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  • Tatiana Schloezer-Skrjabina

    von Marina Lobanova
    Alexander Skrjabin, Tatiana Schloezer-Skrjabina und Julian Skrjabin.
    Namen:
    Tatiana Schloezer-Skrjabina (orig.: Татьяна Шлёцер-Скрябина)
    Geburtsname: Tatiana Tatjana Schloezer
    Varianten: Tatiana Schloezer, Tatiana Scriabine, Tatiana Skrjabina, Tatiana Schloezer-Scriabine, Tatiana Tatjana Schloezer-Skrjabina, Tatiana Tatjana Scriabine, Tatiana Tatjana Skrjabina, Tatiana Tatjana Schloezer-Scriabine
    Lebensdaten:
    geb. in Witebsk, Weißrussland
    gest. in Moskau, Rußland

    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin, Komponistin, Verlegerin
    Charakterisierender Satz:

    „Я задыхаюсь, я блаженствую, я дивно сочиняю. Время от времени я отрываюсь от работы, чтобы подумать о тебе и хотя мысленно поделиться с тобой. […] Я для тебя пишу, моя дорогая радость! Ты все поймешь, все оценишь! Как никто! Ты оценишь каждый изгиб моей безумной фантазии.“

    („Ich gerate außer Atem, ich fühle mich selig, ich komponiere wunderbar. Von Zeit zu Zeit fühle ich mich von der Arbeit losgerissen, um über Dich nachzudenken und Dir meine Gedanken innerlich mitzuteilen. […] Ich schreibe für Dich, meine teure Freude! Du wirst alles verstehen, alles wirst du begreifen! Wie niemand anderer! Du wirst jede Windung meiner wahnsinnigen Phantasie begreifen.“)


    (Brief von Alexander N. Skrjabin an Tatjana F. Schloezer vom 24. November (7. Dezember) 1904, in: A. N. Skrjabin. Pis‘_ma [Briefe]. Moskau 2003, S. 326)


    Profil

    Ol‘ga Ivanovna Monigetti, eine Zeitgenossin und Freundin von Alexander Skrjabin, beschrieb ihren Eindruck von Tatjana Schloezer-Skrjabina in ihren „Erinnerungen“ mit den folgenden Worten:

    „Взор, вдохновенно устремленный на Александра Николаевича, когда он играл, разговор, никогда не касавшийся ничего земного, прозаического, а витавший в глубоко отвлеченных, мистических высотах, -- все это создавало вокруг ее личности тот ореол таинственной глубины, скрытых талантов и каких-то тонких, сверхчеловеческих переживаний, недоступных простым смертным, -- все это неотразимо действовало на впечатлительную, поэтическую натуру Александра Николаевича, жаждавшего вырваться из повседневной прозы жизни.“

    („Der Blick, der begeistert auf Alexander Nikolajewitsch [Skrjabin] gerichtet war, wenn er spielte, das Gespräch, das nie etwas Irdisches, Prosaisches berührte, sondern in höchst abstrakte, mystische Höhen flog, all das erschaffte um ihre [Tatiana Schloezer-Skrjabinas] Persönlichkeit eine Aura von mysteriöser Tiefe, verborgener Talente und subtiler, übermenschlicher Erlebnisse, die unerreichbar für einfache Sterbliche blieben. All das wirkte unwiderstehlich auf die empfindsame, poetische Natur von Alexander Nikolajewitsch, der sich danach sehnte, sich von der alltäglichen Lebensprosa loszureißen.“ Ol‘ga Ivanovna Monigetti, „Vospominanija“ [Erinnerungen], hg. von Ol’ga Michajlovna Tompakova, in: A. N. Skrjabin. Čelovek. Chudožnik. Myslitel', [Skrjabin. Der Denker. Der Künstler. Der Mensch]. Moskau 1994, S. 35)

    Orte und Länder

    Tatjana Schloezer-Skrjabina und Alexander Skrjabin lebten zunächst in Italien und Belgien, später in Moskau. Nach Skrjabins Tod lebten Tatiana Schloezer-Skrjabina und ihre drei Kinder von 1917 bis 1919 in der Ukraine (Kiew, Nowotscherkassk).

