Herzlich Willkommen bei MUGI

  • (PDF)
  • (100%)
  • Deutsch
  • Rebecka Dirichlet

    von Cornelia Bartsch
    Namen:
    Rebecka Dirichlet
    Lebensdaten:
    geb. in Hamburg, Deutschland
    gest. in Göttingen, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Gesang, Klavierspiel, häusliches Musizieren, Korrespondenz, Konversation, musikalische Geselligkeit
    Charakterisierender Satz:

    „Sie war weniger musikalisch als die ältesten Geschwister, aber die Schärfe ihres Verstandes, ihr Geist und ihr sprudelnder Witz zeichneten sie vor allen aus.“


    (Sebastian Hensel über Rebecka Dirichlet, in: Die Familie Mendelssohn Bd. 1, S. 348)


    Profil

    Rebecka Dirichlet hat als Pianistin und Sängerin im häuslichen Kreis, als Mitwirkende der Geselligkeiten ihrer Schwester Fanny Hensel sowie als musikalische Gesellschafterin in ihrem Haus in Göttingen Räume für Musik und Konversation geschaffen. Sie hat dazu beigetragen, dass ihre Schwester Fanny Hensel auch ohne öffentliches Publikum komponierte und musizierte, und sie hat Menschen zum Musizieren im häuslichen Kreis angehalten. Sie war eine anregende und äußerst scharfsinnige Gesprächspartnerin und Korrespondentin sowohl in politischen und gesellschaftlichen als auch in musikalischen Fragen. Ihre Briefe über das häusliche Musikleben in der Leipziger Straße 3 sind eine informative Quelle für Fanny Hensels Sonntagsmusiken und geben Aufschluss für die Haltung der Familie zur Entwicklung der musikalischen Karriere Felix Mendelssohn Bartholdys.

    Orte und Länder

    Rebecka Dirichlet wirkte als musikalische Gesellschafterin sowie Sängerin und Pianistin im häuslichen Rahmen in Berlin und in Göttingen. Reisen führten sie in die Schweiz (als Kind), nach München, Leipzig und nach Italien.

    Biografie

    Rebecka Dirichlet wurde am 11. April 1811 als drittes Kind Abraham und Lea Mendelssohns geboren. Sie war die jüngere Schwester Fanny Hensels (1805–1847) und Felix Mendelssohn Bartholdys (1809–1847). Ein jüngerer Bruder, Paul (1812–1874), wurde eineinhalb Jahre nach ihr geboren. Über ihre musikalische Ausbildung ist bislang nichts überliefert. Es ist jedoch anzunehmen, dass sie wie ihre älteren Geschwister Klavierunterricht von ihrer Mutter, Lea Mendelssohn, erhielt. 1819 trat sie gemeinsam mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter in die von Carl Friedrich Zelter geleitete Berliner Singakademie ein und wirkte dort bis 1833 mit, als die Familie aus Protest gegen die Ablehnung der Zelter-Nachfolge Felix Mendelssohn Bartholdys austrat.

    Rebecka Dirichlet war die erste Sängerin der Lieder ihrer Schwester Fanny und vermutlich auch der früheren Lieder ihres Bruders Felix und trat gemeinsam mit weiteren Familienmitgliedern, Freunden und Künstlern in für häusliche Geselligkeiten komponierten Singspielen auf. 1832 heiratete sie den Mathematiker Peter Gustav Lejeune Dirichlet (1805–1859) und bezog mit ihm zunächst eine der Gartenwohnungen des elterlichen Anwesens. 1833 wurde ihr erster Sohn, Walter, geboren. Ihr 1837 geborener Sohn Felix, starb im Alter von 13 Monaten. Zwei weitere Kinder, Ernst und Florentina wurden 1840 bzw. 1845 geboren. Ab 1834 veranstaltete Rebecka Dirichlet in Berlin, Leipziger Straße 3, gesellige Dienstage, bei denen auch musiziert wurde. In ihren Briefen berichtet sie oft von weiteren informellen Situationen häuslichen Musizierens, wie beispielsweise von vierhändigem Klavierspiel, bei dem sie mit Freunden oder Bekannten Werke ihre Bruders oder anderer Komponisten studierte. 1843–1845 unternahm Rebecca Dirichlet eine lange Italienreise, die sie bis nach Sizilien führte und während der sie im Februar 1845 in Florenz trotz Krankheit und mit dem Beistand ihrer zu Hilfe gereisten Schwester Fanny Hensel ihr jüngstes Kind zur Welt brachte. Nach dem frühen Tod ihrer Schwester im Mai 1847 nahm Rebecka Dirichlet deren Sohn Sebastian bei sich auf und blieb mit ihm bis zu ihrem Tod in brieflichem Austausch. 1855 zog sie mit der Familie nach Göttingen, wo ihr Mann als Nachfolger von Carl Friedrich Gauß (1777–1855) eine Professur an der Universität erhalten hatte. In Göttingen gab sie musikalische Gesellschaften, an denen Johannes Brahms (1833–1897) und Joseph Joachim (1831–1907) teilnahmen. Rebecka Dirichlet starb 1858 im Alter von 47 Jahren vermutlich wie ihre Geschwister Fanny und Felix an einem Schlaganfall.

