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    von Henrieke Max
    Namen:
    Vivien Chartres
    Ehename: Vivien Young
    Varianten: Vivien Chartres Burns, Vivien Vivanti-Chartres, Vivian Chartres, Vivian Chartres Burns, Vivian Young, Vivian Vivanti-Chartres
    Lebensdaten:
    geb. in Turin, Italien
    gest. in Gwydyr Mansions Hove Sussex, England

    Tätigkeitsfelder:
    Geigerin, Komponistin
    Charakterisierender Satz:

    „Unlike most other children, however, she is not merely a well-drilled automaton. The exquisite beauty of her tone, the tenderness of her cantabile playing, and her strong sense of rhythm, prove her to have musical gifts of a rare order, and she is sure to develop into an artist of whom we shall have every reason to be proud.”


    „Anders als die meisten anderen Kinder jedoch ist sie nicht nur ein gut trainierter Roboter. Die erlesene Schönheit ihres Klangs, die Zartheit ihres kantablen Spiels und ihr ausgeprägtes Rhythmusgefühl beweisen, dass sie eine sehr seltene und außergewöhnliche Begabung besitzt und sich sicherlich zu einer Künstlerin entwickeln wird, auf die wir allen Grund haben werden, stolz zu sein.“


    „The Graphic” vom 31. März 1906, Seite 411


    Profil

    Die Geigerin und Komponistin Vivien Chartres, Tochter der berühmten Autorin Annie Vivanti und des irischen Journalisten und Aktivisten für die irische Unabhängigkeit John Chartres, war ein junges Violintalent und unternahm schon in ihrer frühen Kindheit mehrere erfolgreiche Tourneen durch Europa. Chartres war Schülerin Emile Saurets und Otakar Ševčíks und sprach vier Sprachen fließend. Besonders bei den königlichen Familien, unter anderem in Schweden, Italien und Deutschland, fand ihr Spiel großen Anklang, und sie wurde oftmals zum Vorspiel geladen. Sie erhielt nahezu ausschließlich positive Kritiken in der Presse und wurde oft dafür gelobt, dass sie sich durch ihr charakteristisches und natürliches Spiel von anderen „Wunderkindern“ absetze. Sie komponierte in Kindheit und Jugend, oft waren ihre Kompositionen Vertonungen von Gedichten ihrer Mutter.

    Als Erwachsene zog sie sich weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück und trat nur noch selten auf. Sie heiratete den Geschäftsmann Arthur Lindsay Burns, mit dem sie einen Sohn und eine Tochter hatte. Nach seinem Tod war sie in zweiter Ehe mit dem dreißig Jahre älteren Richard Young verheiratet.

    Orte und Länder

    Vivien Chartres trat vor allem im Zeitraum 1905 bis 1908 in ganz Europa auf. Ihr sehr erfolgreiches Debüt machte Vivien Chartres in Prag, obwohl in der Presse ihr englisches Debüt in der Queen’s Hall, London, ausgiebigere Erwähnung findet. Auch in Wien gab sie neun Konzerte. Vor königlichem und prominentem Publikum zu spielen, war Chartres gewohnt, ob sie im Quirinalspalast in Rom und im Schloss von Stupinigi bei Turin auftrat, in Berlin zusammen mit Max Bruch zum Geburtstag des Kaisers oder in Marienbad vor König Edward spielte.

    Neben Auftritten in vielen europäischen Städten wie Stockholm, Berlin und Zürich wirkte Vivien Chartres schwerpunktmäßig in England und Italien.

    1906 trat sie bei einer Konzerttournee in ihrem Geburtsland beispielsweise in Mailand, Rom, Florenz, Turin, Genua, Parma und Livorno auf, wo sie stets mit Begeisterung empfangen wurde.

    In den Jahren 1907/08 wirkte Chartres wieder verstärkt in England, wo sie regelmäßig auftrat und einen Großteil der Zeit sesshaft war.

    Biografie

    Anfänge


    Vivien Chartres wurde am 25. Juni 1893 als erstes und einziges Kind von John Chartres, einem angesehenen Londoner Journalisten, und der international bekannten Schriftstellerin Annie (Chartres) Vivanti in Turin, Italien, geboren. Ihre Eltern waren immer viel gereist und lebten häufig über einen längeren Zeitraum im Ausland. Chartres‘ Mutter hatte sowohl deutsche als auch italienische Wurzeln, und ihr Vater war ein in England geborener Ire. So war Chartres, fünfsprachig aufgewachsen und drei Nationalitäten angehörig, nach heutiger Definition eine echte Kosmopolitin. Sie sprach neben Deutsch, Italienisch, Englisch und Französisch und grundlegendem Spanisch sogar ein wenig Tschechisch. Annie Vivanti ging auf die Frage der Vielsprachigkeit ihrer Tochter in einem Interview mit der Familie in „The Violin Times“ vom August 1905 ein: „The point is that she has not learnt them in the sense of ever having had set lessons […] she has just picked them up. Yet she knows them thoroughly. She has managed this without effort, because, to begin with, we are at home always a very polyglot household, and next, because we are great tramps and live very much abroad.” („Der entscheidende Punkt ist, dass sie sie [die Sprachen] nicht im Sinne von regelmäßigen Unterrichtsstunden gelernt hat […], sie hat sie einfach aufgeschnappt. Trotzdem spricht sie sie fließend. Das ist ihr mühelos gelungen, da wir zum einen zu Hause schon immer ein vielsprachiger Haushalt waren, und zum anderen, da wir schon immer begeisterte Reisende waren und viel im Ausland leben.“; “The Violin Times“ vom August 1905, Vol. 12, No. 141, Seite 121-123)

    In Italien geboren, verbrachte Chartres die frühe Kindheit mit ihren Eltern in den Vereinigten Staaten. Die Eltern spielten zwar beide Klavier, Chartres beschäftigte sich jedoch selbst zunächst nicht aktiv mit Musik, wie die Eltern es auch in dem zuvor erwähnten Interview aus „The Violin Times“ darlegen: „Neither Mr. Chartres nor myself play the fiddle, though we are both pianists; and it had never occurred to us to think about Vivien’s beginning to play anything except a little on the piano, she was so young.” („Weder Mr. Chartres noch ich selbst spielen Geige, wir sind beide Pianisten. Es war uns nie in den Sinn gekommen, daran zu denken, dass Vivien einmal etwas anderes als ein wenig Klavier spielen würde, sie war so jung.“)

    Ihre Eltern bemerkten aber bald, dass Chartres leidenschaftlich gerne Musik lauschte, wo und wann immer sie gespielt wurde.


    Viele biografische Zusammenhänge zwischen den Eckdaten in Vivien Chartres‘ Leben werden in der von ihrem Urenkel Douglas D’Enno verfassten Dreierbiografie von Vivien Chartres und ihren Eltern hergestellt. Etliche der im Folgenden dargestellen Inhalte beziehen sich auf diese Veröffentlichung.


    Es gibt mehrere Überlieferungsversionen davon, wie Chartres‘ erste Begegnung mit dem Geigenspiel verlaufen ist. In der zuvor bereits zitierten Ausgabe der „Violin Times“ vom August 1905 stellen Viviens Eltern es folgendermaßen dar: Als die Familie in Paris lebte, spielte ein italienischer Freund der Familie am Abend, als Chartres schon im Bett sein sollte, Sarasates „Zigeunerweisen“. Am Ende des Stücks bemerkten die Eltern ihre Tochter, von der Musik berührt, in Tränen aufgelöst an der Tür. Daraufhin brachte der Familienfreund, Signor Santa Vicca, ihr eine kleine Geige und zeigte ihr die Grundlagen des Geigenspiels.

    „But one night in Paris, about two and a half years ago, a friend, Signor Santa Vicca, an Italian who was playing in Paris came to play to us. Vivien was between six and seven years old at the time, and was, of course, abed. To our intense surprise, after Santa Vicca had played Sarasate’s lovely ,Zigeunerweisen,’ we found Vivien at the door in tears. She had crept down in her little nightdress to listen to the music. […] Next day […] Santa Vicca brought her a tiny fiddle and showed her how to play by calling her fingers ,Will’, ,Tom’, ,Dick,’ and ,Harry’.”