    Biografie

    Tatiana Fjodorowna Schloezer stammte aus einer sehr kultivierten, intellektuellen Familie. Ihr Vater Fjodor Juljewitsch Schloezer (1842-1906) war Jurist; geboren in Bad Nauheim, Deutschland, folgte er seinem Bruder, Pawel Juljewitsch Schloezer (um 1840-1898), und ging nach Russland. Sein Bruder wurde Professor für Klavier am Moskauer Konservatorium, während Fjodor Juljewitsch in verschiedenen Provinzstädten als Jurist tätig war. Er heiratete die französische Pianistin belgischer Abstammung Maria Alexandrowna Boti (1847-1937), deren Familie in Brüssel lebte. Maria Alexandrowna war sehr talentiert und hatte am St. Petersburger Konservatorium bei dem berühmten polnischen Klaviervirtuosen und -lehrer Teodor Leszetycki (dt.: Theodor Leschetizky; russ.: Теодор (Фёдор Осипович) Лешетицкий) Klavier studiert. Auch nach ihrer Heirat übte und spielte Maria Alexandrowna regelmäßig Klavier und war noch bis in ihr hohes Alter eine brillante Virtuosin. Fjodor und Maria Schloezers Kinder Boris (1881-1869) und Tatiana (1883-1922) wurden in Witebsk geboren. Das Haus der Familie Schloezer bildete einen der Mittelpunkte des kulturellen Lebens der Stadt, und beide Kinder genossen eine hervorragende Ausbildung. Tatiana wurde in einem Pensionat in Witebsk erzogen und studierte Klavier bei ihrer Mutter und ihrem Onkel Pawel Schloezer, den sie regelmäßig in Moskau besuchte. Tatiana strebte eine Karriere als Konzertpianistin an, zudem war sie auch als Komponistin begabt, wie Leonid Sabanejew später bezeugte (Leonid Leonidovič Sabaneev, Vospominanija o Skrjabine [Erinnerungen an Skrjabin], Moskau 1925, S. 127).

    Ihr Bruder Boris Schloezer (auch unter dem Namen Boris de Schloezer oder Boris von Schloezer bekannt) studierte Philosophie und Soziologie an der Brüsseler Universität (Dissertation über „L’Egoisme“, 1901) und zugleich Musiktheorie und Musikästhetik am Pariser Konservatorium. Er spielte gut Klavier, komponierte und dichtete und war zudem als Übersetzer und Kunst-, Musik- und Literaturkritiker tätig. Boris Schloezer, der lange Zeit als Musikredakteur der „Revue musicale“ gewirkt hatte, etablierte sich später, nach seiner Emigration nach Frankreich, als einer der führenden französischen Kritiker und bedeutendsten Vertreter der russischen Künstler in der Emigration.

    Im Kreis der Moskauer Philosophen lernte Boris Schloezer 1898 Alexander Skrjabin (1871/1872-1915) kennen, den er bereits seit langem bewundert hatte. Bald entstand eine tiefe Freundschaft; Skjrabin diskutierte mit Schloezer seine künstlerischen Ideen, und Schloezer machte es sich zur Lebensaufgabe, Skrjabins Musik und Ideen zu propagieren. Neben Wjatscheslaw Iwanowitsch Iwanow veröffentlichte Boris Schloezer viel Grundlegendes zu Skrjabins Idee der „Ekstase“ und zu den Besonderheiten seiner Stilistik, Ästhetik und Poetik. Nach Skrjabins Tod veröffentlichte Boris Schloezer dessen philosophische und literarische Werke (Aleksandr Skrjabin. Zapisi. Teksty [Alexander Skrjabin. Aufzeichnungen. Texte], in: Russkie Propilei [Rus­sische Propyläen], Bd. 6, hg. von Michail Abramovič Geršenzon, Moskau 1919). Von der sowjetischen Musikkritik wurde Schloezer lange Zeit mit großer Missachtung behandelt, erst in jüngster Zeit stoßen seine Schriften auch in Russland immer mehr auf Interesse.


