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    von Kevin Clarke
    Namen:
    Vera Kálmán
    Geburtsname: Marya Mendelsons
    Lebensdaten:
    geb. in Perm, Sibirien
    gest. in Zürich, Schweiz
    Tätigkeitsfelder:
    Managerin und spätere Witwe sowie Nachlassverwalterin von Operettenkomponist Emmerich Kálmán; Schauspielerin, Kleindarstellerin, Animierdame
    Charakterisierender Satz:

    „Imruschka, jetzt bin ich Frau Kálmán. Jetzt muss ich repräsentieren.“


    (Vera Kálmán, „Grüß’ mir die süßen, die reizenden Frauen: Mein Leben mit Emmerich Kálmán“, Bayreuth 1966, S. 102)


    Profil

    Vera Kálmán war als glamouröse „Operettenwitwe“ ab den 1960er Jahren eines der prominentesten Gesichter der internationalen Operettenszene, im Fernsehen und in Zeitschriften. Mit ihrem Einsatz für bestimmte Werke ihres Mannes schaffte sie es, Stücke Emmerich Kálmáns wie „Die Csárdásfürstin“ und „Gräfin Mariza“ – beide während der Nazi-Zeit als „entartet“ verboten – dauerhaft ins Repertoire deutscher und internationaler Bühnen zurückzuführen.

    Orte und Länder

    Vera Kálmán lebte mit ihrem Ehemann Emmerich Kálmán in Wien, Paris, Hollywood und New York. Nach dessen Tod blieb sie weitgehend ohne festen Wohnsitz.

    Biografie

    Wer war nun also diese sagenumwobene Vera Kálmán, die in der ersten Kálmán-Biografie des Jahres 1932 als „Edelblüte ihrer Rasse“ bezeichnet wird, als „Kind russischer Emigranten“ mit dem Namen „Wera Natascha Makinskaja“? (Julius Bistron, „Emmerich Kálmán: Mit einer autobiographischen Skizze der Jugendjahre von Emmerich Kálmán“, Wien 1932, S. 183) Entgegen ihrer eigenen Aussage waren ihre Eltern keine russischen Aristokraten. Stattdessen war ihr Vater der jüdische Kaufmann Philipp Mendelsohn, 1879 in Petrograd geboren. Ihre Mutter hieß Sophie, nicht Sonja, und wurde 1883 geboren. Vera Kálmán kam als Marya Mendelsohn am 22. August 1907 in Perm zur Welt und hatte eine jüngere Schwester namens Anete, die später in keiner Autobiografie erwähnt wird, aber mit der Familie Kálmán bis in die 1970er Jahre in engem Kontakt stand.

    Vera Kálmán gelangte mit ihren Eltern nach den revolutionären Umwälzungen 1917 in Russland nach Westeuropa und arbeitete in Wien und Berlin als Kleindarstellerin in mehreren Filmen, konnte damit aber nicht ihren Lebensunterhalt bestreiten. Glaubt man Topsy Küppers, die die detaillierteste – wenn auch teils fiktive – Beschreibung jener frühen Jahre liefert in ihrem als „Tatsachenroman“ deklariertem Buch „Alle Träume führen nach Wien“ (2001), so wurde Vera Kálmán Nacktdarstellerin in einer Bar, was mit einem Foto der hüllenlosen Vera Kálmán im Ensemble mit einer Standvase belegbar ist.



