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    von Marina Lobanova
    Namen:
    Xenia Erdeli (orig.: Ксения Александровна Эрдели)
    Lebensdaten:
    geb. in Landsitz der Familie in Miroljubowka bei Jelisawetgrad,
    gest. in Moskau,

    Nach julianischem Kalender wurde Xenia Erdeli am 8. Februar 1878 geboren.
    Tätigkeitsfelder:
    Russische/sowjetische Harfenistin und Musikpädagogin
    Charakterisierender Satz:

    «Ее игра отличается блеском, яркой звучностью, высокохудожественной отделкой […]. Ксения Александровна является одной из самых талантливых и ярких представительниц новейшей школы игры на арфе».


    („Ihr Spiel wird durch Glanz und einen markanten Klang gekennzeichnet; es ist auf höchst künstlerische Art ausgearbeitet. [...] Xenia Alexandrowna [Erdeli -- M. L.] ist eine der talentiertesten und hervorragendsten Vertreterinnen der neuesten Schule des Harfenspiels".


    Alexander Glasunow, http://www.harps.ru/index.php?option=com_content&view=article&id=128


    Profil

    Xenia Erdeli war eine sehr prominente russische/sowjetische Harfenistin und Musikpädagogin. Sie begründete die sogenannte „sowjetische Harfenschule“.

    Biografie

    Xenia Alexandrowna Erdeli wurde am 20. (2.) Februar 1978 auf dem Landsitz der Familie in Miroljubowka bei Jelisawetgrad (Russisches Imperium, heute: Kirowograd, Ukraine) in eine der reichsten und bedeutendsten Adelsfamilien Russlands hineingeboren. Ihr Vater, Alexander Semjonowitsch Erdeli (1825-1898), war Gouverneur des florierenden südrussischen Cherson-Gouvernements. Erdelis Mutter, Anna Wiktorowna Lutkowskaja (1829-?), war ebenfalls adliger Abstammung. Die adlige Herkunft Xenia Erdelis wurde lange Zeit aus politisch-ideologischen Gründen nicht in sowjetischen Lexika und Enzyklopädien erwähnt, ebenso wenig in neueren russischen musikpublizistischen Beiträgen. Erst dank jüngster genealogischer Forschungen wurden diese Fakten nachgewiesen (http://www.melentyev.ru/gedcom/default.htm?page=family-and-fam00341.htm; http://www.melentyev.ru/gedcom/default.htm?page=family-and-fam00341.htm). Der Familienname Erdeli stammt von dem ungarischen Wort Erdélyi ab, das so viel bedeutet wie "verwandt mit Transsilvanien". Die ersten russischen Erdelis waren Ende des 18. Jahrhunderts von Siebenbürgen aus in das Gebiet um das Schwarze Meer eingewandert, wo sie bereits im 19. Jahrhundert als eine der reichsten Familien Russlands galten. Unter den bekannten Namensträgern finden sich u.a. der britische Mathematiker ungarischer Abstammung Arthur Erdélyi (1908–1977), der ungarische Dichter, Philosoph und Ethnograph János Erdélyi (1814–1868) und der ungarisch-rumänische Schachmeister Stefan Erdélyi (1905–1968).

    Alexander Semjonowitsch Erdeli war 1874 zum stellvertretenden Gouverneur des Cherson-Gouvernements ernannt worden, von 1876 bis 1890 stand er ihm als amtierender Gouverneur vor. Er sorgte dafür, dass die Stadt Cherson eine Abteilung der Staatlichen Bank, eine Realschule, das Stadttheater, die öffentliche Bibliothek, die Wasserleitung u.a. erhielt. Für seine Verdienste wurde Erdeli 1890 zum Ehrenbürger der Stadt ernannt (Sergei Djatschenko. "Ėrdeli i Komsomol’skaja ulica" [Erdeli und Komsomolskaja-Straße]. http://newfavorite.net/erdeli.htm).

