Herzlich Willkommen bei MUGI

  • (PDF)
  • (95%)
  • Deutsch
  • Soja Petrowna Lodij

    von Maria Lobanova
    Namen:
    Soja Petrowna Lodij (orig.: Зоя Петровна Лодий)
    Lebensdaten:
    geb. in Tiflis, Russisches Reich (heute: Tbilissi, Georgien)
    gest. in Leningrad, Russisches Reich
    Tätigkeitsfelder:
    Russische / sowjetische Liedsängerin (lyrischer Sopran) und Gesangspädagogin
    Charakterisierender Satz:

    "[...] в ее пении сторона техническая, искусство вокализации, контрасты оттенков, все внешние качества передачи, будучи сами по себе на большой высоте, были подчинены высшему началу общей художественной концепции, везде чрезвычайно тонко задуманной, своеобразной, интересной и повсюду согретой глубоким художественным чувством".


    ("[...] die technische Seite ihres Gesangs, die Phrasierungskunst, Schattierungen und Kontraste, alle äußerlichen Eigenschaften ihrer Interpretation waren dem höheren Ziel der künstlerischen Ideals untergeordnet, das immer äußerst subtil konzipiert war und zudem sehr eigen, interessant und stets von einem tiefen künstlerischen Gefühl durchdrungen war".)


    Wjatscheslaw Karatygin über Soja Lodij, zit. nach: http://www.bilettorg.ru/actors-from-the-past/282/


    Profil

    Soja Lodij wurde als eine der großen russischen Liedsängerinnen ihrer Zeit gefeiert.

    Orte und Länder

    Soja Lodij wurde in Tiflis geboren. Ihre Ausbildung erhielt sie in St. Petersburg und in Italien. Konzertreisen führten sie durch ganz Russland bzw. die RSFSR und die Sowjetunion (Noworossijsk, Moskau, St. Petersburg / Petrograd / Leningrad, Rostow am Don, Woronesh, Odessa, Charkow), Frankreich (Paris, Nizza), Deutschland, Skandinavien und Italien. Als Gesangspädagogin wirkte sie in Moskau und Leningrad.

    Biografie

    Soja Petrowna Lodij wurde am 30. (nach julianischem Kalender am 18.) Juni 1886 in Tiflis geboren. Sie stammte aus einer bekannten und begabten Musikerfamilie. Ihr Großvater, Andrej Petrowisch Lodij (1812–1870), wurde als Tenor in Italien und Russland bei Michail Iwanowitsch Glinka ausgebildet. 1837/38 sang er im St. Petersburger Bolschoi-Theater u.a. die Partie von Sobinin in "Das Leben für den Zaren" von Michail Glinka. Berühmt wurde er als Liedsänger, der sich vor allem den Romanzen von Alexander Dargomyschski, Michail Glinka und Alexander Warlamow widmete. Von 1859 bis 1861 unterrichtete Andrej Lodij die Musikklassen der Russischen Musikgesellschaft; er komponierte auch selbst etliche Romanzen. Soja Lodijs Vater, Pjotr Andrejewitsch Lodij (1855–1920), war ebenfalls Sänger (lyrisch-dramatischer Tenor), der Gesangunterricht zuerst von seinem Vater und anschließend in den Jahren 1874-1878 am St. Petersburger Konservatorium bei Giovanni Corsi (1827-1889) und Camillo Everardi (eigentlich: Camille François Evrard, 1825-1899) erhielt. Von 1878 bis 1884 sang Pjotr Lodij am Mariinski-Theater in St. Petersburg. Er war mit Milij Balakirew, Modest Mussorgski und Peter I. Tschaikowsky befreundet und führte etliche ihrer Romanzen erstmals auf. Soja Lodijs Mutter war die Pianistin J. M. Lodij-Jelissejewa.

