Ein Besuch bei Gertrud Meyer-Denkmann

Einsichten - ein Besuch bei Gertrud Meyer-Denkmann
Essay von Kirsten Reese

Die Entstehung der Internetsite

Als ich Gertrud Meyer-Denkmann 2005 in ihrem Haus in Oldenburg besuchte (tatsächlich handelte es sich um zwei Besuche im Abstand von einigen Monaten) und darum bat, ein Gespräch mit ihr aufzeichnen zu dürfen, das die Grundlage für eine multimediale Internetseite bilden sollte, war sie zunächst skeptisch. In vielen Interviews und Radiosendungen, auf Podien und Gesprächsforen habe sie ihre Erfahrungen und Erlebnisse bereits geschildert. Dennoch erklärte sie sich bereit, dieses Gespräch mit mir zu führen, und trotz ihrer anfänglichen Skepsis wurde die Atmosphäre zusehends offener. Neben der Aufzeichnung eines Interviews lag der Sinn des Besuchs auch darin, Materialien zu sichten und zusammenzutragen, die als Medien in die Website eingebunden werden könnten. Und so gingen wir gemeinsam durch das Haus, das von ihren Eltern gebaut wurde, und in dem GMD - so wird sie von Freunden, Kollegen und Studierenden genannt - seit den 1950er Jahren lebt, und hangelten uns durch ihr Archiv: Fotos, Programmhefte, Briefe und Telegramme von befreundeten Komponisten, Plakate von Veranstaltungen mit Studierenden an der Universität Oldenburg, Kinderzeichungen, die im Rahmen von musikpädagogischen Kursen entstanden usw. Vieles fotografierte ich, darunter im Arbeitszimmer auch den Schrank, den Gertrud Meyer Denkmanns Vater zur Meisterprüfung gebaut hatte, und ebenso den Blick aus dem Wohnzimmer in den Garten, ihr "Kraftreservoir". Aus den mit Audio- und Videokassetten voll gepackten Regalen nahm ich eine Auswahl von Mitschnitten von Konzerten und von Studierenden-Aufführungen mit, um sie später durchzugehen. Im Prozess des Heraussuchens und Sichtens kommentierte Gertrud Meyer Denkmann alle Materialien, bzw. sie gaben mir Anlass zu weiteren Fragen.

Das multimediale Format

Was diese Site also gegenüber den (nicht zahlreichen) Aufsätzen und Radiosendungen zu Gertrud Meyer Denkmanns Wirken und Denken, sowie gegenüber ihrem Selbstzeugnis, der 2007 erschienenen Autobiografie "Zeitschnitte", auszeichnet, ist das multimediale Format - Gertrud Meyer Denkmann hat selbst früh die Bedeutung von Medien erkannt, und sie konsequent in ihre musikpädagogische Arbeit eingebunden. Multimedial bedeutet hier konkret, dass das Gespräch als Audiofile gehört sowie als transkribierter Text gelesen werden kann, dass die Fotos, die Gertrud Meyer-Denkmann und ich gemeinsam anschauten, abgebildet sind, und dass Audio- und Videobeispiele aus ihrem Archiv gehört und gesehen werden können. Die Site hat ein spezifisches, modernes Design, eine "flotte" Gestaltung, wie Gertrud Meyer-Denkmann wohl sagen würde, das ihr, die in den 1960er, 70er und 80er Jahren der Avantgarde zugehörte, entspricht. Eine Besonderheit liegt darin, dass die Fotos aus Gertrud Meyer Denkmanns Archiv wiederum abfotografiert wurden. Die damit verbundenen Unschärfen und minimalen Verschiebungen von Perspektiven sind gewollt, ebenso wie der teilweise noch sichtbare "Hintergrund" des Mosaiksteinbodens im Stil der 1960er Jahre, auf den die Fotos zum Abfotografieren gelegt wurden - sie stehen für das Motiv des Erinnerns und die persönliche Perspektive auf geschichtliches Material.

