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  • Dora Christ

    von Martina Bick
    Namen:
    Dora Christ
    Lebensdaten:
    geb. in Fulda, Deutschland
    gest. unbekannt in KZ Ravensbrück, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Musikerin, Instrumentalistin

    Profil

    Dora Christ war eine Musikerin aus Deutschland, die 1943 mit ihrer dreijährigen Tochter Rosemarie aus der Tschechoslowakei ins sogenannte „Zigeunerlager“ Auschwitz-Birkenau deportiert wurde, wo ihre Tochter nach fünf Monaten starb. Dora Christ wurde im April 1944 nach Ravensbrück deportiert. Über ihr weiteres Schicksal ist bis jetzt nichts bekannt.

    Orte und Länder

    Dora Christ wurde in Fulda geboren und hat in Dingolfing ein Kind geboren. Sie wurde mit einem Transport aus der Tschechoslowakei ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und von dort aus nach Ravensbrück deportiert.

    Biografie

    Dora Christ, Sintezza, wurde am 23. März 1919 in Fulda geboren.

    Am 19. März 1943 wurde sie zusammen mit ihrer dreijährigen Tochter Rosemarie Christ, geb. am 27. Januar 1940 in Dingolfing, mit einem Transport aus der Tschechoslowakei ins KZ Auschwitz eingeliefert. Beide sind im „Hauptbuch (Frauen)“, der Dokumentation des sogenannten „Zigeunerlagers“ des KZs Auschwitz-Birkenau, in dem von Ende Februar 1943 bis Ende Juli 1944 mehr als 20.000 Roma und Sinti inhaftiert waren, auf den Seiten 339 und 340 unter Nr. [Z] 5266 und [Z] 5267 registriert. Aufgrund des Eintrags „Musikerin“, mit dem Dora Christ versehen wurde, nimmt Claudia Maurer Zenck an, dass sie ebenso wie sieben andere Frauen, die als „Musikerin“ im „Hauptbuch (Frauen)“ registriert wurden, Instrumentalistin und nicht Sängerin war (vgl. Claudia Maurer Zenck, „Spuren unbekannter deutscher und österreichischer Musikerinnen. Auf der Suche nach NS-verfolgten ‚Zigeunerinnen‘ und ihrer Geschichte“, 2016, online-Publikation ohne Seitenangabe).

    Rosemarie Christ trug den Familiennamen der Mutter, d.h. das Kind galt offiziell als unehelich. Doch so jung Dora Christ Mutter geworden war, vermutet Maurer Zenck, – nämlich mit 20 Jahren – konnte sie doch in der üblichen „Zigeunerehe“ gelebt haben, in der beide Partner „von der Sippe zusammengesprochen“ wurden (Philomena Franz, Zwischen Liebe und Haß, S. 28); für eine offizielle Ehe sei sie noch zu jung gewesen, denn bereits am 8. Dezember 1938 hatte Himmlers „Erlass RFSS betr. Bekämpfung der Zigeunerplage“ legale Eheschließungen zwischen „Zigeunern“ verboten. Auch eine „Mischehe“ hätte sie nicht mehr eingehen können, denn auch diese wurden nach dem Juni 1941 nur noch ausnahmsweise zugelassen. „Mischehen“ aber waren die einzige einigermaßen sichere Ausnahmeregelung, die sie und ihr Kind vor der Deportation hätte bewahren können (vgl. Fings/Sparing, Rassismus – Lager – Völkermord, S. 387). Dora Christs Tochter Rosemarie überlebte im Lager nur fünf Monate, sie starb am 23. August 1943.

    Im April, Mai und zuletzt am 1. August 1944 begann man, die noch arbeitsfähigen Frauen in Auschwitz-Birkenau nach und nach ins KZ Ravensbrück zu deportieren, bevor die im „Zigeunerlager“ verbliebenen knapp 3.000 Sinti und Roma in der Nacht vom 2. zum 3. August 1944 vergast wurden. Dora Christ wurde am 15. April 1944 nach Ravensbrück deportiert, wodurch ihre Überlebenschancen stiegen: „Überlebt haben in Ravensbrück die jüngeren, anpassungsfähigeren Zigeunerfrauen, die in den verschiedenen Werkstätten des Lagers arbeiten konnten; (…) die älteren und kränklichen Frauen sind auch hier mit ihren Kindern zugrunde gegangen, im Lager selbst oder auf den Transporten nach Maidanek und nach Auschwitz und zuletzt bei der Auflösung von Ravensbrück, auf den Hungermärschen nach Bergen-Belsen und Mauthausen.“ (Steinmetz, „Die Verfolgung der burgenländischen Zigeuner“, S. 119. Alle Zitate und Informationen nach Maurer Zenck, a.a.O.). Über das weitere Schicksal von Dora Christ ist bis jetzt nichts bekannt.

    Quellen

    Fings, Karola/Sparing , Frank, Rassismus - Lager - Völkermord. Die nationalsozialistische Zigeunerverfolgung in Köln (Schriften des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, Bd. 13), Köln 2005.


    Franz, Philomena, Zwischen Liebe und Haß, Freiburg i.Br. 1985, 2. Aufl.1986, 3. Aufl. 1987; erweiterte Ausgabe mit dem Untertitel „ein Zigeunerleben“, Rösrath 2001.


    „Hauptbuch des Zigeunerlagers Auschwitz (Frauen)“, in: Gedenkbuch. Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, hrsg. vom Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma Heidelberg, 2 Bde., München 1993, Bd. 1 (in Bd. 2: „Hauptbuch des Zigeunerlagers Auschwitz [Männer]“).


    Maurer Zenck, Claudia, „Spuren unbekannter deutscher und österreichischer Musikerinnen. Auf der Suche nach NS-verfolgten ‚Zigeunerinnen‘ und ihrer Geschichte“, in: Multimediale Festschrift für Beatrix Borchard, online seit August 2016, Kapitel Biographik, http://mugi.hfmt-hamburg.de/Beatrix_Borchard/


    Maurer Zenck, Claudia, „Verfolgungsgrund: 'Zigeuner'. Nachruf auf unbekannte Musiker“, in zwei Teilen erschienen in: mr-[musica reanimata-]Mitteilungen H. 88 (Dez. 2015), S. 1–19, und H. 89 (März 2016), S. 1–20.


    Maurer Zenck, Claudia, Verfolgungsgrund: „Zigeuner“. Unbekannte Musiker und ihr Schicksal im „Dritten Reich“, Wien 2016 (= Antifaschistische Literatur und Exilliteratur – Studien und Texte, Bd. 25).


    Steinmetz, Selma, „Die Verfolgung der burgenländischen Zigeuner“, in: In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt, hrsg. von Tilman Zülch, Reinbek 1979, S. 112–133.


    https://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00006568

    Forschungsbedarf

    Forschungsbedarf besteht für die Biographie und das weitere Schicksal von Dora Christ sowie für alle im Nationalsozialismus verfolgten Sinti- und Roma-Musikerinnen und insbesondere die Tradition von Instrumentalistinnen unter diesen Musikerinnen.

    Autor/innen

    Martina Bick


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Silke Wenzel
    Zuerst eingegeben am 15.06.2017


    Empfohlene Zitierweise

    Martina Bick, Artikel „Dora Christ“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 15.6.2017.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/Artikel/Dora_Christ