    Begegnung mit Emmerich Kálmán


    Im Frühjahr 1928 lernte sie im Wiener Café Sacher den Komponisten Emmerich Kálmán kennen, damals auf dem Höhepunkt seiner Karriere, nach der ununterbrochenen Reihe von Welterfolgen „Bajadere“ (1921), „Gräfin Mariza“ (1924) und „Zirkusprinzessin“ (1926). Er war ein vermögender Mann, dessen langjährige Lebenspartnerin Paula Dworzak (1874-1928) Anfang Februar 1928 nach langer Krankheit gestorben war. Auch wenn Paula Dworzak in der Öffentlichkeit als Ehefrau aufgetreten und wahrgenommen worden war („Komponist Emmerich Kálmán hat einen schweren Verlust erlitten. Freitag ist seine Gattin Paula, geborene Dworzak, nach schwerem Leiden gestorben“, heißt es in der „Neuen Freien Presse“), waren die beiden nie verheiratet, vermutlich weil Paula Dworzak nicht jüdischen Glaubens war. Wie der Sohn Charles Kálmán vermutete, wollte Emmerich Kálmán möglicherweise deshalb mit Paula Dworzak keine Kinder haben, obwohl sie „mehrmals guter Hoffnung war“ (Charles Kálmán im Interview mit dem Autor, München 2001). Neben dieser offiziellen Lebenspartnerin hatte Kálmán im Laufe der Jahre wiederholt Affären mit diversen namenlosen Tänzerinnen. Hinter dem Theater an der Wien befand sich ein berüchtigtes Bordell (vgl. Robert Menasse, „Ich kann jeder sagen. Erzählungen vom Ende der Nachkriegsordnung“, Frankfurt a. M. 2010). Kálmán teilte sich mit seinem Theaterdirektor Hubert Marischka eine Garçonnière in der Josefstadt, wie dessen Sohn Franz berichtet: „Mein Vater hatte zwischen seiner ersten und zweiten Ehe ein Appartement in der Josefstadt, eine sogenannte Garçonnière, eine kleine Wohnung für bestimmte Zwecke. Als er aber wieder heiratete, schenkte er sie seinem Freund Kálmán, damit dieser sich dort mit seiner neuen Flamme vergnügen konnte“ (Franz Marischka, „Immer nur lächeln: Geschichten und Anekdoten von Theater und Film“, München 2001, S. 24).

    Seiner neuen „Flamme“ Vera Kálmán verschaffte Kálmán erst ein Zimmer in der Pension Nossek am Graben, dann eine Mini-Rolle in der von Marischka inszenierten Uraufführung seiner neuesten Charleston-Operette „Die Herzogin von Chicago“, wo sie an der Seite von Hans Moser auftreten und als Joujou zusammen mit Loulou eines von „zwei Dämchen von der Riviera“ darstellen durfte und im Duett „Voulez vous Hoppsassachen“ auftrat.

    Noch während der ersten Aufführungsserie wurde Vera Kálmán schwanger, jedoch von Kálmán zum Schwangerschaftsabbruch gedrängt, wie Topsy Küppers berichtet, so dass sich die Frage einer Eheschließlung und eines öffentlichen Bekenntnisses des Komponisten zu Vera Kálmán nicht stellte, die aus Sicht des „eingefleischten Junggesellen“ Kálmán sicher nicht mehr als ein Amuse war. Doch schon im Februar 1929 wurde Vera Kálmán abermals schwanger und entschloss sich, das Kind diesmal zu behalten. Kálmán, um sein bürgerliches Ansehen in der Wiener Öffentlichkeit besorgt und mit den Vorbereitung zu seinem 50. Geburtstag beschäftigt (zu dem die bereits erwähnte Biografie von Julius Bistron erscheinen sollte), wollte den Skandal eines unehelichen Kindes vermeiden und heiratete Vera Kálmán am 9. November 1929 in der Jüdischen Kultusgemeinde Wiens. Eine Woche später, am 17. November, wurde Sohn Karl Emmerich Fedor Kálmán geboren.



    Leben als Ehefrau


    Vera Kálmán zog nun offiziell in die palastartige Wohnung Kálmáns am „Ring des 12. November“ ein, vis-à-vis vom Rathaus mit dem vorge­lagerten Park, mit Blick auf die Universität und die Bäume der Ring-Straße; zweifellos eine der besten Adressen der Stadt. Im Lauf der folgenden Jahre war trotz erheblicher Reibungen zwischen den Ehepartnern die Rollenverteilung klar geregelt: Kálmán war der berühmte Komponist, der im Rampenlicht stand und dessen Werke für Reichtum und öffentliche Aufmerksamkeit sorgten, Vera Kálmán eine Art „trophy wife“ an seiner Seite, die freimütig das Geld ihres Gatten ausgab („Wir geben das Zehnfache aus von dem, was früher der Haushalt gekostet hat“, wird Emmerich Kálmán von Vera Kálmán zitiert).

