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  • Wilhelmine Clauss-Szarvady

    von Silke Wenzel
    Die Pianistin Wilhelmine Clauss-Szarvady. Undatierte Fotografie, Berlin: L. Haase & Comp.
    Namen:
    Wilhelmine Clauss-Szarvady
    Geburtsname: Wilhelmine Clauss
    Lebensdaten:
    geb. in Prag, Österreich
    gest. in Paris, Frankreich
    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin, Klavierpädagogin
    Charakterisierender Satz:

    „Parmi les femmes, la plus célèbre, sans contredit, est Mme Szarvady (Wilhelmine Clauss), née à Prague [...], pianiste de premier ordre, au jeu brillant et coloré, plein de grâce et de délicatesse, qui, déjà fameuse à l’étranger dès ses plus jeunes années, vint débuter à Paris avec le plus grand succès sous les auspices de Berlioz, et depuis lors ne l’a jamais quitté. Mme Szarvady, qui ne se contente pas d’être une virtuose d’un talent exceptionnel, mais qui est aussi une musicienne profondément instruite et versée dans la connaissance des chefs-d’œuvre, n’a pas été étrangère, par son excellent exemple, au mouvement qui a ramené nos artistes et notre public au culte des grands maîtres, qu’elle interprète avec un style superbe et d’une façon magistrale.“


    („Zu den bekanntesten Frauen ist ohne Zweifel Mme Szarvady (Wilhelmine Clauss) [zu zählen], in Prag geboren und eine Pianistin ersten Ranges mit einem brillianten und farbenreichen Spiel, voller Anmut und Feinsinn, die, seit frühester Jugend im Ausland berühmt, mit größtem Erfolg unter Berlioz in Paris debütierte und es seither nie verlassen hat. Mme Szarvady, die sich nicht darauf beschränkt, eine außergewöhnlich talentierte Virtuosin zu sein, sondern die auch eine höchst gebildete Musikerin mit tiefem Verständnis für die großen Meisterwerke ist, ist niemals eine Fremde gewesen, weil sie als herausragendes Vorbild für jene Bewegung diente, die unsere Künstler und unser Publikum um die großen Komponisten geschart hat, die sie mit überragendem Stil und Erhabenheit interpretiert.“)


    (L. de Fourcaud, Arthur Pougin u. a., La Salle Pleyel, Paris: Ancienne Maison Quantin, 1893, S. 64ff.)


    Profil

    Wilhelmine Clauss-Szarvady wurde von Josef Proksch am bekannten Prokschen Musikinstitut ausgebildet. Nach ihrem Studium konnte sie sich als herausragende Solistin und Kammermusikerin international etablieren und begeisterte mit ihrem Spiel Musikerinnen und Musiker wie z. B. Franz Liszt, Robert und Clara Schumann , Hans von Bülow, Louis Spohr und Hector Berlioz. Dabei lag von Beginn an einer der Schwerpunkte ihres Repertoires auf der so genannten „altklassischen Musik“, d. h. den Kompositionen Johann Sebastian Bachs, Wolfgang Amadeus Mozarts und Ludwig van Beethovens. Gleichzeitig setzte sich Wilhelmine Clauss-Szarvady intensiv mit den zeitgenössischen Werken französischer und deutscher Komponisten auseinander. Ihre Soiréen in Paris, in denen sie Kammermusik von Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann und – in späteren Jahren – Johannes Brahms, Gabriel Fauré und Edouard Lalo aufführte, blieben im Gedächtnis vieler Beteiligter haften. Mitte der 1860er Jahre gab Wilhelmine Clauss-Szarvady ein bis dahin unbekanntes Cembalokonzert von Carl Philipp Emanuel Bach heraus und edierte mehrere kleinere Werke für Cembalo, u. a. von François Couperin, Jean-Philippe Rameau und Claude-Bénigne Balbastre.

    Orte und Länder

    Wilhelmine Clauss-Szarvady wurde in Prag geboren und studierte am dortigen Prokschen Musikinstitut das Fach Klavier. Ab 1849 unternahm sie zahlreiche Konzertreisen durch Deutschland, Österreich, Frankreich und England und hielt sich in diesen Ländern häufig mehrere Monate auf. Im Jahr 1855 ließ sich Wilhelmine Clauss-Szarvady gemeinsam mit ihrem Mann Friedrich Szarvady dauerhaft in Paris nieder, konzertierte jedoch nach wie vor in den europäischen Musikzentren des 19. Jahrhunderts, u. a. in Prag, Wien, Leipzig und London.

    Biografie

    Wilhelmine Clauss-Szarvady wurde als Wilhelmine Clauss am 13. Dezember 1834 in Prag in eine Kaufmannsfamilie geboren. Sie erhielt ihren ersten Musikunterricht von der Mutter und wurde anschließend am renommierten Prager Institut des Musikpädagogen und Pianisten Josef Proksch in Klavier ausgebildet.


    Nach dem frühen Tod des Vaters 1849 begann Wilhelmine Clauss-Szarvady international als Pianistin zu konzertieren. Sie unternahm, begleitet von der Mutter, 1849/50 eine erste Konzertreise durch Deutschland und Österreich und erhielt dabei innerhalb kürzester Zeit die Unterstützung bekannter Musikerinnen und Musiker, die sie mit ihrem Spiel begeisterte. Am 7. Februar 1850 debütierte sie in den Abonnementskonzerten des Leipziger Gewandhauses (vgl. Dörffel 1884, Anh. S. 89) mit Robert Schumanns Klavierkonzert a-Moll (op. 54), und die „Neue Zeitschrift für Musik“ berichtete: „Frl. Clauß ist eine Erscheinung, welche in der Kunstwelt Aufsehen machen wird, die junge Dame besitzt Talent und gute technische Bildung. Die Wahl des im Zusammenspiel schwierigsten aller Pianoforteconcerte von Schumann stellt ihr das günstigste Zeugniß aus für ihre musikalische Tüchtigkeit [...]. Sehr gelungen war ihr Spiel in den Solovorträgen. Wir hoffen Frl. Clauß noch öfter zu hören, und so Gelegenheit zu haben, auf ihr Spiel zurückzukommen.“ („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 15. Februar 1850, S. 66) Zwei Wochen später, am 22. Februar 1850, trat Wilhelmine Clauss-Szarvady gemeinsam mit Clara Schumann in einer von Clara Schumann veranstalteten Musikalischen Soirée im Leipziger Gewandhaus auf und spielte mit der Konzertgeberin Robert Schumanns Andante und Variationen für zwei Klaviere (op. 46) (vgl. Dörffel 1884, S. 218; Anh. S. 89; „Neue Zeitschrift für Musik vom 8. März 1850, S. 103), und im Sommer 1850 gab sie gemeinsam mit Ferdinand Hiller und Fr. Weber eines der Konzerte für drei Klaviere (bzw. Cembali) von Johann Sebastian Bach im großen Casinosaal in Köln (vgl. „Rheinische Musik-Zeitung für Kunstfreunde und Künstler“ vom 8. August 1850, S. 38).


