Herzlich Willkommen bei MUGI

  • (PDF)
  • (100%)
  • Deutsch
  • Zuzana Růžičková

    von Silke Bernd
    Namen:
    Zuzana Růžičková
    Lebensdaten:
    geb. in Pilsen, Tschechoslowakei
    Charakterisierender Satz:

    „Die ,Goldberg-Variationen’ haben für mich immer eine ganz besondere Bedeutung gehabt: Wenn die Aria am Ende der Variationen zum zweitenmal erklingt, sind da zwar dieselben Noten, aber es ist nicht mehr dieselbe Musik: Denn das Thema hat in den 30 Variationen ein Schicksal erfahren, wie es nur ein Mensch erfährt, der das Leben mit Höhen und Tiefen, Freude und Leid, Glück und Tragödie besteht [...]. Ich werde diese Schluss-Arie nicht ohne eine tiefe innere Bewegung spielen können.“


    (Zuzana Růžičková in einem Interview am 9./10. Oktober 1999 in Prag)


    Profil

    Die tschechische Cembalistin Zuzana Růžičková überlebte als jüdisches Kind vier NS-Konzentrationslager. Bei der Bewältigung der traumatischen Erlebnisse half und hilft ihr die Musik, insbesondere die Musik von Johann Sebastian Bach. Eine besondere Rolle spielt im Leben der Künstlerin auch das Engagement für die Ermordeten des Holocaust. Mit Vorträgen und Roundtablegesprächen erhält sie die Erinnerung am Leben.

    Orte und Länder

    Zuzana Růžičková wuchs bis zu ihrem elten Lebensjahr in Pilsen in der Tschechoslowakei (heute Plzeň in Tschechien) auf, bevor sie in die Konzentrationslager Theresienstadt, Auschwitz, Hamburg-Neuengamme und Bergen-Belsen deportiert wurde. Nach der NS-Zeit nahm sie ein Cembalostudium in Prag auf, das sie später in Paris fortsetzte. Konzerttourneen führten sie anschließend durch ganz Europa, in die USA und nach Japan. Als Professorin wirkte sie in Prag und Bratislava.

    Biografie

    Zuzana Růžičková wurde als einziges Kind jüdischer Eltern am 14. Januar 1928 in Pilsen geboren. Die Familie Růžičková lebte in einer großen Wohnung gegenüber ihrem Spielwarengeschäft.

    Zuzana Růžičková erfuhr die Bildung einer höheren Tochter. Ihr Vater, der längere Zeit in den USA gearbeitet hatte, brachte ihr Englisch bei, das Kindermädchen Deutsch, und neben der Schule erhielt sie Französischunterricht, an den Nachmittagen Turn- und Ballettunterricht. Es war die Großmutter väterlicherseits, Pavla Růžičková, geb. Sternschuss, die Zuzana Růžičkovás Interesse an der Musik weckte und förderte. Sie nahm ihre Enkelinnen Dagmar und Zuzana schon früh mit in Oper und Operette, in Konzerte und ins Theater.

    Mit acht Jahren erhielt Zuzana Růžičková zuerst Klavierunterricht bei Marie Provazníková-Šašková, später Cembalounterricht – denn schon damals liebte sie die Musik Johann Sebastian Bachs. Bald stellte sich das außergewöhnliche Musiktalent heraus, und Zuzana Růžičková meldete sich in Paris bei der Cembalistin Wanda Landowska an, um nach Beendigung der Schule bei ihr zu studieren.


    Doch aus diesen Plänen sollte nichts werden. Am 15. März 1939 – Zuzana Růžičková war gerade elf Jahre alt – marschierten die Nazis in die Tschechoslowakei ein und errichteten das Protektorat Böhmen und Mähren. Als Jüdin durfte Zuzana Růžičková nun weder die Schule besuchen noch Klavierunterricht nehmen. Der Traum von Paris und einer Musikerinnenlaufbahn war zerstört, nur heimlich erhielt sie weiteren Unterricht.

    Im Januar 1942 wurde die Familie nach Theresienstadt deportiert. Die 14-Jährige kam ins sogenannte Jugendheim, den Block L 410. In Theresienstadt bekam sie durch ihre musikalische Interessen Kontakt zu Gideon Klein, er unterrichtete sie kurzzeitig in Kontrapunkt und Harmonielehre und gab ihr einige Klavierstunden. Sie sang im Chor bei der Aufführung von Friedrich Smetanas Oper „Die verkaufte Braut“ und wohnte den ersten Aufführungen des Ledec-Quartetts bei.