    Mit der künstlerischen Produktion ihres Mannes hatte sie nichts zu tun. Im Gegenteil, Kálmán schien froh zu sein, wenn Vera Kálmán nicht anwesend war, damit er ungestört arbeiten konnte, während er ihr wiederholt Privatdetektive nachschickte. Das Paar bekam noch zwei weitere Kinder, Elisabeth und Yvonne, mit denen es Anfang der 1930er Jahre in eine Villa am Türkenschanzpark zog. Das liebevoll-fürsorgliche Verhältnis Kálmáns zu seinen Kindern stand im größtmöglichen Gegensatz zum Verhältnis Vera Kálmáns zu Karl, Elizabeth und Yvonne. „Sie holte uns nur hervor, wenn Besuch anwesend war, und präsentierte uns wie Hunde oder bunte Papageien“, erinnert sich Charles Kálmán. „Ansonsten war von ihr wenig Zuneigung zu erwarten, was im Laufe der Jahre nicht besser wurde.“ Vera Kálmán hatte, so stellt der Sohn es dar, „die üb­liche Schwäche unschöpferischer Naturen: eine nur auf das Äußerliche ge­richtete Eitelkeit“, wie es bei Stefan Zweig in anderem Zusammenhang so schön heißt. Vera Kálmán selbst schreibt in ihrer letzten Autobiografie: „Ich wußte um meine Wirkung und gestehe, ich war eitel und zeigte es gern.“ Erst nach dem „Anschluss“ 1938 kam es zu einem radikalen Umschwung im Beziehungsleben Kálmáns und zu einer Neudefinition der Rolle Vera Kálmáns an seiner Seite.



    Emigration und Scheidung


    Das Ehepaar flüchtete mit den drei Kindern in die Schweiz, dann weiter nach Paris, wo sich die Familie römisch-katholisch taufen ließ, 1940 reisten sie schließlich nach Amerika. Da Kálmán schlecht Englisch sprach, übernahm Vera Kálmán zunehmend die Rolle seines Sprachrohrs, stellte aber in den USA fest, dass ihr Mann zwar beste Kontakte in Hollywood hatte, aber nicht mehr der gefeierte Komponist wie ehemals in Europa war, sondern einer von vielen Emigranten, dessen Werke kaum jemand spielen oder verfilmen wollte. Aufgrund seines Vermögens und geschickter Börseninvestitionen in den Vereinigten Staaten konnten die Kálmáns indes in Wohlstand leben – zuerst in Hollywood, dann in New York in der 417 Park Avenue. Doch als Vera Kálmán in New York einen Parfümhändler namens Raymond kennen lernte, verließ sie Emmerich Kálmán. Sie ließ sich 1942 scheiden, musste aber feststellen, dass ihre Ehepläne mit Raymond sich zerschlugen, weil dieser sich nicht ebenfalls scheiden ließ.

    In der Trennungsphase hat Kálmán, laut Sohn Charles, „sehr gelitten“. Kálmáns Studienfreund aus Budapest, Operettenkomponist Albert Szirmai, kümmerte sich in jener Zeit um Kálmán und „verkuppelte ihn mit der jungen, erfolgreichen Komponistin Belle Fenstock“. Dann kam es zu einer Wiederannäherung mit Vera Kálmán, was Szirmai ablehnte. „Er hat sich daraufhin gar nicht mehr gemeldet“, erinnert sich Charles Kálmán. Über die Gründe für die zweite Eheschließung Kálmáns mit Vera Kálmán kann man spekulieren. Charles Kálmán sagt, sein Vater sei in Amerika einsam gewesen und ihm habe die Gesellschaft Vera Kálmáns gefehlt, die „Leben ins Haus“ gebracht habe. Bezüglich des angeblichen Liebhabers Vera Kálmáns, einem Piloten, der tödlich verunglückt sein soll, sagt Charles: „Es gab keinen Roland de la Croix!“ Auf dem Foto, das Vera Kálmán in einer ihrer Autobiografien zusammen mit de la Croix und Fritz Kreisler sowie Maria Jeritza in New York zeigen soll, ist ein Disney-Produzent zu sehen.



    Wiederheirat und Management


    1944 heirateten Emmerich und Vera Kálmán ein zweites Mal. Und nach dieser zweiten Eheschließung trat Vera Kálmán erstmals in den Medien als seine „Managerin“ in Erscheinung, die sich um Sponsoren für die Broadwayproduktion seiner neuen Werke bemühte: „Miss Underground“, mit Lorenz Hart geschrieben, und „Marinka“, die im Juli 1945 tatsächlich auf die Bühne gelangte und ein halbes Jahr im Winter Garden Theatre und Ethel Barrymore Theatre lief. Es war übrigens der einzige Erfolg eines europäischen Operettenkomponisten im Exil, wenn man von den Werken Kurt Weills absieht. Die sogenannte Öffentlichkeitsarbeit Vera Kálmáns war in jenen Jahren wiederholt von Skandalen begleitet, als beispielsweise der Vorwurf aufkam, sie habe Geld einer Charity-Veranstaltung unrechtmäßig in die eigene Tasche gesteckt.