    Soja Lodij wurde zuerst von ihrem Vater unterrichtet, später setzte sie ihre Ausbildung bei den berühmten Sängern Ioakim Wiktorowitsch Tartakow (1860-1923) und Anna Grigorjewna Sherebcowa-Andrejewa (1868-1944) sowie in Italien bei Vittorio Maria Vanzo (1862-1945) fort. Von 1906 an besuchte sie das St. Petersburger Konservatorium, wo sie von Natalia Alexandrowna Ireckaja (1843-1922) unterrichtet wurde.

    Soja Lodijs Konzertdebüt fand 1906 in Noworossijsk statt. 1910 machte sie eine Konzerttournee nach Nizza und Paris und trat anschließend mit großem Erfolg in St. Petersburg auf, wo sie mit dem Kreis um den bekannten Musikkritiker Wjatscheslaw Gawrilowitsch Karatygin (1875-1925) bekannt wurde, der sich sehr für die moderne russische und abendländische Musik einsetzte. Von 1916 an trat Lodij auch regelmäßig in Moskau auf. Nach der Oktoberrevolution von 1917 gab sie zahlreiche Gastspiele in der Provinz (Rostow am Don, Woronesh, Odessa, Charkow, Moskau usw.) sowie in Italien, Frankreich, Deutschland und Skandinavien. Sie besuchte auch den Schriftsteller Maxim Gorki im italienischen Sorrento, der von ihrer Kunst begeistert war.

    Von 1929 bis 1935 unterrichtete Soja Lodij am Moskauer Konservatorium und von 1932 bis zu ihrem Tod am Leningrader Konservatorium (seit 1939 als Professorin). Zu ihren Schülerinnen und Schülern gehörten Alexandra Chalilejewa, Eduard Chil, Pjotr Kiritschek, Anna Maljuta u.a.

    Während des Zweiten Weltkriegs verzichtete Soja Lodij auf ihr offizielles Recht, mit dem Konservatorium nach Taschkent evakuiert zu werden; sie blieb in ihrem geliebten Leningrad und ertrug alle Nöte und Schwierigkeiten der Leningrader Blockade. Die Sängerin setzte trotz der schwierigen Umstände ihre Unterrichtstätigkeit fort, da sie davon überzeugt war, dass nur ständige und fortgesetzte Arbeit den menschlichen Geist unter unmenschlichen Umständen erhalten kann (s.: BAZUEVA, O. U istokov klassa kamernogo penija: Zoja Lodij [An den Quellen der Klasse für Liedgesang: Soja Lodij]. http://www.conservatory.ru/files/alm_03_10_bazueva.pdf

    Soja Lodij verstarb am 24. Dezember 1957 in Leningrad.



    Soja Lodij war mit den Theaterregisseuren Konstantin Stanislawski und Wladimir Nemirowitsch-Dantschenko sowie mit vielen Schauspielern des berühmten MChAT [Moskauer Künstlerisches Theater, heute: Tschechow-Kunsttheater Moskau] befreundet.

    Würdigung

    Soja Lodij galt als eine der besten russischen bzw. sowjetischen Liedsängerinnen, die den Liedgesang in ihrem Land etablierte. Ihre Stimme war nicht besonders groß und kräftig; allerdings war sie sehr flexibel, gerade und weich. Hinzu kamen ihre Musikalität, eine hohe Expressivität, exzellenter Geschmack sowie die Fähigkeit, in die Kompositionen tief einzudringen und sie überzeugend zu präsentieren.

    Lodijs Konzertprogramme waren stilistisch sehr einheitlich. Ebenso wie Maria Alexejewna Olenina-d'Alheim (1869-1970) widmete Lodij viele ihrer Konzertprogramme dem Werk eines Komponisten.