    („Eines Nachts in Paris, vor ungefähr zweieinhalb Jahren, besuchte uns ein italienischer Freund, Signo Santa Bicca, der gerade in Paris auftrat, um für uns zu spielen. Vivien war zu dem Zeitpunkt sechs oder sieben Jahre alt und natürlich im Bett. Zu unserer unglaublichen Überraschung fanden wir Vivien, nachdem Santa Vicca Sarasates schöne ,Zigeunerweisen’ gespielt hatte, an der Tür in Tränen. Sie war in ihrem Nachthemdchen heruntergeschlichen, um der Musik zu lauschen […]. Am nächsten Tag […] brachte Santa Vicca ihr eine kleine Geige und zeigte ihr, wie man spielt, indem er ihre Finger ,Will’, ,Tom’, ,Dick’ und ,Harry’ benannte.“; „The Violin Times“ vom August 1905, Vol. 12, No. 141, S. 121-123)


    Bekannt ist, dass Vivien Chartres von nun an das Geigenspiel mit beeindruckender Schnelligkeit erlernte und noch vor 1905 Schülerin Emile Saurets in London wurde. Wiederum im Ausland, dieses Mal in Monaco, traf die Familie auf Luigi (Louis) Marescalchi, zu dieser Zeit Konzertmeister im Orchester von Monte Carlo. Er zeigte sich von Chartres‘ außerordentlicher Begabung und Aufnahmefähigkeit beeindruckt und begleitete sie fortan als eine Art persönlicher Mentor, übte mit ihr und trug wesentlich zu ihrem Fortschritt bei. Er wurde zum lebenslangen Freund Chartres‘.

    Ungefähr ein halbes Jahr nach der ersten Begegnung zwischen Marescalchi und Chartres wurden ihre Mutter und sie von Chartres‘ Großonkel, Paul Lindau, nach Paris eingeladen. Nachdem er Vivien hatte spielen hören, riet er Annie Vivanti, sie solle sie zum Vorspiel zu Otakar Ševčík nach Prag begleiten, einem der großen Musikpädagogen seiner Zeit, zu dessen Schülern unter anderem Mischa Elman und Marie Hall gehörten. Ševčík nahm Chartres als Schülerin an, nachdem sie ihm die Romanze in G-Dur op. 26 für Violine und Orchester von Johann Severin Svendsen vorgespielt hatte.

    „With this child one can begin at the end“ – „Mit diesem Kind“, so soll Ševčík nach dem ersten Hören gesagt haben, „kann man am Ende anfangen“ („The Devourers“, S. 269). Nach ihrem ersten Vorspiel wies Ševčík Marescalchi an, Chartres in zehn Tagen wiederzubringen, bis dahin sollte sie eines der Violionkonzerte von Henri Wienawski auswendig spielen können, was sie tatsächlich in dem ihr vorgegebenen Zeitrahmen verwirklichen konnte. Dreimal im Monat nahm Chartres eine Stunde Unterricht bei Ševčík, ergänzt von Marescalchi, der ihr Werke von Johann Sebastian Bach, Camille Saint-Saëns, Peter Tschaikowsky und weiteren Komponisten, deren Werke Chartres ohne Schwierigkeiten interpretierte, nahe brachte.



    Debüt in Prag und England


    Bevor Chartres sich zu einem Ausnahmetalent entwickelte, vertraten ihre Eltern eine sehr kritische Haltung gegenüber den damals als „Wunderkinder“ bezeichneten jungen Musikerinnen und Musikern, da sie annahmen, den Kindern bliebe unter dem großen Druck kaum Zeit, ihre Kindheit auszuleben (vgl. „The Evening Post“ vom 15. Juli 1905). In späteren Interviews beschreiben sie dann jedoch, dass der Wille, Geige zu spielen und Fortschritte zu erzielen, vollkommen von Vivien ausginge und ihre Haltung zu „Wunderkindern“ von ihr gewandelt worden sei – Vivien Chartres‘ zunehmende Bekanntheit verlangte vermutlich nach solch einer klischeehaften Darstellung. Doch auch die Presse, Interviews mit Chartres selbst und Aussagen der Familie über sie bezeugen wiederholt, dass Chartres sich neben ihrer Karriere als Violinistin auch kindlichen Beschäftigungen wie der Pflege ihrer innig geliebten Haustiere oder dem Spiel mit ihren Puppen widmete, ihre kindliche Naivität und Frische beibehielt und keineswegs wie ein von ihren Eltern gedrillter Roboter wirkte. Das ambivalente Verhältnis von Chartres‘ Eltern zu „Wunderkindern“ hält „The Musical Herald“ vom 1. Juni 1905 fest: „When the boy Huberman came out, Mrs. Chartres, who is a journalist, wrote in a New York paper, ,Go, little boy, and burn your fiddle, wonderful as it is, and run out and play in the beautiful sunshine.’ Yet she has allowed her nine-year-old daughter, Vivien Chartes, to play the violin for three hours a day in order to come out as a prodigy at Queen’s Hall.” („Als der Junge Huberman bekannt wurde, schrieb die Journalistin Mrs. Chartres in einer New Yorker Zeitung: ,Geh, kleiner Junger, verbrenn deine Geige, so wunderbar sie auch sein mag, und lauf nach draußen und spiel in der wunderschönen Sonne’. Und doch erlaubte sie ihrer neunjährigen Tochter Vivien Chartres, drei Stunden am Tag Violine zu spielen, um als Wunderkind in der Queen’s Hall herauszukommen.“; „The Musical Herald“ vom 1. Juni 1905, No. 687, Seite 175, Personalia.) „The Violin Times“ porträtierte Vivien Chartres in einer Ausgabe vom August 1905 und zitierte darin ihre Mutter Annie Vivanti: „Somewhere about seven years ago […] as we sat in Vivien’s pretty musicroom, and Vivien was showing me her pet birds and telling me about her pet frog and the poor puppy she had to part with because he would bite her fingers, I went to hear Bronislaw Huberman for a New York paper, and I remember that I felt so hurt at the sight of the little lad doing what seemed inhuman for his age […]. Vivien was about two years old then, and I little dreamt that she was so soon to turn those words back on me. But the truth, all the same, is that though Vivien as a prodigy has forced herself upon us against our will, because we have been unable to resist her progress, she has modified our views considerably.” („Vor ungefähr sieben Jahren […] als ich noch mit Vivien in ihrem hübschen Musikraum saß und sie mir ihren armen Welpen zeigte, von dem sie sich trennen musste, da er in ihre Finger zu beißen pflegte, ging ich für eine New Yorker Zeitung zu einem Konzert von Bronislaw Huberman, und ich erinnere mich, dass mich der Anblick des kleinen Buben, der tat, was für sein Alter unmenschlich erschien, verletzte. […]. Vivien war zu diesem Zeitpunkt ungefähr zwei Jahre alt, und ich hätte nicht gedacht, dass sie schon bald meine eigenen Worte gegen mich verwenden können würde. Aber die Wahrheit ist, dass, obwohl sich Vivien uns als ein Wunderkind gegen unseren Willen aufgezwungen hat, da wir nicht in der Lage gewesen sind, ihrem Fortschritt Widerstand zu leisten, sie unsere Ansichten beachtlich verändert hat.“; „The Violin Times” vom August 1905; Vol. 12, No. 141, Seite 121-123)


    Am 11. Januar 1905 debütierte Chartres im Rudolfinum in Prag vor einem Publikum von 2000 Menschen. Sie wurde vom Böhmischen Philharmonischen Orchester begleitet. Die Resonanz bei Publikum und Presse war überwältigend – sie stelle eine Vielzahl erwachsener Künstler in den Schatten, so das „Prager Tagblatt“. Ein Korrespondent von „The Times“ schrieb in der Ausgabe vom 21. Januar 1905: „The news comes from Prague of the debut of a wonderful little child violinist, Vivien Chartres, which took place last week at the annual concert of the journalists. […] Her public performance, however, seems to have surpassed all expectation, and an audience of 2,000 people was so excited […] that they departed from a hitherto unbroken precedent in several times interrupting the performance with irrepressible applause.” („Die Neuigkeiten kommen aus Prag und handeln von dem Debüt der wundervollen kleinen Geigerin Vivien Chartres, das sich letzte Woche beim jährlichen Konzert der Journalisten ereignete. […] Ihr öffentlicher Auftritt jedoch scheint alle Erwartungen übertroffen zu haben, und ein Publikum von 2000 Personen war so gespannt […], dass es von der bis dahin ungebrochenen Konvention abwich und noch während des Auftritts diesen mehrmals mit unbändigem Applaus unterbrach.“; „The Times“ vom 21. Januar 1905, Seite 10, The Times And Its Readers.)

    Bei einem zweiten Konzert in Prag im März desselben Jahres, das von dem dramatischen Tenor Ernest van Dyck veranstaltet wurde, durfte Chartres ebenfalls auftreten und wurde mit ihrem Alter entsprechenden Geschenken – einigen Puppen - vom Publikum bedacht, wie „The Musical Standard“ vom 8. April 1905 dokumentiert: „Miss Vivien Vivanti-Chartres, the youngest member of Pan Sevcik’s English colony - for she is only eight years of age – appeared once more with great success in a concert given by Ernst van Dyck. […] In spite of Mischa Elmans’s recent triumph the new star of the Sevcik school stirred up the audience, which expressed its gratitude by heaps of flowers – and a few dolls. Miss Vivien Chartres is still continuing her studies at Prague, which are marked by constant progress.” („Miss Vivien Vivanti-Chartres, das jüngste Mitglied von Pan Sevciks englischer Kolonie – schließlich ist sie erst acht Jahre alt – trat erneut mit großem Erfolg bei einem Konzert Ernst van Dycks auf. Trotz des jüngsten Triumphes von Mischa Elman mischte der neue Star aus Sevciks Schule das Publikum auf, das seine Dankbarkeit mit unzähligen Blumen – und einigen Puppen – ausdrückte. Miss Vivien Chartres setzt weiterhin ihr Violinstudium, das von konstantem Fortschritt gezeichnet ist, in Prag fort.“; „The Musical Standard“ vom 8. April 1905, Vol. 23, No. 588, Seite 220, Echoes from Abroad.)