    Auch in Paris, wo Wilhelmine Clauss-Szarvady erstmals am 25. Februar 1851 auftrat (vgl. Berlioz 1983, Bd. IV, S. 35, Anm. 1), begeisterte sie ihr Publikum und galt innerhalb kürzester Zeit als herausragende Interpretin. Bei einem der zahlreichen Konzerte spielte sie die Klaviersonate f-Moll (op. 57) Ludwig van Beethovens und „Un soir d’été en Norvège“ eines dänischen Komponisten namens Wilmers und konzertierte unter der Leitung von Hector Berlioz in einer seiner Matinéen mit Ludwig van Beethovens Klavierkonzert C-dur (op. 15). Hector Berlioz würdigte ihren Pariser Auftritt im Frühjahr 1851 mit einem größeren Abschnitt in seinen Kritiken für das „Journal des Débats“ (am 23. April 1851, vgl. Berlioz 1983, Bd. IV, S. 33), und am 19. April 1851 berichtete die „Rheinische Musik-Zeitung“ aus Paris: „Unsere Landsmännin Wilhelmine Clauss hat in mehreren Concerten und Soiréen gespielt und zwar mit grossem Beifall. Es will in der That etwas heissen, unter der Fluth von Pianisten und Pianistinnen, von welcher Paris überschwemmt ist, sich emporzuheben und en vogue zu kommen, und doch ist dies der kleinen Deutschen […] vollkommen gelungen.“ („Rheinische Musik-Zeitung für Kunstfreunde und Künstler“ vom 19. April 1851, S. 333) Dabei galt Wilhelmine Clauss-Szarvady als herausragende Interpretin deutscher Komponisten – insbesondere der Musik von Robert Schumann –, zu deren Verbreitung in Frankreich sie in den folgenden Jahrzehnten wesentlich beitrug. Am 9. April 1851 notierte Clara Schumann in ihr Tagebuch: „Robert schrieb heute einen liebenswürdigen Brief an Wilhelmine Clauss [...] nach Paris; ich war aber betrübt, daß sie es sein muß, die zuerst in Paris und London Roberts Sachen vorführt, während doch gewiß vor allen andern mir das zugekommen wäre.“ (zit. n. Litzmann II, S. 273)


    Der Tod der Mutter Wilhelmine Clauss-Szarvadys, die während der ersten Pariser Reise 1851 verstarb, löste allgemein Bestürzung aus, und zahlreiche Musikerinnen und Musiker nahmen am weiteren Lebensweg von Wilhelmine Clauss-Szarvady Anteil: Franz Liszt berichtete Caroline Sayn-Wittgenstein im April 1851 in mehreren Briefen von den Entwicklungen nach dem Tod der Mutter (vgl. Liszt/La Mara 1893, Bd. 4, S. 83; S. 92; S. 98), und die Sängerin Caroline Ungher-Sabathier nahm Wilhelmine Clauss-Szarvady ein Jahr lang in ihrem Haus in Tour de Farges bei Montpellier auf. Anschließend ließ sich Wilhelmine Clauss-Szarvady in Paris nieder, lebte in den folgenden Jahren jedoch vorwiegend als reisende Musikerin.


    Zu Beginn des Jahres 1852 setzte Wilhelmine Clauss-Szarvady ihre öffentlichen Auftritte fort. Sie konzertierte in Dresden, Leipzig, Braunschweig, Hannover und Hamburg, begeisterte Louis Spohr in Kassel und wurde von Franz Liszt nach Weimar eingeladen (vgl. „The Times London” vom 22. April 1852, S. 5). Hector Berlioz schrieb – wiederum im „Journal des débats“ –, sie sei „parmi les femmes pianistes, la première“ („die erste unter den Pianistinnen“, „Journal des débats“ vom 21. Februar 1852, vgl. Berlioz 1983, Bd. IV, S. 162, Anm. 1).