    Ihre Bekanntschaft mit Alexander Skrjabin hatte Tatiana Schloezer ihrem Bruder zu verdanken. Bereits als ganz junges Mädchen zeigte sie sich von Skrjabins Musik begeistert. Die erste Begegnung fand im November 1902 im Moskauer Hotel „Prinz“ statt, wo Tatiana und Boris Schloezer zu jener Zeit lebten. Während dieses Treffens äußerte Tatiana Schloezer den Wunsch, Komposition bei Alexander Skrjabin studieren zu dürfen. Allmählich wandelte sich diese Beziehung in eine leidenschaftliche Liebe. Tatiana Schloezer kannte Skrjabins Musik auswendig; sie vergötterte ihn als Komponisten und Menschen und wollte ihm ihr Leben widmen. Skrjabin war nicht nur von ihrem Charme fasziniert, sondern vor allem von der Intensität und Echtheit ihrer Gefühle – die offensichtliche Seelenverwandtschaft mit dieser jungen Frau erschütterte ihn. Zu jener Zeit fühlte er sich in seiner ersten „konventionellen“ Ehe mit der Pianistin Wera Iwanowna, geb. Issakowitsch, gefangen. Im Gegensatz zu Tatiana Fjodorowna hatte Wera Iwanowna kein Interesse für Skrjabins neue philosophischen und mystischen Ideen und blieb dem Komponisten im tiefsten Inneren fremd. Außerdem fühlte sich Skrjabin von seinem Schwiegervater, der nichts von Kunst und Musik oder von den Vorhaben seines Schwiegersohns verstand und alle Freiberufler ohne wohlhabenden Hintergrund für Nichtstuer hielt, zutiefst beleidigt und gedemütigt.


    Alexander Skrjabin und Tatiana Fjodorowna Schloezer gingen im Frühjahr 1905 gemeinsam nach Italien und ließen sich in der Kleinstadt Bogliasco nieder, wo der Komponist in einer winzigen dunklen Wohnung mit großem Enthusiasmus an seinem „Poème de l’Extase“ arbeitete. Trotz aller Einschränkungen, materieller Not und vieler anderer Schwierigkeiten fühlte sich der Komponist zum ersten Mal in seiner Umgebung wohl. Im Sommer 1905 schrieb er an seine Mäzenin, Margarita Morosowa: „Со мной мой друг, Татьяна Фёдоровна. Она так глубоко понимает, что нужно для моего творчества, с такой нежностью и самоотверженностью ухаживает за ним, создавая атмосферу, в которой я могу свободно дышать.“ („Ich habe meine Freundin Tatjana Fjodorowna bei mir. Sie versteht so tief, was für mein Schaffen nötig ist, umsorgt mich mit solcher Zärtlichkeit und Selbstlosigkeit und schafft eine Atmosphäre, in der ich frei atmen kann.“ (A. N. Skrjabin. Pis‘ma [Briefe]. Moskau 2003, S. 388).


    Tatjana Fjodorowna Schloezer unterstützte alle künstlerischen Projekte Skrjabins; sie verfasste eine Programmnotiz zu seiner dritten Symphonie, die den Titel „Le divin poème“ trägt, sowie die Erläuterung zur dritten Klaviersonate „États d’âme“, die der Komponist auch autorisierte (s.: Sigfried Schibli, Alexander Skrjabin und seine Musik. Grenzüberschrei­tungen eines prometheischen Geistes, München/Zürich 1984, S. 216, 174). Zudem führte sie eine umfangreiche Korrespondenz, um zahlreiche Bekannte, Freunde und Personen des öffentlichen Lebens über Skrjabins Vorhaben auf dem Laufenden zu halten.

    Skrjabin und Tatiana Fjodorowna Schloezer, die im Gegensatz zu seiner ersten Frau Wera Iwanowna keine große hauswirtschaftliche Begabung besaß, litten unter erheblicher finanzieller Not, nicht zuletzt weil Skrjabin sein bereits erworbenes Geld an Wera Iwanowna übergeben hatte. Doch trotz all dieser Schwierigkeiten unterstützte Tatiana Fjodorowna stets ihren Mann und seine Vorhaben. Wie Leonid Sabanejew mehrfach in seinen „Erinnerungen an Skrjabin“ betonte, machte sie Skrjabin keine Vorwürfe, als sich seine Hoffnungen, Wera Iwanowna würde in eine Scheidung einwilligen, als unrealistisch erwiesen: Wera Iwanowna, die der Komponist als „herzlos und egoistisch“ bezeichnete, verweigerte 1906 und auch später immer wieder die offizielle Trennung, obschon bereits im Oktober 1905 Skrjabins erste Tochter aus seiner zweiten Verbindung, Ariadna, geboren worden war. Später verbot Wera Iwanowna dem Komponisten sogar, ihre gemeinsamen Töchter zu sehen. Erst nach Skrjabins Tod erhielten seine drei Kinder aus zweiter Ehe die offizielle Erlaubnis, seinen Familiennamen zu tragen. Tatjana Fjodorowna hingegen wurde der Name „Skrjabina“ nicht zuerkannt; er wurde jedoch von Skrjabins Gesinnungsgenossen inoffiziell verwendet, denn diese sahen in ihr Skrjabins zweite Frau, und dieser Usus festigte sich später auch in der Literatur über Skrjabin.