    Ihr Durchbruch gelang in London, wo sie am 15. Mai 1905 in der Queen’s Hall sowohl als Solistin als auch begleitet vom Londoner Symphonieorchester auftrat (vgl. „The Musical Times“ vom 1. Juni 1905. Seite 403). Dieser Auftritt zog allerdings unangenehme Konsequenzen hinter sich. Nach ihrem Londoner Auftritt wurden John Chartres und der Konzertagent Narcisco Vert vor Gericht geladen und des Verstoßes gegen den „Prevention of Cruelty to Children Act“, der Kinder vor Missbrauch jeglicher Art schützen sollte, beschuldigt. Zwar wurde ein medizinischer Nachweis erbracht, dass Chartres in guter psychischer und gesundheitlicher Verfassung war, der Act untersagte allerdings Kindern unter 15 Jahren, ohne spezielle Lizenz in der Öffentlichkeit aufzutreten. Vert und Chartres‘ Vater mussten daher Geldstrafen zahlen. In den folgenden Jahren trat Chartres dennoch auf und erfuhr keine rechtlichen Probleme mehr (vgl. „Evening Post“ vom 3. März 1906, Volume LXXI, Ausgabe 53, Seite 13). Aus Kritiken zu ihrem Auftritt in London wird deutlich, dass Chartres‘ Alter konstant jünger angegeben wird, als sie es tatsächlich zum Zeitpunkt ihres Debüts in London war – die Presse bezeichnet sie wiederholt als „neunjähriges Wunderkind“, obwohl sie 1905 elfjährig gewesen sein muss. Ob diese aus Vermarktungsgründen sicherlich geschickte Manipulation ursprünglich von Chartres Eltern ausging oder durch die übereifrige Darstellung der Zeitungen zustande kam, kann nicht festgestellt werden. Allerdings rücken ihre Eltern die falsche Darstellung nicht zurecht und geben auch selbst in öffentlichen Äußerungen ihr Alter als jünger an.

    Ein ausführlicher Kommentar zu Chartres‘ erstem Auftritt in der Queen’s Hall ist in „The Musical Standard“ vom 20. Mai 1905 zu finden:

    „Miss Vivien Chartres, aged nine, and a pupil of Sevcik made her début on Monday afternoon, Mai 15, at the Queen’s Hall at an orchestral concert, under the direction of Mr. N. Vert. The opinions of the daily press differ; one journal commends her unexpected ,style,’ whilst others, freely admitting her remarkable ability, note obvious deficiencies due to her early age and necessary want of power. My own opinion, backed by a connoisseur of competence, is that Miss Chartres is a wonderful little girl. The performance attained an exceptional standard of excellence; the playing was, of course, characterized by childish carefulness. But the execution was admirable and the intonation on the whole, precise; the tone naturally devoid of fullness, but not too thin. Moreover, expression and glimpses of genuine pathos and feeling were not wanting. The little girl was less successful in Max Bruch’s Concert in G than in other numbers, as a ,Fantasia Appassionata’ of Vieuxtemps and Paganini’s Fantasia on ,Moïse’ on the fourth string, where, en revanche, the harmonies sounded weak owing, it is thought, to the size of the violin, expressly lent by the girl’s master, Sevcik. Grieg’s Berceuse, played on a bis, excited much admiration. Endless were the noisy recalls; the little girl, after her first and other pieces, playfully ran away from the platform” („Miss Vivien Chartres, neun Jahre alt und eine Schülerin Sevciks machte bei einem Orchesterkonzert in der Queen’s Hall ihr Debüt unter Leitung von Mr. N. Vert. Die Meinungen der Tagespresse gehen auseinander; eine Zeitung lobt ihren unerwarteten Stil, während andere zwar ihr bemerkenswertes Können bestätigen, jedoch offensichtliche Defizite aufgrund ihres jungen Alters und des Mangels an Kraft vermerken. Meiner Meinung nach, die gestützt wird durch einen kompetenten Kenner, halte Vivien Chartres für ein wundervolles kleines Mädchen. Ihr Auftritt erreichte ein außergewöhnliches Niveau; ihr Spiel war selbstverständlich charakterisiert von kindlicher Vorsicht. Aber die Ausführung war bewundernswert, und die Intonation im Ganzen präzise, dem Ton fehlt es natürlich an Fülle, aber zu dünn war er nicht. Zudem mangelte es nicht an Ausdruck und dem Aufscheinen von aufrichtigem Pathos und Gefühlen. Das kleine Mädchen war weniger erfolgreich in Max Bruch’s Concert in G als in anderen Stücken, wie der ,Fantasia Apassionata’ von Vieuxtemps und Paganini’s Fantasia über ,Moïse’ auf der vierten Saite, in der indessen die Harmonien schwach klangen, vermutlich wegen der Größe der Violine, die eigens von dem Lehrer des Mädchens, Sevcik, an sie verliehen worden war. Griegs Berceuse rief ebenfalls viel Bewunderung hervor. Die Hervorrufe des Publikums nahmen kein Ende; das kleine Mädchen rannte nach ihrem ersten und weiteren Stücken wie ein Kind von der Bühne.“; „The Musical Standard“ vom 20. Mai 1905, Vol. 23, No. 594, S. 31)



    Weitere Auftritte in England und Tour durch Europa


    Vivien Chartres präsentierte sich schon bald über die Grenzen Londons und Englands hinaus in Konzerten in ganz Europa.

    Nach dem Auftritt in der Queen’s Hall folgten weitere Konzerte, unter anderem am 13. Juli 1905 in der Bechstein Hall (heute Wigmore Hall), London, und im Folgejahr am 10. Juli 1906 vor dem Prinzen und der Prinzessin von Wales (vgl. „The Musical Times“ vom 1. August 1906, S. 556).

    Zu ihrem Konzert am 13. Juli 1905 vermerkte „The Musical Times” vom 1. August 1905: „[…] she played with extraordinary executive skill for a child (said to be nine years of age) Bach’s Chaconne and other works of an exacting nature.“ („Sie spielte Bach’s Chaconne und andere anspruchsvolle Werke mit außergewöhnlichem technischen Können für ein Kind, von dem gesagt wird, es sei nur neun Jahre alt.“; „The Musical Times“ vom 1. August 1905, Vol. 46, No. 750, Seite 545)

    „The Musical Standard“ veröffentlichte am 22. Juli 1905 eine kurze Kritik über dasselbe Konzert: „This clever little girl violinist gave her first recital on Thursday afternoon, July 13. at Bechstein Hall. She played Vieuxtemps Concert in D minor, Bach’s ,Chaconne’, and Sarasate’s ,Zigeunerweisen’. It was, of course, a very wonderful performance for a child of nine; there was elasticity of bowing, a great deal of real musical intelligence in the phrasing, and clear, fluent, technical skills. It was, therefore, an exploit, surprising and astonishing. But for those to whom music is an art far removed from mere feats and marvels the child’s playing is still immature and unsatisfying. She is considerably younger than the clever boy violinist and, therefore, many allowances must be made. In a few years’ time she may even excel them, for she has all their qualifications in embryo and evidently a temperament that constitutes her a real daughter of music.” („Diese gescheite kleine Violinistin gab ihr erstes Vorspiel am Donnerstagnachmittag, dem 13. Juli, in der Bechstein-Hall. Sie spielte Vieuxtemps‘ Konzert in d-moll, Bachs ,Chaconne’ und Sarasates ,Zigeunerweisen’. Es war, das versteht sich, ein wunderbarer Auftritt für ein neunjähriges Kind. Elastizität in der Bogenführung, eine große Portion musikalischer Intelligenz in der Phrasierung und klares, flüssiges technisches Können waren vorhanden. Daher war der Auftritt eine überraschende und verblüffende Meisterleistung. Aber für jene, für die Musik eine Kunst weit entfernt von bloßen Heldentaten und Wundern ist, war das Spiel des Kindes noch unreif und unbefriedigend. Sie ist deutlich jünger als der wunderbare Violinist [Mischa Elman], und man muss daher Nachsicht walten lassen. In einigen Jahren könnte sie jene sogar übertreffen, da sie all jene Qualifikationen im Keim besitzt und offensichtlich ein solches Temperament hat, das eine wahre Tochter der Musik ausmacht.“; „The Musical Standard“ vom 22. Juli 1905, Seite 60)

    Am 2. und 3. September 1905 wurde Chartres dann die Ehre zuteil, für König Edward und den Herzog von Teck im Waldmühle Hotel in Marienbad (heute Mariánské Lázně, Westtschechien) zu spielen (vgl. „The Times“ vom 4. September 1905, Seite 3, The King At Marienbad). Chartres wurde mit großem Lob bedacht: „You gave me very great pleasure“ – „Du hast mir große Freude bereitet”, soll der König gesagt haben, als sie ihr Spiel beendet hatte.

