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  • Rositta Eckstein

    von Martina Bick
    Namen:
    Rositta Eckstein
    Varianten: Rosita Eckstein, Rosa Eckstein
    Lebensdaten:
    geb.
    gest. unbekannt
    Tätigkeitsfelder:
    Musikerin, vermutlich Instrumentalistin

    Profil

    Rositta Eckstein war eine Musikerin – vermutlich Instrumentalistin – aus der Musiker*innenfamilie Eckstein. Sie lebte in Vöhringen und wurde im März 1943 mit zahlreichen Familienmitgliedern in das sogenannte „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau deportiert. 1944 wurde Rositta Eckstein in das KZ Ravensbrück gebracht, von wo aus sie nach ihrer Befreiung nach Vöhringen zurückkehren konnte. Ihr eineinhalbjähriger Sohn, ihre Eltern, ihr jüngerer Bruder und fast die gesamte übrige Familie Eckstein wurde in Auschwitz bzw. Sachsenhausen ermordet.

    Orte und Länder

    Rositta Eckstein lebte in Vöhringen bei Ulm, ehe sie in die Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und Ravensbrück deportiert wurde. Sie kehrte nach der Befreiung nach Vöhringen zurück.

    Biografie

    Rositta (Rosita, Rosa) Eckstein wurde am 13. Januar 1923 als Tochter des Musikers Richard Eckstein (1896-1942) und seiner Frau Elisabeth (1904-1943), die aus der Korbmacher-Familie Reinhardt aus der Gegend um Donaueschingen stammte, geboren.

    Die Sinti-Kapelle der Familie Eckstein war bereits seit dem 17. Jahrhundert im Landkreis Darmstadt-Dieburg bekannt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie von Rositta Ecksteins Onkel, dem Geiger Johannes Eckstein, geleitet. Es ist anzunehmen, dass auch dessen Bruder, Rositta Ecksteins Vater Richard, Instrumentalist war und seine Fähigkeiten an seine beiden Töchter Rositta und Martha Eckstein (geb. 1925) sowie seinen Sohn Wilhelm Eckstein (1927-1944) weitergegeben hat, wie es in dieser Ethnie üblich war, nimmt Claudia Maurer Zenck an (vgl. Maurer Zenck 2016, o.S.). Anfang März 1938 wurde Richard Eckstein in Stuttgart „anthropologisch vom Kopf bis zu den Füßen untersucht“ und als „Zigeuner-Mischling mit vorwiegend deutschem Blutsanteil“ (Wuttke 2012, S. 9) eingestuft. Dies kam einer Sondergenehmigung gleich, und er konnte zunächst weiterhin arbeiten und reisen. Im März 1941 zog Richard Eckstein über Rosenheim nach München. Dort wurde er im Sommer 1942 in das KZ Dachau eingewiesen und am 11.10.1942 im KZ Sachsenhausen getötet.

    Die Kapelle der Ecksteins in Vöhringen war bereits 1939 von der Reichsmusikkammer mit einem Auftrittsverbot belegt worden. Am 8. März 1943 wurde Rositta Eckstein zusammen mit ihrem Sohn Peter, ihrer Mutter Elisabeth („Hauptbuch [Frauen]“ Nr. [Z] 3577, S. 231/2), ihrem jüngeren Bruder Wilhelm („Hauptbuch [Männer]“ Nr. [Z] 3193, S. 94) und der jüngeren Schwester Martha Eckstein sowie mit der Familie ihres Onkels Johannes und dessen Frau Friedericke Eckstein mit neun von deren zwölf Kindern und einem Enkelkind ins KZ Ausschwitz eingeliefert, wo sie am 14.3.1943 registriert wurden (Czech, „Kalendarium“, S. 441).

