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  • Polyxena Fletcher

    von Silke Wenzel
    Namen:
    Polyxena Fletcher
    Lebensdaten:
    geb. um
    gest. nach

    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin, Musikpädagogin
    Charakterisierender Satz:

    „It is a considerable time since Miss Polyxena Fletcher won her place among the best of the younger generation of English pianists; and the infrequency of her public appearances must be explained on grounds that are quite apart from her own playing, since this has the qualities that might be thought most certain to attract the best section of musicians. Her readings are always broad and interesting, her grasp of what she plays is complete, and she has no lack of force or virtuosity.“


    „Es ist eine beträchtliche Zeit vergangen, seit Fräulein Polyxena Fletcher ihren Platz unter den Besten der jüngeren Generation englischer Pianistinnen erobert hat und die Seltenheit ihrer öffentlichen Auftritte kann nur mit Gründen erklärt werden, die unabhängig von ihrem Spiel sind, da dieses die Qualitäten hat, um sicherlich die besten Musiker anzuziehen. Ihre Interpretationen sind immer umfassend und interessant, ihr Gespür für das, was sie spielt, ist vollkommen und es mangelt ihr nicht an Kraft oder Virtuosität.“


    („The Times“ vom 24. Oktober 1908, S. 15)


    Profil

    Polyxena Fletscher wurde in eine britische Musikerfamilie geboren, zu der neben ihrem Vater, dem Geiger Charles Fletcher, auch ihrer Schwester Maud Fletcher, eine Violoncellistin, gehörte. Nach ihrem Studium am Royal College of Music in London sowie bei Theodor Leschetizky in Wien konnte sie sich als Solistin und Kammermusikerin im Londoner Musikleben etablieren. Sie veranstaltete eigene Konzerte, spielte als Solistin unter Dirigenten wie Charles Villiers Stanford und Sir Henry Wood und trat regelmäßig mit ihrer Schwester sowie mit der Geigerin Marie Motto auf. Dabei widmete sie sich überwiegend dem klassisch-romantischen Repertoire mit Werken von Ludwig van Beethoven, Robert Schumann und Johannes Brahms, legte zugleich aber auch einen Schwerpunkt auf neuere Werke der russischen und polnischen Schule, so z. B. von Nicolai A. Rimski-Korsakow und Ignaz Jan Paderewski. Ihr Wirken als Musikpädagogin wird u. a. von der Komponistin Elisabeth Lutyens bezeugt.

    Orte und Länder

    Polyxena Fletcher wurde um 1870 in England geboren und studierte zunächst am Londoner Royal College of Music. Ende der 1890er Jahre setzte sie ihr Studium bei Theodor Leschetizky in Wien fort und kehrte anschließend nach England zurück. Um das Jahr 1920 lebte sie als Klavierpädagogin in London.

    Biografie

    Polyxena Fletcher wurde um 1870 als Tochter des Sängers und Geigers Charles Fletcher und seiner Frau, einer deutschstämmigen Pianistin (Name unbekannt, vermutlich eine Schülerin Clara Schumanns), geboren; das Paar heiratete 1869 (vgl. Brown/Stratton 1897). Die vermutlich jüngere Schwester Maud Fletcher wurde als Violoncellistin ebenfalls professionelle Musikerin.


