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  • Walentina Semjonowna Serowa

    von Marina Lobanova
    Namen:
    Walentina Semjonowna Serowa (orig.: Валентина Семёновна Серова)
    Geburtsname: Walentina Semjonowna Bergman
    Lebensdaten:
    geb. in Moskau, Russisches Imperium
    gest. vor in Moskau, UdSSR

    Der Sterbetag wird aufgrund des Nachrufs datiert, der nach dem Tod von Walentina Serowa in der Zeitung „Prawda" am 26. Juni 1924 erschien.
    Tätigkeitsfelder:
    Komponistin, Musikkritikerin, Herausgeberin, Autorin, Librettistin
    Charakterisierender Satz:

    "Я люблю и ценю её как артиста, как крупную, горячую, справедливую натур, таких немного, я знаю".

    („Ich liebe sie als eine Künstlerin, als eine große, höchst temperamentvolle, rechtschaffene Persönlichkeit. Es gibt nur wenige ihrer Art, da bin ich ganz sicher.“)


    Brief von Walentin Alexandrowitsch Serow an Elisaweta Grigorjewna Mamontowa, 6. Januar 1889. RGALI [Russisches Staatliches Archiv für Literatur und Kunst, Moskau]; veröffentlicht in: Valentin Serov v vospominanijach, dnevnikach i perepiske sovremennikov [Walentin Serow in Erinnerungen, Tagesbüchern und Briefwechseln mit Zeitgenossen]. Kommentare von I. S. Silberstein und W. A. Samkow zum Buch: Bd. 1. Leningrad 1971, S. 69.


    Profil

    Walentina Serowa war die erste professionelle russische Komponistin, von der eine Oper im Moskauer Bolschoi-Theater inszeniert wurde. Sie war die Ehefrau des russischen Komponisten Alexander Serow und Mutter des Malers Walentin Serow.

    Orte und Länder

    Walentina Serowas musikalische Tätigkeiten erstreckten sich auf St. Petersburg, Moskau, München und Paris; die beiden letztgenannten Städte wurden von ihr auch für die künstlerische Ausbildung ihres Sohnes ausgewählt. In den Dörfern Sudossewo des Simbirsk-Gouvernement und Sjabrinzy des Nowgorod-Gouvernements engagierte sich Serowa sehr für eine intensive Aufklärungsarbeit bei den Bauern.

    Biografie

    Walentina Semjonowna Bergman stammte aus einer zur russischen Orthodoxie konvertierten jüdischen Familie. Ihre Eltern, Semjon Jakowlewitsch Bergman und Awgustina Karlowna Bergman (geborene Gudson), die aus Hamburg stammte, besaßen einen kleinen Laden in Moskau. Um ihrer Tochter eine gute Erziehung zu verschaffen, ließen sie sie in einer privaten Mädchenschule unterrichten. Ab dem Alter von sechs Jahren erhielt Walentina Bergman Klavierunterricht. Bereits an der Mädchenschule zeigte Walentina Bergman einen sehr unabhängigen Charakter, der zu Konflikten führte und schließlich den Abgang von der Schule nach sich zog. 1862 erhielt sie indes ein Stipendium der Russischen Musikgesellschaft, um Klavier bei Anton Rubinstein am St. Petersburger Konservatorium zu studieren. Als Studentin besuchte sie Vorlesungen des bekannten Komponisten und Musikkritikers Alexander Nikolajewitsch Serow (1820-1871), der der strengen Konservatoriums-Ausbildung sehr kritisch gegenüberstand. Bald darauf nahm sie auch Kompositionsunterricht bei Serow. 1863 heiratete sie im Alter von 17 Jahren den 43-jährigen Komponisten und brach ihre Ausbildung ab. (In manchen Quellen wird als Grund des Studienabbruchs auch ein Konflikt mit Anton Rubinstein erwähnt, vgl. Valentina Serova. Kak ros moj syn [Wie mein Sohn aufwuchs]. Leningrad 1968, S. 15-50.)

    Alexander Serow vergötterte Richard Wagner, war mit ihm persönlich bekannt und propagierte als sein Vertrauter in Russland sein Werk. Serow entwickelte dem "Mächtigen Häuflein" gegenüber eine ausgesprochen kritische Haltung. Er verkehrte vornehmlich in gehobenen Kreisen, während seine junge Frau sich zu den sogenannten "Nihilisten" hingezogen fühlte, die Ivan Turgenev in seinem Roman "Väter und Söhne" (1861) beschrieben hat. Dieser Gruppierung gehörten progressive demokratische Denker, Publizisten und Kritiker wie Nikolai Alexandrowitsch Dobroljubow (1836-1861), Dmitri Iwanowitsch Pissarew (1840-1868) und Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski (1828-1889) an, die zu sozialem Protest aufriefen, den Dienst am Volk einforderten und ästhetische Werte dem politisch-sozialen Anspruch unterordneten. In diesem Kreis waren auch feministische Ideen sehr populär, die jungen Nihilistinnen kämpften für die Frauenrechte und protestierten gegen bürgerliche Umgangsformen und gegen das bürgerliche Frauenbild, indem sie sich das Haar kurz schneiden ließen, formlose schwarze Kleider und Stiefel trugen.