    Rositta Ecksteins Name ist mit dem Eintrag „Arbeiterin“ im „Hauptbuch (Frauen)“ verzeichnet, der Dokumentation des sogenannten „Zigeunerlagers“ des KZs Auschwitz-Birkenau, in dem von Ende Februar 1943 bis Ende Juli 1944 mehr als 20.000 Roma und Sinti inhaftiert waren. Rositta Eckstein ist eine von vier Frauen, die darin als Arbeiterinnen eingetragen wurden bzw. gar keine Berufsbezeichnung bekamen und als Musikerinnen identifiziert werden konnten (vgl. Wuttke 2012, S. 13). Bei ihrer Registrierung in Ausschwitz war sie 20 Jahre alt. Maurer Zenck vermutet, dass sie bereits durch Himmlers Aktion „Arbeitsscheu Reich“ im Sommer 1938 oder 1939 durch das Auftrittsverbot der Kapelle ihres Onkels ihre Arbeitsmöglichkeiten verloren hatte und daraufhin zur Zwangsarbeit verpflichtet worden war. Ihre Schwester Martha Eckstein wurde wie sieben andere Frauen im „Hauptbuch (Frauen)“ als Musikerin registriert. Dies könnte ein weiterer Hinweis darauf sein, dass auch Rositta Eckstein Instrumentalistin und nicht Sängerin war.

    Im April, Mai und zuletzt am 1. August 1944 begann man, die noch arbeitsfähigen Frauen in Ausschwitz-Birkenau nach und nach ins KZ Ravensbrück zu deportieren, bevor die im „Zigeunerlager“ verbliebenen knapp 3.000 Sinti und Roma in der Nacht vom 2. zum 3. August 1944 vergast wurden. Durch die Deportation nach Ravensbrück stiegen die Überlebenschancen für Rositta Eckstein: „Überlebt haben in Ravensbrück die jüngeren, anpassungsfähigeren Zigeunerfrauen, die in den verschiedenen Werkstätten des Lagers arbeiten konnten; (...). Doch die älteren und kränklichen Frauen sind auch hier mit ihren Kindern zugrunde gegangen, im Lager selbst oder auf den Transporten nach Maidanek und nach Auschwitz und zuletzt bei der Auflösung von Ravensbrück, auf den Hungermärschen nach Bergen-Belsen und Mauthausen.“ (Steinmetz, „Die Verfolgung der burgenländischen Zigeuner“, S. 119, zit. nach Maurer Zenck, a.a.O.).

    Rositta Eckstein konnte nach ihrer Befreiung aus Ravensbrück oder Auschwitz nach Vöhringen zurückkehren. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

    Quellen

    Czech, Danuta, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945, Reinbek 1989.


    Franz, Philomena, Zwischen Liebe und Haß, Freiburg i.Br. 1985, 2. Aufl. 1986, 3. Aufl. 1987; erweiterte Ausgabe mit dem Untertitel „Ein Zigeunerleben“, Rösrath 2001.


    „Hauptbuch des Zigeunerlagers Auschwitz (Frauen)“, in: Gedenkbuch. Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, hrsg. vom Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma Heidelberg, 2 Bde., München 1993, Bd. 1 (in Bd. 2: „Hauptbuch des Zigeunerlagers Auschwitz [Männer]“).


    Maurer Zenck, Claudia, „Spuren unbekannter deutscher und österreichischer Musikerinnen. Auf der Suche nach NS-verfolgten ‚Zigeunerinnen‘ und ihrer Geschichte“, in: Multimediale Festschrift für Beatrix Borchard, online seit August 2016, Kapitel Biographik, http://mugi.hfmt-hamburg.de/Beatrix_Borchard/


    Maurer Zenck, Claudia, „Verfolgungsgrund: 'Zigeuner'. Nachruf auf unbekannte Musiker“, in zwei Teilen erschienen in: mr-[musica reanimata-]Mitteilungen H. 88 (Dez. 2015), S. 1–19, und H. 89 (März 2016), S. 1–20.


    Maurer Zenck, Claudia, Verfolgungsgrund: „Zigeuner“. Unbekannte Musiker und ihr Schicksal im „Dritten Reich“, Wien 2016 (= Antifaschistische Literatur und Exilliteratur – Studien und Texte, Bd. 25).


    Rose, Romani (Hg.), Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma [= Katalog zur ständigen Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz], Heidelberg 2003.


    Steinmetz, Selma, „Die Verfolgung der burgenländischen Zigeuner“, in: In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt, hrsg. von Tilman Zülch, Reinbek 1979, S. 112–133.


    Wuttke, Walter, „Die Vöhringer Sinti-Familie Eckstein“, in: Freidenker Blätter 7/2012, S. 1-22.