    Im April 1852 debütierte Wilhelmine Clauss-Szarvady in der Londoner „Musical Union“ und vertrat dabei die zu dieser Zeit äußerst beliebte Pianistin Marie Pleyel. Auf dem Programm standen einzelne Sätze aus Ludwig van Beethovens Klaviersonate f-Moll (op. 57, „Appassionata“), Felix Mendelssohn Bartholdys Fantasie fis-Moll (op. 28) sowie Franz Liszts Fantasie über Themen aus Mozarts „Don Giovanni“ und Johann Sebastian Bachs Präludium und Fuge Cis-Dur (verm. BWV 848). Auch in London begeisterte Wilhelmine Clauss-Szarvady auf Anhieb Publikum und Presse mit ihrem Spiel. So schrieb z. B. der Rezensent der „London Times“ über den Abend: „Mdlle. Wilhelmine Clauss, aged 19, is undoubtedly a phenomenon. A talent so great in one so young can find but rare precedents. The fame of Mdlle. Clauss, in spite of her tender age, is already European. [...] Her talent is of that high order which only genius can attain. [...] We have never witnessed a more legitimate effect produced by a débutante; and it is not a little to say in favour of the young artist (who played all her pieces from memory), that her genius triumphed over every obstacle [...] – her success was triumphant. The severest judges, the most obstinate ‘purists’, were as delighted as the amateurs themselves.” („Mdlle. Wilhelmine Clauss, 19 Jahre alt, ist zweifellos ein Phänomen. Ein so großes und gleichzeitig so junges Talent hat nur wenige Vorgängerinnen. Das Renommee von Mdlle. Clauss ist trotz ihres zarten Alters bereits ein europäisches. [...] Ihr Talent ist von einer Größe, die nur das Genie erreichen kann. [...] Wir haben noch nie einen derart gerechtfertigten Eindruck bei einer Debütantin bezeugt; und es ist kein geringes, wenn wir zugunsten der jungen Künstlerin (die alle Stücke auswendig spielte) sagen, dass ihr Genie über jedes Hindernis erhaben war [...] – ihr Erfolg war ein Triumph. Die strengsten Kritiker, die besessensten Puristen waren ebenso begeistert wie die Dilettanten.“; „The Times London” vom 22. April 1852, S. 5) Einen Monat später, im Mai 1852, spielte Wilhelmine Clauss-Szarvady das Klavierkonzert g-Moll (op. 25) von Felix Mendelssohn Bartholdy in der New Philharmonic Society in London unter der Leitung von Hector Berlioz und konnte ihren Erfolg weiterführen: „The vigour and precision of her execution are astonishing – her self-possession is not less so, and these lesser qualities are elevated by a feeling which is the offspring of poetry and intellect. [...] No success could be more complete – none better deserved. [...] We have said that Mademoiselle Clauss was ‘a genius’, and she has forced us to reiterate this opinion with a double confidence in its truth.” („Die Kraft und Präzision ihrer Ausführung sind erstaunlich – ihre Selbstbeherrschung ist es nicht weniger, und diese geringeren Fähigkeiten werden durch ein Gefühl überhöht, das aus Poesie und Intellekt gewonnen wird. [...] Kein Erfolg könnte vollkommener sein – keiner besser verdient. [...] Wir sagten, dass Mademoiselle Clauss ‚ein Genie‘ sei, und sie hat uns gezwungen, diese Meinung mit einem doppelten Vertrauen in deren Wahrheit zu wiederholen.“; „The Times London“ vom 13. Mai 1852, S. 5). Hector Berlioz, zu dieser Zeit in London, schrieb am 22. Mai 1852 an den Musikkritiker Joseph d’Ortigue über den Abend: „Melle Clauss a joué le Concerto en sol mineur de Mendelssohn avec une pureté de style, une expression et un fini admirables; on lui a fait répéter l’adagio. Cette enfant est maintenant considérée à Londres comme la première pianiste-musicienne de l’époque [...].” („Melle Clauss hat das g-Moll Konzert von Mendelssohn mit einer stilistischen Reinheit und mit bewundernswertem Ausdruck und bewundernswerter Vollkommenheit gespielt; das Adagio musste sie wiederholen. Dieses Kind wird nun in London als die erste Pianistin unserer Zeit angesehen.“; Brief von Hector Berlioz an Joseph d’Ortigue vom 22. Mai 1852, in: Berlioz 1983, Bd. IV, S. 162; vgl. auch den Brief von Hector Berlioz an Franz Liszt vom 7. Juni 1852, in: Berlioz 1983, Bd. IV, S. 168). Mitte Juni 1852 stellte sich Wilhelmine Clauss-Szarvady dem Londoner Publikum in einem eigenen Konzert auch als Kammermusikerin vor. Neben Solowerken von Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy und Frédéric Chopin stand auch Ludwig van Beethovens Klaviertrio D-Dur (op. 70 Nr. 1) auf dem Programm, das Wilhelmine Clauss gemeinsam mit dem Geiger Joseph Joachim und dem Violoncellisten Alessandro Piatti aufführte (vgl. „The Times London“ vom 21. Juni 1852, S. 8). In den folgenden Jahren blieb Wilhelmine Clauss-Szarvady ein ständiger Gast in London. Sie trat regelmäßig in der Philharmonic Society und der New Philharmonic Society auf, war im Kammermusikleben präsent und gab regelmäßig eigene Konzerte (vgl. „The Musical Times” vom 1. October 1907, S. 671).


    1854 unternahm Wilhelmine Clauss-Szarvady eine größere Tournee durch Deutschland, 1855 folgte eine Tournee durch Österreich. Im Februar 1854 trat Wilhelmine Clauss-Szarvady mehrfach im Leipziger Gewandhaus auf und spielte dabei u. a. in einem Abonnementkonzert am 2. Februar 1854 Felix Mendelssohn Bartholdys Klavierkonzert g-Moll (op. 25), ein Notturno Frédéric Chopins sowie Franz Liszts Klaviertranskription von Franz Schuberts „Erlkönig“. Die „Neue Zeitschrift für Musik“ schrieb über das Konzert: „Die junge Pianistin, Frl. Wilhelmine Clauß, die sich in kurzer Zeit in französischen und englischen Blättern einen bedeutenden Ruf als Virtuosin ihres Instrumentes erworben hat und von ihrem ersten hiesigen Auftreten her noch in gutem Andenken stand, war der zweite Gast an diesem Abende. Frl. Clauß, eine liebenswürdige Erscheinung, gehört jedenfalls zu den beachtenswerthesten Künstlerinnen ihres Instrumentes: ihr Anschlag ist frisch, jedoch nicht gerade eigenthümlich, ihre Fertigkeit bedeutend, ihr Spiel äußerst correct und elegant.“ („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 17. Februar 1854, S. 78) Am 7. Februar 1854 spielte Wilhelmine Clauss-Szarvady in einer der Quartett-Soiréen des Gewandhauses gemeinsam mit dem Geiger Ferdinand David und dem Violoncellisten Friedrich Grützmacher das Klaviertrio c-Moll (op. 66) von Felix Mendelssohn Bartholdy sowie Ludwig van Beethovens Klaviersonate f-Moll (op. 57), und trat am 9. Februar 1854 nochmals in den Abonnementskonzerten mit Ludwig van Beethovens Klavierkonzert c-Moll (op. 37), einem „Lied ohne Worte“ von Felix Mendelssohn Bartholdy und Stephen Hellers „Jagd“ auf (vgl. Dörffel 1884, Anh. S. 89; „Neue Zeitschrift für Musik“ vom 17. Februar 1854, S. 79). Von Leipzig aus reiste Wilhelmine Clauss-Szarvady weiter nach Berlin und gab im März 1854 vier Konzerte in Hamburg. Dort traf sie auch auf Hans von Bülow und besuchte dessen Konzert, wie Hans von Bülow in einem Brief an seine Mutter vom 7. März 1854 berichtete: „Fräulein Wilhelmine war gestern Abend in meinem Altonaer Concert [...]. Trotz der ermüdenden Nachtreise von Berlin her, blieb sie (die Clauß) bis zu Ende und machte mir am Schlusse Complimente [...] – übrigens bin ich doch neugierig auf ihr Spiel und werde sie heute besuchen. Hier ist sie von früherem Andenken her ungemein beliebt.“ (Bülow 1895, S. 185f.) Von Hamburg aus reiste Wilhelmine Clauss-Szarvady weiter nach Weimar, wo sie am 27. März 1854 Franz Liszt besuchte (vgl. Brief von Franz Liszt an Joseph Joachim vom 28. März 1854, in: Joachim, Briefe, Bd. I, S. 179). Schon im Vorfeld hatte die Berliner Schriftstellerin Fanny Lewald ihren Briefpartner, den Weimarer Herzog Carl Alexander, begeistert auf den Weimar-Besuch von Wilhelmine Clauss-Szarvady aufmerksam gemacht. Am 28. Februar 1854 schrieb sie aus Berlin: „[...] mir [ist] der Gedanke gekommen Ihnen einen junge Bekannte von mir brieflich vorzustellen, die Klavierspielerinn [sic] Wilhelmine Klauß. Ich glaube, sie hat schon vor Jahren das Glück gehabt, vor Ihnen zu spielen, und was sie als Musikerinn leistet, das weiß Liszt besser als ich, der sie kennt. Wenn sie aber, wie sie vorhat, nach Weimar kommt, dann [...] achten Sie doch darauf, welch ein seltener Verstand, welch poetische Tiefe und welch ein Kindergemüth in diesem neunzehnjährigen Mädchen sich vereinigt finden. Ohne daß man sie schön oder hübsch nennen könnte, ist sie von solch goldener Anmuth, von solcher Einfachheit, daß sie mich geradezu im Sturm erobert hat, und daß ich nur bedaure, sie so wenig zu sehen und zu sprechen. Ihre Geschäfte und Studien, und mein Unwohlsein halten uns in dieser großen Stadt gar zu sehr voneinander.“ (Lewald/Carl Alexander Bd. 1, S. 120) Carl Alexander antwortete darauf am 17. März 1854 aus Wien: „Frl. Klauß ist mir in der That wenn ich mich nicht sehr irre, bekannt; sie wird es mir nun doppelt durch das Urtheil was Sie über dieselbe fällen und was sie mir, wie einen Gruß von Ihnen, bringen wird.“ (Lewald/Carl Alexander, Bd. 1, S. 123)