    Xenia Erdeli wurde seit 1889 im St. Petersburger Smolny-Institut für Adelige Fräulein ausgebildet, das sie 1895 abschloss. In diesem Institut studierte sie von 1891 an Harfe bei der renommierten professionellen Harfenistin Jekaterina Adolfowna Walter-Kühne (1870-1930), die später, 1917, emigrierte und in Rostock verstarb. Diese Umstände wurden ebenfalls lange Zeit verheimlicht, da das Smolny-Institut als Inbegriff des imperialen Russlands zu gelten hatte und alle Emigranten automatisch als Feinde der Sowjetmacht betrachtet wurden. Im Smolny-Institut studierte Erdeli auch Klavier, Gesang und Chordirigieren; sie erhielt zudem eine fundierte Allgemeinbildung, unter anderem in drei Sprachen. Auch ihre eiserne Disziplin verdankte sie wohl der Ausbildung in diesem Institut.

    Offensichtlich stand für Erdeli sehr früh das Harfenspiel als ihre Berufung fest: Diese Berufswahl war für ein Mädchen aus einer der privilegiertesten und reichsten Adelsfamilien Russlands sehr ungewöhnlich, denn bei einer solchen Herkunft war es nicht üblich professionell zu arbeiten oder sich künstlerischen Tätigkeiten zu widmen. 1897 trat Erdeli erstmals in einem Sinfoniekonzert der Russischen Musikgesellschaft unter der Leitung von Wassili Iljitsch Safonow (1852-1918) auf, das im Großen Saal des St. Petersburger Konservatoriums stattfand. Auch über dieses Datum hinaus setzte sie ihren Unterricht bei Walter-Kühne fort. Später erinnerte sich Erdeli an ihre ersten Konzertauftritte:

    "Первые дебюты в оркестре принесли мне много радости и подтолкнули меня к дальнейшему совершенствованию в игре. В следующем сезоне, продолжая занятия с Екатериной Адольфовной, я стала пробовать свои силы и как концертная исполнительница: играла соло, аккомпанировала. Путь к концертной эстраде и первым выступлениям открыли мне творческие встречи с ведущей артисткой Мариинской оперы М. И. Долиной, камерной певицей А. Г. Жеребцовой-Андреевой, пианисткой В. В. Тимановой. Как-то раз в одном из концертов мы исполняли с А. Г. Жеребцовой-Андреевой романсы Рубинштейна „Блестит роса“ и „Певец“ Сочетание арфы с голосом публика горячо одобрила, и мы имели большой успех. Выступлением в концерте со скрипачкой Гамовецкой завершился мой петербургский сезон 1898/99 года».

    ("Meine ersten Konzertauftritte brachten mir viel Freude und inspirierten mich, das Harfenspiel zu perfektionieren. In der nächsten Saison setzte ich den Unterricht bei Jekaterina Adolfowna fort und begann zugleich, mein Können auch als Konzertinterpretin auf Probe zu stellen: Ich trat als Solistin und als Begleiterin auf. Den Weg auf die Konzertbühne und die ersten Auftritte haben mir die inspirierenden Begegnungen mit der führenden Künstlerin der Mariinskij Theaters M. I. Dolina, der Kammersängerin A. G. Sherebzowa-Andrejewa und der Pianistin W. W. Timanowa geebnet. In einem Konzert führte ich mit A. G. Sherebzowa-Andrejewa die Romanzen von Rubinstein ,Der Tau glänzt‘ und ,Der Sänger‘ auf. Die Kombination von Harfe und Stimme wurde vom Publikum begeistert begrüßt und hatte großen Erfolg. Mit einem Konzertauftritt mit der Geigerin Gamowezkaja beendete ich die Saison 1898/99 in St. Petersburg." Xenia Erdeli. Arfa v moej žizni [Harfe in meinem Leben]. Moskau 1967, S. 40)

