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HAMBURGER DIENSTMÄDCHEN - TRINTJE, GESCHE UND DIE "VERKEHRTE WELT"
Trintje

Ein frühes Beispiel eines Dienstmädchen auf der Hamburger Opernbühne ist das "nieder-sächsische Mädgen" Trintje aus "Der angenehme Betrug oder: der Carneval von Venedig" (1707) - von Reinhard Keiser, mit Einlagen von Christoph Graupner, Marc Antonio Ziani und André Campra, Libretto von Meister und Mauritz Cuno. Dieses Werk gehörte zu den meist gespielten Opern und wurde bis 1735 immer wieder aufgeführt. Die Gesamtpartitur ist wohl verloren, aber Trintjes Lied "Watt wart uns armen Deerens" war so beliebt, dass es immer wieder abgeschrieben und auch außerhalb der Oper gesungen wurde. Eine solche Abschrift ist überliefert - damit ist Trintjes Klage eine der wenigen erhaltenen plattdeutschen Arien aus dieser Zeit.

Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky Hamburg. Signatur: Mus. ms. ND VI 25, folio 8 verso. Die Noten sind auch abgedruckt in: Hellmuth Christian Wolff: Die Barockoper in Hamburg (1678-1738). 2 Bände. 1957 Wolfenbüttel. 2. Band: Notenband, S. 104.

3. Akt, 8. Szene, 1. von 4 Strophen
Wat wart uns armen Deerens suer
Umm Kost und Kleer to winnen,
Gewiß man drillt uns up dee duer
Mit schüren, neyen, spinnen,
Dat Lohn ist höchstens dörtich Marck,
Forwahr dat is een groten Quarck.
Doch tbest ist, dat darneven
Noch Accedentzen geven.
  
Was wird es uns armen Mädchen sauer
um Kost und Kleider zu erwerben.
Gewiß man quält uns auf Dauer
mit Scheuern, Nähen, Spinnen.
Der Lohn beträgt höchstens 30 Marck,
das ist fürwahr ein großer Quarck,
doch es ist gut, daß es daneben
noch Akzidentien gibt.

Übersetzung von d.V. und Peter Nissen.




Trintje klagt über Arbeitsüberlastung und zu geringen Lohn. Ihr Text stammt von den Librettisten Meister und Cuno, von denen nur bekannt ist, dass Mauritz Cuno als Kassierer bei der Hamburgischen Bank arbeitete und 1712 starb. Genau haben sie die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Dienstboten beobachtet, dabei sparen sie nicht mit spöttischer, aber zugleich klischeehafter Kritik am Lebenswandel der DienstbotInnen und ihrer Herrschaft.
Trintjes Klage wurde ein Gassenhauer und wiederholt auf fliegenden Blättern gedruckt:
Weil das Blattdeutzsche in dem Venetianischen Carneval so viel Approbation gefunden, so verkauffen solche Lider nunmehro die Gaßen Jungen, und hatt man solchen Connoisseurs zu gefallen, noch einen halben Bogen dazu gefüget...
Der Komponist Reinhard Keiser an die Gräfin Dernath am 23. August 1707.

Von ihrem Lohn kann Trintje nicht die Kleidung finanzieren, die sie bei Ausgängen mit ihrer Herrschaft tragen soll. In Trintjes Dienstmädchenklage werden kaum lösbare Widersprüche deutlich: einerseits das vermeintlich in den niederen Ständen verbreitete Streben nach luxuriösen Kleidern, andererseits die Ansprüche der Herrschaft, die ihren Wohlstand durch fein geputzte Dienstmädchen repräsentiert sehen will. Trintje verdient sich etwas dazu - durch     Akzidentien  wie etwa Extraeinkünfte für besondere Botengänge - aber auch erotische Dienstleistungen brachten Lohnaufbesserungen. Das deutet zum Beispiel die Brautmagd Liske mit dem sprechenden Nachnamen "Gern-Manns" an, und zwar in dem beliebten Zwischenspiel: "Die lustige Hochzeit und dabey angestellte Bauren=Masquerade" (1708, 1715 (?), 1728; Libretto: Mauritz Cuno; Musik: Christoph Graupner und Reinhard Keiser.) Die fein gekleidete Liske, die wie viele Hamburger Dienstmädchen vom Lande stammt (hier aus Osdorp, dem heutigen Osdorf), berichtet, wie sie manchmal von ihrem Herrn Geld in ihre Schürze geworfen bekommt, vermutlich für erotische Gefälligkeiten:

Unse Sinior is myn gode Fründ, de wart my nich verlaten,
He schmit uht Kortzwihl mennig mahl,
Wen he kumt fam Canthor herdahl,
En Marck of twe my offt in mynen Platen.
I. Akt, 2. Szene
   Unser Signor ist mein guter Freund,
der wird mich nicht verlassen,
er wirft aus Kurzweil manchesmal,
wenn er vom Kontor herunterkommt,
eine Marck oder zwei mir in meine Schürze.


    "Der Dreßdnische Mägde=Schlendrian": Titelblatt eines satirischen Nachspiels in Anspielung auf übliche Epiloge von Theaterstücken und Opern. Der Autorenname ist ein Pseudonym. Interessant ist die Abbildung, weil sich hier einmal ein Dienstmädchen wehrt. Das Spruchband über dem Bild lautet: "Das ist der Mägde Schlendrian, Wenn man sich sonst nicht rächen kann. So packt man Topff und Tiegel an."
Der Dreßdnische Mägde=Schlendrian/ In einem Satyrisch=Moralischen
Nach=Spiele/Auff dem Theatro zu Nirgendshausen Vorgestellet. Durch
Oreste. 1729.