    Der Kontrast, der zwischen den gehobenen Kreisen, in denen Alexander Serow verkehrte, und den Nihilisten im Umkreis seiner Frau bestand, veranlasste den Maler Ilja Jefimowitsch Repin (1844-1930) bereits nach seinem ersten Besuch bei dem Ehepaar zu folgender Beschreibung:


    "Было уже много гостей, когда мы вошли в просторную анфиладу комнат, меблированных только венскими стульями. [...] Серов [...] был окружен свитою по виду весьма значительных лиц. Вот какой-то генерал, вот певец Васильев второй, вот Кондратьев, это тоже певец [...]. Все артисты -- тут и Островский бывал; а это -- молодой красавец с густой черной копной волос -- Корсов, певец. [...]

    Публика все прибывала. Много было лохматого студенчества, не носившего тогда формы Большею частью серые пиджаки, расстегнутые на красном косом вороте рубахи, штаны в голенищи [...]. Манеры были у всех необыкновенно развязны, и студенческая речь бойко врывалась в разных местах у стен, особенно в следующей комнате; там уже было накурено. [...]

    Скоро зала превратилась в концертную. Александр Николаевич за роялем как-то вырос, похорошел; серые космы на голове, как лучи от высокого, откатистого лба, засветились над лысоватой головой. Он ударил по клавишам. [...]

    Неприятно только было, что в соседней комнате, густо набитой студентами и нигилистками, и особенно табачным дымом, сначал шепотом, а потом все громче не прекращались страстные споры; боже, эти люди увлеклись до того, что почти кричали.

    Наконец Серов остановился...

    Он откинул гордо голову и крикнул властно и прозаически, повернувшись к галдящим:

    -- Если вы будете так разговаривать, я перестану играть!

    Его стали успокаивать. Мoлодежь замолчала. Ей стало стыдно.

    Оглянувшись через некоторое время, я увидел, что недалеко от меня стояла хозяйка.

    Я встал со стула, чтобы уступить ей место.

    Она посмотрела на меня с презрительной строгостью и, едва сдерживая ироническую улыбку, ушла в область кошмарного табачного дыма и принудительного молчания.

    На другой день я спросил Антокольского:

    -- Отчего это хозяйка с насмешкой и презрением отошла от меня, когда я хотел уступить ей свой стул?

    -- А это, видишь, новая молодежь считает эти светские манеры пошлостью. Девицы и мужчины равны, а это ухаживание их оскорбляет... [...]

    -- А она и волосы стрижет, форменная нигилистка!

    -- О, какой она правдивый и хороший человек!"


    („Es waren schon mehrere Gäste da, als wir die leer geräumte Zimmerflucht betraten, die lediglich mit einfachen Stühlen möbliert war. [...] Serow war von verschiedenen Personen umgeben, die sehr bedeutend zu sein schienen. Da irgendein General, und hier der Sänger Wassiljew der Zweite, da noch ein Sänger, Kondratjew [...]. Man erkannte Schauspieler darunter, auch Ostrowski besuchte das Haus. Und jener junge schöne Mann mit dichtem schwarzen Haar war der Sänger Korsow. [...]

    Es kamen immer mehr Gäste. Es waren viele ungepflegt aussehende Studenten darunter, die keine Uniform trugen. Man sah fast nur graue, aufgeknöpfte Sakkos über roten Hemden und in die Stiefel gesteckte Hosen [...] Alle hatten ausgesprochen freie und vorlaute Manieren, und das Palaver der Studenten drang überall hindurch, insbesondere ins nächste Zimmer, wo bereits stark geraucht wurde. [...]

    Bald verwandelte sich der Salon in einen Konzertsaal. Alexander Nikolajewitsch am Flügel erschien in gewisser Weise noch größer und schöner; die grauen Haar glänzten auf dem Kopf mit der Glatze als ob sie Strahlen wären, die von der hohen, großen Stirn herkämen. Er begann zu spielen. [...]

    Unangenehm war allerdings, dass im nächsten Zimmer, das mit Studenten und Nihilistinnen und besonders mit Tabakrauch vollgestopft war, leidenschaftliche Streitereien fortgesetzt wurden; zuerst hörte man sie nur flüstern, dann wurden sie immer lauter. Mein Gott, diese Menschen ereiferten sich so sehr, dass sie beinahe schrien.