    1899 wurde Erdeli als Praktikantin in das Orchester des Bolschoi-Theaters aufgenommen; am 1. Dezember 1901 wurde sie als erste Harfenistin des Orchesters fest angestellt und erhielt eine jährliche Vergütung von 1800 Rubel. Diese Stellung hatte sie bis 1907 inne. Bis 1902 spielte Erdeli eine Erard-Harfe; 1902 kaufte sie eine amerikanische Harfe der Firma Lyon & Healy, die über vielfältigere mechanisch-technische und klangliche Möglichkeiten verfügte. Erdeli war die erste russische Harfenistin, die ein solches Instrument spielen konnte: Eine Harfe zu erwerben, war schon Luxus per se, doch ein Lyon & Healy-Instrument kostete schier unbezahlbare 2000 Goldrubel ("Krasnoarmeec vmesto korony" [Ein Rotarmist statt der Krone. Ein Gespräch zwischen Olga Erdeli und Soja Maschkowzewa. "Nezavisimaja gazeta" vom 23. November 2005. http://www.ng.ru/accent/2005-11-23/9_krasnoarmeec.htm). Dieser Betrag entspricht heute etwa 400.000 US-Dollars. Zum Vergleich: Für 500 Rubel konnte man Anfang des 20. Jahrhundert in Russland ein zweistöckiges Holzhaus kaufen.


    1907 trat Erdeli in den Sinfoniekonzerten der Moskauer Philharmonischen Gesellschaft auf. 1908 war sie als Harfenistin an der russischen Erstaufführung von "Introduction et Allegro" für Harfe, Flöte, Klarinette und Streichquartett (1905) von Maurice Ravel beteiligt.

    Nachdem sie 1907 den Offizier der russischen Kaiserarmee Nikolai Nikolajewitsch Engelgardt [Engelhardt] (1870er Jahre-?) geheiratet hatte, musste Erdeli nach St. Petersburg übersiedeln, wo sie in der Dienstwohnung ihres Mannes in der Korotschnaja-Straße, gegenüber des Tavričeskij sad [Taurien-Gartens], wohnte. Am 1. Januar 1908 wurde Erdeli zu Walter-Kühnes Assistentin am Smolny-Institut berufen; von 1911 an führte sie die Harfen-Klasse an diesem Institut. Von 1913 bis 1917 lehrte sie dann auch am St. Petersburger (ab 1914: Petrograder) Konservatorium. In dieser Periode begann Erdeli das Repertoire für Harfe zu reflektieren:

    «В Петербурге, куда я переехала из Москвы в конце 1907 года, я уже уверенно и регулярно выступала в концертах как солистка-арфистка. Много работала я в эти годы над репертуаром. Уже тогда под влиянием Е. А. Вальтер-Кюне у меня возникла мысль переложить ряд фортепианных пьес для арфы. С того времени транскрипции фортепианных пьес начинают играть пусть еще не главную, но уже достаточно значительную роль в моем репертуаре. Сейчас я думаю, что мой протест против арфового репертуара XIX века был, пожалуй, чересчур категоричным, но обновление его, замена эффектных, но малосодержательных чисто арфовых пьес произведениями мировой классики (пусть даже в переложениях) были необходимы».

    ("In St. Petersburg, wohin ich Ende 1907 aus Moskau übersiedelt war, trat ich als Harfensolistin schon sehr selbstsicher und regelmäßig in Konzerten auf. In jenen Jahren arbeitete ich viel am Repertoire. Bereits zu jener Zeit kam ich unter dem Einfluss von E. A. Walter-Kühne auf die Idee, etliche Klavierstücke für Harfe zu bearbeiten. Von diesem Zeitpunkt an begannen die Transkriptionen von Klavierstücken wenn auch noch nicht die wichtigste, so doch schon eine bedeutende Rolle in meinem Repertoire zu spielen. Heutzutage glaube ich, dass mein Protest gegen das Harfenrepertoire des 19. Jahrhunderts zwar zu kategorisch war, jedoch war dessen Erneuerung sehr notwendig, denn die effektvollen, dabei aber inhaltslosen reinen Harfenstücke mussten durch klassische Werke ersetzt werden, auch wenn es sich dabei um Übertragungen handelte."]. (Xenia Erdeli. Arfa v moej žizni [Die Harfe in meinem Leben]. Moskau 1967, S. 91)