    Forschung

    Claudia Maurer Zenck stellt fest, dass in diesem Anfangsstadium der Erforschung des Schicksals verfolgter „Zigeuner“-Musikerinnen noch keine Dokumente aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bekannt sind, die professionelle Sinti- oder Roma-Instrumentalistinnen bezeugen. Sie weist jedoch auf einige aufschlussreiche Fotografien hin, die bis ins 19. Jahrhundert zurückdatieren und weder ein romantisierendes noch ein diskriminierendes Bild von „Zigeunerinnen“ vermitteln, sondern sie in ihrer Tätigkeit als Musikerinnen bzw. musizierende Frauen vorstellen: So wurde um 1880 in einem Foto-Studio eine fünfköpfige gemischte Kapelle aufgenommen, in der eine junge Frau Bratsche, eine zweite Gitarre spielt (vgl. Rose, „Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma, S. 13), die laut Legende den Familien Eckstein und Köhler anhörten. Einige von ihnen waren Geschwister, vermutet Maurer Zenck und schließt aus dem Umstand, dass sie sich überhaupt als Kapelle fotografieren ließen und ihrer Kleidung nach zu urteilen, dass sie ein professionelles Ensemble waren, das vermutlich für Feste engagiert wurde (Maurer Zenck, „Spuren unbekannter deutscher und österreichischer Musikerinnen, 2016, Online-Publikation o.S.).


    Rositta Eckstein war, als sie deportiert wurde, trotz ihrer Jugend bereits Mutter. Ihr Sohn Peter trug den Familiennamen der Mutter, d.h. er galt offiziell als unehelich. Doch so jung Rositta Eckstein Mutter geworden war – mit höchstens 18 – könne sie doch in einer der üblichen „Zigeunerehe“ gelebt haben, in der beide Partner „von der Sippe zusammengesprochen“ wurden, vermutet Maurer Zenck (vgl. auch Philomena Franz, „Zwischen Liebe und Haß“, S. 28); für eine offizielle Ehe sei sie zu jung gewesen, „denn bereits am 8. Dezember 1938 hatte Himmlers ‚Erlass RFSS betr. Bekämpfung der Zigeunerplage‘ legale Eheschließungen zwischen ‚Zigeunern‘ verboten. Auch eine ‚Mischehe‘ hätten sie nicht mehr eingehen können, denn auch diese wurden nach dem Juni 1941 nur noch ausnahmsweise zugelassen. Aber ‚Mischehen‘ waren die einzige einigermaßen sichere Ausnahmeregelung, die sie und ihr Kind noch vor der Deportation hätte bewahren können.“ (Maurer Zenk 2016, Spuren unbekannter deutscher und österreichischer Musikerinnen, Online-Publikation o.S. Darin Bezug auf Karola Fings u. Frank Sparing, Rassismus - Lager - Völkermord. Die nationalsozialistische Zigeunerverfolgung in Köln (Schriften des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, Bd. 13), Köln 2005, S. 387.)

    Rositta Ecksteins eineinhalbjähriger Sohn Peter konnte die Deportation ins KZ nur um zwei Monate überleben: laut Eintrag Nr. 3194 im „Hauptbuch (Männer)“ auf der Seite 94 wurde Peter Eckstein am 27.12.1941 in Vöhringen (der Eintrag lautet: Töhr...en?) geboren und am 20.05.1943 umgebracht (Wuttke, a.a.O., S. 15).




    Forschungsbedarf

    In Vöhringen gibt es weitere Quellen über die Musiker*innen-Familie Eckstein, anhand derer sich die weiteren Lebensläufe von Rositta Eckstein und anderer Überlebender ihrer Familie vielleicht rekonstruieren lassen.


    Weiterer Forschungsbedarf besteht für alle im Nationalsozialismus verfolgten Sinti- und Roma-Musikerinnen und insbesondere die (heute verloren gegangene?) Tradition von Instrumentalistinnen unter diesen Musikerinnen.

    Autor/innen

    Martina Bick


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Silke Wenzel
    Zuerst eingegeben am 04.05.2017


    Empfohlene Zitierweise

    Martina Bick, Artikel „Rositta Eckstein“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 4.5.2017.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Rositta_Eckstein