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  • Philomena Franz

    von Martina Bick
    Namen:
    Philomena Franz
    Geburtsname: Philomena Köhler
    Lebensdaten:
    geb. in Biberach an der Riß, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Sängerin, Folkloretänzerin, Autorin

    Profil

    Philomena Franz geb. Köhler stammt aus einer Musikerfamilie und ist bis 1939 als Sängerin und Folkloretänzerin mit dem Theater- und Musiker-Ensemble Haag ihrer Familie im In- und Ausland aufgetreten. 1939 untersagten die Nationalsozialisten ihr und ihrer Familie die künstlerische Arbeit und beschlagnahmten ihre Instrumente. Philomena Köhler wurde zu mehrjähriger Zwangsarbeit in Bad Cannstatt verpflichtet und im April 1944 in das KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Von dort wurde sie im Mai 1944 nach Ravensbrück gebracht, von wo sie fliehen konnte. Sie wurde wieder aufgegriffen und im KZ Oranienburg inhaftiert, nochmals nach Auschwitz deportiert und später in ein Lager bei Wittenberge gebracht, von wo sie wieder fliehen konnte.

    Nach der NS-Zeit konnte Philomena Franz ihren Beruf als Musikerin nicht mehr lange ausüben. Sie hat mehrere Bücher geschrieben und wirkt bis heute als Zeitzeugin in Schulen, in den Medien und auf Veranstaltungen.

    Orte und Länder

    Philomena Franz wurde in Biberach an der Riß geboren und ist bereits als jugendliche Musikerin mit ihrer Familie im In- und Ausland viel gereist. In der NS-Zeit wurde sie in Bad Cannstatt zur Zwangsarbeit verpflichtet und anschließend in die Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Ravensbrück und Oranienburg deportiert. Sie lebt heute in Bergisch-Gladbach.

    Biografie

    Philomena Franz, Sintezza, geboren als Philomena Köhler am 21. Juli 1922 in Biberach an der Riß, trat von Jugend an als Sängerin und Folkloretänzerin mit dem Theater- und Musiker-Ensemble Haag ihrer Familie in renommierten Varietés des In- und Auslandes auf (vgl. auch die Autobiographie von Philomena Franz, „Zwischen Liebe und Haß“, Freiburg i.Br. 1985).

    Vermutlich im Herbst 1938 musste Philomena Franz die Schule verlassen, die sie im Winter besuchte, und in einer Munitionsfabrik arbeiten. Zuvor hatten sie und ihre Familie noch Engagements wahrnehmen können. Claudia Maurer Zenck nimmt an, dass ihren Tourneen spätestens durch den im Oktober 1939 von Reinhard Heydrich, Chef des gerade gegründeten Reichssicherheitshauptamtes, in Abstimmung mit dem „Reichsführer SS“ und Chef der Polizei, Heinrich Himmler, verkündeten „Festsetzungserlass“ ein Ende gemacht wurde: Er untersagte die Entfernung vom Wohnort (vgl. Maurer Zenck 2016).

    Das Theater- und Musiker-Ensemble Haag der Familie von Philomena Franz hatte neben Großvater, Onkel, Vater und Brüdern auch weibliche Mitglieder, nämlich die Töchter und womöglich auch die Mutter. Ob ihre Schwestern als Schauspielerinnen auftraten, ob sie, wie Philomena selbst, sangen und tanzten oder ob sie auch Instrumente spielten, geht aus ihren Erinnerungen nicht hervor (Franz, „Zwischen Liebe und Haß“, S. 9, 25, 27, 31, 34f.).

    Im April 1944 wurde Philomena Franz in das sogenannte „Zigeunerlager“ des KZs Auschwitz-Birkenau eingeliefert, in dem von Ende Februar 1943 bis Ende Juli 1944 mehr als 20.000 Roma und Sinti inhaftiert waren. Sie war bei ihrer Registrierung 21 Jahre alt. Ihr Name ist mit dem Eintrag „Arbeiterin“ unter Nr. 10550 im „Hauptbuch (Frauen)“, der Dokumentation des sogenannten „Zigeunerlagers“, auf S. 681 verzeichnet. Philomena Franz ist eine von vier Frauen, die als Arbeiterinnen eingetragen wurden bzw. gar keine Berufsbezeichnung bekamen und als Musikerinnen identifiziert werden konnten.

    Im April, Mai und zuletzt am 1. August 1944 begann man, die noch arbeitsfähigen Frauen in Ausschwitz-Birkenau nach und nach ins KZ Ravensbrück zu deportieren, bevor die im „Zigeunerlager“ verbliebenen knapp 3.000 Sinti und Roma in der Nacht vom 2. zum 3. August 1944 vergast wurden. Durch die Deportation nach Ravensbrück stiegen die Überlebenschancen für Philomena Franz: „Überlebt haben in Ravensbrück die jüngeren, anpassungsfähigeren Zigeunerfrauen, die in den verschiedenen Werkstätten des Lagers arbeiten konnten; (...). Doch die älteren und kränklichen Frauen sind auch hier mit ihren Kindern zugrunde gegangen, im Lager selbst oder auf den Transporten nach Maidanek und nach Auschwitz und zuletzt bei der Auflösung von Ravensbrück, auf den Hungermärschen nach Bergen-Belsen und Mauthausen.“ (Selma Steinmetz, „Die Verfolgung der burgenländischen Zigeuner“, S. 119).