    Polyxena Fletcher studierte Ende der 1880er Jahre das Fach Klavier am Londoner Royal College of Music; ihre Lehrer sind unbekannt. Bereits in dieser Zeit trat sie regelmäßig als Solistin in den Orchesterkonzerten des College auf, die in der Londoner St. James’s Hall unter der Leitung von Sir Charles Villiers Stanford stattfanden. Dort spielte sie z. B. im Dezember 1888 Robert Schumanns Klavierkonzert a-Moll op. 54, und die „Times“ rezensierte: „This young lady is a remarkable player in more than one respect. Her style is fully matured in a technical sense; there is no indecision in her phrasing, no deficiencies but rather a superabundance of power; she is, in short, far removed from the ‚academic’ atmosphere of mild mediocrity. What she requires is toning down. She also lacks soul, but then soul in an artistic sense is of slow growth.“ („Diese junge Dame ist in mehrerer Hinsicht eine bemerkenswerte Spielerin. Ihr Stil ist im technischen Sinne vollkommen; es gibt keine Unschlüssigkeit in ihrer Phrasierung, keine Unzulänglichkeiten, sondern vielmehr einen Überfluss an Kraft. Kurz gesagt, sie ist weit entfernt von der ‚akademischen’ Atmosphäre milder Mittelmäßigkeit. Was sie benötigt, ist die Abschwächung. Auch mangelt es ihr an Seele, doch Seele im künstlerischen Sinne entwickelt sich langsam.“; „The Times“ vom 25. Dezember 1888, S. 11) Im April 1889 konzertierte Polyxena Fletcher in diesem Rahmen mit der Uraufführung des Klavierkonzertes g-Moll ihres Kommilitonen Sidney P. Waddington und konnte für ihn einen großen Erfolg erringen, wie wiederum die „Times“ bemerkte: „That which rendered the Concert specially interesting, however, was the performance of a new Pianoforte Concerto in G minor, by Mr. Sidney P. Waddington, one of the College scholars. [...] It is brilliantly written for the solo instrument, which was exceedingly well played by Miss Polyxena Fletcher. The composer was twice called to acknowledge the enthusiastic applause of the crowded audience.“ („Was das Konzert jedenfalls besonders interessant machte, war die Aufführung eines neuen Klavierkonzerts in g-Moll von Herrn Sidney P. Waddington, einem der College-Studenten. […] Es ist brilliant geschrieben für das Soloinstrument, das herausragend gut von Fräulein Polyxena Fletcher gespielt wurde. Der Komponist wurde zweimal gerufen, um den enthusiastischen Applaus des vollen Publikums anzuerkennen.“; „The Times“ vom 1. Mai 1889, S. 281) Im März 1890 gab Polyxena Fletcher an gleicher Stelle das Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83 von Johannes Brahms und erhielt diesmal das uneingeschränkte Lob des Rezensenten: „The accompaniments to Brahms’s pianoforte concerto in B flat were made duly subordinate to the solo part, the immense difficulties of which were overcome with confidence and apparent ease by Miss Polyxena Fletcher. This young lady gave a most intelligent and vigorous rendering of the work; the natural beauty of her touch, and her remarkable command of gradations of tone, give happy augury for her future career.“ („Die Begleitung von Brahms’ Klavierkonzert in B-Dur wurde ordnungsgemäß hinter der Solopartie zurückgestellt, deren immense Schwierigkeiten Fräulein Polyxena Fletcher mit Selbstvertrauen und offensichtlicher Leichtigkeit bewältigte. Diese junge Dame bot eine höchst intelligente und energische Wiedergabe des Werkes; die natürliche Schönheit ihres Anschlags und ihre bemerkenswerte Beherrschung klanglicher Abstufungen sind erfreuliche Vorzeichen für ihre zukünftige Karriere.“; „The Times“ vom 13. März 1890, S. 3) Im Juli 1889 war Polyxena Fletcher zudem mit der „Hopkins Gold Medal for pianoforte playing“ ausgezeichnet worden, die das Royal College jährlich vergab (vgl. „The Times“ vom 19. Juli 1889, S. 8). Ihrer späteren Schülerin, der Komponistin Elisabeth Lutyens, zufolge setzte sie ihr Studium bei Theodor Leschetizky fort (vgl. Lutyens 1996, S. 314), der in Wien eine europaweit berühmte Klavierschule führte.


    Nur vereinzelt sind daher in den folgenden Jahren Konzerte in Großbritannien nachzuweisen. So spielte Polyxena Fletcher z. B. am 2. April 1897 bei einem der Konzerte, die ihr Vater Charles Fletcher jährlich in Bournemouth veranstaltete, gemeinsam mit ihrer Schwester Maud Fletcher die Sonate für Klavier und Violoncello D-Dur op. 58 von Felix Mendelssohn Bartholdy, und die „Musical Times“ berichtete: „Mr. Charles Fletcher gave his annual concert on the 2nd ult., at the Shaftesbury Hall, Bournemouth, assisted by his string orchestra numbering about 100 performers. The programme included Spohr’s Ninth Concerto (with Mr. Fletcher himself as the soloist), Beethoven’s String Quartet in B flat, and Mendelssohn’s Sonata for pianoforte and violoncello in D (op. 58), beautifully played by Miss Polyxena Fletcher and Miss Maud Fletcher.“ („Mr. Charles Fletcher gab sein alljährliches Konzert am 2. des Vormonats in der Shaftesbury Hall in Bournemouth, unterstützt von seinem Streichorchester von etwa 100 Künstlern. Das Programm beinhaltete Spohrs neuntes Konzert (mit Herrn Fletcher selbst als Solisten), Beethovens Streichquartett in B und Mendelssohns Sonate für Klavier und Violoncello in D (op. 58), welche von Fräulein Polyxena Fletcher und Fräulein Maud Fletcher wundervoll gespielt wurde.“; „The Musical Times“ vom 1. Mai 1897, S. 330)