    Ende des Jahres, im Dezember 1905, trat Chartres in Wien auf, wo sie großen Applaus vom Publikum erntete und mehr als zwanzig Mal auf die Bühne zurück gerufen wurde.

    In Berlin trat Chartres dann im folgenden Jahr, am 31. Januar 1906, im Lyceum Club auf. Anlass war der Geburtstag des Kaisers, zu dem sie unter anderem eines der Violinkonzerte Max Bruchs nicht nur spielte, sondern darin vom Komponisten selbst begleitet wurde. „The Musical Standard“ ließ dieses Ereignis Revue passieren: „At the End of last month – January 31 – the ten year old violinist, Vivien Chartres, was, as our readers will remember, greatly honoured in Berlin. It was her début there, after having had many successes in Vienna. The concert took place at the Lyceum Club, the occasion being the celebration of the Kaiser’s birthday. Little Vivien played the solo music of Max Bruch’s Concerto accompanied by the composer himself. As the venerable white-haired master stepped on to the platform, holding the little girl by the hand there was a murmur of sympathetic interest. The really magnificent rendering of the beautiful work was listened to with hushed reverence. At the close of the dashing Finale the enthusiasm and emotion ran high. Roses were thrown up to the little girl on the platform, and she gathered them up and, with a charmingly impulsive gesture, tendered them to Max Bruch. The celebrated composer expressed himself absolutely delighted with Vivien’s interpretation of his work.” („Ende letzten Monats – am 31. Januar – wurde, wie unsere Leser sich erinnern werden, die zehnjährige Violinistin Vivien Chartres eine große Ehre in Berlin zuteil. Es war nach vielen erfolgreichen Konzerten in Wien ihr Debüt dort. Das Konzert fand im Lyceum Club zum Anlass der Feier des Geburtstags des Kaisers statt. Die kleine Vivien spielte den Solopart von Max Bruchs Konzert, begleitet vom Komponisten selbst. Als der ehrwürdige weißhaarige Meister auf die Bühne trat und hierbei das kleine Mädchen an der Hand hielt, gab es ein Raunen wohlgesonnener Anteilnahme. Die hervorragende Interpretation des wunderschönen Stückes wurde mit stiller Ehrfurcht verfolgt. Zum Schluss des großen Finales kochten Enthusiasmus und Gefühle über. Rosen wurden zu dem kleinen Mädchen auf der Bühne hochgeworfen und sie sammelte sie auf, um sie mit einer charmant impulsiven Geste Max Bruch zu überreichen.“; „The Musical Standard“ vom 17. Februar 1906, Vol. 25, No. 63, Seite 100, The Supplement of the Week.)


    Im Laufe des Jahres 1906 trat Chartres erneut mehrmals in der Queen’s Hall auf (am 13. Februar auf dem Konzert der Royal Amateur Orchestral Society, am 27. März, 9. und 21. Mai sowie 29. Juni). Zu ihrem Konzert am 21. Mai äußerte sich „The Musical Standard“ vom 26. Mai 1906 folgendermaßen: „This gifted little girl […] evoked a furore of applause. In the Bach Chaconne in D minor she proved a wonderful capacity for breadth of style and the mécanique, whilst Mendelssohn’s Concerto which suffers less from the omission of the orchestral accompaniments than other works of the kind, was played with spirit and true poetical sentiment. The arrangement by Saint-Saëns of his own ,Danse Macabre’ for violin and pianoforte, which concluded the recital, is enormously difficult, but the little lady boldly defied the danger. […] Encores ensued; the extra pieces were Elgar’s ,Salut d’Amour’ and a Minuet of Handel, played after the Bach Chaconne. Miss Chartres displays intelligence as well as fine execution; her readings are ,individual’ and she knows how to intensify the music with graceful nuances or variety of color.” („Dieses begabte kleine Mädchen […] rief tosenden Applaus hervor. In Bach’s Chaconne in d-moll bewies sie eine wunderbare Fähigkeit für die Breite der Phrasierung und die Technik, während Mendelssohns Konzert, das weniger unter der Auslassung der Orchesterbegleitung leidet als andere Werke dieser Art, mit Geist und wahrem poetischem Gefühl gespielt wurde. Das Arrangement von Saint-Saëns‘ eigener ,Danse Macabre’ für Violine und Pianoforte, mit dem das Vorspiel endete, ist ungeheuer schwierig, aber die kleine Dame hielt dieser Gefahr mutig stand. […] Zugaben folgten, es waren Elgars ,Salut d’Amour’ und ein Menuett von Händel, nach Bachs Chaconne. Miss Chartres demonstriert sowohl Intelligenz als auch ausgefeilte Ausführung; ihre Interpretationen sind ,individuell’ und sie weiß die Musik mit anmutigen Nuancen oder einer Vielfalt an Farbe zu intensivieren.“; „The Musical Standard“ vom 26. Mai 1906, Vol. 25, No. 647, S. 328)


    Am 14. Juni 1906 hatte Chartres eine Begegnung mit der bedeutenden Opernsängerin Adelina Patti in einem Konzert in der Royal Albert Hall (vgl. „The Times“ vom 14. Juni 1906, S. 11). Diese war so entzückt von ihr, dass Chartres am 29. November 1907 im Rahmen von Pattis Benefizkonzert in der Royal Albert Hall auftrat (vgl. „The Times“ vom 16. November 1907, Seite 14).

    Gegen Ende des Jahres 1906 kehrte Chartres für eine Konzerttournee in ihr Heimatland Italien zurück.

    Die „Società de Quartetto“, die Mailänder Quartettgesellschaft, die noch nie zuvor eine/n Minderjährige/n in ihre Kreise aufgenommen hatte, machte eine Ausnahme für Chartres und arrangierte am 20. Oktober 1906, noch vor Beginn der Saisoneröffnung, ein Konzert. Daraufhin erhielt Chartres eine Einladung, eine Konzertreihe in Rom zu geben, welche sie annahm. Am 22. Oktober 1906 ist in „The Times“ zu lesen: „This society, which has never hitherto admitted any but adult artists into its circle, decided in her honour to break through its rule, and arranged a special concert one month before the usual opening of its season.” („Diese Gesellschaft, die noch nie zuvor einen minderjährigen Künstler in seine Kreise aufgenommen hat, entschied, ihr [Vivien Chartres] zu Ehren diese Regel zu brechen und arrangierte ein Sonderkonzert einen Monat vor der üblichen Saisoneröffnung.“; „The Times“ vom 22. Oktober 1906, Issue 38157, Seite 4, Concerts.)

    In Turin bot Chartres ihr Können zugunsten des „Piedmontese Journalists’ Provident Fonds“ im Carigno Theater dar und erhielt zum Dank eine Bronzestatue, die sie selbst darstellte. Sie gab, abgesehen von diesem Konzert am 18. November 1906, noch acht weitere in Turin, wo der Pressenachhall ausgesprochen positiv ausfiel – sie wurde sogar mit Paganini verglichen und von der italienischen Königin Margherita von Savoyen, die mit Chartres‘ Mutter Annie Vivanti befreundet war, eingeladen, noch im selben Monat im Schloss von Stupinigi vorzuspielen („Le Passe- Temps et le Parterre réunis“ vom 25. November 1906, No. 47, S. 2). Auch „The Musical Herald“ bezieht sich in der Ausgabe vom 1. Januar 1907 nach ihren Turiner Konzerten auf den Vergleich mit Paganini: „Vivien Chartres, the young Violinist, has given eight concerts in Turin. The Gazetta del Popolo says that public feeling in regard to her is in a state of delirium. There has been no such triumph since Paganini.” („Vivien Chartres, die junge Violinistin, gab acht Konzerte in Turin. Die ,Gazetta del Popolo’ sagt, dass das Volksempfinden bezüglich Chartres sich in einen Zustand des Deliriums befindet. Solch einen Triumph hat es seit Paganini nicht gegeben.“; „The Musical Herald“ vom 1. Januar 1907, No. 706, Seite 31, Personalia)