    Würdigung

    Als erste Sängerin der Lieder ihrer Schwester Fanny Hensel hat Rebecka Dirichlet dazu beigetragen, dass diese trotz des Mangels an äußerer Anerkennung ihr Leben lang weiter komponierte. Ihre Bedeutung für das Komponieren Fanny Hensels ist nicht zuletzt durch deren bekannten Brief an den Familienfreund Karl Klingemann dokumentiert, in dem diese 1836 schreibt: „[…] seit Rebecka nicht mehr singen mag, liegen meine Lieder durchaus ungehört und ungekannt da, und man verliert am Ende selbst mit der Lust an solchen Sachen das Urtheil darüber, wenn sich nie ein fremdes Urtheil, ein fremdes Wohlwollen entgegenstellt.“ [Sebastian Hensel, Die Familie Mendelssohn, Bd. 2, 2. Aufl., Berlin: Behr 1880, S. 35] Rebecca Dirichlet trug als Sängerin zu zahlreichen musikalischen Familienaufführungen und vermutlich auch zu Fanny Hensels Sonntagsmusiken bei. Sie war darüber hinaus eine kluge und temperamentvolle Gesprächs- und Korrespondenzpartnerin. Als Organisatorin musikalischer Gesellschaften in Göttingen wirkte sie ins kulturelle Leben der Stadt hinein und schuf für ihre Gäste Möglichkeiten des Austausches. Mit dem politischen und gesellschaftlichen Scharfsinn, der sich in ihren Briefen äußert und sich auch auf die Geschlechterrollen ihrer Zeit bezog, dürfte sie auch bei ihren Geselligkeiten für lebendige Diskussionen gesorgt und Denkanstöße gegeben haben.

    Rezeption

    Rebecka Dirichlets Wirken wird ausschließlich im Kontext der Lebensgeschichten ihrer berühmten Geschwister bzw. im Zusammenhang mit der Mendelssohnschen Familiengenealogie rezipiert. Die wichtigsten Aufsätze, die sich ihr widmen, ebenso wie einzelne Briefausgaben sind im Rahmen der Berliner Mendelssohn-Studien erschienen. Eine wichtige Grundlage für eine Rezeption der Korrespondenz Rebecca Dirichlets bilden ihre bislang unveröffentlichten Briefe an den Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy, die in der Mendelssohn Briefausgabe publiziert werden sollen.

    Werkverzeichnis

    Rebecka Dirichlet hat kein Werk im herkömmlichen Sinn geschaffen. Ihr „Werk“ bestand darin, als Sängerin und Pianistin im häuslichen Kreis dazu beizutragen, dass musikalische Werke entstehen konnten, dass sie gehört wurden und dass Menschen über sie ins Gespräch kamen. In diesem Sinne gehören zu ihrem „Werk“ weiterhin zahllose Briefe, in denen sie sich als scharfsinnige und witzige Korrespondenzpartnerin erweist und die eine wichtige Quelle für das häusliche Musizieren in gehobenen Bürgerfamilien Mitte des 19. Jahrhunderts bilden.

    Repertoire

    Zum Repertoire Rebecka Dirichlets als Sängerin und Pianistin gehörten Kompositionen ihrer Geschwister Fanny Hensel und Felix Mendelssohn Bartholdy sowie Werke jener Komponisten, die in der älteren und jüngeren Generation der Mendelssohns und im Umkreis der Berliner Singakademie geschätzt wurden, darunter vor allem Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Christoph Willibald Gluck, Carl Maria von Weber und Ludwig van Beethoven. Im Einzelnen lässt sich jedoch oft nicht nachweisen, an welchen häuslichen Aufführungen Rebecka Dirichlet in welcher Rolle beteiligt war.