Struktur und Themenfelder

Die Medien sind aber nicht nur abgebildet bzw. abrufbar, sondern werden zueinander in Beziehung gesetzt. Sie sind kaleidoskopartig einem Schlagwort zugeordnet, jeweils mit der Möglichkeit, zu anderen Materialien mit demselben Schlagwort weiter zu klicken. Die Schlagworte stehen für die Themenfelder, um die das Gespräch und die von den Archivmaterialien ausgelösten Gedanken kreisten. Die Interviewausschnitte werden also nicht in einer chronologischen Abfolge wiedergegeben. Auch Gertrud Meyer-Denkmanns eigene Lebensdarstellung, ihre 2007 im wolke Verlag erschienenen "Zeitschnitte", folgen keiner Chronologie. Während aber in "Zeitschnitte" die Themen systematisch geordnet sind (die Kapitel handeln zusammengefasst von: Herkunft und Prägungen, den Darmstädter Ferienkursen, anderen Szenen und Zentren der Neuen Musik in den 60er bis 80er Jahren, anderen Festivals: Donaueschinger Musiktage, Bremen Pro Musica Nova und andere, Musikpädagogischer Unterricht und Publikationen, Forschungsarbeiten, Lehrtätigkeit an Hochschulen u.a.) ist hier die Systematik eher assoziativ und lückenhaft und wie die zusammengetragenen Materialien mosaikartig angelegt. Das Gespräch - als Audiodatei und als transkribierter Text rezipierbar - und die verschiedenen Medien stehen gleichberechtigt nebeneinander. Die Strukturierung des Inhalts gruppiert sich also um das Gespräch als Leitfaden; die Navigationsmöglichkeiten führen von Schlagwort zu Schlagwort.

Mündlicher Ausdruck und Stimme als Medium

Ein zentraler Aspekt des multimedialen Formats liegt darin, dass das Gespräch mit Gertrud Meyer-Denkmann als Audiodatei abgerufen und eben GEHÖRT werden kann. Im mündlichen Gespräch drückt sich ein Mensch anders aus als in einer schriftlichen Form. Mündlichkeit transportiert Witz, Schlagfertigkeit, Energie, der mündliche Ausdruck vermittelt, wie jemand denkt. Wir bekommen einen Eindruck davon, was Gertrud Meyer Denkmanns Persönlichkeit ausmacht und was sie in den vielen Jahren ihres Wirkens angetrieben hat: Neugierde, das Machen-Wollen, Esprit. Im Audio-Gespräch hört man ihren Tonfall und Sprachduktus, wie sie bei einem Satz schon den nächsten denkt, Betonungen, die Bedeutungen zuspitzen, eigenwillige Formulierungen und Wortschöpfungen (z.B. "Umraum"). (Der besseren Lesbarkeit halber wurde die Transkription dennoch geringfügig an eine schriftliche Form angepasst.)

Gertrud Meyer-Denkmann über das gesprochene Wort zu erleben ist aber auch deswegen wichtig und ihrem Wirken nicht äußerlich, weil sie in besonderem Maße über ihre Praxis gewirkt hat. In unserem Gespräch betonte sie immer wieder, dass sie nicht genügend Zeit gehabt habe, über die Themen, mit denen sie sich auseinandergesetzt und über die sie geforscht hat, zu schreiben und zu publizieren. Zum einen habe sie das Machen stets dem Schreiben vorgezogen, zum anderen wollte sie sich lieber mit immer neuen Bereichen und Themen auseinandersetzen, statt (für andere) das festzuhalten, was sie aus diesen Auseinandersetzungen gelernt hat. In späteren Lebensjahren begriff sie dies wohl immer stärker als Versäumnis, denn in der Zeit meiner Besuche war sie intensiv damit beschäftigt, zu den Themen, über die sie immer hatte schreiben wollen, Aufsätze fertig zustellen und zu veröffentlichen (s. Bibliografie). (Dies zeugt im Übrigen von der großen Disziplin und Willenstärke von Gertrud Meyer-Denkmann, die immerhin bereits 87 Jahre alt war). Sicher gab es auch die Befürchtung, angesichts so vieler reicher, ungewöhnlicher Erlebnisse und Bekanntschaften gegen Ende ihres Lebens nur mit anekdotenhaften Erzählungen und nicht aus inhaltlichen Gesichtspunkten, als Fachfrau, rezipiert und ernst genommen zu werden - "aus dem Nähkästchen plaudern liegt mir nicht", wie sie es im Gespräch sagte. Diese Website versucht zu zeigen, nämlich dass das praxisnahe Wirken von Gertrud Meyer Denkmann gleichwertig zu sehen ist etwa mit der Publikation von wissenschaftlichen Texten.

Weiterführend: Gertrud Meyer-Denkmanns Schriften

Dennoch kann eine Internetseite das Lesen von Gertrud Meyer-Denkmanns Schriften natürlich nicht ersetzen. Wer sich intensiver mit ihrem Denken und ihrer Forschung auseinandersetzen will und ihre Texte liest, wird feststellen, dass Selbstaussagen, die im Gespräch auf dieser Website eine Rolle spielen, sich auch in ihren Veröffentlichungen widerspiegeln, etwa ihre "Neugier", also das Interesse, sich stets neuen Entwicklungen zuzuwenden und sie zu untersuchen. Bis ins hohe Alter reflektiert Gertrud Meyer-Denkmann mit erstaunlicher Aktualität über Clubkultur, die Auswirkungen des Internet für das Komponieren, audiovisuelle Medienkunst, Gestik und Körper usw. (siehe Bibliographie).