    Bekannt ist darüber hinaus, dass sie am 22. Dezember 1906 ein Konzert an der Musikschule Santa Cecilia in Rom gab, und in Rom zudem im Quirinalspalast für den italienischen König und seine Frau spielte (vgl. „Papers Past. Evening Post.“ vom 21. Dezember 1907. Seite 10). Die Begegnung mit der Königsfamilie beschreibt „The Press“ 1907: „Miss Vivien Chartres gave a concert on Monday at the Palace of the Quirinal. The King and Queen of Italy and the Royal children were present, and expressed the greatest delight at the performance. Their Majesties repeatedly embraced the child, and gave her a golden bonbonnière and a diamond brooch. The Royal children, who speak English, invited the little girl to play with them after the performance.” („Miss Vivien Chartres gab am Montag ein Konzert im Quirinalspalast. Der König und die Königin von Italien und die königlichen Kinder waren anwesend und brachten große Freude über den Auftritt zum Ausdruck. Die Majestäten umarmten das Kind mehrfach und schenkten ihr eine goldene Bonbonnière und eine Diamantbrosche. Die königlichen Kinder, die Englisch sprechen, luden das kleine Mädchen ein, nach dem Auftritt mit ihnen zu spielen.“; „The Press“ vom 2. Februar 1907, Vol. LXIII, Issue 12718, Seite 4, London chat. A wonderful child)

    Selbst „The New Zealand Herald“ vermittelt einen Eindruck davon, welch großer Beliebtheit sich Chartres beim italienischen Publikum erfreute: „Miss Vivien Chartres […] has scored a succession of triumphs during her tour of Italy. So popular did she become that, on some occasions, crowds stopped her in the streets, raising cheers for her and for England. She was received by Queen Margaret, to whom she played for three hours, and from whom she received a present of a magnificent necklace.” („Miss Vivien Chartres erzielte während ihrer Italientournee eine Reihe von Erfolgen. Sie ist inzwischen so beliebt geworden, dass sie auf der Straße mehrfach von Menschenmengen angehalten wurde, bei denen sie Jubel hervorrief. Sie wurde von Königin Margarethe empfangen, für die sie drei Stunden lang spielte und von der sie mit einer prunkvollen Halskette beschenkt wurde.“; „The New Zealand Herald“ vom 12. Juni 1907, Vol. XLIV, Issue 13462, Seite 9)


    Ebenfalls 1907 gab Chartres zwei Konzerte in Genua. Die Stadtbehörde lud sie ein, eines von Paganinis Violinkonzerten in der Londoner Queen’s Hall auf Niccolò Paganinis Geige, welche als wertvolles Relikt im städtischen Museum von Genua aufbewahrt wurde, zu spielen. Unter anderem wird dies am 1. Dezember 1906 in „The Musical Herald“ berichtet: „An unprecedented honour has been given by the City of Genoa to Miss Vivien Chartres. At the close of her recent second concert there she received an invitation of the city authorities to play upon Paganini’s violin, which is preserved as a precious relic, hermetically sealed in a cabinet in the Palazzo Municipale, where it is a sort of shrine for musical pilgrims.” („Eine beispiellose Ehre wurde Vivien Chartres von der Stadt Genua erwiesen. Zum Schluss ihres zweiten Konzertes dort erhielt sie eine Einladung der städtischen Autoritäten, auf Paganinis Geige zu spielen, die als ein wertvolles Relikt in einer luftdicht verschlossenen Vitrine im Rathaus bewahrt wird und eine Art Heiligtum für musikalische Pilger darstellt.“; „The Musical Standard“ vom 1. Dezember 1906, Vol. 26, No. 674, Seite 346)

    Das Konzert, das sie auf Paganinis Geige spielte, wurde im Mai 1907 in „The Cremona“ angekündigt: „The little English violinist, Vivien Chartres, is returning to London. She will give her first recital at Queen’s Hall on May 18th, playing the Paganini Concerto. It is interesting to note that she was invited by the authorities of Genoa to play this work on the violin the composer gave, on his death, to the museum of that town […].” („Die kleine englische Violinistin Vivien Chartres kehrt nach London zurück. Sie wird ihren ersten Auftritt am 18. Mai in der Queen’s Hall geben und dabei Paganinis Konzert spielen. Es ist bemerkenswert, dass sie von den städtischen Autoritäten Genuas eingeladen wurde, dieses Stück auf der Geige zu spielen, die der Komponist bei seinem Tod dem Museum der Stadt vererbte.“; „The Cremona“ Mai 1907, Vol. 1, No. 6, S. 60).

    1907 ist eine Konzertreihe in Berlin in „The Times“ vom 18. Oktober 1907 vermerkt. Ein Konzert fand dort am 27. Oktober 1907 in der Bechstein Hall statt.

    Hauptsächlich trat Chartres Ende 1906 und 1907 in England auf, hier jedoch nicht allein in London, sondern auch vermehrt in den Provinzen. Im St. James’s Theatre (8. Februar 1907) war sie ebenso zu hören wie wieder einmal in der Londoner Queen’s Hall (18. Mai und 15. Juni 1907). Im Dezember 1907 trat sie in Liverpool, Newcastle und Leeds auf. In „The Violin Times“ vom Januar 1907 wird die Hoffnung ausgesprochen, sie schon bald wieder in der Öffentlichkeit zu hören: „Being recalled time after time, she gave two encores, ,Serenade’ (Vieuxtemps), and ,Salut d’Amour’ (Elgar). We can only say we hope it will not be long before we have the pleasure of hearing her again.” („Da sie mehrmals vom Publikum zurückgerufen wurde, gab sie zwei Zugaben: ,Serenade’ (Vieuxtemps) und ,Salut d’Amour’ (Elgar). Wir können nur sagen, dass wir hoffen, es wird nicht allzu viel Zeit vergehen, bevor wir das Vergnügen haben, sie wieder zu hören.“; „The Violin Times“,

    Januar 1907, Vol. 14, No. 158, Seite 15, Provincial)

    Auch 1908 schien Chartres schwerpunktmäßig in England zu leben und aufzutreten, so beispielsweise im April auf dem Middlesbrough Musical Festival. 1909 spielte sie auf einem Konzert in Birmingham und auch im Rathaus der Stadt.

    Ab diesem Zeitpunkt scheint die Zahl von Chartres‘ öffentlichen Auftritten abzunehmen. Vereinzelt werden Konzerte Chartres‘ in der Presse genannt, wie ein Auftritt im Rathaus von Birmingham am 1. Dezember 1909 in „The Musical Times“: „A violin recital was given in the Town Hall on October 21 by Miss Vivien Chartres, who had as coadjutors Miss Zuckerman, (a pianist from Berlin) and Mr. Clay Thomas (baritone). The talented young artist was in excellent form and played a number of solos with remarkable executive skill and beauty of tone.” („Ein Violinvorspiel wurde am 21. Oktober von Miss Vivien Chartres im Rathaus gegeben. Mitwirkende waren Miss Zuckerman (eine Pianistin aus Berlin) und Mr. Clay Thomas (Bariton). Die talentierte junge Künstlerin war in ausgezeichneter Form und spielte eine Reihe von Solos mit bemerkenswerter Ausführung und schönem Klang.“; „The Musical Times“ vom 1. Dezember 1909, Vol. 50, No. 802, Seite 803)

    1913 kam Vivien Chartres erneut anlässlich eines Konzerts nach London – dies scheint eines ihrer letzten Konzerte gewesen zu sein, nachdem sie bereits in den Jahren zuvor deutlich weniger Konzerte gegeben hatte, wie „The Times“ am 29. Oktober 1913 andeutete: „Miss Vivien Chartres, the distinguished young violinist, made her first public reappearance at the meeting, and was received with much enthusiasm. She is still at school near Richmond, and came to London specially to give her services on this occasion.” („Miss Vivien Chartres, die ausgezeichnete junge Violinistin, trat bei dem Treffen erstmals wieder auf und wurde mit viel Begeisterung aufgenommen. Sie ist noch immer in der Schule nahe Richmond und kam eigens nach London, um ihre Dienste bei dieser Gelegenheit unter Beweis zu stellen.“; „The Times“ vom 29. Oktober 1913, Issue 40355, Seite 4)


    Abgesehen von den genannten Konzertauftritten trat Chartres auch in Zürich (in der Tonhalle), Stockholm und Palermo (Teatro Massimo) auf.



    Tätigkeit als Komponistin, Beziehung zur Mutter und Schulbildung


    Auch als Komponistin war Chartres in ihren Jahren als junge Violinistin aktiv. Sie komponierte „Rock-a-by, Baby“ und widmete das Lied später der Geburt der Prinzessin von Rom, wie in „The Musical Herald“ vom 1. Januar 1912 berichtet wurde: „,Rock-a-by-Baby’ had its inspiration upon the arrival of a baby princess in Rome. The Queen of Italy accepted the dedication and had it sung in the nursery.” („,Rock-a-by-Baby‘ wurde inspiriert von der Geburt der kleinen Prinzessin in Rom. Die Königin von Italien nahm die Widmung an und ließ das Lied in der Kinderstube singen“; „The Musical Herald“ vom 1. Januar 1912; No. 766, Seite 22, Girl Composers).