    Erst ab dem Jahr 1902 veranstaltete Polyxena Fletcher regelmäßig eigene Konzerte in London. Bei einem dieser Konzerte, das sie mit dem Queen’s-hall Orchestra unter der Leitung von Sir Henry Wood gab, trat sie mit drei Klavierkonzerten auf: Johannes Brahms’ Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15, ein „neues“ Klavierkonzert von Nikolai Andrejewitsch Rimski-Korsakow (vermutlich Klavierkonzert cis-Moll op. 30) und Franz Liszts „Fantasie auf ungarische Volksweisen“ für Klavier und Orchester. Die „Times“ zeigte sich begeistert: „The Brahms concerto was played magnificently by both soloist and orchestra, and it has seldom seemed so easy to understand or so effective, the word being used in its broadest sense. It is true that Miss Fletcher seemed occasionally a little deficient in power, but this was mainly because she always gets her tone by legitimate means, never by banging. In the other two works no want of force was felt, and technically and intellectually all were quite admirably played. The new Russian concerto contains many strikingly original passages, and some that are very beautiful and sincerely expressive [...]. The slow section [...] is remarkably elegant, and the pianoforte passages were played with exquisite touch and wonderful delicacy. Liszt’s fantasia was given with such verve and spirit as revealed the presence of real temperament, and for her complete knowledge of the art of self-restraint in the proper place the player is to be most highly commended.“ („Das Brahms-Konzert wurde sowohl von der Solistin als auch vom Orchester glänzend gespielt und es erschien selten so eingängig oder so effektvoll im weitesten Sinne des Wortes. Es ist wahr, dass es Fräulein Fletcher gelegentlich ein wenig an Kraft mangelte, doch lag das hauptsächlich daran, dass sie ihren Klang immer mit legitimen Mitteln, niemals durch Schlagen erzeugt. In den beiden anderen Werken war kein Mangel an Kraft zu spüren und technisch wie geistig wurden sie beide ziemlich bewundernswert gespielt. Das neue russische Konzert enthält viele originelle Passagen und einige, die sehr schön und ausdrucksvoll sind […]. Der langsame Teil […] ist bemerkenswert elegant und die Klavierpassagen wurden mit ausgezeichnetem Anschlag und wundervoller Hingabe gespielt. Liszts Fantasie wurde mit einer Begeisterung und Seele dargeboten, die die Präsenz von wahrem Temperament offenbarten, und die Spielerin ist für ihr Wissen um die Kunst der Selbstbeherrschung an den richtigen Stellen in höchsten Tönen zu loben.“; „The Times“ vom 23. Juni 1903, S. 12; vgl. auch „The Musical Times“ vom 1. Juli 1903, S. 479) Die Programme dreier Konzerte, die Polyxena Fletcher im Herbst 1908 in „The Cottage“, Edwardes-square gab, zeigen ein im Wesentlichen klassisch-romantisch geprägtes Repertoire. Beim ersten der Konzerte präsentierte sie Ludwig van Beethovens Klaviersonate G-Dur op. 31 Nr. 1, Johannes Brahms’ Variationen über ein Thema von Schumann fis-Moll op. 23, die Barcarolle Fis-Dur op. 60 von Frédéric Chopin und eine von dessen Etüden a-Moll, eine Auswahl aus den Ungarischen Tänzen von Johannes Brahms sowie ein „Moment Musical“ aus Sergej Rachmaninows op. 16. Die „Times“ würdige in ihrer Rezension Polyxena Fletcher als herausragende Pianistin und deutete zudem an, dass sie nur noch selten und unregelmäßig öffentlich konzertierte: „Miss Polyxena Fletcher’s Recitals. It is a considerable time since Miss Polyxena Fletcher won her place among the best of the younger generation of English pianists; and the infrequency of her public appearances must be explained on grounds that are quite apart from her own playing, since this has the qualities that might be thought most certain to attract the best section of musicians. Her readings are always broad and interesting, her grasp of what she plays is complete, and she has no lack of force or virtuosity. At the first of a series of subscription recitals at The Cottage, Edwardes-square, Kensington, which took place on thursday evening, she gave a very fine performance of Beethoven’s sonata in G from op. 31, and revealed the fullest artistic power in Brahms’s beautiful variations on a theme of Schumann in F sharp minor. A group of pieces by Chopin included the barcarolle and the étude in A minor, played with splendid brilliance; and three of the less well known of Brahms’s Hungarian Dances were played, as well as an effective ‚moment musical’ of Rachmaninov, the last being given as an extra piece.