    Auch während des Ersten Weltkriegs trat Erdeli in Konzerten auf, etwa in Minsk, Kiew, Orjol, Nishni Nowgorod, Kasan, Kostroma, Jaroslawl, Gomel, Lwiw, Vilnius, Riga, Tallinn, Tartu, Naltschik, Pjatigorsk, Jessentuki, Kislowodsk, Tiflis, Jerewan, Baku. In jener Zeit knüpfte sie künstlerische Kontakte zu den berühmtesten Musikerinnen und Musikern der Zeit, wie Arthur Nikisch, Sergei Rachmaninow, Alexander Siloti, Fjodor Schaljapin, Antonina Neshdanowa, Leonid Sovinow und Nadeshda Obuchowa.

    Von 1918 bis 1938 war Erdeli erneut als Solistin im Orchester des Bolschoi Theaters in Moskau tätig. Von 1925 bis 1932 spielte sie in dem 1922 gegründeten experimentellen Orchester „Persimfans“, dem ersten symphonischen Orchester ohne Dirigenten. Von 1918 bis zu ihrem Tod lehrte Erdeli auch am Moskauer Konservatorium (seit 1939 als Professorin). In jener Zeit veranstaltete Erdeli "Abende für Harfe solo". Dank ihrer Bemühungen etablierte sich die Harfe, die früher als elitär, aristokratisch, salonhaft oder rein dekorativ begriffen wurde, als vielseitiges und entwicklungsfähiges Konzertinstrument.

    In den 1930er Jahren holte die vorrevolutionäre Vergangenheit Erdeli und ihren Mann ein: 1930 wurde N. N. Engelhardt als "Teilnehmer des Allvolksverbands des Kampfes fürs Wiedererleben des freien Russlands" verhaftet. Es handelte sich um eine vom sowjetischen Geheimdienst erfundene Verschwörung, an der die führenden Historiker und andere Intellektuelle des vorrevolutionären Russlands angeblich teilgenommen haben sollen. Im Frühjahr 1931 wurde Engelhardt zu zehn Jahren Strafgefangenenlager verurteilt; im Oktober 1931 wurde er ins Gefängnis gebracht. Erdeli wandte sich an das Moskauer „Pompolit“, die Hilfsorganisation für politische Gefangene bzw. das Politische Rote Kreuz, das von 1918 bis 1937 von der Ehefrau Maxim Gorkis, der Menschenrechtsaktivistin Jekaterina Pawlowna Peschkowa (1876-1965), geleitet wurde. Dank Gorkis Einfluss auf die höchsten sowjetischen Offiziellen und Jekaterina Peschkowas persönlichen Kontakten gelang es „Pompolit“, mehreren politischen Gefangenen Hilfe zu leisten und manchen sogar das Leben zu retten (s.: Semjon Kiperman. "Ne predavat’ zabveniju "Pompolit" ["Pompolit" nicht in Vergessenheit fallen lassen]. "Istorija dalëkaja i blizkaja" Nr. 29 (848) vom 19.07.2012, http://rusbazaar.biz/ru/content/94502.htm).

    1932 wurde N. N. Engelhardt freigelassen (s.: Zaklejmëmmye vlast’ju. Ankety, pis’ma, zajavlenija zaključennych v Moskovskij Političeskij Krasnyj Krest i Pomošč politzaključënnym, vo VCIK, VČK-OGPU-NKVD [Von der Macht gebrandmarkt. Fragebögen, Briefe, Anträge Gefangener an das Moskauer Politische Rote Kreuz und die Hilfsorganisation für Politgefangene, in WZIK, WTschK-OGPU-NKWD]. http://pkk.memo.ru/page%202/KNIGA/Ee_kn.html).

    Diese Tatsachen werden bislang in der musikwissenschaftlichen Literatur nicht erwähnt; zu Erdelis Lebzeiten wurden solche Informationen totgeschwiegen. Wichtig ist zu erwähnen, dass das Politische Rote Kreuz 1937 durch den sowjetischen Geheimdienst zerschlagen wurde und mehrere Mitarbeiter inhaftiert bzw. getötet wurden. Es gibt bislang keine weiteren Informationen zum Schicksal von N. N. Engelhardt. Gewiss ist, dass die Familiengeschichte die Karriere Xenia Erdelis negativ beeinflusste. Charakteristisch ist, dass sie nie zu den hochdekorierten sowjetischen Künstlerinnen gehörte und den Titel „Volkskünstlerin der Sowjetunion“ erst 1966 erhielt, obschon sie längst als die berühmteste russische/sowjetische Harfenistin und als eine der besten zeitgenössischen Harfenistinnen überhaupt galt.