    Quellen

    Literatur


    Bartsch, Cornelia. Fanny Hensel. Musik als Korrespondenz, Kassel: Furore, 2007.


    Büchter-Römer, Ute. „Vergiß nicht deine Tante...“. Aus den Briefen Rebecka Dirichlets and ihren Neffen Sebastian Hensel, in: In: Mendelssohn-Studien Bd. XIV (2005), Berlin: Duncker & Humblot 2005, S. 195–208.


    Dinglinger, Wolfgang und Elvers, Rudolf (Hg.). Lea Mendelssohn Bartholdy. Ewig die deine. Briefe an Henriette von Pereira-Arnstein 2 Bde. Hannover: Wehrhahn, 2010.


    Gilbert, Felix (Hg.). Bankiers, Künstler und Gelehrte. Unveröffentlichte Briefe der Familie Mendelssohn aus dem 19. Jahrhundert. Tübingen: Mohr, 1975.


    lchenfeldt, Konrad, Kiefer, Lieselotte (Hg.). Rebecka Dirichlet: Briefe. Aus der Varnhagenschen Sammlung. In: Mendelssohn-Studien Bd. VI Berlin: Duncker & Humblot, 1986, S. 121–150.


    Hensel, Sebastian (Hg.). Die Familie Mendelssohn 1729–1847, nach Briefen und Tagebüchern hg. von Sebastian Hensel. 2 Bde., Berlin: Behr, 2. Auflage, 1880.


    Hensel, Sebastian. Ein Lebensbild aus Deutschlands Lehrjahren. Berlin: B. Behr, 1903.


    Klein, Hans-Günter. Rebecka Dirichlet in Rom. Die Briefe an ihre Schwester Fanny Hensel im Winter 2843/44, in: Mendelssohn-Studien XV (2007), S. 261–332.


    Klein, Hans-Günter, und Elvers, Rudolf (Hg.). Fanny Hensel, Tagebücher. Wiesbaden, Leipzig, Paris: Breitkopf & Härtel, 2002.


    Kühn, Helga Maria. „In diesem ruhigen Kleinleben geht so schrecklich viel vor“. Rebecka Lejeune Dirichlet, geb. Mendelssohn Bartholdy in Göttingen 1855–1858. In: Mendelssohn-Studien Bd. XI, Berlin: Duncker & Humblot, 1999.


    Saathoff, Albrecht. Göttingens Friedhöfe, die Stätte seiner großen Toten. Herausgegeben von der Stadt Göttingen. Heinz Reise-Verlag Göttingen. 1954.

    Forschung

    Rebecka Dirichlets Briefe an ihre Schwester Fanny Hensel, ihren Neffen Sebastian Hensel und ihre Eltern Abraham und Lea Mendelssohn befinden sich heute im Mendelssohn Archiv der Berliner Staatsbibliothek. Ihre an den Bruder gerichteten Briefe gehören zu den Beständen der Bodleian Library in Oxford (Music Department).

    Auch Fanny Hensels Tagebücher und Briefe sowie die ihres Bruders Felix sind wichtige Quellen für Rebecka Dirichlets Bedeutung im Rahmen musikalischer Geselligkeit und ihre Fähigkeiten als Sängerin und Pianistin. Auskunft über die Kindheit Rebecca Dirichlets und ihrer Geschwister Felix, Fanny und Paul geben die inzwischen publizierten Briefe Lea Mendelssohns an ihre Cousine Henriette von Pereira-Arnstein (Dinglinger, Elvers 2010).

    Forschungsbedarf

    Von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen steht eine Publikation der zahlreichen Briefe Rebecka Dirichlets bislang aus. Gerade weil ihr Schaffen Teil häuslicher, nachbarschaftlicher und freundschaftlicher Netzwerke war, wäre es sinnvoll und wünschenswert, die Briefe entsprechend den Erkenntnissen der neueren Briefforschung in Form einer Korrespondenz zu publizieren.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 3214042
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 116138211
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Cornelia Bartsch


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Ellen Freyberg
    Zuerst eingegeben am 27.10.2011


    Empfohlene Zitierweise

    Cornelia Bartsch, Artikel „Rebecka Dirichlet“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 27.10.2011.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Rebecka_Dirichlet