    In Wien gab Wilhelmine Clauss-Szarvady 1855 sechs eigene Konzerte, mit denen sie u. a. den Musikkritiker Eduard Hanslick begeisterte. Hanslick widmete ihr anschließend einen ausführlichen Artikel, den er auch auch 1870 in seine Sammlung „Aus dem Concertsaal“ aufnahm, und in dem es u. a. heißt: „So haben wir denn auch Wilhelmine Clauß gehört, und uns keineswegs enttäuscht gefühlt [...]. Wilhelmine Clauß ist eine Erscheinung von entschieden musikalischem Beruf und Werth. Sie hat jedes vorgetragene Stück nicht blos im gebräuchlichen Sinn ‚studirt‘, sondern vollkommen in sich aufgesogen; als ein warm und eigenthümlich Empfundenes, Selbsterlebtes gibt sie es wieder. [...] Am schönsten gab Wilhelmine Clauß die edle, ruhige Wehmuth Mendelssohn’s wieder, in zweien seiner ‚Lieder ohne Worte‘. Die bekannte ‚Jagd‘ von Stephen Heller habe ich nie schöner vortragen gehört. Es lag ein leichter Glanz, ein poetischer Hauch auf all’ diesen kurzen Stücken. Die Schattenseite ihres Spiels läßt sich kurz und vollständig damit bezeichnen, daß es ihm an Kraft fehlt. Die Beethoven’sche F-moll-Sonate (op. 57) hat theilweise diesen Mangel geoffenbart [...]. Die Dimensionen dieses leidenschaftlichen Tonwerkes wurden kleiner, als der Componist sie dachte. Allein (und das ist wichtig) innerhalb dieser verkleinerten Dimensionen standen alle Theile und Theilchen in genauester Harmonie. Darin erprobt sich der feine, echt musikalische Sinn.“ (Hanslick 1870, S. 83ff.) In seiner „Geschichte des Concertwesens in Wien“ schrieb Eduard Hanslick zusammenfassend: „Wilhelmine Clauß [...] gab 1855 sechs Concerte mit schönem Erfolge. Das eigenthümlich Sinnige ihres Spiels, die Zartheit und Liebenswürdigkeit in Auffassung und Darstellung ließ den Mangel an Kraft vergessen. Nach Clara Schumann war Wilhelmine Clauß jedenfalls die begabteste von den vielen Pianistinnen, die in Wien concertirten.“ (Hanslick 1869, S. 416)


    Im Frühjahr 1855 heiratete Wilhelmine Clauss-Szarvady in London den ungarischen Schriftsteller und Journalisten Friedrich Szarvady (1822-1882) und ließ sich anschließend mit ihrem Mann dauerhaft in Paris nieder. Aus der Ehe gingen eine Tochter, Elisabeth (Lisette) Szarvady, und ein Sohn, Geza Szarvady, hervor. Auch nach ihrer Heirat blieb Wilhelmine Clauss-Szarvady im internationalen Musikleben präsent. So bereiste sie z. B. 1860 Deutschland und trat am 8. und 15. November 1860 in den Abonnementskonzerten des Leipziger Gewandhauses auf (Dörffel 1884, Anh., S. 91). Im Herbst 1865 plante sie eine weitere Konzertreise durch Deutschland, wie die „Allgemeine musikalische Zeitung“ berichtete („Allgemeine musikalische Zeitung“ vom 27. September 1865, S. 647). In den Jahren 1871 und 1886 konzertierte Wilhelmine Clauss-Szarvady in London, 1886 allerdings nur noch in privatem Kreis (vgl. „The Musical Times” vom 1. October 1907, S. 671).