    Schließlich hörte Serow auf zu spielen...

    Stolz erhob er seinen Kopf und brüllte ohne Umschweife:

    - Wenn Sie mit ihrem Palaver weitermachen, höre ich auf zu spielen!

    Man versuchte ihn zu beruhigen. Die jungen Leute hörten auf zu reden, es wurde ihnen peinlich.

    Als ich mich nach einer Weile nach hinten umschaute, bemerkte ich die Hausherrin, die nicht weit von mir stand.

    Ich stand auf, um ihr meinen Platz anzubieten.

    Sie schaute mich mit verachtender Strenge an und wandte sich mit einem ironischen Lächeln, das kaum zu verbergen war, in die Richtung, aus der der schreckliche Tabakrauch und das erzwungene Schweigen kamen.

    Am nächsten Tag fragte ich Antokolski:

    - Weshalb wandte sich die Hausherrin voller Spott und Verachtung von mir ab, als ich ihr meinen Stuhl anbieten wollte?

    -- Sieh mal, die Jugend von heute hält all diese Umgangsformen für banal. Frauen und Männer sollen gleich sein, und jeder Versuch, höflich zu sein, beleidigt sie... [...]

    - Dazu lässt sie sich das Haar kurz schneiden; sie ist ja eine richtige Nihilistin!

    - Oh, du musst doch wissen, was für ein ehrlicher und guter Mensch sie ist!“

    Valentin Serov v vospominanijach, dnevnikach i perepiske sovremennikov [Walentin Serow in Erinnerungen, Tagesbüchern und Briefwechsel der Zeitgenossen]. Kommentare von I. S. Silberstein und W. A. Samkow zum Buch: Bd. 1. Leningrad 1971, S. 23-25).


    Aus der Ehe mit Alexander Serow gingen zwei Kinder hervor: der Maler Walentin Alexandrowitsch Serow (1865-1911) und eine Tochter, die 1871 im Alter von zehn Monaten verstarb.

    1867 und 1868 gaben Alexander Serow und seine Frau die erste russische Musikzeitung „Muzyka i teatr“ („Musik und Theater“) heraus; die Publikation hatte keinen finanziellen Erfolg und musste deshalb wieder eingestellt werden.

    Nach dem plötzlichen frühen Tod ihres Ehemanns, der am 20. Januar 1871 einen Herzinfarkt erlitt, vollendete Walentina Serowa zusammen mit Alexander Serows Freund, dem Komponisten Nikolaj Feopemptowitsch Solowjow (1846-1916), die letzte Oper Serows, „Wrazhja sila“ („Des Feindes Macht“). Ferner gab sie die Partitur seiner Oper „Judith“ heraus sowie vier Bände mit Artikeln und Schriften von Serow.

    In Russland und im Ausland knüpfte Walentina Serowa viele Kontakte zu bedeutenden Künstlern, Schriftstellern und Musikern, wie Iwan Turgenew, Lew Tolstoj, Pauline Viardot, Richard Wagner und Franz Liszt, die auch für ihren Sohn sehr wichtig wurden. Sie war jahrelang mit dem Maler Ilja Repin befreundet, der viel zur professionellen Ausbildung ihres Sohnes beitrug, sowie mit dem Bildhauer Mark Antokolski, dem Sänger Fjodor Schaljapin und dem Mäzen Sawwa Mamontow.

    Als Musikerin war Walentina Serowa sehr vielseitig begabt; als Frau zeigte sie einen ausgesprochen starken Willen, sie hatte strenge Prinzipien, eine markante Persönlichkeit und enorme Energie.

    Walentina Serowa war die erste russische Opernkomponistin: sie schrieb fünf Opern. In der Oper "Uriel Acosta" (UA 1885; Libretto von der Komponistin und Pawel Iwanowitsch Blaramberg nach dem Trauerspiel "Uriel Acosta" von Karl Ferdinand Gutzkow, übersetzt von Pjotr Issaewitsch Weinberg) konzentrierte sich die Komponistin auf das Thema des Freidenker, inspiriert durch die tragische Gestalt des Rebellen und Religionsphilosophen Uriel da Costa (1585-1640). Die Oper "Marija D’Orval" ("Marie Dorval", nach eigenem Libretto; verschollen) war der großen Schauspielerin aus der Zeit der französischen Revolution gewidmet. Die Oper "Ilja Muromez" (nach eigenem Libretto, UA 1899) wurde von Heldengestalten der russischen Sagen inspiriert.; In den Oper "Miroed" ("Der Bauer-Ausbeuter", nach einer Erzählung von Alexej Antipowitsch Potechin, verschollen) thematisierte Serowa Schlichtungsversuche in einem russischen Dorf. Die Oper "Vstrepenulis’" ("Plötzlich wach geworden", nach eigenem Libretto, 1904/05, verschollen) wurde von der Revolution 1905 inspiriert. Serowa schrieb des weiteren auch Klavierkompositionen, Bühnenmusiken usw.