    Chartres schrieb noch viele weitere Lieder, die von  G. Ricordi & Co. veröffentlicht wurden (vgl. „Saxe Wyndham“, „Henry“, „L’Epine“, „Geoffrey“. Who’s who in music: a biographical record of contemporary musicians. I. Pitman & Sons. 1915. Seite 50).

    Oftmals komponierte Chartres Musik zu Liedtexten, die ihre Mutter geschrieben hatte – „La nave dei sogni“, auch von Ricordi veröffentlicht, ist ein Beispiel hierfür. Chartres Kompositionen wurden im Vergleich zu ihren Auftritten selten in der Presse kommentiert, zum Beispiel aber in „The Musical Standard“ am 7. July 1906: „Miss Chartres also contributed two small songs, ,Rock-a-by-Baby’ and ,May Comes’, which she accompanied with a violin obligato; they were sung by Miss Violet Ludlow […]. The songs are pretty and unpretending.” („Miss Chartres steuerte auch zwei kleine Lieder, ,Rock-a-by-Baby’ und ,May Comes’ bei, die sie mit einem Obligato begleitete; sie wurden gesungen von Miss Violet Ludlow […]. Die Lieder sind hübsch und unprätentiös.“; „The Musical Standard“ vom 7. Juli 1906, Vol. 26, No. 653, S. 11)


    Ein wichtiges Ereignis stellte Annie Vivantis Debüt in englischsprachiger Literatur dar, die Veröffentlichung ihres Buchs „The Devourers“ im Londoner Heinemann Verlag. Das Buch hat autobiografische Züge – die Tochter der Protagonistin ist ein Wunderkind und spielt Geige – und gilt zudem als einer der größten literarischen Erfolge Vivantis. Obwohl Vivanti viele wahre Begebenheiten aus Chartres‘ und ihrem Leben aufgriff und das Buch sicherlich viel über die Mutter-Tochter-Beziehung preisgibt, ist das Buch fiktional und enthält viel frei Erfundenes und zugespitzte Nacherzählungen. Dennoch deutet es daraufhin, dass Vivien Chartres und Annie Vivanti ihr Leben lang ein sehr enges Verhältnis pflegten, während es scheint, dass Chartres‘ Kontakt zu ihrem Vater mit den Jahren abnahm. 1915 lebten Mutter und Tochter in der Mardock Lodge, Wareside, Hertfordshire, während der Vater in Fountain Court und 4 Essex Court, The Temple, London, ansässig war.


    Trotz ihrer steilen Karriere legten Chartres‘ Eltern immer Wert auf ihre Bildung und Ausbildung – bekannt ist diesbezüglich, dass sie kurze Zeit Schulen in Tunbridge Wells - womöglich um 1907 (vgl. „The Musical Herald“ vom 1. Mai 1907, Seite 131) - und in der Schweiz besuchte, und auch während der Aufenthalte der Familie in den Vereinigten Staaten, Frankreich, Deutschland und Österreich Gouvernanten hatte.

    Aufgrund eines Artikels über sie in „The Times“ vom 29. Oktober 1913 ist zu vermuten, dass sie 1913 eine Schule in Richmond besuchte. In der West Heath School, Ham Common, Surrey, soll sie ihre Schulausbildung schließlich beendet haben.



    Heirat und Familiengründung


    Am 19. Juli 1915 heiratete Chartres den deutlich älteren Arthur Lindsay Burns in der anglikanischen Kirche in Mailand - zu diesem Zeitpunkt war sie bereits nicht mehr als Violinistin öffentlich aktiv (vgl. „The Times“ vom 22. Juli 1915, S. 9).

    Wie sich das Paar kennenlernte, ist nicht dokumentiert, allerdings hatte Chartres oft betont, sie wolle jemanden heiraten, der sie noch nie hatte spielen hören, um nicht ihres Talentes, sondern ihrer Persönlichkeit wegen gewählt zu werden.

    Der schottische Arthur Lindsay Burns war wie Chartres vielsprachig und, anders als die meisten Männer seiner Familie kein Rechtsanwalt, sondern erfolgreicher Geschäftsmann von Beruf.

    Am 21. August 1916 wurde das erste Kind, Vivien Ann-Marie Burns, in Genua geboren, das zweite Kind, Cecil Chartres Burns, kam im folgenden Jahr am 28. September 1917 in Mailand zur Welt. Schon im Alter von 42 Jahren, am 24. Oktober 1925, starb Arthur Burns an einer Lungenentzündung. Er und Chartres lebten 1925 in Mailand (Corso Italia, 7), ihre Tochter besuchte eine Schule in Bern und ihr Sohn eine Grundschule in Guildford, Surrey. Durch ein großzügiges, für seine Familie vorgesehenes Treuhandvermögen hatte Arthur Burns für Kinder und Frau vorgesorgt, doch er versuchte zudem sicherzustellen, dass Chartres künftig nicht allein leben würde und legte ihr, als er im Sterben lag, ans Herz, einen engen Freund, den Präsidenten einer Hotelmanagementgruppe berühmter Hotels in Europa, zu heiraten. Obwohl Chartres sich in ihrer Entscheidung, die Bitte ihres verstorbenen Mannes zu erfüllen, nicht sicher war und zwei geplante Hochzeiten ausfallen ließ, kam es am 25. August 1927 schließlich doch zur Eheschließung mit dem wohlhabenden, über dreißig Jahre älteren Engländer Sir Richard Young in der St. Thomas’s Church, London, England. Chartres lebte mit Young nach der Hochzeit in Turin.

    Zwei Jahre nach dem Tod ihres ersten Mannes starb Chartres‘ Vater in Dublin (vgl. „The Times“ vom 18. Mai 1927, Seite 13).


    Letzte Jahre


    Richard Young‘ Gesundheitszustand verschlechterte sich stark, da er an einer lähmenden Krankheit erkrankt war – wann genau diese eingesetzt hatte, ist nicht überliefert.

    Chartres litt stark darunter, ihren zweiten Ehemann zunehmend kränker werden zu sehen, und konnte dieser Belastung 1941 nicht mehr standhalten. Sie nahm sich am 1. September des Jahres in ihrem derzeitigen Heim, 49, Gwydr Mansion, Hove/Brighton, das Leben (vgl. „The London Gazette“ vom 3. Oktober 1941). Sie wurde von der Krankenschwester ihres Mannes zusammen mit Richard Young selber aufgefunden – Chartres war zu diesem Zeitpunkt bereits an einer Gasvergiftung gestorben, Young lebte jedoch noch, obwohl Chartres die Intention gehabt hatte, gemeinsam Suizid zu begehen (vgl. Pagnotta, Linda. Volti e figure: il ritratto nella storia della fotografia, Aion 2009, Seite 290 und Studi Piemontesi, Band 34, Centro studi piemontesi, S. 201). „Vergebt mir, ich kann nicht mehr. Ich kann nicht zusehen, wie mein Mann noch gelähmter wird und seine Schmerzen schlimmer und schlimmer werden“ („Forgive me, I cannot go on. I cannot watch my dear husband becoming more paralyzed and his pain becoming worse and worse“), lautet eine Nachricht Chartres, die in der „Brighton and Hove Gazette” veröffentlicht wurde. Nur eine gute Woche später starb Richard Young im Alter von 79 Jahren. Im Familiengrab in Colchester, Essex, wurden beide begraben. Viele Zeitungen berichten zwar davon, dass.

    Vivien Chartres 1941 starb, berichten aber, sie sei bei einem deutschen Bombenanschlag in ihrem Haus in Hove/Brighton umgekommen, einige ergänzen sogar, ihr Mann sei bei dem Anschlag mit ihr umgekommen (vgl. Persico, Aldo.Il racconto e la retorica: il racconto entimematico : la donna e la norma tra necessità e verosimiglianza delle azioni in due romanzi di Annie Vivanti”. Fiorentino. 1980. S. 10). Chartres‘ Selbstmord und der Tod ihres Mannes am 9. September 1941 werden jedoch durch Familiendokumente bestätigt.


    Vivien Chartres hatte 1938 ihr Testament verfasst – sie hinterließ Luigi Marescalchi, ihrem ehemaligen Geigenlehrer aus der Kindheit, als Zeichen des Danks 100 Pfund. Ihren Kindern hinterließ sie viele der wertvollen Geschenke, die sie nach ihren Auftritten von Publikum oder (oft königlichen) Gastgebern erhalten hatte. Ihre wertvolle Geige von Alessandro Gagliano spendete sie dem Musician’s Benevolent Fund, London, damit sie zu Gunsten des Fonds verkauft werde.