“ („Fräulein Polyxena Fletchers Abend. Es ist eine beträchtliche Zeit vergangen, seit Fräulein Polyxena Fletcher ihren Platz unter den Besten der jüngeren Generation englischer Pianistinnen erobert hat und die Seltenheit ihrer öffentlichen Auftritte kann nur mit Gründen erklärt werden, die unabhängig von ihrem Spiel sind, da dieses die Qualitäten hat, um sicherlich die besten Musiker anzuziehen. Ihre Interpretationen sind immer umfassend und interessant, ihr Gespür für das, was sie spielt, ist vollkommen und es mangelt ihr nicht an Kraft oder Virtuosität. Im ersten einer Reihe von Abonnementabenden in The Cottage, Edwardes-square, Kensington, das am Donnerstagabend stattfand, gab sie eine sehr schöne Aufführung von Beethovens Sonate in G-Dur aus op. 31 und stellte ihre vollkommenen künstlerischen Fähigkeiten in Brahms’ wunderschönen Variationen über ein Thema von Schumann in fis-Moll unter Beweis. Außerdem wurde mit herrlicher Brillanz eine Reihe von Stücken von Chopin, darunter die Barcarolle und die Etüde in a-Moll, drei der weniger bekannten Ungarischen Tänze von Brahms sowie als Zugabe ein effektvolles ‚Moment musical’ von Rachmaninow gespielt.“; „The Times“ vom 24. Oktober 1908, S. 15) Beim dritten der Konzerte trat Polyxena Fletcher gemeinsam mit der Geigerin Marie Motto, einer ehemaligen Studienkollegin, auf. Dabei stand u. a. Johannes Brahms’ Klarinettensonate Es-Dur op. 120 Nr. 2 in einer Bearbeitung für Violine auf dem Programm, und Polyxena Fletcher spielte zudem drei Klavierstücke von Sergej Rachmaninow, eines der Nocturnes c-Moll von Frédéric Chopin und Carl Tausigs Transkription von Johann Strauss’ „Nachtfalter“ aus dessen „3 Walzer-Kaprizen“. Die „Times“ rezensierte: „The two artists took part in Brahms’s sonata in E flat, originally written for clarinet. The ensemble was altogether admirable, and the work was so finely interpreted that it was hardly possible to regret the substitution of the violin for the clarinet. Miss Fletcher gave three of the vigorous and thoughtful pieces of Rachmaninov, in which she excels: her forceful and passionate playing is so finely controlled that in Chopin’s nocturne in C minor the contrast between the two sections was as well brought out as it could be, and in Tausig’s transcription of the ‚Nachtfalter’ of Johann Strauss there was a fine sense of rhythm.“ („Die zwei Künstlerinnen spielten Brahms’ Sonate in Es-Dur, die ursprünglich für Klarinette geschrieben wurde. Das Ensemble war insgesamt bewundernswert und das Werk wurde so schön interpretiert, dass es kaum möglich war, den Ersatz der Klarinette durch die Violine zu bedauern. Fräulein Fletcher führte drei der energischen und nachdenklichen Stücke von Rachmaninow auf, in denen sie ihre Fähigkeiten präsentierte: ihr kraftvolles und leidenschaftliches Spiel ist so kontrolliert, dass der Kontrast der beiden Teile in Chopins Nocturne in c-Moll so gut wie möglich herausgestellt wurde, und in Tausigs Transkription von Johann Strauss’ ‚Nachtfalter’ hatte sie einen schönen Sinn für den Rhythmus.“; „The Times“ vom 19. Dezember 1908, S. 13) Bei einem weiteren Orchesterkonzert, das Polyxena Fletcher im Februar 1910 wiederum mit dem Queen’s Hall Orchestra unter der Leitung von Sir Henry Wood veranstaltete, spielte sie Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58, Ignaz Jan Paderewskis „Fantaisie polonaise sur des thèmes originaux“ für Klavier und Orchester gis-Moll op. 19 sowie Johann Sebastian Bachs fünftes Brandenburgisches Konzert mit Albert Fransella (Flöte) und Maurice Sons (Violine) als weitere Solisten. Ein weiteres Mal rezensierte die „Times“ überaus wohlwollend: „Miss Fletcher’s crisp touch gave exquisite colouring to the embroideries which belong to the piano part in Bach’s first movement, and the trio between the three solo instruments which forms the slow movement, as well as the dialogue between piano and orchestra in Beethoven’s slow movement, gave her the opportunity to show how much expression can be gained by quiet and sympathetic phrasing. [...] In the third work, however, Paderewski’s Polish Fantasia [...], her performance was much less effective [...]. In this performance we got the reflection without the original: but it is easy to forgive the comparative failure to play Paderewski on the part of a pianist who can play Bach and Beethoven as Miss Fletcher can.“ („Fräulein Fletchers frischer Anschlag sorgte für eine vorzügliche Farbgebung der Ausschmückungen, die zur Klavierstimme von Bachs erstem Satz gehören, und das Trio der drei Soloinstrumente, das den langsamen Satz bildet, sowie der Dialog zwischen Klavier und Orchester in Beethovens langsamem Satz gaben ihr die Möglichkeit zu zeigen, wie viel Ausdruck durch ruhige und mitfühlende Phrasierung erreicht werden kann. […] Im dritten Werk, Paderewskis Polnischer Fantasie […], war ihre Darbietung allerdings weitaus weniger effektvoll […]. In dieser Vorstellung bekamen wir das Spiegelbild ohne das Original: es ist jedoch leicht, den vergleichsweisen Misserfolg im Spiel von Paderewski seitens einer Pianistin zu verzeihen, die Bach und Beethoven so spielen kann wie Fräulein Fletcher.“; „The Times“ vom 5. März 1910, S. 14) Auch Sir Henry Wood scheint von der Solistin angetan gewesen zu sein: im September desselben Jahres spielte Polyxena Fletcher unter seiner Leitung den Solopart in Johannes Brahms’ Klavierkonzert d-Moll in den Londoner Promenade Concerts (vgl. „The Times“ vom 24. September 1910, S. 10).