    Wilhelmine Clauss-Szarvadys Lebensmittelpunkt war jedoch ab 1855 Paris, wo sie in den folgenden Jahrzehnten als Pianistin, Kammermusikerin und Musikpädagogin auf vielfältige Weise in der Öffentlichkeit wie in privatem Kreis wirkte. Sie galt als herausragende Interpretin der so genannten „altklassischen Musik“, d. h. der Werke Johann Sebastian Bachs, Wolfgang Amadeus Mozarts und Ludwig van Beethovens, und setzte sich auch weiterhin intensiv für neuere Werke deutscher, österreichischer und französischer Komponisten ein, darunter Robert Schumann, Franz Liszt, Johannes Brahms, Gabriel Fauré, Camille Saint-Saëns und Edouard Lalo. Ein Schwerpunkt in allen ihren Konzerten blieb die Kammermusik, in deren Ausführung sich zugleich ihre zahlreichen künstlerischen Kontakte spiegelten. So spielte Wilhelmine Clauss-Szarvady z. B. am 10. April 1853 eine der ersten Aufführungen von Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur (op. 44) in der Pariser Salle Herz, gemeinsam mit den Geigern Camillo Sivori und Louis Ries, einem Bratscher namens Witting und dem Violoncellisten Auguste Tolbecque. Am 4. Dezember 1854 führte sie in der Salle à l’Odéon Felix Mendelssohn Bartholdys Klaviertrio c-Moll (op. 66) mit dem Geiger Franz Coenen und dem Violoncellisten Merlen auf (vgl. Fauquet 1986, S. 233). Sie gab im Februar und März 1858 drei Konzerte in der Salle Pleyel, in denen sie u. a. Kammermusik von Wolfgang Amadeus Mozart, Felix Mendelssohn Bartholdy und Ludwig van Beethoven aufführte (vgl. Fauquet 1986, S. 233), und spielte am 20. Februar 1858 in einem öffentlichen Konzert in Paris Johann Sebastian Bachs Chromatische Fantasie und Fuge (BWV 903), ein Werk, das zu dieser Zeit noch weit davon entfernt war, zum pianistischen Repertoire zu gehören (vgl. Ellis 2005, S. 53). Im März und April 1859 trat sie mit zwei weiteren Konzerten in der Pariser Salle Pleyel auf und spielte dabei gemeinsam mit dem Geiger Jean Becker und dem Violoncellisten Léon Jacquard Werke Ludwig van Beethovens, darunter die Violinsonate A-Dur (op. 47) und die Violoncellosonate A-Dur (op. 69) (vgl. Fauquet 1986, S. 233). Die vier Konzerte, die sie im Frühjahr 1860 in der Pariser Salle Pleyel gab, waren dem Werk Robert Schumanns gewidmet (vgl. „Revue des deux mondes“ vom Mai 1860, S. 763). Im Frühjahr 1863 veranstaltete Wilhelmine Clauss-Szarvady weitere Konzerte in Paris. Am 26. Februar spielte sie in der Salle Pleyel eine Sonate von Domenico Scarlatti, die Gigue KV 574 von Wolfgang Amadeus Mozart, eine Gavotte von Jean Philipp Rameau, eine Klaviersonate von Ludwig van Beethoven sowie Klavierstücke von Frédéric Chopin und Stephen Heller, und am 16. März 1863 trat sie gemeinsam mit Clara Schumann mit vierhändigen Klavierwerken Robert Schumanns auf (vgl. Fauquet 1986, S. 234).


    Anfang des Jahres 1866 spielte Wilhelmine Clauss-Szarvady das Klavierkonzert G-Dur (op. 58) Ludwig van Beethovens, und die „Leipziger Allgemeine Musikalische Zeitung“ berichtete aus Paris über das Konzert: „Noch gestern verschaffte er [der Konzertunternehmer Pasdeloup] uns den ausserordentlichen Genuss, jenes Meisterstück aller Claviermusik, das grosse Gdur-Concert von Beethoven, von der ausgezeichneten Pianistin Frau Szarvady (Wilhelmine Clauss) vortragen zu hören. Die Verehrer ihres reichen Talents hatten zwar gefürchtet, dass ihr fein nüancirtes Spiel in dem ungeheuren Saal, der sich überhaupt für die rasch verklingenden Töne des Flügels sehr wenig eignet, an Wirkung verlieren würde. Ihre Befürchtungen wurden jedoch durch den glänzendsten Erfolg Lügen gestraft.“ („Leipziger Allgemeine musikalische Zeitung“ vom 31. Januar 1866, S. 41) Im Februar und März 1866 gab Wilhelmine Clauss-Szarvady gemeinsam mit dem Braunschweiger Streichquartett der Brüder Müller (Karl, Violine 1; Hugo, Violine 2; Bernhard, Viola; Wilhelm, Violoncello) fünf Kammermusikkonzerte in der Pariser Salle Pleyel. Auf den Programmen standen u. a. Felix Mendelssohn Bartholdys „Variations concertantes“ für Klavier und Violoncello D-Dur (op. 17), Ludwig van Beethovens Klaviertrio B-Dur (op. 97), Felix Mendelssohn Bartholdys Klavierquartett h-Moll (op. 3), Johann Sebastian Bachs Sonate für Violine und Klavier A-Dur (BWV 1015), Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur (op. 44) und Ludwig van Beethovens Klaviertrio B-Dur (op. 70 Nr. 1) (vgl. Fauquet 1986, S. 233).


    Als Wilhelmine Clauss-Szarvady nach einer längeren Pause im Sommer 1874 in Paris wieder öffentlich auftrat, berichtete die „Allgemeine musikalische Zeitung“ begeistert über ihr Wiedererscheinen und charakerisierte das Spiel der Pianistin wie folgt: „Sie spielt nur die grossen Meister: Variationen, Capricen, Transcriptionen haben sie niemals angezogen, und man kann sich leicht vorstellen, wie sehr dieser edle und kühne Stil, den wir schon von lange her kennen, in der Zurückgezogenheit, dem Studium und unaufhörlichem Verkehre mit den alten und neuen Classikern gewinnen musste. Clara Wieck, indem sie Schumann interpretirte, näherte sich dem Ideale dieser Gattung [...]. Wir behaupten deshalb nicht, dass Mdme. Szarvady in ihrer Vortragsweise niemals ihres Gleichen gehabt habe, aber so viel scheint uns sicher zu sein, dass seit dem Abgange der Clara Schumann der Düsseldorfer Künstler keinen bedeutenderen Interpreten gefunden hat, und was wir von Schumann’s Werken sagten, findet gleichmässig seine Anwendung auf die letzten Sonaten von Beethoven.“ („Allgemeine musikalische Zeitung“ vom 2. September 1874, S. 555)