    Unverheiratet zusammenzuleben bedeutete damals eine enorme Herausforderung, und trotz ihrer Unerfahrenheit, vieler Demütigungen und Enttäuschungen, dem Verrat mancher Verwandter und Freunde, ganz zu schweigen von Verleumdungen und bösen Gerüchten, zeigte sich Tatiana Fjodorowna, die 1905 ihren 22. Geburtstag feierte, davon unberührt: Sie kümmerte sich darum, Skrjabins Alltag ideal zu gestalten und ihm den Rücken freizuhalten, damit er sich ganz seinen schöpferischen Projekten widmen könnte. Wie schwierig sich indes das gesellschaftliche Leben des Paars gestaltete, zeigte sich während Skrjabins Tournee in den USA in den Jahren 1906/07: Trotz seines großen künstlerischen Erfolgs war der Komponist gezwungen, das Land zu verlassen, nachdem Tatjana Fjodorowna zu ihm gekommen war und Journalisten einen Hinweis über ihre „wilde Ehe“ erhalten hatten. Auch Skrjabins Vater zeigte keinerlei Verständnis für die außereheliche Verbindung seines Sohnes.

    Eine große Erleichterung der Lage ergab sich schließlich durch die finanzielle und moralische Unterstützung des berühmten Dirigenten Serge Koussevitzky (Sergei Kussewizki, Sergej Kusevickij), der Skrjabin 1909 auch dazu brachte, nach Moskau zu reisen und sich ein Jahr später in dieser Stadt niederzulassen. Die Moskauer Gesellschaft teilte sich daraufhin in zwei Lager: dasjenige von Wera Iwanowna, das Tatjana Fjodorowna und ihren Bruder zu Skrjabins „bösen Geistern“ erklärte und die Werke, die nach der dritten Klaviersonate entstanden waren, für „Unsinn“, „Perversionen“ und „Verrücktheiten“ hielt, und dasjenige, das Skrjabin als Propheten einer neuen Kunst begrüßte. Tatjana Fjodorowna, die Skrjabins Schaffen seiner reifen und späten Jahre begleitete und inspirierte, stand plötzlich im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Dies prägte ihren ganzen Habitus und ihre äußere Erscheinung. Leonid Sabanejew, einer der engsten Freunde Skrjabins, beschrieb sie sehr charakteristisch: „Бледная маленькая брюнетка с узкими злыми губами […], она держится с преувеличенной строгостью, как «принцесса крови». […] Глаза у нее были острые […], очень темные, и трагическая складка на лбу и у губ […].“ („Eine blasse, kleine Brünette mit schmalen, bösen Lippen […], sie führte sich übertrieben streng auf, wie eine gebürtige Prinzessin. […] Ihre Augen blickten scharf […], sehr dunkel, auf der Stirn und um die Lippen herum hatte sie tragische Falten […].“ Leonid Sabaneev. Vospominanija o Skrjabine [Erinnerungen an Skrjabin]. Moskau 1925, S. 29)

    Auch in Moskau kümmerte sich Tatiana Fjodorowna hingebungsvoll um den Alltag des Komponisten. Der Haushalt wurde von ihrer Mutter, Maria Alexandrowna, sehr geschickt geführt und verwaltet. Die Familie, zu der 1911 bereits drei Kinder zählten, lebte recht zurückgezogen. Zum engsten Freundeskreis Skrjabins zählten indes zahlreiche russische Intellektuelle wie der Dichter und Kulturphilosoph Wjatscheslaw Iwanow, der Religionsphilosoph Sergej Bulgakow sowie einer der berühmtesten Dichter jener Zeit Konstantin Balmont.


    Mit den Jahren hatte sich die Verbindung zwischen Skrjabin und Tatiana Fjodorowna vertieft. Der Tod des Komponisten im April 1915 erschütterte sie zutiefst, und auch die Sorgen um die finanzielle Lage der Familie, die mittellos blieb, sowie um den Nachlass des Komponisten konnte die seelische Leere nicht ausfüllen.