    Von 1936 bis 1938 spielte Erdeli im Staatlichen Sinfonieorchester der Sowjetunion. Von 1944 bis 1952 trat Erdeli in hunderten von Konzerten auf, sowohl in den wichtigsten Konzertsälen Moskaus wie dem Bolschoi-Theater und dem Maly-Saal des Moskauer Konservatoriums als auch in unzähligen Künstler- und Arbeiterklubs. Häufig konzertierte sie mit den Sängerinnen N. Obuchowa und W. Dawydowa sowie mit dem Sänger V. Alexandrowitsch. (Xenia Erdeli. Arfa v moej žizni [Harfe in meinem Leben]. Moskau 1967, S. 162-198).

    1948 begann man, in der Leningrader „Lunatscharski-Fabrik für Zupfinstrumente“ sowjetische Harfen zu produzieren. Um dies zu ermöglichen, stellte Erdeli ihre eigene Harfe zur Verfügung, damit sie in Bestandteile zerlegt und ihre Konstruktionsweise erforscht werden konnte. In strenger Ordnung wurde ihre Harfe nun in Einzelteile zerlegt, die man auf einem Laken anordnete. Der Konstruktionsprozess wurde schriftlich festgehalten. Aufgrund dessen wurde dann die erste sowjetische Harfe gebaut. Erdeli berichtet, wie glücklich sie war, als sie ihre wiederaufgebaute Harfe in Händen hielt. Die erste sowjetische Harfe war sehr schwer und plump; statt einer Krone wurde sie mit einem Rotarmisten verziert. Später wurden sehr gute Instrumente produziert; die Fabrik existiert nicht mehr ("Krasnoarmeec vmesto korony" [Ein Rotarmist statt der Krone]. Ein Gespräch zwischen Olga Erdeli und Soja Maschkowzewa. "Nezavisimaja gazeta" vom 23.11.2005 (http://www.ng.ru/accent/2005-11-23/9_krasnoarmeec.htm).

    Xenia Erdeli starb am 27. Mai 1971 in Moskau; beerdigt wurde sie auf dem Moskauer Nowodewitschje-Friedhof.


    Xenia Alexandrowna Erdelis Nichte, Prof. Olga Georgijewna Erdeli (*1929) ist eine der bedeutendsten zeitgenössischen Harfenistinnen. Ihre Tochter, Tatiana Glebowna Erdeli-Schtschepalina (*1955), ist ebenfalls Harfenistin (http://www.spbrca.melentyev.ru/gedcom/default.htm?page=family-and-fam00291.htm).

    Würdigung

    Xenia Erdelis Kunst zeichnete sich durch perfekte Virtuosität, bezaubernde Klangschönheit und feuriges Temperament aus. Im Mittelpunkt ihrer Interpretationen stand das melodische Element und die Kantilene. Agogik und Phrasengestaltung wirkten sehr natürlich und logisch, zugleich aber auch frei deklamatorisch. Von ihrem Vater hatte Erdeli ein erstaunliches Gedächtnis geerbt, das ihr ein schnelles Einstudieren neuer Werke ermöglichte. Die phänomenale Begabung und ihre feine Wahrnehmung verbanden sich mit enormer Energie und Selbstdisziplin, die die Verwirklichung zahlreicher Projekte und Ideen ermöglichte.

    Dank Erdeli erfuhr das Konzertrepertoire eine enorme Erweiterung. Mehrere Komponisten ließen sich vom Enthusiasmus und den künstlerischen Fähigkeiten der Harfenistin inspirieren. Besonders bekannt wurde das Konzert für Harfe und Orchester Es-Dur, op. 74, aus dem Jahr 1938 von Reinhold Moritzewitsch Glière (1874/75-1956), das Xenia Erdeli gewidmet ist.