    Neben ihren öffentlichen Auftritten veranstaltete Wilhelmine Clauss-Szarvady wöchentliche Salons in ihrer Wohnung, 176, Boulevard Malesherbes in Paris, die bald zu einem Zentrum deutsch-französischer Musik wurden und in denen sich unter vielen anderen auch Joseph Joachim, Clara Schumann , César Franck, Camille Saint-Saëns und Gabriel Fauré trafen. Besonders nach 1870/71 wurden dort zahlreiche Werke von Johannes Brahms aufgeführt sowie Kompositionen französischer Komponisten, die von Felix Mendelssohn Bartholdy und Robert Schumann beeinflusst worden waren (vgl. Fauquet 1986, S. 234). Clara Schumann, die u. a. 1862 eigene Konzerte in Paris gab, war mehrfach bei Wilhelmine Clauss-Szarvady und ihrem Mann zu Gast (vgl. z. B. Litzmann 1920, Bd. 3, S. 116). Am 24. April 1862 überbrachte sie dem Ehepaar als Gastgeschenk jeweils eine Handschrift Robert Schumanns, die beide frühere Stadien von Kompositionen darstellen: den „Faschingsschwank“ op. 26 „Der lieben Frau Szarvadÿ zur Erinnerung. / Clara Schumann“ und die Klaviersonate g-Moll, op. 22, „Herrn Fr : Szarvadÿ / zur freundlichen Erinnerung / von / Cl. Schumann“ (vgl. Eigeldinger 1984, S. 108f.). Vermutlich unterrichtete Wilhelmine Clauss-Szarvady zudem regelmäßig. Dennoch ist bislang lediglich eine einzige Schülerin von ihr bekannt, die tschechische Pianistin Auguste Auspitz-Kolár , die ebenso wie Wilhelmine Clauss-Szarvady zuvor am Prockschen Institut in Prag ausgebildet worden war und von 1862 bis ca. 1865 bei ihr in Paris studiert hatte.


    Nach 1855 widmete sich Wilhelmine Clauss-Szarvady mit großem Engagement der Erforschung und Verbreitung älterer Musik, insbesondere der Musik für Cembalo. Bekannt wurde besonders ihre Herausgabe und Bearbeitung eines bis dahin nur im Manuskript überlieferten Cembalokonzertes f-Moll von Carl Philipp Emanuel Bach (Helm Nr. 484.2), das 1864 erstmals im Leipziger Musikverlag Senff erschien (Zuschreibung heute zweifelhaft, vgl. Helm 1989, S. 105). Ebenfalls in den Jahren 1863/64 edierte sie unter dem Titel „Wilhelmine Clauss-Szarvady, Clavierstücke aus ihren Concert-Programmen“ neun kleinere Werke für Cembalo, darunter Kompositionen von Giovanni Battista Pergolesi, Jean-Philippe Rameau, Jacques Champion de Chambonnières und Claude-Bénigne Balbastre.


    Nach dem Tod ihres Mannes 1882 zog sich Wilhelmine Clauss-Szarvady weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. Sie starb am 1. September 1907 in Paris.

    Würdigung

    Wilhelmine Clauss-Szarvady war über fünfzig Jahre lang als herausragende Solistin und Kammermusikerin im internationalen Musikleben präsent. Durch ihre vielfältigen künstlerischen Kontakte in Deutschland und Frankreich sowie durch die Auswahl und Interpretation der von ihr aufgeführten Werke sorgte Wilhelmine Clauss-Szarvady für ein künstlerisches Miteinander beider Länder. Ihr weitreichendes Verständnis für Musik der „großen Meister“ wurde noch zu ihren Lebzeiten vielfach gewürdigt. So schrieb z. B. Robert de Montesquiou 1897 über die Pianistin: „Le haut respect des maîtres, une compréhension géniale des œuvres, une attaque du clavier puissante et profonde caractérisent la manière de cette artiste comme on n’en entendra plus guère, et dont la renommée bien que largement répandue mériterait d’être plus universelle.” („Der große Respekt vor den Komponisten, ein geniales Verständnis der Werke, ein kraftvoller und tiefgehender Anschlag, wie man ihn kaum je mehr hören wird, charakterisieren das Spiel dieser Künstlerin, deren Renommee zwar weit verbreitet ist, das aber verdiente, universell zu sein.“ Montesquiou 1897, S. 269) Und in einem von L. de Fourcaud und Arthur Pougin 1893 veröffentlichten Buch über die Salle Pleyel hieß es: „Parmi les femmes, la plus célèbre, sans contredit, est Mme Szarvady (Wilhelmine Clauss), née à Prague [...], pianiste de premier ordre, au jeu brillant et coloré, plein de grâce et de délicatesse, qui, déjà fameuse à l’étranger dès ses plus jeunes années, vint débuter à Paris avec le plus grand succès sous les auspices de Berlioz, et depuis lors ne l’a jamais quitté. Mme Szarvady, qui ne se contente pas d’être une virtuose d’un talent exceptionnel, mais qui est aussi une musicienne profondément instruite et versée dans la connaissance des chefs-d’œuvre, n’a pas été étrangère, par son excellent exemple, au mouvement qui a ramené nos artistes et notre public au culte des grands maîtres, qu’elle interprète avec un style superbe et d’une façon magistrale.“ („Zu den bekanntesten Frauen ist ohne Zweifel Mme Szarvady (Wilhelmine Clauss) [zu zählen], in Prag geboren und eine Pianistin ersten Ranges mit einem brillianten und farbenreichen Spiel, voller Anmut und Feinsinn, die, seit frühester Jugend im Ausland berühmt, mit größtem Erfolg unter Berlioz in Paris debütierte und es seither nie verlassen hat. Mme Szarvady, die sich nicht darauf beschränkt, eine außergewöhnlich talentierte Virtuosin zu sein, sondern die auch eine höchst gebildete Musikerin mit tiefem Verständnis für die Meisterwerke ist, ist niemals eine Fremde gewesen, weil sie als herausragendes Vorbild für jene Bewegung diente, die unsere Künstler und unser Publikum um die großen Komponisten geschart hat, die sie mit überragendem Stil und Erhabenheit interpretiert.“; Fourcaud/Pougin u. a. 1893, S. 64ff.)