    Vera Kálmán war in jener Zeit eine enge Freundin von Domenica Walter. Diese hatte ihre eigene Vergangenheit neu erfunden, unter anderem, indem sie Briefe und Dokumente fälschte und in Zirkulation brachte. Sie spielte in Vera Kálmáns späterem Leben eine wichtige Rolle. Genau wie Domenica Walter wurde auch Vera Kálmán bald „all artifice“, mit einem „cold, calculating gaze” und „overgroommed, actressy look“. Kurz: Auch Vera Kálmán wurde mit der Zeit zum reinen Kunstprodukt, genauso wie viele der Dokumente (Briefe, Fotografien usw.) es sind, die sie aus ihrer Ehezeit mit Kálmán in diversen Büchern präsentiert. Sie halten keiner ernsthaften Prüfung auf Echtheit stand und werden nach wie vor unter Verschluss gehalten, falls es sie überhaupt gibt.



    Rückkehr nach Europa


    Nach dem Krieg kehrten die Kálmáns nach Europa zurück, wo die alten Werke des Komponisten wieder in großem Umfang gespielt wurden. Geschwächt durch die emotionale Erschütterung der Nachricht, dass seine in Ungarn zurückgebliebenen Schwestern bei einem Gewaltmarsch ins KZ umgekommen waren, einem Herzinfarkt 1947, einem Schlaganfall 1950 sowie einer Kampagne gegen ihn in der österreichischen Presse, die verlangte, den „Dollarmillionär“ zu enteignen und sein Haus in Wien zu konfiszieren, um es den „armen“ Wienern zu überlassen, ließ sich die Familie Kálmán in Paris nieder. Schon 1946 hatte Kálmán in einem Brief an seinen Librettisten Alfred Grünwald geschrieben: „In meinem Herzen bin ich durch den Verlust meiner beiden Lieblingsschwestern so tief getroffen, dass ich mich in Zukunft nur mit angenehmer Arbeit befassen will und kann und lieber auf alles verzichte, was mir Unannehmlichkeiten eintragen koennte.“ Aufgrund des Gesundheitszustands ihres Mannes wurde Vera Kálmán in jenen Jahren oft zur Vertreterin ihres Mannes.

    Emmerich Kálmán starb am 24. Oktober 1953 in Paris, seine „Arizona Lady“ wurde am 1. Januar vom Bayerischen Rundfunk als Radioproduktion uraufgeführt, die Partitur hatte Charles Kálmán fertiggestellt, der damit seine eigenen Komponistenkarriere startete. Anschließend kam „Arizona Lady“ in Bern ins Theater. Ein nachhaltiger Erfolg wurde dem Werk von der Nachkriegsoperettenszene verweigert, in die singende Cowboys nicht passen wollten.



    Leben als Witwe


    Vera Kálmán trennte sich direkt nach dem Tod ihres Mannes von ihren Kindern und teilte ihnen mit, dass sie von nun auf sich selbst gestellt seien. Sie wolle ihr eigenes Leben leben, u.a. zusammen mit ihrer Freundin Domenica Walter, später mit anderen lesbischen Freundinnen. Es kam zum Gerichtsverfahren wegen eines Streits ums Erbe („Statt den Nachlass ihres Mannes zu hüten, sammelte [Vera Kálmán] lieber Zeitungsausschnitte über diverse eigene Auftritte als Csárdáskönigin“).

    In „Die Presse“ konnte man 1954 lesen: „Emmerich Kálmán hatte seiner Gattin […] einen Betrag von 200.000 Dollar zur Verwaltung mit einem jährlichen Einkommen von 15.000 Dollar, weiters ein Drittel seines Grundbesitzes, dessen Wert auf 500.000 Dollar geschätzt wird, hinterlassen. Seiner Tochter Elisabeth Lili waren, so sagt diese in ihrer Klage, früher zwei Neuntel des Grundbesitzes zugedacht gewesen, doch hatte der Komponist in den Jahren 1951 bis 1953 drei Testamente errichtet, mit denen diese Bestimmungen aufgehoben wurden. Nun verlangt die Tochter des verstorbenen Komponisten die Feststellung, daß ihr Vater zu der Zeit, als er diese Kodizille [sic] verfaßte, nicht mehr im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gewesen sei.“ Elisabeth Kálmán verlor die Klage, Vera Kálmán blieb die Hauptnutznießerin des Erbes und der Tantiemen.