    Abgesehen vom Moskauer Konservatorium lehrte Erdeli auch von 1944 bis 1954 an Gnessins Musikpädagogischem Institut (heute: Gnessins Musikakademie). Sie war die Begründerin der sowjetischen Harfenschule. Zu Erdelis SchülerInnen gehörten Aida Abdullajewa, Galina Barkowa, L. Chetagurowa, Wera Dulowa, Olga Erdeli, W. Gurowa, Warwara Katschalowa, Eleonora Kuzmitschjowa, W. Polarjewo, Natalia Popowa, M. Rubin, Nina Stepanjan, Tatiana Tauer, M. Wyschnepolskaja usw.


    Xenia Erdeli hielt auch Vorlesungen und Vorträge an verschiedenen Musiklehranstalten. Sie produzierte zahlreiche Aufnahmen für den Rundfunk und viele Schallplatten.

    Auf ihre Initiative hin entstanden verschiedene Harfen-Ensembles, darunter im Jahre 1957 das berühmte Harfenquartett mit E. Kuzmitschjowa, A. Buzkowa, M. Smirnowa und N. Kotschurina, das Erdeli leitete.


    1946 wurde Xenia Erdeli wurde mit dem Orden des „Roten Banners der Arbeit“ zum 80. Jubiläum des Moskauer Konservatoriums ausgezeichnet.


    1966 erhielt sie den Titel "Volkskünstlerin der Sowjetunion“.


    Außerdem erhielt den Orden "Zeichen der "Ehre" und etliche Medaillen.


    2012 wurde der Internationale Xenia Erdeli-HarfenistInnen-Wettbewerb "Kristallschlüssel" in St. Petersburg veranstaltet. (http://erdelycompetition.ru/erdeli/)

    Rezeption

    Xenia Erdeli gehörte zu den gefragtesten und höchst geschätzten russischen/sowjetischen Musikerinnen. Sie spielte die Uraufführungen der ihr gewidmeten Harfenkonzerte von N. G. Parfjonow (1932), R. M. Glière (1938), W. N. Zybin (1939) und A. I. Kos-Anatolski (1954). Für Erdeli wurde "Choral et Variations pour harpe et orchestre" (1900) von Charles-Marie Widor komponiert, dessen russische Erstaufführung Erdeli 1913 spielte.

    1908 war Erdeli an der russischen Erstaufführung von "Introduction et Allegro" für Harfe, Flöte, Klarinette und Streichquartett (1905) von Maurice Ravel beteiligt.

    Für Erdeli wurden auch von C. Cui, A. Gretschaninow, M. Ippolitow-Iwanow und S. Wassilenko Werke komponiert.

    Werkverzeichnis

    I. Bearbeitungen und Kompositionen Xenia Erdelis (Auswahl)


    Erdeli fertigte zahlreiche Bearbeitungen von Werken für Harfe an. Auch gab sie Sammlungen und Editionen zahlreicher Stücke russischer und westeuropäischer Komponisten heraus.


    Unter ihren eigenen Harfen-Kompositionen befinden sich die folgenden:

    "Tri preljudii" [Drei Präludien] (1948)


    "Ėlegija pamjati M. I. Glinki" [Elegie M. I. Glinka in memoriam] (1950)


    "Desjat’ lëgkich p’es v stile russkich pesen" [10 leichte Stücke im Stil russischer Lieder] (1951, 1959)


    Fantasie "Ukraina" (1952)


    "Variacii na russkuju narodniju pesnju" [Variationen auf ein russisches Volkslied] (1955)


    "20 ėtjudov" [20 Etüden] (1. Heft: 1961; 2. Heft: 1963)


    Diese Stücke haben ihren pädagogischen Wert bis heute nicht eingebüßt.