    Serowas Opern waren wichtigen sozial-politischen Tendenzen und Ideen gewidmet: so thematisierte die Oper "Miroed" die Entwicklung der sozialen Schichten in einem russischen Dorf, d.h. die rasche Verarmung der meisten Bauern und die Formierung einer kleinen Schicht reicher Bauern, den Kulaken. In der Oper "Vstrepenulis’" schilderte Serowa die Reaktion eines russischen Dorfes auf die Revolution von 1905. Diese Werke wurden mit ihrer sozial-politischen Botschaft von einem revolutionär-demokratisch eingestellten russischen Publikum begeistert aufgenommen.

    Die Uraufführung der Oper "Uriel Acosta" fand im April 1885 im Bolschoi-Theater in Moskau statt. Außerdem wurde die Oper auch in St. Petersburg und Kiew auf die Bühne gebracht. Viele namhafte Komponisten zeigten sich von diesem Werk nicht begeistert, da sie die Professionalität Serowas anzweifelten. Allerdings wurde die Oper vom progressiven Publikum begrüßt. Der Klavierauszug dieser Oper wurde 1892 vom Moskauer Musikverleger Alexander Gutcheil publiziert (s.: http://old.rsl.ru/table.jsp?f=1016&t=3&v0=%D0%B2%D0%B0%D0%BB%D0%B5%D0%BD%D1%82%D0%B8%D0%BD%D0%B0+%D1%81%D0%B5%D0%BC%D0%B5%D0%BD%D0%BE%D0%B2%D0%BD%D0%B0+%D1%81%D0%B5%D1%80%D0%BE%D0%B2%D0%B0&f=1003&t=1&v1=&f=4&t=2&v2=&f=21&t=3&v3=&f=1016&t=3&v4=&f=1016&t=3&v5=&useExternal=true&bf=4&b=&d=0&ys=&ye=&lng=&ft=&mt=&dt=&vol=&pt=&iss=&ps=&pe=&tr=&tro=&cc=a1&i=1&v=tagged&s=0&ss=0&st=0&i18n=ru&rlf=&psz=20&bs=20&ce=4&debug=false&x=0&y=0).

    Auch die Oper "Ilja Muromez" wurde auf die Bühne gebracht, und zwar 1899 in Moskau auf der Bühne der Gesellschaft der privaten russischen Oper von Sawwa Morozow. Bei der Uraufführung wirkte auch Fjodor Schaljapin mit. Allerdings hatte diese Oper keinen Erfolg und wurde nie wiederholt.


    Die Informationen zu Serowas Kompositionen, auch zu ihren Opern, sind äußerst lückenhaft. Die meisten Kompositionen gelten als verschollen. Es fehlen auch Beschreibungen; in den vorliegenden Quellen werden häufig keine Daten zur Entstehung genannt. Für diese Quellenlage ist nicht zuletzt die Komponistin verantwortlich, da sie selbst ihre Kompositionen vor allem wegen der ideologisch-politischen Botschaft wertschätzte und sie weniger als musikalische Werke für eine Überlieferung vorsah.


    Ebenso wie andere Vertreter der russischen sogenannten „Intelligenzija“ ihrer Zeit, vor allem die sogenannten „Narodniki“ (Volkstümler) und die Vertreter der SR (Partei der Sozialisten-Revolutionäre), engagierte sich Serowa sehr für die Unterstützung der russischen Bauern: u.a. versuchte sie, ihnen in den Hungerjahren 1891/92 zu helfen, indem sie im Dorf Sudossewo im Gouvernement Simbirsk Volksküchen organisierte, in denen Bedürftige kostenlose Kost erhalten konnten, ebenso kümmerte sie sich um ein Kinderheim (S.: Klejankin, Aleksej Wassil’evič. Svet -- ljudjam. Dokumental’nyj očerk o prosvetitel’skoj dejatel’nosti V. S. Serovoj sredi krest’jan sela Sudosevo [Das Licht und die Menschen. Ein dokumentarischer Abriss zur Aufklärungstätigkeit der W. S. Serowa bei den Bauern des Dorfs Sudossewo]. Saransk 1968).