    Lodij wurde gleichermaßen hochgeschätzt von Musikkennern, Kritikern und vom Publikum. Charakteristisch war die Beurteilung des Kritikers Juli Engel:

    „Это — одна из тех артисток, которые умеют не только вызвать к бытию потенциальную жизнь песни, но и претворить ее в своем личном воссоздании до чего-то неповторяемо индивидуального, до пика творчества“

    [„Sie gehört zu den Künstlerinnen, die in der Lage sind, nicht nur die Lebendigkeit eines Liedes darzustellen, sondern diese durch ihre Interpretation zu etwas unvergleichlich Individuellem, einem Gipfelpunkt im Schaffen zu machen.“ ĖNGEL', Julij Dmitrievič. Glazami sovremennika- Izbrannye stat'i o russkoj muzyke [Mit den Augen eines Zeitgenossen. Ausgewählte Artikel zur russischen Musik]. 1898-1918. Moskau 1971, S. 446-447.]

    Soja Lodij, die verschiedene Fremdsprachen beherrschte, sang alle Kompositionen in Originalsprache, was in Sowjetzeiten äußerst untypisch war.

    Die Sängerin wurde in ihren Konzerten begleitet von den Pianistinnen und Pianisten Vladimir Horowitz, Michail Bichter, Nadeshda Golubowskaja, Tamara Saltykowa u.a.


    Seit 1939 war Soja Lodij Professorin für Liedgesang.

    1957 erhielt sie den Titel "Verehrte Kunstschaffende der RSFSR"

    Rezeption

    Soja Lodij wurde zu ihren Lebzeiten als eine sehr erfolgreiche Liedsängerin gefeiert. In den Jahren nach ihrem Tod veranstalteten ihre Freundin und Klavierbegleiterin Tamara Sergejewna Saltykowa und andere Künstler jeden Dezember Konzertabende zum Andenken an die Sängerin [Bazueva, O. U istokov klassa kamernogo penija: Zoja Lodij [An den Quellen der Klasse für Liedgesang: Soja Lodij]. http://www.conservatory.ru/files/alm_03_10_bazueva.pdf]. Diese Tradition erhielt sich nicht. Heute ist der Name Soja Lodij vor allem Spezialisten bekannt. Einige Musikerinnen und Musiker setzen sich aber auch heute dafür ein, das Andenken an die Sängerin zu erhalten (ebd.).

    Repertoire

    Das Repertoire von Soja Lodij enthielt Werke zahlreicher Komponisten aus verschiedenen Epochen, u.a. Lieder und Romanzen von Alexander Aljabjew, Anton Arenski, Johann Sebastian Bach, Ludwig van Beethoven, Johannes Brahms, Alexander Dargomyschski, Michail Glinka, Edvard Grieg, Alexander Guriljow, Georg Friedrich Händel, Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Modest Mussorgski, Giovanni Battista Pergolesi, Henry Purcell, Sergej Rachmaninow, Gioacchino Rossini, Jean Sibelius, Igor Strawinsky, Peter I. Tschaikowsky, Alexander Warlamow, Jean-Baptiste Weckerlin, Hugo Wolf u.a.

    Quellen

    I. Bücher:


    Zoja Lodij. K 50-letiju artističeskoj i pedagogičeskoj dejatel'nosti [Soja Lodij. Zum 50. Jahrestag ihrer künstlerischen und pädagogischen Tätigkeit]. Leningrad 1956;


    Kogan, Pavel. Vmeste s muzykantami [Zusammen mit Musikern]. Moskau 1964, S. 41-48;


    Ėngel', Julij Dmitrievič. Glazami sovremennika- Izbrannye stat'i o russkoj muzyke [Mit den Augen eines Zeitgenossen. Ausgewählte Artikel zur russischen Musik]. 1898-1918. Moskau 1971, S. 446-447;


    Rossichina, Vera Petrovna. Sovetskoe kamerno-vokal'noe ispolnitel'stvo. Tvorčeske portrety [Die sowjetische Liedinterpretationskunst]. Zoja Lodij. Michail Bichter. Vera Duchovskaja. Anatolij Dolivo. Moskau 1976, S. 25-39;


    Krjukov, Andrej Nikolaevič. Muzyka v kol'ce blokady [Die Musik im Blockadering]. Moskau 1973, S. 21-28