    Nach der Oktoberrevolution 1917 unternahm Tatjana Fjodorowna alles Notwendige, um Skrjabins letzte Wohnung zu halten und seinen Nachlass zu verwahren. Dank ihrer Bemühungen überstand Skrjabins Archiv alle Gefährdungen jener Zeit, und Tatjana Fjodorowna konnte den wichtigsten Teil dem Rumjanzew-Museum in Moskau (der späteren Lenin-Bibliothek) übergeben; heute befinden sich diese Materialien im Staatlichen Glinka-Museum für Musikkultur in Moskau.


    Einen weiteren Schicksalsschlag erlitt Tatiana Fjodorowna durch den tragischen Tod ihres Sohnes Julian (1908-1919), eines hochbegabten musikalischen Jungen, der unter ungeklärten Umständen im Dnepr ertrank. Nach seinem Tod entstand die enge Freundschaft zwischen Tatiana Fjodorowna und der bekannten russischen Dichterin Marina Iwanowna Zwetajewa, die die schwer erkrankte Witwe Skrjabins häufig besuchte und ihr Beistand leistete. Eine tiefe Freundschaft und reger geistiger Austausch verband auch die beiden Töchter von Marina Zwetajewa und Tatiana Skrjabina, die beide Ariadna hießen und sich der Malerei und der Poesie widmeten. In dieser Zeit statteten auch der Schriftsteller Boris Sajzew, der Komponist Alexander Krejn, die Pianisten und Schüler Skrjabins Elena Bekman-Schtscherbina und Alexander Goldenwejser, die berühmten Musiker Elena und Michail Gnessin, der Philosoph Pawel Florenski u.a. Tatiana Fjodorowna regelmäßig Besuche ab.


    Tatiana Fjodorowna Schloezer-Skrjabina starb am 10. März 1922; sie wurde auf dem Friedhof des Nowo-Dewitschi Klosters neben Alexander Skrjabin begraben. Am 17. Juli 1922 wurde das Skrjabin-Museum feierlich eröffnet, als dessen erste Verwalterin Tatiana Fjodorowna hätte fungieren sollen.


    Die erste Tochter von Alexander Skrjabin und Tatiana Fjodorowna, Ariadna Alexandrowna Skrja­bina (1905-1944) verhalf als Kämpferin in der französischen Ré­sistance vielen Juden zur Flucht; sie wurde kurz vor der Befreiung Frank­reichs getötet. Das letzte Kind Alexander Skrjabins, Marina Alexandrowna Scriabine (1911-1998) etablierte sich in Frankreich als Musikwissenschaftlerin.

    Würdigung

    Alexander Skrjabin schätzte die tiefe, innige Verbindung mit Tatiana Föderowna und ihre inspirierende Kraft über alles und betonte es in vielen seiner Briefe:

    „Я так благодарен тебе, мое звездное, за те лучи, которые исходят от тебя и постоянно врачуют мою душу.“ („Ich bin Dir so dankbar, mein Sternenwesen, für jene Strahlen, die von Dir kommen und beständig meine Seele heilen.“ Brief von A. N. Skrjabin an T. F. Schloezer-Skrjabina, 30. September [13. Oktober] 1913, zitiert nach: A. N. Skrjabin. Pis‘ma [Briefe]. Moskau 2003, S. 614)

    Rezeption

    Tatiana Fjodorowna Schloezer-Skrjabina war vom Umkreis der ersten Frau Alexander Skrjabins, Wera Iwanowna Issakowitsch-Skrjabina, oft extrem negativ beschrieben und bewertet worden; diese Hetzjagd traumatisierte Tatiana Fjodorowna zutiefst. Auch in den meisten sowjetischen Monographien über Skrjabin ist diese Tendenz deutlich erkennbar. Zugleich wurde Tatiana Fjodorowna von den wichtigsten Vertretern der russischen „religiösen Renaissance", darunter etwa Pawel Florenskij, den führenden Symbolisten, zu denen Wjatscheslaw Iwanow und Konstantin Balmont gehörten, sowie von Skrjabins Biografen Leonid Sabanejew immer anerkannt und respektiert. Erst in den letzten Jahren zeigt sich auch in der russischen Musikliteratur die Tendenz, Tatiana Fjodorowna nicht mehr negativ zu bewerten. Doch eine adäquate Würdigung dieser außerordentlichen Persönlichkeit, ihrer künstlerischen Inspiration und musischen Kraft sowie ihres Beitrags zur Geschichte der russischen Kultur steht bis heute aus.