    Außerdem beteiligte sich Serowa an der Organisation von Bauerngemeinschaften, Bauernschulen, dem „Theater fürs einfache Volk" und von Bauernmusikkollektiven. In den 1880er Jahren begeisterte sich Serowa für die Ideen von Lew Nikolajewitsch Tolstoi, der zahlreiche Vertreter der russischen „Intelligenzija“ dazu inspirierte, ihr Leben einfacher und anspruchsloser zu gestalten, auf Luxus zu verzichten und sich für die Aufklärung des einfachen Volkes zu engagieren.

    Ende der 1880er Jahre beschäftigte sich Walentina Serowa im Dorf Sjabrinzy im Gouvernement Nowgorod mit Bauernchören und machte Bauern auf diese Weise mit der Musik und im Besonderen mit Werken russischer Komponisten bekannt. Sie organisierte ein Sängerensemble mit etwa 40 Bauern, die Szenen aus den Opern "Fürst Igor" von Alexander Borodin, "Rogneda" und "Des Feindes Macht" von Alexander Serow aufführten. Außerdem trugen ihre Schülerinnen und Schüler Romanzen und Chöre von Michail Glinka, Alexander Dargomyschski, Nikolai Rimski-Korsakow und Peter I. Tschaikowsky vor. Mit diesem Ensemble gastierte Walentina Serowa auch in benachbarten Städten.

    Diese Aktivitäten Serowas wurden von Lew Tolstoi hochgeschätzt: Tolstoj bezeichnete Serowas Engagement als "große Tat" (Valentina Serova. Vstreča s L. N. Tolstym na muzykal’nom poprišče [Eine Begegnung mit L. N. Tolstoi auf musikalischem Gebiet], Russkaja muzykal’naja gazeta 1894, Nr. 4 http://www.bibliotekar.ru/lev-tolstoy/11.htm).

    Tolstois Theaterstück "Pervyj vinokur" [„Der erste Branntweinbrenner", 1886] wurde schließlich von Walentina Serowa in einem Dorf inszeniert (Šiškova, M. P. Tverskoj kraj -- muzyka [Das Twer-Gebiet: Musik]. http://nlydide.clan.su/news/m_p_shishkova_tverskoj_kraj_muzyka/2013-03-31-51).


    Walentina Serowa gehörte zu den Mitbegründern und Ehrenmitgliedern der Moskauer Fördergesellschaft für die Organisation allgemeinbildender Volksveranstaltungen (Obschtschestwo sodejstwija ustrojstwu obschtscheobrazowatelnych narodnych razwletschenij), die 1898 in Moskau ins Leben gerufen wurde und literarisch-musikalische Matineen für Arbeiter und Theateraufführungen in Fabriken durchführte. Als Volksaufklärerin wurde Walentina Serowa von der Geheimen Staatspolizei beobachtet (Valentin Serov v vospominanijach, dnevnikach i perepiske sovremennikov [Walentin Serow in Erinnerungen, Tagesbüchern und Briefwechsel der Zeitgenossen]. Kommentare von I. S. Silberstein und W. A. Samkow zum Buch: Bd. 1. Leningrad 1971, S. 68). Ihre Bekanntschaft mit zahlreichen berühmten, einflussreichen und wohlhabenden Persönlichkeiten nutzte Serowa nie für eigene Zwecke, weder für ihren persönlichen Erfolg noch um materielle Sicherheit zu erlangen. Von der Idee der sozialen Gerechtigkeit beseelt, zeigte sie sich selbstlos und opferbereit und führte ein sehr bescheidenes Leben, um ihre Ideale konsequent und manchmal gar fanatisch zu verwirklichen.


    Walentina Serowa kümmerte sich intensiv um die künstlerische Ausbildung ihres Sohnes, Walentin Serow, indem sie mit ihm die westeuropäischen Kulturzentren bereiste. Von 1871 an verbrachten die beiden mehrere Jahre im Ausland, unter anderem hielten sie sich auch länger in München (1871-1874) und Paris (1874/75) auf. Walentina Serowa wählte als Mentor für ihren Sohn den russischen Maler Ilja Repin aus, der das Studium Walentin Serows betreute und auch seine Lehrer aussuchte.


    Den Gegensatz zwischen dem Verkehr in intellektuellen Kreisen in der Stadt und dem primitiven Leben in unzivilisierten russischen Dörfern, mit dem Walentin Serow während seiner Jugendzeit konfrontiert war, konnte er nur schlecht verarbeiten. Da die Beziehung zu seiner Mutter nicht sehr harmonisch verlief, suchte Walentin Serow häufig die Gesellschaft von Elisaweta Grigorjewna Mamontowa (1848-1908), der Ehefrau des Industriellen, Mäzens und Kunstliebhabers Sawwa Iwanowitsch Mamontow (1841-1918), die zu einer zweiten Mutter für Serow wurde. Auch in persönlichen Vorlieben und Abneigungen unterschieden sich Walentina Serowa und ihr Sohn gravierend von einander. Walentin Serow etablierte sich als einer der bedeutendsten russischen Künstler, der allerdings – im Gegensatz zu seiner Mutter - die Malerei nicht für ein rein illustratives Mittel zur Vermittlung "progressiver Inhalte" hielt.