    Die von ihr veröffentlichten Editionen, Sammlungen und Bearbeitungen sind auf der Site der Staatlichen Russischen Lenin-Bibliothek aufgelistet:

    http://old.rsl.ru/table.jsp?f=1016&t=3&v0=%D1%8D%D1%80%D0%B4%D0%B5%D0%BB%D0%B8+%D0%BA%D1%81%D0%B5%D0%BD%D0%B8%D1%8F&f=1003&t=1&v1=&f=4&t=2&v2=&f=21&t=3&v3=&f=1016&t=3&v4=&f=1016&t=3&v5=&useExternal=true&whereBy=true&bf=4&b=&d=0&ys=&ye=&lng=&ft=&mt=&dt=&vol=&pt=&iss=&ps=&pe=&tr=&tro=&cc=a1&i=1&v=tagged&s=0&ss=0&st=0&i18n=ru&rlf=&psz=20&bs=20&ce=4&debug=false

    Repertoire

    Xenia Erdelis Repertoire schloss Harfenkonzerte ebenso ein wie die Harfenpartien zahlreicher westeuropäischer, russischer und sowjetischer Komponisten. Hinzu kamen ihre eigenen Bearbeitungen der klassischen Klavierstücke für Harfe. Einen besonderen Platz in ihrem Repertoire nahm das Schaffen ihres Lieblingskomponisten, P. I. Tschaikowski, ein.

    Quellen

    I. Schriften Xenia Erdelis (Auswahl)


    "Zametki ob arfe" [Notizen über Harfe], "Sovetskaja muzyka" 5/1959


    "Moja žizn’ v muzyke" [Mein Leben in der Musik], ebd. 4/1962


    Arfa v moej žizni [Harfe in meinem Leben]. Moskau 1967



    II. Über Xenia Erdeli


    Wiktoria Petrowna Poltarewa. Tvorčeskij put’ Ksenii Ėrdeli: Iz istoii sovetskoj školy igry na arfe [Der schöpferische Weg Xenia Erdelis: Aus der Geschichte der sowjetischen Schule des Harfenspiels]. Lwiw 1959


    Wera Dulowa. Iskusstvo igry na arfe [Die Kunst, Harfe zu spielen]. Moskau 1975


    "Krasnoarmeec vmesto korony" [Ein Rotarmist statt der Krone]. Ein Gespräch zwischen Olga Erdeli und Soja Maschkowzewa. "Nezavisimaja gazeta" vom 23.11.2005 (http://www.ng.ru/accent/2005-11-23/9_krasnoarmeec.htm).


    Marina Michajlowna Kruglowa, "Iskusstvo arfy stoit v storone" [Die Harfen-Kunst wird an die Seite geschoben], "Muzykal’naja žizn‘“ 11/2006


    Tatiana Erdeli-Schtschepalina, "Ksenija Ėrdeli: O velikoj arfistke" [Xenia Erdeli: Über die große Artistin], "Istoričeskaja gazeta" Nr. 2 (86), Februar 2007.


    M. Podguzowa. „Predlagaju postavit‘ k vam na kvartiru svoju arfu…“. R. M. Gliėr v obščenii s K. A. Ėrdeli n V. G. Dulovoj [„Ich schlage vor, meine Harfe in Ihre Wohnung zu stellen…“. R. M. Glière im Dialog mit K. A. Erdeli und W. G. Dulowa]. – Iz ličnych archivov professorov Moskovskoj konservatorii [Aus den Privatarchiven der Professoren am Moskauer Konservatorium]. Bd. 3. Hrsg. von Galina Wladimirowna Grigorjewa. Moskau 2008


    Kadja Grönke. "Erdeli, Xenia Alexandrowna", in: Instrumentalistinnen-Lexikon des Sophie Drinker Instituts, hg. von Freia Hoffmann, 2010, http://www.sophie-drinker-institut.de/cms/index.php?page=erdeli-xenia-alexandrowna (eingesehen am 2. Juli 2013)



    III. Über Harfe


    Iwan Alexandrowitsch Polomarenko. Arfa v prošlom i nastojaščem [Die Harfe in der Vergangenheit und in der Zukunft]. Moskau/Leningrad 1939


    Wiktoria Petrowna Poltarewa. Arfa [Harfe]. Kiew 1980



    IV. Genealogische Forschungen über die Familie Erdeli


    http://www.melentyev.ru/gedcom/default.htm?page=family-and-fam00341.htm;


    http://www.melentyev.ru/gedcom/default.htm?page=family-and-fam00341.htm).



