Marie Cathérine Kiené wurde am 3. März 1786 in Colmar geboren. Sie erhielt ersten pianistischen Unterricht von ihrer Mutter Marie-Catherine Kiené und vermutlich später auch von anderen Lehrern. Im Jahre 1791 zog die Familie nach Neuchâtel in der Schweiz. Dort verbrachte sie ihre Jugend und dort lernte sie den aus Berlin stammenden Hugenotten Paul Bigot de Morogues kennen, den sie im Jahr 1804 heiratete. Diese Verbindung bedeutete für die Bürgerliche zweifelsohne einen gesellschaftlichen Auftstieg. Im selben Jahr zog das Paar nach Wien, wo Paul Bigot eine Stelle als Bibliothekar des musikliebenden Grafen Andrej K. Rasumovsky antrat. In dessen Salon lernte Marie Bigot Joseph Haydn, Antonio Salieri und Ludwig van Beethoven kennen, für dessen Œuvre sie sich früh einzusetzen begann. Neben vermutlich halböffentlichen Auftritten im Hause Rasumovsky, trat Marie Bigot auch mehrfach in öffentlichen Konzerten in Wien auf. Beethoven war häufiger Gast im Hause Bigot, wo Marie Bigot ihm die „Appassionata“ aus dem Autograf vorspielte. Ob sie auch Klavierunterricht von ihm erhalten hat, ist nicht gesichert, aber zumindest möglich. Mehrere Briefe Beethovens an Marie Bigot und ihren Gatten legen die Vermutung nahe, dass Beethoven sich von Marie Bigot angezogen fühlte. Im Zuge der napoleonischen Wirren zog die Familie Bigot 1809 nach Paris. Hatten die Bigots schon im Kulturlebens Wiens „eine ziemliche Rolle gespielt“ (vgl. Pohl/Bostiber, Joseph Haydn, Leipzig 1927, S. 239.), so setzten sie diese Aktivitäten in Paris fort. Ihr Haus wurde zu einem neuen kulturellen Treffpunkt. Zusammen mit dem Geiger Pierre Baillot und dem Cellisten Jacques Michel Hurel de Lamare setzte sich Marie Bigot schon sehr früh für eine Verbreitung der pianistischen und kammmermusikalischen Werke Beethovens in Paris ein. Auch bei ihrer Tätigkeit als Lehrerin, die sie durch die Gefangennahme ihres Mannes in Russland auszuüben gezwungen war, dürften Werke der Wiener Klassiker im Zentrum gestanden haben. Zu ihren berühmtesten Schülern gehörten Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy im Jahre 1816. Marie Bigot starb am 16. September 1820 bereits mit 34 Jahren an einem Lungenleiden, vermutlich Tuberkulose. Neben ihrer pianistischen Tätigkeit begann sie bereits in Wien zu komponieren. Dort erschien als op. 1 eine Klaviersonate und eine „Andante varié“ (op. 2) sowie später in Paris eine Sammlung von Etüden. Während Marie Bigot in ihrer pianistischen Laufbahn stark auf Beethoven konzentriert war, zeugt ihre Klaviersonate eher von der Rezeption Mozartscher Werke; hingegen weisen ihre Etüden bereits romantische Ausdrucksvaleurs auf.
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Würdigung

In der Beethoven-Literatur lange Zeit nur als eine der möglichen Geliebten Beethovens thematisiert, hat sich inzwischen die Erkenntnis durchgesetzt, dass Marie Bigot ein eigener geschichtlicher Rang gebührt. Ihre Bedeutung liegt vor allem darin, zu den frühen Wegbereitern der Werke der Wiener Klassik im Paris des frühen 19. Jahrhunderts zu gehören. Auch als Klavierpädagogin genoss sie einen über die Grenzen Frankreichs hinausreichenden Ruf.
„Eine interessante, echt künstlerische Erscheinung in dem ersten Decennium dieses Jahrhunderts war die Pianistin Madame B i g o t , deren Gatte als Bibliothekar beim Grafen Rasumovsky fungirte. Die künstlerische Bedeutung der jungen, liebenswürdigen Elsässerin lag hauptsächlich in ihrem Enthusiasmus für Beethoven, dessen Werke sie mit vollendeter Technik und eindringendem Verständniß vortrug.“ (Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, Wien 1869, S.231.)
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Rezeption

Marie Bigot galt zu ihrer Zeit als exzellente Pianistin und Klavierpädagogin. Zu ihren berühmtesten Schülern gehörten Fanny und Felix Mendelssohn Bartholdy. Im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts wurde Marie Bigot in der Beethoven-Literatur häufig nur als eine der möglichen Geliebten Beethovens thematisiert, doch gebührt ihr vor allem ein geschichtlicher Rang als frühe Wegbereiterin seines Werkes sowohl in Wien als auch in Paris. Durch neuere Forschungen sind sowohl ihre Biografie als auch ihre pianistische und kompositorische Physiognomie weiter erhellt worden. 1992 erschienen in einer Neuauflage ihre Sonate op. 1 und ihre „Suite d’études“.
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Werkverzeichnis

Obwohl im Nachruf von zahlreichen Werken die Rede ist, sind bisher keine weiteren Kompositionen aufgetaucht. Die Bibliothéque Nationale in Paris, die einen allerdings nur kleinen Nachlass enthält, verfügt nur über die bereits bekannten Kompositionen.

Klaviersonate B-Dur op. 1
Andante varié B-Dur op. 2, Neuausgabe hg. von Dieter M. Backes, Certosa Verlag
Rondeau
Suite d’études
einige ungesicherte Werke
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Repertoire

Marie Bigot widmete sich vornehmlich den Werken Johann Sebastian Bachs als auch den pianistischen und kammermusikalischen Werken der Wiener Klassik, im Besonderen den Klavierkompositionen Beethovens.
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Quellen

Primärquellen

Leipziger Allgemeine Musikalische Zeitung. Jg. 7. 1805. Sp. 242 und Sp. 536.
Leipziger Allgemeine Musikalische Zeitung. Jg. 11. 1809. Sp. 270.