    Aus Walentina Serowas zweiter Ehe mit dem Arzt Wassili Iwanowitsch Nemtschinow (1851-1882) gingen ein Sohn und eine Tochter hervor: Alexander, der im Alter von neun Jahren verstarb, und Nadeshda (verheiratete Shilinskaja, 1879-1951). Diese beiden Kinder wurden größtenteils der Obhut von Bekannten und Verwandten überlassen.


    Walentina Serowa war auch eine erfolgreiche Publizistin: Sie schrieb mehr als 60 Artikel und hinterließ aufschlussreiche Erinnerungen.

    In den letzten Jahren ihres Lebens war Serowa schwer krank: sie erlitt zwei Schlaganfälle und konnte ihre Tätigkeiten nicht weiterführen. Der dritte Schlaganfall führte zur Lähmung. 1922 verordnete der Volkskommissar für Aufklärung, Anatoli Lunatscharski, dass Walentina Serowa aus dem Dorf Sudossewo nach Moskau transportiert wurde. Im Juni 1924 verstarb Walentina Serowa in Moskau.

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    Eine Schwester von Walentina Serowa war Adelaida Semjonowna Simonowitsch (1844-1933), die sich als Pädagogin, Herausgeberin und als erste russische Theoretikerin der öffentlichen Kindererziehung und -ausbildung etablierte. Ihr Ehemann war der Kinderarzt Jakow Mironowitsch Simonowitsch, der ebenfalls die öffentliche Vorschulbildung in Russland beförderte.

    Würdigung

    Walentina Serowa gehörte zu den Repräsentantinnen der wichtigsten sozial-politischen Strömungen ihrer Zeit, dazu gehörten nicht zuletzt die Anfänge der Frauenbewegung in Russland. Sie war eine der wichtigsten Vertreterinnen der Volksaufklärung, die dank ihrer außerordentlichen Energie unglaubliche Erfolge verzeichnen konnte. Walentina Serowa engagierte sich sehr für die Verbreitung der Werke ihres ersten Ehemanns und war selbst eine begabte und erfolgreiche Komponistin und Publizistin.

    Rezeption

    Während die russische Polizei, die Behörden und ihre Vertreter Walentina Serowa als Nihilistin und politisch gefährliche Person betrachteten, wussten progressive liberal-demokratische Kräfte, Künstler und Schriftsteller ihre Aktivitäten sehr zu schätzen. Auch wenn Walentina Serowa mit ihrem unkonventionellen und extrovertierten Verhalten, auch ihrer eigenen Familie und ihren Kindern gegenüber, manchmal auf Kritik stieß, wurde ihr Engagement für die künstlerische Ausbildung ihres Sohnes vielfach gewürdigt. Was Serowas musikalische Tätigkeit betrifft, werden vor allem ihre Verdienste um die Werke ihres Ehemanns gewürdigt. Was ihre eigenen Werke angeht, so fehlen einschläge Quellen und Informationen. Diese mangelhafte Quellenlage wurde nicht zuletzt dadurch verursacht, dass die Komponistin die ideologisch-politische Botschaft höher schätzte als den musikalischen Wert.


    Walentina Serowas Erscheinung inspirierte verschiedene Maler zu Bildern. Sie war eines der Vorbilder für die Regentin Sofia Alexejewna, dargestellt von Ilja Repin (1879; Tretjakow-Gemäldegalerie, Moskau. Vgl. dazu den Artikel von Nina Jakowlevna Efimowa-Simonowitsch "Pamjati muzykanta-obščestvennika Valentiny Semënovny Serovoj" [Zum Andenken an die Musikerin und Vertreterin des öffentlichen Lebens Walentina Semjonowna Serova]. "Sovetskaja muzyka" 1974, Nr. 4).

    Michail Wrubel malte 1885 ein Porträt von Walentina Serowa (Gemäldegalerie, Twer).

    Werkverzeichnis

    I. Musikwerke


    Opern


    "Uriel Acosta" (UA: 1885; Libretto von der Verfasserin und Pawel Iwanowitsch Blaramberg nach dem Drama von Karl Ferdinand Gutzkow, übersetzt von Pjotr Issaewitsch Weinberg)

    "Ilja Muromez" nach eigenem Libretto (UA: 1899)


    "Marija D’Orval’" ("Marie Dorval" nach eigenem Libretto; verschollen)


    "Miroed" ("Der Bauer-Ausbeuter" nach einer Erzählung von Alexej Antipowitsch Potechin; verschollen)


    "Vstrepenulis’" ("Plötzlich wach geworden" nach eigenem Libretto; 1904/05; verschollen).