    Werkverzeichnis

    Alexander Skrjabin. „Romanze“ für Stimme und Klavier („Chotel by ja mečtoj prekrasnoj“ – „Ich wünschte mir einen schönen Traum“; Text vom Komponisten), 1891. Nach Skizzen von Leonid Sabanejew und Tatiana Schloezer-Skrjabina wiederher­gestellt. Paris: Editions Bessel, 1927.

    Quellen

    I. Quellen zur Biografie; Erinnerungsliteratur


    Bal‘mont, Konstantin, Izbrannoe [Das Ausgewählte], Moskau 1980.


    Bekman-Ščerbina, Elena Aleksandrovna, Moi vospominanija [Meine Erinne­rungen], Moskau, 2. Auflage, 1982.


    „Bespodobnoe ditja veka“. Ariadna Skrjabina [„Das unvergleichbare Kind des Jahrhunderts“. Ariadna Skrja­bina], hg. von Ol’ga Michajlovna Tompakova, Moskau 1998.


    A. N. Skrjabin. Čelovek. Chu­dožnik. Myslitel' [Skrjabin. Der Denker. Der Künstler. Der Mensch]. Moskau 1994.

    Cvetaeva, Marina Ivanovna, Sobranie sočinenij [Gesammel­te Werke] in 7 Bänden, hg. von Anna Saakjanc und Lev Mnuchin, Moskau 1997/98.


    Ėngel’, Julij Dmitrievič, Glazami sovremennika [Mit den Augen eines Zeitgenossen], Moskau 1971.


    Gnesin, Michail Fabianovič, „Iz zapisnoj knižki“ [Aus dem Notizbuch], in: Muzykal'naja žizn' 1958, H. 2, S. 21.


    M. F. Gnesin. Stat'i, vospominanija, materialy [Aufsätze, Erinnerungen, Ma­teria­lien], Moskau 1961.


    Gnesina, Elena Fabianovna, „Iz moich vospominanij“ [Aus meinen Erinnerun­gen], in: Sovetskaja muzyka 1964, H. 5, S. 49.


    Koonen, Alisa Georgievna, Stranicy žizni [Seiten des Lebens], Moskau 1975, S. 121-129.


    Morozova, Margarita Kirillovna, „Iz vospominanij o Skrjabine“ [Aus den Erin­nerungen an Skrjabin], in: Sovetskaja muzyka 1972, H. 1, S. 122-128.


    Nemenova-Lunc, Marija Solomonovna, „Iz vospominanij ob A. N. Skrjabine“ [Aus Erinnerungen an A. N. Skrjabin], in: Iskusstvo trudjaščimsja 1925, H. 22, S. 3f.


    Dies., „Pamjatnye vstreči so Skrjabinym“ [Denkwürdige Begegnungen mit Skrjabin], in: Muzykal'naja žizn' 1965, H. 10, S. 5f.


    Dies., „Alexander Scriabin“, ebd., 56 (1915), S. 329f.


    Ossovskij, Aleksandr Vjačeslavovič, „Junyj Skrjabin“ [Der junge Skrjabin], in: Os­sovskij, Aleksandr Vjaeslavovič, Vospominanija. Issledovanija [Erinnerun­­gen. Forschungen], Leningrad 1968, S. 66-90.


    Pasternak, Aleksandr Leonidovič, „Leto 1903 goda“ [Der Sommer von 1903], in: Novyj mir 1972, H. 1, S. 203-211; engl.: „Skryabin: summer 1903, and after“, in: The Musical Times 1972, No. 1558, S. 1169-1174.


    Pasternak, Boris Leonidovič, „Ich kannte Skrjabin“, in: Melos 26 (1959), S. 39-42.


    Ders., „Ljudi i položenija“ [Menschen und Situationen], in: Novyj mir 1967, H. 1, S. 204-236.


    Ders., „O Šopene i Skrjabine“ [Von Chopin und Skrjabin], in: Sovetskaja muzyka 1967, H. 1, S. 95-103.


    Ders., Ochrannaja gramota [Geleitbrief]. Leningrad 1931, S. 8-15.


    Ders., Vozdušnye puti [Luftwege], Moskau 1983.


    Plechanov, Georgij Valentinovič, „Iz vospominanij o Skrjabine“ [Aus Erinne­run­gen an Skrjabin], in: Literaturnoe nasledstvo [Das literarische Erbe], Bd. 1, Mos­kau 1931, S. 116-120.