Beethoven, Ludwig van. Briefwechsel Gesamtausgabe, Bd. 1. 1783-1807. Im Auftrag des Beethoven-Hauses Bonn. Sieghard Brandenburg (Hg.). München : Henle Verlag 1996.

Fétis, François-Joseph. Biographie universelle des musiciens et bibliographie générale de la musique. Brüssel : Librairie de Firmin Didof Frères, Fils et Cie. 1835-44, Bd. 1. S. 413f.

Larousse, Pierre. Dictionnaire du XIX Siècle. Paris Editions Larousse 1786-1820. Bd. 2. Sp. 729.

Hensel, Sebastian (Hg.). Die Familie Mendelssohn: 1729 bis 1847. Nach Briefen und Tagebüchern. Mit zeitgenössischen Abbildungen und einem Nachwort von Konrad Feilchenfeldt. Frankfurt am Main: Insel Verlag 1995, S. 125.

Mendelssohn Bartholdy, Paul (Hg.). Reisebriefe von Felix Mendelssohn Bartholdy. Leipzig: Verlag von Hermann Mendelssohn 1862, S. 305.

Gugitz, Gustav (Hg.). Johann Friedrich Reichardt. Vertraute Briefe. Bd. 1. München: Verlag Georg Müller 1915.


Sekundärliteratur

Hanslick, Eduard: Geschichte des Concertwesens in Wien. Wien: Verlag Braumüller 1869, S. 213.

Thayer, Alexander Wheelock: Ludwig van Beethovens Leben. H. Riemann (Hg.), Bd. 2. Leipzig: Verlag Breitkopf & Härtel 1908. S. 75f.

Pohl, Carl Ferdinand/ Botstiber, Hugo: Joseph Haydn. Leipzig: Breitkopf & Härtel 1927. S. 239.

Fallet, Edouard-M. „Marie Bigot (née Kuéné) à Neuchâtel“. In: Schweitzerische Musikzeitung, Jg. 58. 1948. S. 420.

Perreau, Robert. „Une grande pianiste colmarienne“. In: Annuaire de la Société Historique et Littéraire de Colmar Jg. 12. 1962. S. 59-67.

Schmidt-Görg, Joseph, „Wer war ‚die M.’ in einer wichtigen Aufzeichnung Beethovens?“. In: Beethoven Jahrbuch. Paul Mies und Josph Schmidt-Görg (Hg.). Jg. 1961-64, Bonn: Verlag des Beethovenhauses 1966, S. 75-80.

Goldschmidt, Harry. Um die Unsterbliche Geliebte. Eine Bestandsaufnahme, Leipzig: VEB Deutscher Verlag für Musik 1977 (= Beethoven Studien 2), S. 254.

Flotzinger, Rudolf, Musikgeschichte Österreichs. Bd. 2. Graz : Styria Verlag S. 191.

Johnson, Calvert, Historical Woman Composers for the Piano. Marie Kiéné Bigot de Morogues. Pullmann/Washington Vivace Press 1992, S.5.

Jeanclaude, Georgette: Un amour de Beethoven: Marie Bigot de Morogues, Pianiste, Straßburg :Verlag Oberlin 1992 (eine romanhafte Ausschmückung)

Schwarz-Danuser, Monika. „Wie kam das Autograph der ‚Appassionata’ nach Paris? – Annäherungen an die Pianistin und Komponistin ‚Marie Bigot de Morogues’“. In: Maßstab Beethoven? Komponistinnen im Schatten des Geniekults. B. Brand und M. Helmig (Hg.) (= Edition Text und Kritik). München Richard Boorberg Verlag Gmbh 2001, S. 86-105.


Links

www.vivacepress.com

www.beethoven-haus-bonn.de

http://etienne.biellmann.free.fr/colmar/de/bigotd.htm
(enthält Abbildungen des Geburtshauses und der Gedenktafel)

http://www.sophie-drinker-institut.de/
(Das Lexikon der Instrumentalistinnen des 18. und 19. Jahrhunderts enthält einen Artikel von Claudia Schweitzer über Marie Bigot.)
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Forschung

Die Biografie Marie Bigots ist im Hinblick auf die Eckdaten ihres Lebens in Grundzügen erforscht. In der Bibliothéque Nationale de France in Paris werden einige wenige Dokumente aufbewahrt. Außer den Erstdrucken von op. 1 und op. 2, dem Brief Ludwig van Beethovens an Marie und Paul Bigot aus dem Jahr 1807, vermutlich vom 4. März, dem Autograph der „Appassionata“ von Ludwig von Beethoven, befinden sich lediglich zwei kurze Briefe Marie Bigots an „Monsieur Neukomm“ und „Monsieur Miaille“ in genannter Bibliothek.
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Forschungsbedarf

Es fehlen noch Untersuchungen darüber, inwiefern von einer Bigot-Schule zu sprechen wäre, da ihre Mutter und ihre Schwester auch als Klavierpädagoginnen tätig waren. Auch stehen analytische Untersuchungen ihrer Kompositionen und quellenkundliche Untersuchungen französischer Zeitschriften aus. Außerdem könnten Nachlässe und Biografien jener Musiker, mit denen sie in Paris zusammenarbeitete, weitere Aufschlüsse geben.
Autor/innen:
Monika Schwarz-Danuser, 2. März 2007

Bearbeitungsstand:
Redaktion: Regina Back
Zuerst eingegeben am 10.06.2008.
Zuletzt aktualisiert am 10.06.2008.