    Klavierwerke


    In verschiedenen Quellen wird der Zyklus "Muzykal’nye vin’etki" [„Musikalische Vignetten“] mit unbekanntem Entstehungsjahr erwähnt.



    Bearbeitungen


    Vollendung der Oper Alexander Serows "Des Feindes Macht" (zusammen mit N. F. Solowjow; 1871);



    II. Literarische Werke


    1) Bücher von Walentina Serowa


    Walentina Serowa. Serowy, Alexandr Nikolaevič i Valentin Aleksandrovič [Serows, Alexander Nikolajewitsch und Walentin Aleksandrowistch]. St. Petersburg 1914


    Walentina Serowa. Kak ros moj syn [Wie mein Sohn aufwuchs]. Hrsg. von I. S. Silberstein. Leningrad 1968.



    2) Artikel von Walentina Serowa (Auswahl)


    Russkaja muzyka [Die russische Musik], "Severnyj vestnik" 1885, Nr. 5


    Jubilejnyj god A. N. Serowa [Das Jubiläumsjahr A. N. Serows], "Bajan" 1889, Nr. 2, 3


    Otryvki iz vospominanij [Fragmente der Erinnerungen], "Artist" 1891, Nr. 12, 13, 14, 20, 21


    Istoričeskaja i salonnaja opery [Die historische und die Salon-Oper], "Birževye zametki i novosti" 1891, Nr. 9, 16, 19


    Muzyka v derevne [Die Musik im Dorf], "Artist“ 1892, Nr. 23, 25


    Čudnyj košmar (po povodu "Mlady" Rimskogo-Korsakova [Ein wunderbarer Alptraum (a propos "Mlada" von Rimski-Korsakow], "Severnyj vestnik" 1893, № 1, 25


    Zolotaja svad’ba babuški [Die goldene Hochzeit der Großmutter], "Severnyj vestnik" 1893, Nr. 1


    Vstreča s L. N. Tolstym na muzykal’nom poprišče [Eine Begegnung mit L. N. Tolstoi auf musikalischem Gebiet], Russkaja muzykal’naja gazeta 1894, Nr. 4 http://www.bibliotekar.ru/lev-tolstoy/11.htm



    III. Herausgaben


    Serov, Aleksandr Nikolaevič. Kritičeskie stat’i [Kritische Aufsätze], Bd. 1-4. St.-Petersburg 1892-1895

    Quellen

    I. Schriften von Walentina Serowa


    Walentina Serowa. Serowy, Alexandr Nikolaevič i Valentin Aleksandrovič [Serows, Alexander Nikolajewitsch und Walentin Aleksandrowistch]. St. Petersburg 1914


    Walentina Serowa. Kak ros moj syn [Wie mein Sohn aufwuchs]. Hrsg. von I. S. Silberstein. Leningrad 1968.



    II. Bücher und Aufsätze über Walentina Serowa


    Bernandt, G. B., Jampol’skij, I. M. Kto pisal o muzyke [Wer von der Musik schrieb], Bd. 3. Moskau 1979, S. 65-66


    Efimowa-Simonowitsch, Nina Jakowlevna "Pamjati muzykanta-obščestvennika Valentiny Semënovny Serovoj" [Zum Andenken an die Musikerin und Vertreterin des öffentlichen Lebens Walentina Semjonowna Serova]. "Sovetskaja muzyka" 1974, Nr. 4


    Ivanova, Svetlana Vjačeslavovna. Russkie ženščiny-kompozitory XIX veka [Die russischen Komponistinnen des 19. Jahrhunderts]. (Moskau 2010). http://www.ssc.smr.ru/media/journals/izvestia/2010/2010_5_563_566.pdf


    Keldyš, Jurij Vsevolodovič. "Valentina Semjonovna Serova". In: "Muzykal’naja ėnciklopedija" [Die Musikenzyklopädie], Bd. 4. Moskau 1978, Sp. 950-951


    Klejankin, Aleksej Wassil’evič. Svet -- ljudjam. Dokumental’nyj očerk o prosvetitel’skoj dejatel’nosti V. S. Serovoj sredi krest’jan sela Sudosevo [Das Licht und die Menschen. Ein dokumentarischer Abriss zur Aufklärungstätigkeit der W. S. Serowa bei den Bauern des Dorfs Sudossewo]. Saransk 1968


    Medovar, Lasar’. Valentina Serova: služenie muzykal’noj kul’ture [Walentina Serowa: eine Dienerin der musikalischen Kultur]. http://www.lechaim.ru/ARHIV/91/medovar.htm