    Im Dezember 1942 wurden Zuzana Růžičková und ihre Mutter nach Auschwitz deportiert (der Vater war bereits im Mai 1942 in Theresienstadt gestorben), hier arbeitete sie im Block II b für Kinder. Der Ermordung in Auschwitz entgingen Zuzana Růžičková und ihre Mutter wie durch ein Wunder: Sie waren in dem einzigen Transport von 1.500 jüdischen Frauen nach Hamburg-Neuengamme, wo sie Aufräumarbeiten nach den Bombenangriffen der Alliierten leisten mussten, wie etwa beschädigte Erdölleitungen ausgraben, Gräben und Straßen von Trümmern befreien und Gräben wieder zuschütten. Die Häftlinge trugen keine Handschuhe zum Schutz gegen Schmutz oder Kälte, und gerade die Beschädigung ihrer Hände muss für Zuzana Růžičková besonders entmutigend gewesen. Denn nach wie vor hoffte sie darauf, wieder Klavier spielen zu können.

    Gegen Ende des Krieges, im Februar 1945, wurden Zuzana Růžičková und ihre Mutter in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert, wo sie bis zur Befreiung blieben.


    Die Rückkehr in die Heimat im August 1945 war schwierig und brachte Probleme mit sich. Zuzana Růžičková war zum Zeitpunkt ihrer Befreiung 17 Jahre alt. Ihre Jugend war von schlimmsten Erlebnissen geprägt worden und sie hatte fast ihre gesamte Familie im Konzentrationslager verloren. Ihr fehlten fünf Jahre Schulbildung und fünf Jahre Klavierunterricht, und ihre Hände waren durch harte Arbeit sehr mitgenommen. Sie selbst räumte sich für eine Konzertkarriere kaum noch Chancen ein, dennoch gelang es ihr, sich aus dem Nationalfonds ein Klavier zu beschaffen, und sie fing an zu üben. Nach anderthalb Jahren konnte sie an der Musikhochschule Prag ihr Studium aufnehmen.


    1947 begann sie dort ihr Klavierstudium bei Professor F. Rauch. In ihrem dritten Studienjahr fand sie zur Musik Bachs zurück und begann, Cembalo zu studieren. 1951 gab sie ihren ersten Soloabend am Cembalo, kurze Zeit später schloss sie das Klavierstudium mit einer besonderen Auszeichnung ab: Sie durfte ihr Abschlusskonzert mit der Tschechischen Philharmonie spielen.

    Zuzana Růžičková war nun 23 Jahre alt. In der Anfangszeit ihrer Konzerttätigkeit gab sie zusätzlich Klavierunterricht in den Kompositionsklassen der Musikhochschule. Dort lernte sie auch ihren späteren Ehemann kennen, den Komponisten Viktor Kalabis. Nebenbei betreute die Künstlerin Meisterkurse in Zürich. In Konzerten konzentrierte sie sich von Anfang an auf das Cembalo.

    1956 gewann sie den zweiten Preis beim ARD-Wettbewerb in München und wurde daraufhin von der französischen Jurorin Marguerite Roesgen-Champion nach Paris eingeladen, wo sie mit einem Stipendium ihre Studien fortsetzen konnte. In der französischen Hauptstadt widmete sich die junge Künstlerin v.a. der französischen Barockmusik. Rasch folgten Rundfunk- und Schallplattenaufnahmen, Konzerte mit Kammerorchestern in Paris (Jean Marie Paillard: „Sinfonia”, Dir. Jean Witold) und Konzertreisen, die sie bis heute unternimmt.

    1962 gründete sie gemeinsam mit Václav Neumann die Prague Chamber Soloists. Regelmäßig trat sie gemeinsam mit Kammermusikpartnern wie Josef Suk, Aurèle Nicolet, Pierre Fournier oder Jean-Pierre Rampal auf.

    Ein Vertrag mit der Firma Erato, der die Einspielung des gesamten Cembalo-Werkes von Johann Sebastian Bach vorsah, unterstrich die Bedeutung der Cembalovirtuosin. Aus diesem zehnjährigen Projekt gingen insgesamt 32 Langspielplatten hervor. Ihre Leistungen wurden auch von der Firma Teldec anerkannt, indem sie für die Veröffentlichung „Bach 2000“ einen großen Teil ihrer früheren Cembalo-Einspielungen übernahm.

    Zuzana Růžičkovás Einsatz für das Cembalo trug Früchte: Viermal wurde sie mit dem „Grand Prix du Disque“ ausgezeichnet, und Supraphon verlieh ihr die Goldene Schallplatte für über 300.000 verkaufte Schallplatten und CD’s.


    1978 konnte Zuzana Růžičková in Bratislava an der Hochschule für Musik eine Cembaloklasse aufbauen, dort unterrichtete sie bis 1984 als externe Professorin und pendelte zwischen Bratislava und Prag. 1984 erhielt sie in Prag die Bewilligung, Cembalo als Nebenfach zu lehren, 1986 als Hauptfach. Meisterklassen leitete sie in Zürich, Stuttgart, Budapest und Tokio. Nach der Wende 1990 erhielt Zuzana Růžičková eine Professur an der Akademie der Musischen Künste in Prag.