    Da Vera Kálmán auf Aufführungen der Werke Kálmáns angewiesen war, um ihr zunehmend ausschweifenderes Jet-Set-Leben zu finanzieren, nutzte sie jede Gelegenheit, um Werbung für die Werke ihres verstorbenen Mannes zu machen: Sie gab Interviews, trat in Fernsehsendungen auf, war Gast bei Premieren und schrieb ihre drei Autobiografien, in denen sie von ‚ihrem‘ Leben an der Seite Kálmáns erzählte. Da Vera Kálmán ihren Mann erst 1928 kennengelernt hatte, in jenem Jahr, in dem Kálmáns berufliche Erfolgskarriere einen Wendepunkt erreichte, liefert Vera Kálmán keine Details zu jener Phase des Lebens ihres Mannes, die aus musikgeschichtlicher Sicht wichtig wäre, sondern nur Anekdoten zu seiner zweiten Lebenshälfte, die von Misserfolgen und Exil geprägt war. Im Laufe der Zeit setzte Vera Kálmán deshalb lieber sich selbst effektvoll in Szene, so dass der Fokus bald ganz weg von Emmerich Kálmán gerichtet war und sein kompositorisches Schaffen zunehmend vernachlässigt wurde. Die vielen einstigen Erfolgstitel – „Ein Herbstmanöver“ (1909), „Faschingsfee“ (1917), das „Hollandweibchen“ (1920) und die Broadwayoperette „Golden Dawn“ (1927) – gerieten in Vergessenheit, ebenso wichtige Werke wie „Der gute Kamerad“ (1911), „Der kleine König“ (1912), „Gold gab ich für Eisen“ (1914), „Die Herzogin von Chicago“ (1928), „Das Veilchen vom Montmartre“ (1930), „Der Teufelsreiter“ (1932) und „Kaiserin Josephine“ (1936); von „Marinka“ und „Miss Underground“ ganz zu schweigen.


    Vera Kálmán interessierte sich nicht ernsthaft für das Werk Kálmáns und wählte den einfachsten Weg, den Publikumsgeschmack der 1960er bis -90er Jahre zu bedienen. D.h. sie setzte sich nicht für Kálmáns vielseitiges Oeuvre ein, sondern nur für die leicht zu vermarktenden Klassiker rot-weiß-grünen Zuschnitts, mit denen Kálmán bewusst zum „ungarischen Komponisten“ wurde, als Gegenpol zu Robert Stolz, den dessen Witwe Einzi zum Repräsentanten des wahren Wienertums stilisierte.


    Allerdings muss man festhalten, dass beide Witwen dem in keiner Weise entgegensteuerten, wie das anderen Operettenerben durchaus taten. Etwa die Nachlassverwalter von Noël Coward, die sich nach dessen Tod 1973 gezielt dafür einsetzten, dass Cowards Oeuvre – inklusive seine Operetten („Bitter Sweet“, „Conversation Piece“, „Operette“ etc.) – umfangreich zugängig gemacht wurde in Form von Noten und Textbuchausgaben, die Aufführungen initiierten und erleichterten. Vera Kálmán hat sich nicht für eine Edition der Werke Kálmáns engagiert, auch nicht für eine Edition der Briefe ihres Mannes an seinen Librettisten Grünwald, obwohl es bedeutende Dokumente von zwei prominenten Exilwienern sind. Die Briefe wurden der Öffentlichkeit erst 2005 bei der Tagung „Operette unterm Hakenkreuz“ in größerem Umfang vorgestellt, sind aber bislang immer noch nicht veröffentlicht. Auch der faszinierende Briefwechsel Kálmáns mit Theaterleiter Hubert Marischka liegt unaufgearbeitet im Theatermuseum Wien. In der Studie des Autors „Emmerich Kálmán und die transatlantische Operette“ wurde daraus allerdings umfangreich zitiert. Klavierauszüge der Werke Kálmáns sind, abgesehen von wenigen Standardwerken, nicht verfügbar für die Öffentlichkeit.