    Šiškova, M. P. Tverskoj kraj -- muzyka [Das Twer-Gebiet: Musik].

    http://nlydide.clan.su/news/m_p_shishkova_tverskoj_kraj_muzyka/2013-03-31-51

    Zil’berštejn, I. S., Samkov, V. A. "Valentina Semënovna Serova. Eë muzykal’naja, literaturnaja i obščestvennaja dejatel’nost’ [Walentina Semjonowna Serowa. Ihre musikalische, literarische und öffentliche Tätigkeit]. In: Walentina Serowa. Kak ros moj syn [Wie mein Sohn aufwuchs]. Hrsg. von I. S. Silberstein. Leningrad 1968



    III. Erinnerungen an Alexander, Walentina und Walentin Serow


    Valentin Serov v vospominanijach, dnevnikach i perepiske sovremennikov [Walentin Serow in Erinnerungen, Tagesbüchern und Briefwechseln der Zeitgenossen]. Hg. von I. S. Silberstein und W. A. Samkow zum Buch: Bd. 1-2. Leningrad 1971


    Tolstoj, Feofil Matveevič. Aleksandr Nikolaevič Serov. In: Vospominania F. M. Tolstogo [Erinnerungen von F. M. Tolstoi], "Russkaja starina" [Die russische alte Zeit] 1874; Bd. 9, Nr. 2, S. 323-380



    IV. Sekundärliteratur


    Čerkašina, Marina Romanovna. Aleksandr Nikolaevič Serov. Moskau 1985


    Taruskin, Richard. Opera and Drama in Russia. As Preached and Practiced in the 1860s. New ed. Rochester: University of Rochester Press, 1993



    V. Links


    http://www.classical-composers.org/comp/serova


    Ivanova, Svetlana Vjačeslavovna. Russkie ženščiny-kompozitory XIX veka [Die russischen Komponistinnen des 19. Jahrhunderts]. (Moskau 2010). http://www.ssc.smr.ru/media/journals/izvestia/2010/2010_5_563_566.pdf


    Medovar, Lasar’. Valentina Serova: služenie muzykal’noj kul’ture [Walentina Serowa: eine Dienerin der musikalischen Kultur]. http://www.lechaim.ru/ARHIV/91/medovar.htm

    Šiškova, M. P. Tverskoj kraj -- muzyka [Das Twer-Gebiet: Musik].

    http://nlydide.clan.su/news/m_p_shishkova_tverskoj_kraj_muzyka/2013-03-31-51


    Editionen von von Walentina Serowas Werken in der Staatlichen Lenin-Bibliothek, Moskau:

    http://old.rsl.ru/table.jsp?f=1016&t=3&v0=%D0%B2%D0%B0%D0%BB%D0%B5%D0%BD%D1%82%D0%B8%D0%BD%D0%B0+%D1%81%D0%B5%D0%BC%D0%B5%D0%BD%D0%BE%D0%B2%D0%BD%D0%B0+%D1%81%D0%B5%D1%80%D0%BE%D0%B2%D0%B0&f=1003&t=1&v1=&f=4&t=2&v2=&f=21&t=3&v3=&f=1016&t=3&v4=&f=1016&t=3&v5=&useExternal=true&bf=4&b=&d=0&ys=&ye=&lng=&ft=&mt=&dt=&vol=&pt=&iss=&ps=&pe=&tr=&tro=&cc=a1&i=1&v=tagged&s=0&ss=0&st=0&i18n=ru&rlf=&psz=20&bs=20&ce=4&debug=false&x=0&y=0

    Die Editionen sind so gut wie nie zu finden; es handelt sich um Unikate, die in der Bibliothek aufbewahrt sind.

    Forschung

    Es gibt keine Angaben zum Walentina Serowas Nachlass (s. oben). Einzelne Briefe von und an Serowa befinden sich im Russischen staatlichen Archiv für Literatur und Kunst, Moskau, und weitere Dokumente im Staatlichen Glinka-Museum für Musikkultur, Moskau.

    Forschungsbedarf

    Zum kompositorischen Schaffen Walentina Serowas stehen eingehende Forschungen noch aus. Dabei geht es um eine Bestandsaufnahme und Charakterisierung. Eine Reihe von Angaben zur Entstehung der Werke müssten anhand von Quellen einer Prüfung unterzogen werden, auch weist die Biografie der Künstlerin gelegentlich Lücken auf.

    Autor/innen

    Marina Lobanova


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back


    Empfohlene Zitierweise

    Marina Lobanova, Artikel „Walentina Semjonowna Serowa“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom ...
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Walentina_Semjonowna_Serowa