    Sabaneev, Leonid Leonidovič, Vospominanija o Skrjabine [Erinnerungen an Skrjabin], Moskau 1925.


    „’Samyj lučezarnyj iz tvorcov’ (iz ličnogo archiva E. O. Gunsta)” [Der strah­lend­ste unter den Schaffenden (aus dem Privatarchiv von E. O. Gunst)], hg. von Irina Ni­kol'skaja, in: Muzykal'naja akademija 1993, H. 4, S. 168-175.


    Scriabine, Marina, „Pamjat' serdca“ [Gedächtnis des Her­zens], in: Učё­nye zapiski Gosudarstvennogo memori­al'­nogo muzeja A. N. Skrjabina [Wissen­schaftliche Schrif­ten des Staatlichen A. N. Skrjabin-Memorialmuse­ums], Bd. 3, Mos­kau 1998, S. 173-179.


    Skrjabina, Marija Aleksandrovna, „Mama i papa” [Mama und Papa], in: Niže­go­rod­skij Skrjabinskij al'­manach [Nisch­ni Nowgoroder Skrjabin-Almanach], Bd. 1, hg. von T. N. Levaja, Nischnij Nowgorod 1995, S. 34-47.


    Stepun, Fёdor Avgustovič, Vstreči [Begegnungen], München 1962.


    A. N. Skrjabin. Sbornik k 25-letiju so dnja smerti [A. N. Skrjabin. Sammelband zum 25. Todestag], hg. von Stanislav Adol’fovič Markus, Mos­kau/Lenin­grad 1940.


    Taneev, Sergej Ivanovič, Dnevniki [Tagebücher], Bd. 3: 1903-1909, Moskau 1985.


    Tompakova, Ol'ga Michajlovna, Aleksandr Nikolaevič Skrjabin. Ljubov’ i muzyka. [Alexander Nikolajewitsch Skrjabin. Die Liebe und die Musik]. Teil 2 : Tatiana Fjodorwna. Moskau 1994.


    Dies., „Vera Ivanovna Skrjabina”, in: Učёnye zapiski Gosudarstvennogo me­­­mo­ri­al­'nogo muzeja A. N. Skrjabina [Wissenschaftliche Schriften des staat­li­­chen A. N. Skrjabin-Memorialmuseums], Bd. 2, Moskau 1995, S. 129-147.



    II. Briefe und Schriften von Alexander Skrjabin


    „Pis'ma A. N. Skrjabina k A. K. Ljadovu“ [Briefe von A. N. Skrjabin an A. K. Ljadow], Einführung und Kommentar von Aleksandr Vjačeslavovič Ossovskij, in: Orfej [Orpheus], Bd. 1, Petersburg/Petrograd 1922, S. 153-178.


    Prometheische Phantasien, übersetzt und eingeleitet von Oskar von Riesemann, Stuttgart/Berlin 1924.


    Skrjabin, Aleksandr, Zapisi. Teksty [Aufzeichnungen. Texte], in: Russkie Propilei [Rus­sische Propyläen], Bd. 6, hg. von Michail Abramovič Geršenzon, Moskau 1919.


    Ders., Pis'ma [Briefe], hrsg. von Aleksej Vladimirovič Kašperov, eingeleitet von Valentin Ferdinandovič Asmus, Moskau 2003.


    Skrjabin, Aleksandr Nikolaevič, Beljaev, Mitrofan Petrovič, Perepiska [Brief­wechsel], hg. von Viktor Michajlovič Beljaev, Petrograd 1922.



    III. Dokumentensammlungen


    Bandura, Andrej (Hrsg.). Aleksandr Skrjabin -- Tat’jana Šlёcer. Moskau 2006.


    Letopis' žizni i tvorčestva A. N. Skrjabina [Chronik des Lebens und des Schaf­fens von A. N. Skrjabin], hg. von Margarita Pavlovna Prjašnikova und Ol’­ga Michajlovna Tompakova, Moskau 1985.



    IV. Zu Alexander Skrjabins Leben und Schaffen


    Gunst, Evgenij Ottovič, Skrjabin, Moskau 1915.


    Ivanov, Vjačeslav Ivanovič, Skrjabin, Moskau 1996.


    Izvestija Petrogradskogo skrjabinskogo obščestva [Nachrichten der Petrogra­der Skrjabin-Gesellschaft], Bd. 1 und 2, Petrograd 1916/17.