    II. Artikel (Auswahl):


    "Koncert Z. Lodij" [Ein Konzert von S. Lodij], in: Birževye vedomosti vom 26.02.1913;


    "Koncert Z. Lodij" [Ein Konzert von S. Lodij], in: Birževye vedomosti vom 10.03.1915;


    Allegro. "Večer russkoj pesni Zoi Lodij" [Ein Konzert mit russischen Liedern von Soja Lodij], in: Novaja petrogradskaja gazeta vom 19. (6.).02.1018;


    Nik. "Koncert Z. Lodij" [Ein Konzert von S. Lodij], in: Petrogradskoe ėcho vom 19.(6.)02.1918;


    Uglov, A. "Večera Zoi Lodij" [Die Abende von Soja Lodij], in: Izvestija vom 19.02.1924;

    Largo. "Zoja Lodij", in: Siluėty 1924, Nr. 5, S. 10;


    Dėm. "Konzerty Zoi Lodij" [Die Konzerte von Soja Lodij], in: Leningradskaja pravda vom 06.02.1927;


    B. B: "Z. Lodij", in: Žizn' iskusstva 1927, Nr. 7, S. 7;


    Volžina N. "Večer pesni Zoi Lodij" [Ein Liederabend von Soja Lodij], ebd, 1928, Nr. 51, S. 14;

    Dolivo, Anatolij. "Zoja Lodij", in: Sovetskaja muzyka 1956, Nr. 12, S. 72-73;


    Derselbe. "Vydajuščajasja koncertnaja pevica" [Hervorragende Konzertsängerin], in: Sovetskaja kul'tura, 1956, Nr. 143, S. 3;


    Saltykova, Tamara Sergeevna. "Zoja Lodij", in: Leningradskaja konservatorija v vospominanijach [Das Leningrader Konservatorium in Erinnerungen]. Lenuingrad 1962, S. 343-346;


    Dieselbe. "Zoja Lodij i kamernaja muzyka. K 75-letiju so dnja roždenija" [Soja Lodij und die Kammermusik. Zu ihrem 75. Geburtstag], in: Muzykal'nye kadry 1961, Nr. 10;


    Cvetaeva, Anastasija. "Iz raskopok pamjati: pevica Zoja Lodij" [Aus Erinnerungen ausgegraben: die Sängerin Soja Lodij], in: Muzykal'naja žizn' 1989, Nr. 8, S. 8;


    Pružanskij, Arkadij Michajlovič. Otečestvennye pevcy [Vaterländische Sänger]. 1750-1917. T. 1. Moskau 1991, S. 287-288;


    Bazueva, O. U istokov klassa kamernogo penija: Zoja Lodij [An den Quellen der Klasse für Liedgesang: Soja Lodij]. http://www.conservatory.ru/files/alm_03_10_bazueva.pdf



    III. Links:


    Bazueva, O. U istokov klassa kamernogo penija: Zoja Lodij [An den Quellen der Klasse für Liedgesang: Soja Lodij]. http://www.conservatory.ru/files/alm_03_10_bazueva.pdf

    Forschung

    Die Literatur über Soja Lodij beschränkt sich zumeist auf Rezensionen ihrer Konzerte, auf Erinnerungsliteratur und einige kürzere Artikel.

    Etliche Dokumente und Materialien zur Biografie und dem Schaffen von Soja Lodij befinden sich im Moskauer Staatlichen Zentralen Glinka-Museum für Musikkultur (Fonds 176).

    Forschungsbedarf

    Es besteht ein großer Forschungsbedarf in Bezug auf die Biografie der Sängerin, ihr Repertoire sowie auf ihre Gesangskunst und ihre Lehrmethode. Auch die zahlreichen persönlichen Kontakte Soja Lodijs innerhalb des kulturellen Lebens sollten näher untersucht werden.

    Autor/innen

    Maria Lobanova


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 24.05.2017


    Empfohlene Zitierweise

    Maria Lobanova, Artikel „Soja Petrowna Lodij“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 24.5.2017.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Soja_Petrowna_Lodij