    Zudem engagierte sich Wilhelmine Clauss-Szarvady bereits ab den 1860er Jahren für ältere Musik, insbesondere für Cembalowerke, und wirkte auch darin nachhaltig. Walter Niemann würdigte ihre Arbeit auf diesem Gebiet 1921 in seinem Buch „Meister des Klaviers“ und schrieb, von Wilhelmine Clauss-Szarvády ziehe sich „eine einzige große Linie in der Forschung, Bearbeitung und dem Vortrag alter Klaviermusik bis zu Wanda Landowska “ (Niemann 1921, S. 67).

    Rezeption

    Die Tätigkeiten von Wilhelmine Clauss-Szarvady sind im Gedächtnis geblieben. Sie wurden z. B. von Joël-Marie Fauquet in mehreren Publikationen gewürdigt, und Jean-Jacques Eigeldinger publizierte 1984 einen Aufsatz über die in ihrem Nachlass enthaltenen Musiker-Autographe. (Zur zeitgenössischen Rezeption vgl. den Abschnitt „Biografie“.)

    Werkverzeichnis

    Editionen und Bearbeitungen


    Wilhelmine Clauss-Szarvady. Clavierstücke aus ihren Concert-Programmen, drei Hefte. Leipzig: Senff, 1863/64

    Heft 1: Domenico Scarlatti: Sonate – Giovanni Battista Pergolesi: Arie – Jean-Ph. Rameau: Les Niais de Sologne.

    Heft 2: Jacques Champion de Chambonnières: Gaillarde La de Croissy – François Couperin: Courante – Jean-Ph. Rameau: Gavotte

    Heft 3: Domenico Scarlatti: Sonate – Benedetto Marcello: Sonate – Claude-Bénigne Balbastre: Romance.


    Bach, Carl Philipp Emanuel. Concert f-moll, bearbeitet und herausgegeben von Wilhelmine Szarvady. Leipzig: Senff, 1864 (Zuschreibung heute zweifelhaft, möglicherweise ist Johann Christian Bach der Komponist, vgl. Helm 1989, S. 105).

    Repertoire

    Eine Repertoireliste von Wilhelmine Clauss-Szarvady kann derzeit aufgrund fehlender Forschungen nicht erstellt werden. Nachgewiesen sind Aufführungen folgender Werke:



    Bach, Carl Philipp Emanuel. Konzert für Klavier (bzw. Cembalo) und Streicher f-moll (Helm Nr. 484.2; Zuschreibung heute zweifelhaft).


    Bach, Johann Sebastian. Chromatische Fantasie und Fuge, BWV 903

    Bach, Johann Sebastian. Präludium und Fuge Cis-Dur (verm. BWV 848)

    Bach, Johann Sebastian. Sonate für Violine und Klavier A-Dur, BWV 1015


    Balbastre, Claude-Bénigne. Romance.


    Beethoven, Ludwig van. Klaviersonate f-Moll, op. 57 („Sonata appassionata“)

    Beethoven, Ludwig van. Klaviertrio B-Dur, op. 70 Nr. 1

    Beethoven, Ludwig van. Klaviertrio B-Dur, op. 97

    Beethoven, Ludwig van. Konzert für Klavier und Orchester C-Dur, op. 15

    Beethoven, Ludwig van. Konzert für Klavier und Orchester c-Moll, op. 37

    Beethoven, Ludwig van. Konzert für Klavier und Orchester G-Dur, op. 58

    Beethoven, Ludwig van. Sonate für Violine und Klavier A-Dur, op. 47

    Beethoven, Ludwig van. Sonate für Violoncello und Klavier A-Dur, op. 69


    Chambonnières, Jacques Champion de. Gaillarde La de Croissy


    Chopin, Frédéric. Nocturne (keine Präzisierung möglich)


    Couperin, François. Courante


    Heller, Stephen. Die Jagd


    Liszt, Franz. Fantasie über Themen aus Mozarts „Don Giovanni“

    Liszt, Franz. Klaviertranskription von Franz Schuberts „Erlkönig“


    Marcello, Benedetto. Sonate


    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Fantasie fis-Moll, op. 28

    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Klavierquartett h-Moll, op. 3

    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Klaviertrio c-Moll, op. 66

    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Konzert für Klavier und Orchester g-Moll, op. 25

    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Lieder ohne Worte

    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Variations concertantes für Klavier und Violoncello D-Dur, op. 17


    Mozart, Wolfgang Amadeus. Gigue KV 574


    Pergolesi, Giovanni Battista. Arie


    Rameau, Jean Ph. Gavotte

    Rameau, Jean Ph. Les Niais de Sologne


    Scarlatti, Domenico. Klaviersonaten


    Schumann, Robert. Andante und Variationen für zwei Klaviere op. 46

    Schumann, Robert. Klavierquintett Es-Dur, op. 44

    Schumann, Robert. Konzert für Klavier und Orchester a-Moll, op. 54

    Quellen

    Literatur


    Artikel „Szarvady (Madame Wilhelmine Clauss)“. In: Fétis, François-Joseph. Biographie universelle des musiciens. 8 Bde. Paris 1875, Bd. 8, S. 171.


    Artikel „Clauss-Szarvady, Wilhelmine“. In: Lexikon der Frau. Zürich: Encyclios Verlag, 1954, Bd. 1, Sp. 657.


    Artikel „Clausz-Szarvady, Wilhelmine“. In: Conversations-Lexikon. Eine Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften. Hermann Mendel; August Reissman (Hg.). Bd. 2. Berlin: Verlag von Robert Oppenheim, 1872, S. 486f.


    Artikel „Szarvady, Wilhelmine, geborene Clauss“. In: Conversations-Lexikon. Eine Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften. Hermann Mendel; August Reissman (Hg.). Bd. 10. Berlin: Verlag von Robert Oppenheim, 1878, S. 57f.


    Artikel „Clauß-Szarvady, Wilhelmine“. In: Musiklexikon. Hugo Riemann (Hg.), bearb. v. Alfred Einstein. 1929 (verfügbar in wbis – world biographical information system)


    Artikel „Clauß, Wilhelmine“. In: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich. T. 2. Constant v. Wurzbach (Hg.). 1857 (verfügbar in wbis – world biographical information system).


    Artikel „Clauß-Szarvady, Wilhelmine“. In: Kurzgefaßtes Tonkünstlerlexikon für Musiker und Freunde der Tonkunst. Paul Frank, Wilhelm Altmann (Hg.). 12. Aufl. Leipzig: Merseburger, 1926 (verfügbar in wbis – world biographical information system).