    V. Über Alexander Semjonowitsch Erdeli


    http://www.oda.kherson.ua/ru/meet/ehrdeli-aleksandr-semenovich (mit einem Bild von A. S. Erdeli)


    Sergei Djatschenko. "Ėrdeli i Komsomol’skaja ulica" [Erdeli und Komsomolskaja-Straße. http://newfavorite.net/erdeli.htm)



    VI. Zum Leben von N. N. Engelhardt und "Pompolit"


    Zaklejmëmmye vlast’ju. Ankety, pis’ma, zajavlenija zaključennych v Moskovskij Političeskij Krasnyj Krest i Pomošč politzaključënnym, vo VCIK, VČK-OGPU-NKVD [Von der Macht gebrandmarkt. Fragebögen, Briefe, Anträge Gefangener an das Moskauer Politische Rote Kreuz und die Hilfsorganisation für Politgefangene, in WZIK, WTschK-OGPU-NKWD]. http://pkk.memo.ru/page%202/KNIGA/Ee_kn.html).


    Semjon Kiperman. "Ne predavat’ zabveniju "Pompolit" ["Pompolit" nicht in Vergessenheit fallen lassen]. "Istorija dalëkaja i blizkaja" Nr. 29 (848) vom 19.07.2012 (http://rusbazaar.biz/ru/content/94502.htm).



    VII. Links


    Xenia Erdeli auf der Site "Folk Harps Russia":

    http://www.harps.ru/index.php?option=com_content&view=article&id=128:..


    Xenia Erdeli in der Sammlung "100 großen Musiker":

    http://proricateli.ru/kat.php?kat=1899955057&kat2=1391355639


    Das Moskauer Konservatorium nach 1917:

    http://www.mosconsv.ru/ru/book.aspx?id=131310&page=131476


    Site des Internationalen Xenia Erdeli-HarfenistInnen-Wettbewerbs "Kristallschlüssel":

    http://erdelycompetition.ru/erdeli/

    Forschung

    Der Forschungsstand weist zahlreiche Lücken auf, vor allem was die Biografie von Xenia Erdeli und ihrer Familie sowie ihren Platz im künstlerischen Leben Russlands und der Sowjetunion betrifft; nicht erforscht sind ihr Harfenspiel, die Besonderheiten ihrer Bearbeitungen sowie ihr pädagogisches Engagement und ihre Lehrmethoden.


    Es wird empfohlen, Kontakte zu Xenia Alexandrowna Erdelis Verwandten aufzunehmen. Ihre Nichte, die berühmte Harfenistin Olga Georgijewna Erdeli, war bis 2009 am Moskuer Konservatorium tätig (Russland, 125009, Moskau, Bolschaja Nikitskaja-Straße 13/6).

    Verschiedene Materialien zur Tätigkeit von Xenia Alexandrowna Erdeli befinden sich im Staatlichen Zentralen M. I. Glinka-Museum für Musikkultur (Russland, 125047, Moskau, Fadejew-Straße 4; Tel.: (495) 739 6226; Email: info@glinka.museum)

    Forschungsbedarf

    Es ist vor allem nötig, genaue Informationen zum Leben und Schaffen Xenia Erdelis zu beschaffen, darunter auch solche zu genealogischen Forschungen und zur Geschichte der Sowjetunion, damit die musikwissenschaftlichen Forschungen vervollständigt und systematisiert werden können. Ferner wäre eine umfassende Beschreibung des Repertoires von Erdeli und eine Darstellung ihrer Tätigkeiten wünschenswert.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 46646360
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 1044572868
    Library of Congress (LCCN): nr94030111

    Autor/innen

    Marina Lobanova


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back


    Empfohlene Zitierweise

    Marina Lobanova, Artikel „Xenia Erdeli“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom ...
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Xenia_Erdeli