Autobiografie - Internetsite: Fragen über Selbstdarstellung und Außenperspektiven

Diese Internetseite stellt eine Ergänzung dar zu Gertrud Meyer-Denkmanns eigener Lebensdarstellung "Zeitschnitte meines Lebens mit Neuer Musik und Musikpädagogik 1950 - 2005", erschienen 2007. Das Buch ist, zumindest was den Text angeht, wesentlich umfangreicher (für die Medien gilt das natürlich nicht) und bietet einen reichen Fundus an Beschreibungen von Begegnungen mit Akteuren der Neuen Musik besonders in den 1950er - 1980er Jahren, von Besuchen von Konzerten und Festivals und Reflexionen der eigenen musikpädagogischen, journalistischen und musikwissenschaftlichen Tätigkeit.

Gertrud Meyer-Denkmann selbst nannte dieses Buch wiederholt in unserem Gespräch keine Autobiografie, sondern kühl ihren "Bericht". Dennoch ist es alles andere als ein neutraler Bericht: in Gertrud Meyer-Denkmanns Schilderungen fließen viele Kommentare und persönliche Reflexionen ein, die zwischen den Kapiteln sogar in einer besonderen Form, als Verse, herausgestellt werden.

Ein Beispiel:

"Warum komponieren Sie eigentlich nicht?"
Das fragte mich Stockhausen einst –

Ja – Warum eigentlich nicht?
(...)
Es gibt Dinge – auch die abstraktesten oder geistigen –
die sind ohne ein Körpererlebnis nicht zu denken.
Und so verband ich in der Vermittlung von neuer Musik
Eine körpernahe Praxis sei es als Erfinden, Improvisieren
Von Musik oder als Realisieren von Aktionspartituren –
Eine Vermittlung, in der das eine durch das andere
Zu einer sinnvollen Einheit sich verbindet und somit zu
Einer neuen Sicht und des Verstehens von Musik führen könnte.

Also: Komponiere ich auch "damit".

(Gertrud Meyer-Denkmann, Zeitschnitte meines Lebens mit Neuer Musik und Musikpädagogik 1950-2005, Hofheim 2007, S.171/173)

Dieses Beispiel, in dem Gertrud Meyer-Denkmann die Hierarchisierung von Komponieren als schriftlicher Notation von Musikwerken gegenüber der Interpretation oder Vermittlung von Neuer Musik in Frage stellt, zeigt auch, warum es interessant ist, die "Zeitschnitte" ergänzend zu dem auf unserer Internetseite dokumentierten Gespräch zu lesen. In dem Gespräch wie in dem Buch spürt man bei manchen Themen ein Bedauern um die Möglichkeiten, die sie nicht hatte oder nicht realisieren konnte, zuweilen sogar eine gewisse Bitterkeit. Zu diesen Themen zählen z.B., dass sie als Nicht-Akademikerin nicht ernst genug genommen wurde (aus wirtschaftlichen Gründen konnte sie kein Abitur machen, daher auch nicht ordentlich studieren, allerdings wurde ihr 1988 von der Universität Oldenburg die Ehrendoktorwürde zugesprochen), und dass sie zu sehr auf ihre musikpädagogische Tätigkeit und ihren "Bestseller", die "Klangexperimente", festgelegt wurde.

Ambivalent ist auch die Darstellung ihrer Position als Frau in der Szene der Neuen Musik. "In meiner Arbeit habe ich in meiner Rolle als Frau kaum Probleme gehabt – ich verstand mich als ‚emanzipiert’ und war es auch." (Gertrud Meyer-Denkmann, Zeitschnitte meines Lebens mit Neuer Musik und Musikpädagogik 1950-2005, Hofheim 2007, S.171) - und in diesem Sinne äußert sich Gertrud Meyer-Denkmann auch im Interview: "ich habe nie eine feministische Unterstützung gebraucht". Auf die Frage, ob sie sich je mit Frauen besonders identifiziert oder solidarisiert, oder sich einer Frauengruppe angeschlossen habe, antwortete sie, dass sie das nie besonders interessiert habe, weil die Zeiten ganz anders gewesen seien, und weil sie sich immer schon als Einzelgängerin durchgeschlagen habe. Die in die Internetseite eingebundenen Medien zeigen jedoch, dass zumindest in der Hochzeit der Frauenbewegung ein Interesse an feministischen Themen vorhanden war. Ein Foto zeigt ein an der Wand des Arbeitszimmers hängendes Plakat eines Konzerts mit der Frauengruppe N'OVA, und es gibt Videoausschnitte eines musikalischen 'Frauenprogramms' (Songs von Meredith Monk und eine ironische Musikalisierung von Schillers Glocke - das Video wurde übrigens von Eva Rieger gefilmt!).