    Auch als Kammermusikerin war Polyxena Fletcher im Londoner Musikleben verankert. Gemeinsam mit ihrer Schwester Maud Fletcher veranstaltete sie im Jahr 1904 zwei Konzerte in der Londoner Æolian Hall: Ende Juni 1904 standen Edward Griegs Sonate für Violoncello und Klavier a-Moll op. 36 sowie Benedetto Marcellos Violoncellosonate G-Dur auf dem Programm (vgl. „The Times“ vom 29. Juni 1904, S. 12; vgl. auch den Artikel zu Maud Fletcher) Das zweite Konzert, das im November 1904 stattfand, wurde zudem überaus positiv rezensiert. Polyxena und Maud Fletcher spielten die Violoncellosonate D-Dur op. 58 von Felix Mendelssohn Bartholdy und Max Bruchs „Kol Nidrei“ op. 47 in einer Fassung für Violoncello und Klavier, und Polyxena Fletcher gab drei Stücke von Sergej Rachmaninow, darunter das Prélude Nr. 6 Es-Dur aus 10 Préludes op. 23: „The concert given in the Æolian-hall last night by Misses Polyxena and Maud Fletcher was excellently devised, and was just the right length. The sisters are so skilful and artistic that it is always a matter of course that they will give interesting programmes, and will execute the music they choose in the most admirable style. Beginning with Mendelssohn’s sonata for pianoforte and violoncello in D, they were also heard in solos, the pianist introducing three new pieces by Rachmaninov, a prelude in E flat being extremely ingenious and graceful, and the others, similarly named, brilliant and really effective. All were superbly played.“ („Das Konzert der Fräulein Polyxena und Maud Fletcher in der Æolian Hall am vergangenen Abend war hervorragend konzipiert und hatte genau die richtige Länge. Die Schwestern sind so geschickt und kunstfertig, dass es immer selbstverständlich ist, dass sie interessante Programme darbieten und die ausgewählte Musik im vortrefflichsten Stil ausführen. Nachdem sie mit Mendelssohns Sonate für Klavier und Violoncello in D begonnen hatten, waren sie auch in Solostücken zu hören. Die Pianistin stellte drei neue Stücke von Rachmaninow vor: ein höchst geistreiches und anmutiges Prélude in Es-Dur und weitere, ähnlich bezeichnete, brilliante und wirkungsvolle Stücke. Jedes wurde ausgezeichnet gespielt.“; „The Times“ vom 26. November 1904, S. 10) In den folgenden Jahren wirkte Polyxena Fletcher auch mehrfach in Konzerten ihrer ehemaligen Kommilitonin Marie Motto und deren Streichquartett mit. So spielte sie z. B. bei einem Konzert des Marie Motto String Quartet im November 1907 in der Londoner Queen’s-gate Hall Franz Schuberts Klaviertrio Nr. 1 B-Dur op. 99 sowie mehrere Solostücke, darunter Johannes Brahms’ Rhapsodie Es-Dur op. 119 Nr. 4 (vgl. „The Times“ vom 6. November 1907, S. 7).