    Philomena Franz wurde nach einem missglückten Fluchtversuch aus Ravensbrück nach Oranienburg, von da aus vermutlich mit einem Krankentransport noch einmal nach Auschwitz und von dort nach Wittenberge in ein Nebenlager des KZs Neuengamme deportiert. (Die Chronologie ihrer KZ-Inhaftierungen ist allein aufgrund ihrer Erinnerungen kaum zu erstellen.) Nach ihrer letzten Flucht, dem Versteck bei Hilfswilligen und der Befreiung durch russische Soldaten fand sie nach dem Krieg ihren Bruder Fritz wieder. Mit ihm, der Jazzgeige spielte, und anderen Sinti-Musikern trat Philomena Franz als Sängerin in einer Band auf, die vor den Besatzungstruppen amerikanische Schlager und Jazz vortrug. Später konnte sie aufgrund der psychischen Folgen ihrer KZ-Haft nicht mehr als Musikerin arbeiten und wurde als Autorin und Zeitzeugin tätig.

    Die mit Hilfe ihrer Tochter erst nach dem Tod ihres Mannes (1975) erstrittene Nachzahlung der Haftentschädigung wurde ihren Angaben nach gegen die Sozialhilfe, die sie und ihr Mann während dessen Krankheit beansprucht hatten, aufgerechnet.

    1995 wurde Philomena Franz das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen. 2001 wurde sie von der Europäischen Bewegung Deutschland mit dem Preis "Frauen Europas Deutschland 2001" ausgezeichnet.

    Werkverzeichnis

    Bücher von Philomena Franz:

    Zigeunermärchen, Bonn 1982. (3. Auflage Taschenbuch 1989).


    Zwischen Liebe und Hass. Ein Zigeunerleben, Freiburg im Breisgau 1985, 2. Aufl. 1986, 3. Aufl. 1987; erweiterte Ausgabe mit dem Untertitel „ein Zigeunerleben“, Rösrath 2001.

    Neuausgabe: Books on Demand: Norderstedt 2001, ISBN 3-8311-1619-9.


    Tragen wir einen Blütenzweig im Herzen, so wird sich immer wieder ein Singvogel darauf niederlassen, Books on Demand: Norderstedt 2012, ISBN 978-3-8482-7054-5.

    Quellen

    Albus, Michael, Philomena Franz. Die Liebe hat den Tod besiegt, Düsseldorf 1988.


    Czech, Danuta, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945, Reinbek 1989.


    „Hauptbuch des Zigeunerlagers Auschwitz (Frauen)“, in: Gedenkbuch. Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, hrsg. vom Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma Heidelberg, 2 Bde., München 1993, Bd. 1 (in Bd. 2: „Hauptbuch des Zigeunerlagers Auschwitz [Männer]“).


    Maurer-Zenck, Claudia, „Spuren unbekannter deutscher und österreichischer Musikerinnen. Auf der Suche nach NS-verfolgten ‚Zigeunerinnen‘ und ihrer Geschichte“, in: Multimediale Festschrift für Beatrix Borchard, online seit August 2016, Kapitel Biographik, http://mugi.hfmt-hamburg.de/Beatrix_Borchard/


    Maurer-Zenck, Claudia, „Verfolgungsgrund: 'Zigeuner'. Nachruf auf unbekannte Musiker“, in zwei Teilen erschienen in: mr-[musica reanimata-]Mitteilungen H. 88 Dez. 2015), S. 1–19, und H. 89 (März 2016), S. 1–20.


    Maurer-Zenck, Claudia, Verfolgungsgrund: „Zigeuner“. Unbekannte Musiker und ihr Schicksal im „Dritten Reich“, Wien 2016 (= Antifaschistische Literatur und Exilliteratur – Studien und Texte, Bd. 25).


    Rose, Romani (Hg.), Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma [= Katalog zur ständigen Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz], Heidelberg 2003.


    Steinmetz, Selma, „Die Verfolgung der burgenländischen Zigeuner“, in: In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt, hrsg. von Tilman Zülch, Reinbek 1979, S. 112–133.


    Zwicker, Marianne C., “Orte erschaffen”: The Claiming of Space in Writing by Philomena Franz, in: dies., Journeys into Memory: Romani Identity and the Holocaust in Autobiographical Writing by German and Austrian Romanies, University of Edinburgh (Dissertation), 2009, S. 28-61.


    Links:


    https://de.wikipedia.org/wiki/Philomena_Franz


    http://www.josef-anton-koehler.de/tag/philomena-koehler/


    http://ns-opfer-nt.jimdo.com/opfer/sinti/erlebnisse-von-philomena-franz/


    http://www.bpb.de/geschichte/nationalsozialismus/ravensbrueck/60634/philomena-franz


    http://www1.wdr.de/radio/wdr5/franzphilomena100.html (Rundfunksendung "Erlebte Geschichten" mit Philomena Franz vom 20.01.2013, 24 Min.)

    Forschung

    Die berühmte, damals aus vier Musikern bestehende Kapelle des Großvaters Johannes Haag ist auf einem Foto vermutlich von 1906 abgebildet. Enthalten in: Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma [= Katalog zur ständigen Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz], hrsg. von Romani Rose, Heidelberg 2003, S. 15; weitere Abb. in: Franz, Zwischen Liebe und Haß, S. 9, 25f., 27, 31, 34f.

    Forschungsbedarf

    Weitere Informationen zur Kapelle Haag, deren Repertoireverzeichnis, Instrumental-, Gesangs- und Tanzformen sind noch zu erforschen. Desgleichen die Geschichte der Sinti-Musik (Sinti-Jazz?) nach dem Ende des 2. Weltkriegs.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 37712789
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 118809970
    Library of Congress (LCCN): n90685152
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Martina Bick


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Silke Wenzel
    Zuerst eingegeben am 11.05.2017


    Empfohlene Zitierweise

    Martina Bick, Artikel „Philomena Franz“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 11.5.2017.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Philomena_Franz