    Würdigung

    Vera Kálmán war zusammen mit Kirschi Benatzky (1905-1983) und Einzi Stolz (1912-2004) eine der legendären „drei streitbaren Witwen“ und eines der prominesten Gesichter der deutschsprachigen Operettenszene in den 1960er bis -90er Jahren. Es ist ihr Verdienst, dass Emmerich Kálmán (1882-1953) bis heute einer der an deutschen und internationalen Bühnen meistgespielten Operettenkomponisten ist. Aber dieser Einsatz beschränkte sich auf eine nur kleine Zahl von Kálmán-Werken, die gezielt beworben und damit nach dem Ende der Nazi-Herrschaft wieder bekannt gemacht wurde, wodurch sich ein einseitiges Bild des Komponisten festsetzte. Außerdem wurde durch Vera Kálmán eine wissenschaftlich basierte Auseinandersetzung mit Leben und Werk Kálmáns erschwert, da sie bis zu ihrem Tod wiederholt Buchautoren mit einstweiligen Verfügungen drohte, die eine Geschichte Kálmáns erzählen wollten, die im Widerspruch zu ihren eigenen Legenden gestanden hätte. Ihr Bild von Emmerich Kálmán verbreitete sie vor allem über drei Autobiografien: „Grüß’ mir die süßen, die reizenden Frauen: Mein Leben mit Emmerich Kálmán“ (1966), „Die Welt ist mein Zuhause: Erinnerungen“ (1980) und „Csárdás: Der Tanz meines Lebens“ (1986). Darin liest sich die Vita des Komponisten so schillernd farbenfroh wie ein LSD-Trip, der wenig mit der Realität zu tun hat. Es ging Vera Kálmán in diesen Büchern vielmehr darum, ihr eigenes Leben zu glamourisieren. Man könnte argumentieren, dass dies aus Vera Kálmán eine jener „veuves abusives“ macht, denen der französische Politiker Anatole de Monzie ein ganzes Buch gewidmet hat. Zum Wahrheitsgehalt von Vera Kálmáns Autobiografien bemerkt der Kálmán-Vertraute und Trauzeuge Dr. Otto Blau vom Weinberger Verlag: „Sie lügt so sehr, dass bei ihr nicht einmal das Gegenteil stimmt“ (Stefan Frey, „Unter Tränen lachen“. Emmerich Kálmán. Eine Operetten­biografie, Berlin 2003, S. 12). Etwas weniger radikal formuliert es Vera Kálmáns jüngste Tochter Yvonne: „Sie erfand Geschichten. Erfand ihr Leben und seins gleich mit. Für sie war das Realität, was sie sich ausdachte. Was soll daran schlecht sein?“ (Gespräch mit dem Autor, 2002)

    Ob gut oder schlecht, Geschichten wie die der „Ehrenarierschaft“, die Hitler Kálmán angeboten haben soll, haben gravierende Auswirkungen auf die Wahrnehmung von Emmerich Kálmán, die Aufarbeitung seines Exilschicksals, aber auch auf die Interpretation seiner Werke, da viele Wissenschaftler, Regisseure und Dramaturgen die von Vera Kálmán erzählten Geschichten als Fakten in Lexikoneinträgen zitierten und besonders schillernde Storys zur Grundlage von Inszenierungen wurden, die damit besonders ‚authentisch‘ oder ‚biografisch informiert‘ erscheinen wollten.

    Rezeption

    Vera Kálmán hat das Bild ihres Mannes, des Komponisten Emmerich Kálmán sehr geprägt und zum Teil manipulativ gelenkt. Nach ihrem Tod 1999 haben verschiedene Autoren den Blick wieder gezielt auf Emmerich Kálmán gelenkt. Dennoch zirkulieren Vera Kálmáns falsche Geschichten nach wie vor. Befördert wird dies dadurch, dass Yvonne Kálmán heute die Rolle ihrer Mutter als PR-Frau der Familie übernommen hat. Sie erzählt in vielen Interviews wieder die besonders schillernden Storys ihrer Mutter, einfach weil sie so gut für genau diesen Zweck geeignet sind. Dadurch halten sich viele Falschaussagen bis zum heutigen Tag. Sogar die Fokussierung aufs „Ungarische“ in Kálmáns Musik hat Yvonne Kálmán von ihrer Mutter übernommen und beeinflusst damit nicht unwesentlich die Spielplangestaltung. Immerhin, im Dezember 2014 wird dessen ungeachtet Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin Kálmáns „Arizona Lady“ zur späten Hauptstadtstadtpremiere bringen. Derweil hat die Ohio Light Opera in Wooster im Laufe der letzten Jahre fast sämtliche Werke Kálmáns aufgeführt, 2014 sogar den „Kleinen König“. Und Kálmáns transatlantischen Operetten jenseits der ewigen Paprika-Klischees wird wenigstens ab und an Aufmerksamkeit gewidmet, auch in seiner alten Wahlheimat Österreich, zum Beispiel in der Ausstellung „Welt der Operette“ am Theatermuseum Wien 2012.