    Nach 1910 sind derzeit keine weiteren Konzerte Polyxena Fletchers zu belegen.


    In den 1920er Jahren lebte Polyxena Fletcher als Musikpädagogin in London. Zu ihren dortigen Schülerinnen und Schülern gehörte auch die spätere Komponistin Elisabeth Luytens (1906–1983), die im Alter von 15 Jahren durch die Vermittlung der Geigerin Marie Motto zu Polyxena Fletcher gekommen war. In ihren Memoiren schrieb sie, dass Polyxena Fletcher das prägendste Vorbild ihrer ersten musikalischen Ausbildung war. Zudem gab sie darin einen Einblick in die Art und Weise des Unterrichts und verwies darauf, dass Polyxena Fletcher sie auch in Harmonielehre unterrichtet habe: „Marie Motto introduced me to the friend she had made whilst a student at the Royal College of Music, a pianist, Polyxena Fletcher, with whom she advised me to study the piano. [...] Her playing was a revelation to me and I don’t know why she had retired from the concert world. [...] Polyxena Fletcher had genius, compared to Marie Motto’s talent, and became the greatest single influence in my life. Music, life and people were inseparable to her, and our lessons, which lasted hours and seemed timeless, were occupied as much with talk and discussion as piano playing. When the talk was of music it was from the widest and most all-embracing point of view and she became to me the yardstick by which to measure all my new intellectual and musical experiences and values of life. At this time, though I composed in secret I wanted most to be a pianist and would practise for hours a day [...]. Alas, it was to no avail, for no amount of work has enabled me to play the piano better than a typist using one finger. It was to Miss Fletcher that I showed my two books of early compositions and when she discovered my interest in composing she started to teach me harmony.“ („Marie Motto stellte mich ihrer Freundin vor, die sie als Studentin am Royal College of Music kennengelernt hatte, eine Pianistin,Polyxena Fletcher, die sie mir als Klavierlehrerin empfahl. […] Ihr Spiel war eine Offenbarung für mich und ich weiß nicht, warum sie sich aus der Konzertwelt zurückgezogen hat. […] Polyxena Fletcher war ein Genie verglichen mit Marie Mottos Talent und sie wurde zum allergrößten Einfluss in meinem Leben. Musik, Leben und Menschen waren untrennbar für sie, und unsere Lektionen, die Stunden dauerten und zeitlos erschienen, waren ebenso mit Gesprächen und Diskussionen wie mit Klavierspiel erfüllt. Ging es im Gespräch um Musik, geschah dies aus der weitesten und umfassendsten Perspektive und sie wurde der Maßstab, nach dem ich all meine neuen geistigen und musikalischen Erfahrungen und Werte des Lebens bemaß. Obwohl ich zu der Zeit heimlich komponierte, wollte ich am liebsten Pianistin werden und übte mehrere Stunden am Tag […]. Leider war es vergeblich, da alles Üben mich nicht befähigte, besser Klavier zu spielen als ein Schreibmaschinenschreiber, der einen Finger benutzt. Es war Fräulein Fletcher, der ich meine zwei Bücher mit frühen Kompositionen zeigte, und als sie mein Interesse am Komponieren entdeckte, begann sie, mich in Harmonielehre zu unterrichten.“; Lutyens 1996, S. 314f.)


    Der weitere Lebensweg von Polyxena Fletcher ist unbekannt.