    Artikel „Szarvady, Wilhelmine Clauss Mme“. In: Dictionnaire de la musique en France au XIXe siècle. Joël-Marie Fauquet (Hg.). Paris: Fayard, 2003, S. 1194.


    Bülow, Hans von. Briefe. 2. Band 1853- 1855. Leipzig: Breitkopf und Härtel, 1895.


    Dörffel, Alfred. Geschichte der Gewandhausconcerte zu Leipzig vom 25. November 1781 bis 25. November 1881. Leipzig: Concert-Direction Gewandhaus, 1884.


    Ehrlich, Albert [d. i. Albert Payne] (Hg.). Berühmte Klavierspieler der Vergangenheit und Gegenwart. Eine Sammlung von 116 Biographien und 114 Portraits. Leipzig: Verlag von A. H. Payne, 1893.


    Eigeldinger, Jean-Jacques. Notes sur des Autographes Musicaux Inconnus. In: Revue de Musicologie 70 (1984), S. 107-117.


    Fauquet, Joël-Marie. Les Sociétés de Musique de Chambre à Paris de la Restauration à 1870. Paris: Aux Amateurs de Livres, 1986.


    Fourcaud, L.de/ Pougin, Arthur u. a. La Salle Pleyel. Paris: Ancienne Maison Quantin, 1893.


    Hanslick, Eduard. Geschichte des Concertwesens in Wien. Wien: Wilhelm Braumüller, 1869.


    Hanslick, Eduard. Aus dem Concertsaal. Kritiken und Schilderungen aus den letzten 20 Jahren des Wiener Musiklebens. Wien: Wilhelm Braumüller, 1870.


    Helm, Ernest Eugene. Thematic catalogue of the works of Carl Philipp Emanuel Bach. New Haven: Yale Univ. Pr., 1989.


    Joachim, Joseph. Briefe von und an Joseph Joachim. Gesammelt und herausgegeben von Andreas Moser. 3 Bände. Berlin: Julius Bard, 1911-1913.


    Lahee, Henry C. Famous Pianists of To-day and Yesterday. Boston: The Page Company Publishers, 13. Aufl, 1929.


    Lewald-Stahr, Fanny/Carl Alexander. Großherzog Carl Alexander und Fanny Lewald-Stahr in ihren Briefen 1848-1889. Rudolf Göhler (Hg.). 2 Bde. Berlin: Mittler & Sohn, 1932.


    Liszt, Franz/Bülow, Hans von. Briefwechsel. La Mara (Hg.). Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1898.


    Liszt, Franz. Briefe. La Mara (Hg.). 8 Bde. Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1893ff.


    Litzmann, Berthold. Clara Schumann. Ein Künstlerleben. Nach Tagebüchern und Briefen. 3. Bd. 4. Aufl., Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1920.


    Montesquiou, Robert de. Roseaux pensants. Paris: Charpentier, 1897.


    Niemann, Walter. Meister des Klaviers. Die Pianisten der Gegenwart und der letzten Vergangenheit. 9. bis 14. völlig umgearbeitete Auflage. Berlin: Schuster & Loeffler, 1921.



    Konzertkritiken und Zeitungsartikel


    Allgemeine musikalische Zeitung vom 27. September 1865, S. 647.

    Allgemeine musikalische Zeitung vom 2. September 1874, S. 555.


    Leipziger Allgemeine musikalische Zeitung vom 31. Januar 1866, S. 41.


    Neue Zeitschrift für Musik vom 15. Februar 1850, S. 66.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 8. März 1850, S. 103.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 17. Februar 1854, S. 78f.


    Revue des deux mondes vom Mai 1860, S. 763.


    Rheinische Musik-Zeitung für Kunstfreunde und Künstler vom 8. August 1850, S. 38.

    Rheinische Musik-Zeitung für Kunstfreunde und Künstler vom 19. April 1851, S. 333.

    Rheinische Musikzeitung für Kunstfreunde und Künstler vom 15. Mai 1852, S. 784.


    The Times London vom 22. April 1852, S. 5.

    The Times London vom 13. Mai 1852, S. 5.

    The Times London vom 21. Juni 1852, S. 8.


    The Musical Times vom 1. Oktober 1907, S. 671.



    Links


    http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelmine_Clauss-Szarvady (Stand: 30. Oktober 2008)

    Wikipedia Deutschland enthält einen kurzen Artikel über Wilhelmine Clauss-Szarvady.


    http://www.hofmeister.rhul.ac.uk (Stand: 7. August 2009)

    Die Datenbank Hofmeister XIX, in der die Hofmeisterschen Musikalienkataloge des 19. Jahrhunderts erfasst sind, verzeichnet mehrere der genannten Editionen von Wilhelmine Clauss-Szarvady.


    www.kalliope-portal.de (Stand: 7. August 2009)

    Das Verbundsystem Nachlässe und Autographe Kalliope-Portal enthält mehrere Verweise auf Briefe von Wilhelmine Clauss-Szarvady.

    Forschung

    Der Nachlass von Wilhelmine Clauss-Szarvady befindet sich nach wie vor in Privatbesitz. Jean-Jacques Eigeldinger machte 1984 auf mehrere Komponistenautographe aufmerksam, die sich dort befinden, darunter Autographe von Robert Schumann, Johannes Brahms, Frédéric Chopin, César Franck und Gabriel Fauré (vgl. Eigeldinger 1984). Ferner hinterließ Wilhelmine Clauss-Szarvady ein Tagebuch über ihre Reisen 1854/55, das sich ebenfalls im privaten Nachlass befindet und das Joël-Marie Fauquet unter dem Titel „Le journal de voyage d’une pianiste romantique, Wilhelmine Clauss-Szarvady“ 1984 zu publizieren beabsichtigte (vgl. Eigeldinger 1984, S. 107, Anm. 2). Eine solche Publikation ist nicht nachzuweisen.


    Zwei Briefe von Wilhelmine Clauss-Szervady befinden sich in der Theatersammlung der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg. In der Pariser Bibliothèque Nationale befinden sich fünf Briefe von Wilhelmine Clauss-Szarvady, u. a. an den Konzertveranstalter Lamoureux.

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Wilhelmine Clauss-Szarvady umfasst ihre Biografie sowie alle ihre Tätigkeiten.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 15522575
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 11654127X
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Silke Wenzel


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 14.08.2009


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Wilhelmine Clauss-Szarvady“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 14.8.2009.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Wilhelmine_Clauss-Szarvady