    1998 war die Künstlerin zum elften Mal in Japan auf Tournee, im Jahr 2000 in den USA. An der Prager Akademie für Musische Künste betreut sie als Professorin weiterhin einen Meisterkurs und hält Vorlesungen. Dazu kommen ihre zahlreichen Verpflichtungen und Ämter im öffentlichen Leben: sie ist Vizepräsidentin des Musikfestivals „Prager Frühling“, stellvertretende Vorsitzende der Gesellschaft der „Freunde der Musik“, Ehrenmitglied der NEMA (National Early Music Association of Great Britain) und Aufsichtsrätin der gemeinsam mit Josef Suk gegründeten „Stiftung Antonín Dvořák“.

    In der tschechischen Republik wurde sie 1968 und 1989 für ihre künstlerischen Verdienste ausgezeichnet. 2003 wurde ihr in Frankreich der Ehrentitel „Chevalier de l'Ordre des Arts et des Lettres” verliehen und in Tschechien die Ehrenmedaille.

    Würdigung

    Neben ihrer Konzerttätigkeit hat sich Zuzana Růžičková die Beschäftigung mit ihrer Vergangenheit im Konzentrationslager und das Erinnern an die Ermordeten zur Pflicht gemacht. Sofort nach ihrer Befreiung begann sie, ihre Erlebnisse öffentlich zu erzählen. Soweit es ihr möglich ist, besucht sie Tagungen, Gedenkveranstaltungen und hält Vorträge, um das Erinnern wach zu halten.

    Rezeption

    Siehe Biografie.

    Werkverzeichnis

    Diskografie

    (die Diskografie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, sie listet die z.Zt. im Handel erhältlichen Aufnahmen)


    The Viola through the Ages. Johann Sebastian Bach. Mit Josef Suk. Prd 1997.


    Kammermusik von Hans Krasa. Mit dem Kocian Quartett. Prd 1997.


    Cembalo Konzerte von Johann Sebastian Bach. Mit den Prager Kammersolisten und Vaclav Neumann. Supraphon 2001.


    Cembalo-Musik aus alten Schweizer Tabulaturen. Jecklin Zürich 1998.


    Bach 2000. Vol. 100. (Inventionen und Sinfonien). Teldec 2000.


    Sonaten für Cembalo. Domenico Scarlatti. Orfeo 1987.


    Englische Virginalisten. Byrd, Bull, Morley. Orfeo 1988.


    Cembalo-Sonaten von Domenico Scarlatti. Supraphon 1997.


    The Czech Degenerate Music. Musik von Hans Krasa und Pavel Haas. Mit dem Kocian Quartett. Prd 2002.


    Violinsonaten von J.S. Bach. Mit Josef Suk. Erato 2004.

    Repertoire

    Siehe Diskografie.

    Quellen

    Literatur


    Cowley, Deborah. „Zuzana Růžičková. Grande Dame am Cembalo“. In: Das Beste Reader’s Digest. Dezember 1998. S. 128-140.


    Bernd, Silke. Zuzana Růžičková. In: Lebenswege von Musikerinnen im „Dritten Reich“ und im Exil. Arbeitsgruppe Exilmusik am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg (Hg.). (= Musik im „Dritten Reich“ und im Exil, Bd. 8, Hanns-Werner Heister und Peter Petersen (Hg.)). Hamburg: von Bockel, 2000. S. 364-384.



    Links


    http://de.wikipedia.org/wiki/Zuzana_R%C5%AF%C5%BEi%C4%8Dkov%C3%A1

    http://www.jsebestyen.org/ruzickova/

    Forschung

    Die Informationen und Zitate stammen aus den Gesprächen der Autorin mit Zuzana Růžičková am 9./10. Oktober 1999 in Prag. Soweit wie möglich wurden die Daten mit Informationen aus anderen Quellen verglichen, die meisten Angaben stützten sich indes auf die mündlichen Aussagen der Künstlerin.

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Zuzana Růžičková umfasst ihre Biografie sowie alle ihre Tätigkeiten, darunter ihre Konzerte und Konzertreisen sowie ihre musikpädagogischen Tätigkeiten. Auch der Einfluss ihrer Biografie auf ihre spätere professionelle Musikausübung bedarf weiterer Forschungen.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 113538746
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 128407972
    Library of Congress (LCCN): n81140131
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Silke Bernd, 15. Februar 2005


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 14.04.2009


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Bernd, Artikel „Zuzana Růžičková“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 14.4.2009.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Zuzana_Růžičková