    Von einer grundlegenden Aufarbeitung von seinem Oeuvre, wie das die Erben und der „Witwer“ Noël Cowards getan haben, kann jedoch nicht die Rede sein. Dass im Operettenbereich ausgerechnet ein schwuler „Witwer“ wie Graham Payn (1918-2005) derart vorbildlich mit dem Erbe seines Lebenspartners umging, ist fast eine Ironie der Geschichte, die aber vermutlich eher den Weg in die Zukunft weist, als das Verhalten Vera Kálmáns oder Einzi Stolz‘.

    Werkverzeichnis

    Schriften Vera Kálmáns:


    Kálmán, Vera, Grüß’ mir die süßen, die reizenden Frauen: Mein Leben mit Emmerich Kálmán, Bayreuth 1966


    Kálmán, Vera, Die Welt ist mein Zuhause: Erinnerungen, München 1980


    Kálmán, Vera, Csárdás: Der Tanz meines Lebens, München 1986

    Quellen

    Bistron, Julius, Emmerich Kálmán: Mit einer autobiographischen Skizze der Jugendjahre von Emmerich Kálmán, Wien 1932


    Clarke, Kevin, „Im Himmel spielt auch schon die Jazzband“ Emmerich Kálmán und die transatlantische Operette 1928-1932, Hamburg 2007


    Frey, Stefan, „Unter Tränen lachen“. Emmerich Kálmán. Eine Operettenbiografie, Berlin 2003


    Kálmán, Vera, Grüß’ mir die süßen, die reizenden Frauen: Mein Leben mit Emmerich Kálmán, Bayreuth 1966


    Kálmán, Vera, Die Welt ist mein Zuhause: Erinnerungen, München 1980


    Kálmán, Vera, Csárdás: Der Tanz meines Lebens, München 1986


    Küppers, Topsy, Alle Träume führen nach Wien, Wien 2001


    Österreicher, Rudolf, Emmerich Kálmán: Der Weg eines Komponisten, Wien 1954

    Forschung

    Bis zum Erscheinen der Emmerich-Kálmán-Biografie des Autors 2007 wurden die Erzählungen und Lebenserinnerungen von Vera Kálmán nicht grundsätzlich hinterfragt. Durch Charles Kálmán wurde Clarke angehalten, alle Äußerungen Vera Kálmáns in Frage zu stellen und auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu überprüfen. Dessen ungeachtet finden sich in fast allen Texten (und Lexika-Einträgen) zu Emmerich Kálmán die Falschaussagen Vera Kálmáns als „Fakten“ zitiert, womit sie die nächste Generation von Operettenforschern massiv beeinflussen.

    Forschungsbedarf

    Das größte Problem im Umgang mit Vera Kálmán ist, dass die Beschäftigung mit ihrem Leben den Akzent verschiebt, der eigentlich auf dem Leben und Werk ihres Ehemanns liegen sollte. Als Nachlassverwalterin und Witwe war Vera Kálmán allerdings von zentraler Bedeutung für den Nachruhm Emmerich Kálmáns; sie hier im Vergleich zu anderen Komponistenwitwen zu sehen, besonders im Bereich der Operette und Popularmusik, wäre eine für die Zukunft lohnende Aufgabe, der sich bislang nur die Tagung „Komponistenwitwen“ (2014) gewidmet hat.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 201848204
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 118559613
    Library of Congress (LCCN): n81071841
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Kevin Clarke


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 27.10.2014


    Empfohlene Zitierweise

    Kevin Clarke, Artikel „Vera Kálmán“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 27.10.2014.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Vera_Kálmán