    Würdigung

    Vivien Chartres machte eine ungewöhnliche Karriere und erlernte das Geigenspiel außergewöhnlich schnell. Vor ihrem Debüt in Prag hatte sie nur zwei bis drei Jahre Unterricht erhalten. Ihr Spiel wurde häufig mit dem des Geigers Mischa Elman, der ebenfalls als „Wunderkind“ galt, verglichen. Die böhmische Zeitung „Politik“ bescheinigte ihr eine Begabung, die ihr einen Vorsprung von mindestens zehn Jahren im Vergleich zu gleichaltrigen Talenten zuschrieb. Ihr Talent schien so zu verblüffen, dass sie 1906 von einem österreichischen Psychologen, Dr. Swoboda, untersucht wurde (vgl. Swoboda, Hermann. Vivian Chartes. Gedanken zur Psychologie der Musik. In: Österreichische Rundschau, Bd. V (1905), H. 62, S. 421-428).

    Hervorzuheben ist Chartres‘ Stil und Interpretationsgabe und auch die Frische und Vitalität, mit der sie auftrat. Nie wurde ihr Affektiertheit oder Künstlichkeit unterstellt. Chartres scheint Publikum und Kritiker zu ihrer Zeit in erster Linie damit beeindruckt zu haben, dass sie das Ausdrucksvermögen einer reifen Musikerin besaß, es jedoch mit der Energie und Unschuld eines Kindes vermittelte.

    Dieser Eindruck von Vivien Chartres als Künstlerin wird in „The Times“ vom 15. Februar 1906 wie folgt zusammengefasst:

    „Here are no tricks, no forced maturity, none of the usual signs of musical hot-house, but simply beautiful, delicate playing, free and unaffected.”

    („Hier gibt es keine Täuschungen, keine erzwungene Reife, keines der üblichen Anzeichen von musikalischem Treibhaus, sondern ein schlicht wunderschönes, zartes Spiel, frei und ungekünstelt.“; „The Times“ vom 15. Februar 1906, Issue 37944; Seite 7, Concerts)

    Chartres verdeutlichte mit ihren Auftritten und in Interviews stets, dass der Wille, zu spielen und ihr Spiel zu perfektionieren, von ihr selbst ausging. Sie zeigte ihren Zuhörern eine Liebe für das Violinspiel und verlieh damit dem mit Vorurteilen besetzten und stereotypisierten Bild des kindlichen Genies eine menschliche Dimension.

    Rezeption

    Vivien Chartres wurde sowohl von Presse als auch vom Publikum fast uneingeschränkt positiv aufgenommen.

    „Her public performance, however, seems to have surpassed all expectation, and an audience of 2,000 people was so excited by the intelligence and extraordinary technique displayed in her rendering of Bruch’s first violin concerto, that they departed from a hitherto unbroken precedent in several times interrupting the performance with irrepressible applause.” („Ihr Auftritt scheint jedoch alle Erwartungen übertroffen zu haben, und ein Publikum von 2000 Personen war so begeistert von der Intelligenz und außergewöhnlichen Technik, die sich in ihrem Vortrag von Bruchs Violinkonzert Nr. 1 g-Moll op. 26 offenbarten, dass das Vorspiel mehrmals von unbändigem Applaus unterbrochen wurde.“; „The Times And Its Readers“ vom 21. Januar 1905, Seite 10), lautete eine Kritik nach Chartres Debüt in Prag.

    Nach ihren Auftritten in Wien schrieb ein Korrespondent des „Daily Chronicle“, noch nie zuvor sei der musikalische Erfolg eines englischen Künstlers in Wien so groß gewesen. (“a musical success such as never has been attained in Vienna by an English artist“). Auch die Österreichische Volkszeitung war begeistert: „Ein kleines Wunder” („A little marvel“) nannte sie Chartres. Generell zeigten sich Journalisten begeistert von dem jungen Talent, wenn auch einige Bedenken äußerten, der frühe Karrieregang und die anstrengenden Konzerte könnten zu viel für das Mädchen werden. „It is to be hoped that the child will be allowed ten years to grow up before she has to go to fiddling for a living.“ („Man sollte hoffen, dass es dem Kind erlaubt sein wird, zehn Jahre älter zu werden, bevor es seinen Lebensunterhalt mit dem Geigenspiel verdienen muss.“; „Signs of the Times“ vom 18. Juni 1906, Seite 292)

    Königshäuser wurden bald auf Chartres aufmerksam, und so spielte Chartres unter anderem begleitet von Max Bruch auf dem Fest des Kaisers in Berlin. „The Times“ vom 16. Mai 1905 bescheinigte ihr, dass ihr Name „schließlich in die Geschichte eingehen“ würde. („ultimately written in history“; „The Times“ vom 16. Mai 1905; S. 10)

    .

    Einige Kritiker stellten bereits Vermutungen über ihre zukünftige musikalische Karriere an und sagten, es wäre sehr verwunderlich, würde Chartres nicht auch als Erwachsene eine hervorragende Position in der Musikwelt einnehmen. („It will be extraordinary indeed if Miss Chartres does not take very high rank when an adult executant.”; “The Musical Standard” vom 17. Februar 1906. Seite 100)

    Nach Beendigung ihrer Geigenkarriere fand Vivien Chartres jedoch nur noch wenig Erwähnung in der Presse, meist im Kontext mit Berichten über ihre Mutter Annie Vivanti. Gegenwärtige Literatur gibt es kaum zu Chartres. Sie bleibt ein musikalisches Phänomen im Zeitraum 1905 bis 1913.

    Werkverzeichnis

    Lieder


    La Nave dei Sogni/The Ship of Dreams (Violinbegleitung ad libitum, Gesang, Klavier), Text von Annie Vivanti, Musik von Vivien Chartres, Mailand, G. Ricordi & C.


    Rock-a-by, Baby, Berceuse, (Gesang mit Violinbegleitung ad libitum), Vivien Chartres


    May Comes (Gesang mit Violinbegleitung), Vivien Chartres

    Repertoire

    Eine Repertoireliste von Vivien Chartres kann derzeit aufgrund fehlender Forschungen nicht erstellt werden. Vivien Chartres trat kontinuierlich als Violinistin auf. Nachgewiesen sind Aufführungen der folgenden Werke:


    Bruch, Max

    Violinkonzert in g-moll, op.26


    Vieuxtemps, Henri

    Fantaisie apassionata in G-Dur, op. 35

    Serenade (keine Präzisierung möglich)

    Violinkonzert für Violine und Orchester Nr. 4 d-moll, op. 31


    Paganini, Niccolò

    Moïse-Fantasia, Bravour-Variationen für die G-Saite

    Zigeunerweisen, op. 20, Violine und Orchester


    Grieg, Edvard

    Berceuse in G-Dur, op. 39/1


    Wieniawski, Henryk

    Faust-Fantasie für Violine und Orchester


    Sarasate, Pablo de

    Zigeunerweisen in c-moll, op. 20


    Mendelssohn Bartholdy, Felix.

    Violinkonzert für Violine und Orchester in e-moll, op. 64


    Bach, Johann Sebastian

    Chaconne aus: Partita für Violine solo Nr. 2 d-moll, B WV 1004


    Sant-Saëns, Camille

    Danse macabre in g-moll, op. 40

    Le Cygne (13. Satz) aus Le Carnaval des animaux (ohne op.)


    Bazzini, Antonio Joseph

    Ronde des Lutins, op. 25


    Hubay von Szalatna, Jenő

    Scènes de la Csárda (Präzisierung nicht möglich)


    Schubert, Franz

    Ave Maria, D 839, op. 52 Nr. 6

    Ries, Ferdinand

    Moto perpetuo (keine Präzisierung möglich)


    Beethoven, Ludwig van

    Violinkonzert D-Dur, op. 61

    Elgar, Edward

    Salut d’Amour in E-Dur, op 12


    Godard, Benjamin Louis Paul

    Violinkonzert Nr. 2 in g-moll, op. 131


    Brahms, Johannes

    Ungarischer Tanz (keine Präzisierung möglich)


    Svendsen, Johan Severin

    Serenata (keine Präzisierung möglich)

    Romanze in G-Dur, op. 26, für Violine und Orchester


    Des weiteren Stücke von Antonín Dvořák, Georg Friedrich Händel und Robert Schumann


    Werke und Schriften


    Chartres, Vivien. My Diary. In: The Pall mall magazine. Sep 1907. Seite 332

    Quellen

    Literatur


    Brandes, Georg. The Devourers. Fortnightly review, May 1865-June 1934; Jul 1910; 88, 523, Seite 170-173


    Chartres, Vivien. My Diary. In: The Pall mall magazine. Sep 1907. Seite 332


    Miss Vivien Chartres. In: The Violin times : a monthly journal for professional and amateur violinists and quartet players. August 1905; Seite 121-3


    Pagnotta, Linda. Volti e figure: il ritratto nella storia della fotografia. Aion 2009. Seite 290


    Persico, Aldo. Il racconto e la retorica: il racconto entimematico : la donna e la norma tra necessità e verosimiglianza delle azioni in due romanzi di Annie Vivanti. Fiorentino. 1960


    Saxe Wyndham, Henry. L’Epine, Geoffrey. Who’s who in music: a biographical record of contemporary musicians. I. Pitman & Sons, 1915. Seite 50


    Swoboda, Hermann. Vivian Chartes. Gedanken zur Psychologie der Musik. In: Österreichische Rundschau, Bd. V (1905), H. 62, S. 421-428


    Vivanti Chartres, Annie.The Devourers. G. P. Putnam’s Sons. New York and London. The Knickerbocker Press 1910. Seite 269



    Viele in dem Lexikonartikel enthaltene Informationen und Daten beziehen sich auf eine 60-seitige Biografie über die Leben Vivien Chartres‘ und ihrer Eltern, die Chartres‘ Urenkel Douglas D’Enno schrieb und großzügigerweise zur Verfügung stellte:


    D’Enno, Douglas. Three Portraits. The lives of John Chartres, Annie Vivanti Chartres, and their Wonder Child, Vivien Chartres.