    Rezeption

    Die Pianistin Polyxena Fletcher ist heute vollständig in Vergessenheit geraten. Anders als bei ihrer Schwester Maud Fletcher sind auch keine Artikel in zeitgenössischen nationalbiographischen und musikalischen Lexika vorhanden.

    Repertoire

    Eine Repertoireliste von Polyxena Fletcher kann derzeit aufgrund fehlender Forschungen nicht erstellt werden. Nachgewiesen sind Aufführungen der folgenden Werke:


    Bach, Johann Sebastian. Brandenburgisches Konzert Nr. 5 D-Dur BWV 1050


    Beethoven, Ludwig van. Klaviersonate G-Dur op. 31 Nr. 1

    Beethoven, Ludwig van. Klavierkonzert Nr. 4 G-Dur op. 58


    Brahms, Johannes. Variationen über ein Thema von Schumann fis-Moll op. 23

    Brahms, Johannes. Klavierkonzert Nr. 1 d-Moll op. 15

    Brahms, Johannes. Klavierkonzert Nr. 2 B-Dur op. 83

    Brahms, Johannes. Ungarische Tänze WoO 1

    Brahms, Johannes. Klarinettensonate Es-Dur op. 120 Nr. 2 in einer Bearbeitung für Violine und Klavier

    Brahms, Johannes. Rhapsodie Es-Dur op. 119 Nr. 4


    Bruch, Max. „Kol Nidrei“ op. 47 in einer Fassung für Violoncello und Klavier


    Chopin, Frédéric. Barcarolle Fis-Dur op. 60

    Chopin, Frédéric. Etude a-Moll (keine Präzisierung möglich)

    Chopin, Frédéric. Nocturne c-Moll (keine Präzisierung möglich)


    Grieg, Edward. Sonate für Violoncello und Klavier a-Moll op. 36


    Liszt, Franz. Fantasie auf ungarische Volksweisen für Klavier und Orchester Searle 123


    Marcello, Benedetto. Violoncellosonate Nr. 6 G-Dur


    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Sonate für Klavier und Violoncello D-Dur op. 58


    Paderewski, Ignaz Jan. „Fantaisie polonaise sur des thèmes originaux“ für Klavier und Orchester gis-Moll op. 19


    Rachmaninow, Sergej. Six Moments Musicaux op. 16

    Rachmaninow, Sergej. Prélude Nr. 6 Es-Dur aus 10 Préludes op. 23


    Rimski-Korsakow, Nikolai Andrejewitsch. Klavierkonzert cis-Moll op. 30


    Schubert, Franz. Klaviertrio Nr. 1 B-Dur op. 99


    Schumann, Robert. Klavierkonzert a-Moll op. 54


    Tausig, Carl. Nachtfalter. Nr. 1 aus „3 Walzer-Caprizen“ nach Johann Strauss


    Waddington, Sidney P. Klavierkonzert g-Moll

    Quellen

    Literatur


    Lutyens, Elisabeth: [Selections from her autobiography]. In: Women in Music. An Anthology of Source Readings from the Middle Ages to the Present, hg. v. Carol Neuls-Bates. Boston: Northeastern University Press, 1996, S. 312-322).



    Zeitungsartikel und Konzertrezensionen


    The Musical Times vom 1. Mai 1897, S. 330.

    The Musical Times vom 1. Juli 1903, S. 479.


    The Times vom 25. Dezember 1888, S. 11.

    The Times vom 1. Mai 1889, S. 281.

    The Times vom 19. Juli 1889, S. 8.

    The Times vom 13. März 1890, S. 3.

    The Times vom 23. Juni 1903, S. 12.

    The Times vom 29. Juni 1904, S. 12.

    The Times vom 26. November 1904, S. 10.

    The Times vom 6. November 1907, S. 7.

    The Times vom 24. Oktober 1908, S. 15.

    The Times vom 19. Dezember 1908, S. 13.

    The Times vom 5. März 1910, S. 14.

    The Times vom 24. September 1910, S. 10.

    Forschung

    Zu Polyxena Fletcher liegen keine weiteren Forschungsinformationen vor.

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Polyxena Fletcher umfasst ihre Biographie, ihrer Tätigkeiten sowie ihre vielfältigen Kontakte innerhalb des Londoner Musiklebens.

    Autor/innen

    Silke Wenzel


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Ellen Freyberg
    Zuerst eingegeben am 12.09.2012


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Polyxena Fletcher“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 12.9.2012.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Polyxena_Fletcher