Man mag sagen, dass aus heutiger Perspektive nicht viel dazu gehört sich vorzustellen, wie in bezüglich der Rolle der Frau emanzipierteren Zeiten Gertrud Meyer-Denkmanns beruflicher Werdegang anders verlaufen wäre, wahrscheinlich sogar im Hinblick auf eine eigene kompositorische Tätigkeit. Solche Überlegungen sind jedoch gerade in Bezug auf Genderaspekte heikel. Die Behauptung, weil sie eine Frau war, konnten bestimmte berufliche Optionen nicht verwirklicht werden, läuft sie nicht zentrale Themen einer genderorientierten Musikforschung zuwider, wie sie auch mit dem Forschungsprojekt Musikvermittlung und Genderforschung im Internet, in dessen Rahmen diese Internetseite ja erscheint, repräsentiert werden? Denn letztendlich geht es ja gerade darum, mit Hierarchisierungen und Antagonismen zu brechen und gerade keine Wertungen vorzunehmen zwischen Publizieren und mündlicher Überlieferung als Lehrerin, zwischen Musikpädagogik und Musikwissenschaft, zwischen Komponieren und Vermittlung von Neuer Musik ...

Eine persönliche Perspektive

Wie ambivalent diese Themen sind, wird aus einem Ausspruch und einer Email deutlich, die nicht im Zusammenhang mit unserem Gespräch standen: Ich begegnete Gertrud Meyer-Denkmann zuerst 2004, als im Edith-Ruß-Haus für Medienkunst ein Porträt-Konzert mit meinen Kompositionen und Installationen stattfand. Als das Konzert zu Ende war, kam sie auf mich zu und "Sie haben es gut, das hätte ich auch gerne gemacht, mir hat man gesagt, ich muss schreiben."

In eine ähnliche Richtung ging auch die Email, die sie mir kurz nach meinem ersten Besuch in Oldenburg schrieb:

"Hallo Kirsten Reese,
ich habe ein schlechtes Gewissen: zu viel Gerede meiner-seits - zu wenig sachliche, objektive Antworten. Vor allem: angesichts Ihrer Vita und Werkliste (leider konnte ich sie erst hinterher lesen), hätte ich gerne sehr viel mehr über Ihre Kompositionen gehört! Ihre Arbeiten und Tätigkeiten finde ich hochspannend! In ähnlicher Weise hätte ich mir meine Tätigkeiten etc gewünscht: aber in Oldenburg ist so was nicht möglich ..."

Erst beim Verfassen dieses Texts dachte ich darüber nach, dass zu der Zeit, als Gertrud Meyer-Denkmann sich als Komponistin hätte etablieren können, es die Formate, auf die sie sich bezog - Klanginstallationen, performative Formen zwischen Komposition und Installation - so noch kaum gab. Nicht umsonst fühlte sich Gertrud Meyer-Denkmann am stärksten zu John Cage hingezogen, der am meisten die traditionellen Formen des Komponierens durchbrach.

Obwohl Gertrud Meyer-Denkmann vielleicht in vielen Zusammenhängen Außenseiterin blieb - bei den Darmstädter Ferienkursen als 39-jährige Frau (beim ersten Besuch 1957) unter größtenteils viel jüngeren, fast ausschließlich männlichen Komponisten; als Musikpädagogin aus der Provinz, die in der musikalischen Kreation in der Neuen Musik mit Kindern neue Bahnen schuf; als künstlerisch Tätige und praktisch Forschende im Hochschulbetrieb ... - obwohl sie vielleicht nie ganz dazugehörte, verschaffte sie sich Gehör und erarbeitete sich den Respekt von KollegInnen und StudentInnen, die von ihren Impulsen in der Neuen Musik und Musikpädagogik geprägt und inspiriert wurden.

Sie ging einen ganz eigenen, IHREN Weg.

"Nein, es gab keinen Weg, ich wollte, musste gehen – allein, ohne Wegweiser.
Was trieb mich?
Neugier, wissen, lernen wollen.
Immer wieder auf der Suche nach Neuem, das, was anders war, sich veränderte."

(Gertrud Meyer-Denkmann, Zeitschnitte meines Lebens mit Neuer Musik und Musikpädagogik 1950-2005, Hofheim 2007, S.11)

Nachtrag: Seit 2009 werden Teile der Musiksammlung und Korrespondenz Gertrud Meyer-Denkmanns aufbewahrt und archiviert. In Oldenburg betreuen u.a. Prof. Dr. Melanie Unseld (Universität Oldenburg) sowie Till Knipper die Bestände der Sammlung von Gertrud Meyer-Denkmann.