    Zeitschriftenartikel und Konzertkritiken


    The Times vom 21. Januar 1905, Issue 37610, Seite 10, The Times And Its Readers. 

    The Musical Standard vom 8. April 1905, Vol. 23, No. 588, Seite 220, Echoes from Abroad.

    The Times vom 9. Mai 1905; Issue 37702; Seite 1

    The Times vom 16. Mai 1905; Issue 37708; Seite 10

    The Musical Standard vom 20. Mai 1905, Vol. 23, No. 594, Seite 31.

    The Athenaeum vom 20. Mai 1905; No. 4047, Seite 634 f.

    The Musical Herald vom 1. Juni 1905, No. 687, Seite 175, Personalia.

    The Musical Times vom 1. Juni 1905, Vol. 46, No. 748, Seite 403

    The Times vom 8. Juli 1905, Issue 37754, Seite 16

    The Evening Post vom 15. Juli 1905

    The Musical Standard vom 22. Juli 1905, Seite 60

    The Musical Times vom 1. August 1905, Vol. 46, No. 750, Seite 545

    The Violin Times : a monthly journal for professional and amateur violinists

    and quartet players vom August 1905; Vol. 12, No. 141, Seite 121-123.

    The Times vom 4. September 1905, Issue 37803; Seite 3, The King At Marienbad. 


    The Times vom 13. Februar 1906; Issue 37942; Seite 15, The Police Courts.

    The Times vom 15. Februar 1906, Issue 37944; Seite 7, Concerts. 

    The Musical Standard vom 17. Februar 1906, Vol. 25, No. 63, Seite 100, The Supplement of the Week.

    Evening Post vom 3. März 1906, Volume LXXI. Ausgabe 53, Seite 13

    The Times vom 24. März 1906, Issue 37976; Seite 9, Court Circular. 

    The Times vom 29. März 1906; Issue 37980; Seite 4, Concerts. 

    The Musical Standard vom 31. März 1906, Vol. 25, No. 639, Seite 200.

    The Graphic vom 31. März 1906, Seite 411

    The Musical Times vom 1. Mai 1906, Vol. 47, No. 759 Seite 334

    The Times vom 21. Mai 1906; Issue 38025; Seite 9, Court Circular.

    The Musical Standard vom 26. Mai 1906, Vol. 25, No. 647, Seite 328.

    The Times vom 14. Juni 1906, Issue 38046; Seite 11, To-day’s Arrangements. 

    The Times vom 15. Juni 1906, Issue 38047, Seite 12, Concerts. 

    Signs of the Times vom 18. Juni 1906, Seite 292

    The Musical Standard vom 7. Juli 1906, Vol. 26, No. 653, Seite 11.

    The Times vom 11. Juli 1906, Issue 38069, Seite 12, Bechstein-Hall.

    The Musical Times vom 1. August 1906, Vol. 47, No. 762, Seite 556

    The Times vom 22. Oktober 1906, Issue 38157, Seite 4, Concerts. 

    The Times vom 19. November 1906, Issue 38181, Seite 8, Court Circular.

    Le Passe-Temps et le Parterre réunis vom 25. November 1906, No. 47, Seite 2

    The Musical Standard vom 1. Dezember 1906, Vol. 26, No. 674, Seite 346


    The Violin times : a monthly journal for professional and amateur violinists

    and quartet players vom Januar 1907, Vol. 14, No. 158, Seite 15, Provincial.

    The Musical Herald vom 1. Januar 1907, No. 706, Seite 31, Personalia.

    The Times vom 22. Januar 1907, Issue 38236; Seite 9, Court Circular.

    The Cremona : with which is incorporated The violinist, a record of

    the string world vom Mai 1907, Vol. 1, No. 6, Seite 60

    The Press, vom 2. Februar 1907, Vol. LXIII, Issue 12718, Seite 4, London chat. A wonderful child.

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    The New Zealand Herald vom 12. Juni 1907, Vol. XLIV, Issue 13462, Seite 9

    The Times vom 17. Juni 1907, Issue 38361, Seite 7, Concerts. 

    The Musical Times vom 1. Juli 1907, Vol. 48, No. 773, Seite 476

    The Times vom 18. Oktober 1907, Issue 38467, Seite 12, Court Circular 

    The Times vom 16. November 1907, Issue 38492, Seite 14, Court Circular. 

    The Musical Standard vom 21. Dezember 1907, Vol. 28, No, 729, Seite 392.

    Papers Past. Evening Post vom 21. Dezember 1907, Seite 10


    The Musical Times vom 1. Januar 1908, Vol. 49, No. 779, Seite 42 und 49

    The Musical Times vom 1. Mai 1908, Vol. 49, No. 781, Seiten 165 und 189

    The Musical Times vom 1. Juni 1908, Vol. 49, No. 784, Seite 395


    The Musical Times vom 1. Februar 1909, Vol. 50, No. 792, Seite 117, Music in Birmingham.

    The Musical Herald vom 1. November 1909, No. 740, Seite 333, Bradford and District.

    The Musical Times vom 1. Dezember 1909, Vol. 50, No. 802, Seite 803


    The Bookman vom Juni 1910, Vol. 38, No. 225; Seite 129-130.


    The Musical Herald vom 1. Januar 1912; No. 766, Seite 22, Girl Composers.


    The Times vom 29. Oktober 1913, Issue 40355, Seite 4


    The Times vom 22. Juli 1915, Issue 40913, Seite 9 


    The Times vom 18. Mai 1927, Issue 44584, Seite 13, The death of Mr. John Chartres.


    The London Gazette vom 3. Oktober 1941

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    Links


    Aufsatz: The Devourer and the Devoured: The Intertwined Lives of Annie Vivanti and Vivien Chartres

    http://songofthelark.wordpress.com/2012/05/15/the-devourer-and-the-devoured/


    The Peerage. A genealogical survey of the peerage of Britain as well as the royal families of Europe

    http://www.thepeerage.com/p36453.htm#i364525

    Forschung

    In der Publikation „Schönheit aus Wahrheit. Vom Wunder des Antlitzes im Bildnis am Beispiel von Porträtphotographien des 19. und 20. Jahrhunderts“ von Markus von Hänsel-Hohenhausen, erschienen 2010 in der Frankfurter Verlagsgruppe, ist unter dem Titel „Das betrogene Wunderkind: Vivien Chartres (1993-1941)“ ein vierseitiger Artikel über Vivien Chartres zu finden. Der Artikel ist nicht im Quellenverzeichnis angegeben, da grundlegende inhaltliche Divergenzen in den Forschungsergebnissen bezüglich Chartres’ Karriereverlauf vorliegen. Der Autor stellt das Gerichtsverfahren von 1906 gegen John Chartres und Narcisco Vert aufgrund des Verstoßes gegen den „Prevention of Cruelty to Children Act“ als Todesstoß für Vivien Chartres Karriere dar und schlussfolgert weiterhin, dass Chartres durch den Vorfall in ein gesellschaftliches Abseits geraten sei, wodurch sie unverheiratet und kinderlos gestorben sei. Beim Verfassen des Artikels standen dem Autor die relevanten Quellen offensichtlich nicht zur Verfügung; seine Darstellung ist angesichts der Tatsache, dass Vivien Chatres noch bis einschließlich 1907 in ganz Europa Konzertauftritte hatte, nachweislich zwei Mal verheiratet war und zwei Kinder hatte, als falsch zu betrachten.

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Vivien Chartres umfasst ihre Biografie sowie alle ihre Tätigkeiten.

    Autor/innen

    Henrieke Max


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back


    Empfohlene Zitierweise

    Henrieke Max, Artikel „Vivien Chartres“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom ...
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Vivien_Chartres