    Jakovlev, Vasilij Vasil’evič, A. N. Skrjabin, Moskau/Leningrad 1925.


    Kelkel, Manfred, Alexandre Scriabine. Sa vie, l'ésoterisme et la langage musical dans son œuvre, Paris, 2. Auflage, 1984.


    Ders., Alexandre Scriabine. Un musicien à la recherche d l'absolu, Paris 1999.


    Ders., Alexandre Scriabine et ses contemporains, Paris 1979.


    Lapšin, Ivan Ivanovič, Zavetnye dumy Skrjabina [Heimliche Gedanken Skrja­bins], Petrograd 1922.


    Lipaev, Ivan Vasil’evič, A. N. Skrjabin, Moskau 1913.


    Lobanova, Marina. Mystiker • Magier • Theosoph • Theurg: Alexander Skrjabin und seine Zeit, Hamburg 2004.


    Mejčik, Mark Naumovič, Skrjabin, Moskau 1935.


    Nejgauz, Genrich Gustavovič, „Zametki o Skrjabine (k 40-letiju so dnja smerti)“ [Notizen über Skrjabin (zum 40. Todestag)], in: Nejgauz, Genrich Gus­tavovič, Razmyšlenija, vospominanija, dnev­niki. Pis'ma k roditeljam [Nach­­den­­ken, Erinnerungen, Tagebücher. Briefe an die El­tern], Moskau, 2. Auflage, 1983, S. 204-208.


    „Petrogradskoe skrjabinskoe obeščstvo“ [Die Petrograder Skrjabin-Gesell­schaft], in: Apollon 1916, Nr. 4/5, S. 75f.


    Rubcova, Valentina Vasil’evna, Aleksandr Nikolaevič Skrjabin, Moskau 1989.


    Rybakova, T. V. Marina Cvetaeva i dom A. N. Skrjabina [Marina Zwetajewa und A. N. Skrjabins Haus]. Moskau 1994.


    Sabaneev, Leonid Leonidovič, „O neizdannych proizvedenijach Skrjabina“ [Über die unveröffentlich­ten Werke Skrja­bins], in: K novym beregam 1923, H. 2, S. 5-9.


    Ders., „Prinzipy tvorčestva A. Skrjabina“ [Schaffensprinzipien A. Skrja­bins], in: Muzyka 1914, H. 194, 197, 202, 203; 1915, H. 209, 210.


    Ders., Skrjabin, Petrograd 1916; Moskau/Petrograd, 2. Auflage, 1923.


    Ders., Skrjabin, Moskau 1922.


    Schibli, Sigfried, Alexander Skrjabin und seine Musik. Grenzüberschrei­tungen eines prometheischen Geistes, München/Zürich 1984.


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    Ustav obščestva im. A. N. Skrjabina [Die Satzung der A. N. Skrjabin-Gesell­schaft], Moskau 1916.

    Forschung

    In der sowjetischen Forschung herrschte lange Zeit eine negative Bewertung von Tatiana Schloezer-Skrjabina vor, die bis heute noch nicht überwunden ist. In der Beschreibung ihrer Biografie gibt es zahlreiche Lücken; möglicherweise gibt es bislang unbekannte bzw. unveröffentlichte Dokumente und Quellen, in Moskau oder auch in Frankreich, wo Tatiana Schloezer-Skrjabinas Mutter, ihr Bruder und ihre Töchter lebten, die ihr Leben sowie ihre Beziehung zu Alexander Skrjabin beleuchten könnten.

    Forschungsbedarf

    Tatiana Fjodorowna Schloezer-Skrjabinas Person ist von vielen Legenden umgeben; ihr Leben und ihre Bedeutung als Alexander Skrjabins Frau und Muse wurden bislang noch nicht wissenschaftlich erforscht und aufgearbeitet. Interessant und aufschlussreich wären auch Forschungen über die ursprüngliche Herkunft der nach Russland übergesiedelten Familie Schloezer.

    Autor/innen

    Marina Lobanova, 07.03.2010

    Übersetzung: Nancy Schuman


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 04.07.2010
    Zuletzt bearbeitet am 13.05.2014


    Empfohlene Zitierweise

    Marina Lobanova, Artikel „Tatiana Schloezer-Skrjabina“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 13.5.2014
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Tatiana_Schloezer-Skrjabina