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    von Martina Bick
    Namen:
    Paula Held
    Lebensdaten:
    geb. in Oberkirchbach b. Tulln/Wien, Österreich
    gest. unbekannt in Auschwitz-Birkenau (Konzentrationslager), Polen
    Tätigkeitsfelder:
    Musikerin, Arbeiterin

    Profil

    Paula Held ist eine Musikerin aus Österreich, die im Nationalsozialismus als Zigeunerin verfolgt und in verschiedene Lager deportiert wurde. Sie wurde zuletzt im KZ Auschwitz-Birkenau registriert, wo sie als verschollen gilt.

    Orte und Länder

    Paula Held wurde in Oberkirchbach b. Tulln/Wien geboren. Sie lebte zuletzt in Villach, von wo aus sie ins „Zigeuner-Anhaltelager" Lackenbach im Burgenland und später ins Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau deportiert wurde, wo sie als verschollen gilt.

    Biografie

    Paula Held, Sintezza, wurde in Oberkirchbach, einem kleinen Ort zwischen Tulln und Wien in Österreich geboren. Ihr Name ist mit dem Eintrag „Arbeiterin“ im „Hauptbuch (Frauen)“ verzeichnet, der Dokumentation des sogenannten „Zigeunerlagers“ des KZs Auschwitz-Birkenau, in dem von Ende Februar 1943 bis Ende Juli 1944 mehr als 20.000 Roma und Sinti inhaftiert waren. Paula Held ist eine von vier Frauen, die als Arbeiterinnen eingetragen wurden bzw. gar keine Berufsbezeichnung bekamen und die als Musikerin identifiziert werden konnte (vgl. Haider 2008, S. 126).

    Paula Held wohnte zuletzt in Seebach Nr. 8b/Villach und wurde am 30. Oktober 1941 in das „Zigeuner-Anhaltelager Lackenbach“ im Burgenland deportiert. Trotz ihrer Jugend (sie war zu diesem Zeitpunkt erst 16 bzw. 17 Jahre alt) war sie bereits Mutter, denn sie hatte am 9. März 1940 in Wien ein Kind geboren. Ihr Sohn Johann starb am 16. November 1941 im Lager Lackenbach. Paula Held wurde am 30. April 1943 ins KZ Auschwitz-Birkenau eingewiesen und erhielt die Häftlingsnummer 7825. Dort gilt sie als verschollen.

    Quellen

    DÖW = Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, 20100/4152 Reservat-Akt, 50104/385 eidesstattliche Erklärung (KZ-Verband).


    Franz, Philomena, „Zwischen Liebe und Haß“, Freiburg i.Br. 1985, 21986, 31987; erweiterte Ausgabe mit dem Untertitel „ein Zigeunerleben“, Rösrath 2001.


    Haider, Hans, Nationalsozialismus in Villach, 3. erw. Aufl., Klagenfurt/Wien 2008, S. 126. http://www.kaernoel.at/downloads/ns_in_villach.pdf, abgerufen am 2.11.2016.


    „Hauptbuch des Zigeunerlagers Auschwitz (Frauen)“, in: Gedenkbuch. Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, hrsg. vom Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma Heidelberg, 2 Bde., München 1993, Bd. 1 (in Bd. 2: „Hauptbuch des Zigeunerlagers Auschwitz [Männer]“).


    Maurer Zenck, Claudia, „Spuren unbekannter deutscher und österreichischer Musikerinnen. Auf der Suche nach NS-verfolgten ‚Zigeunerinnen‘ und ihrer Geschichte“, in: Multimediale Festschrift für Beatrix Borchard, online seit August 2016, Kapitel Biographik, http://mugi.hfmt-hamburg.de/Beatrix_Borchard/


    Maurer Zenck, Claudia, „Verfolgungsgrund: 'Zigeuner'. Nachruf auf unbekannte Musiker“, in zwei Teilen erschienen in: mr-[musica reanimata-]Mitteilungen H. 88 (Dez. 2015), S. 1–19, und H. 89 (März 2016), S. 1–20.


    Maurer Zenck, Claudia, Verfolgungsgrund: „Zigeuner“. Unbekannte Musiker und ihr Schicksal im „Dritten Reich“, Wien 2016 (= Antifaschistische Literatur und Exilliteratur – Studien und Texte, Bd. 25).


    www.lexm.uni-hamburg.de/

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    Forschung

    Möglicherweise bezieht sich eine Akte im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands auf dieselbe Paula Held: "Der Geburtsmonat von Paula Held unterscheidet sich von Haider um einen Monat (DÖW Februar, Haider Januar). Die Informationen aus den beiden DÖW Signaturen 20100/4152 und 5014/385 sind identisch. Der Geburtsort ist schlecht zu lesen, heißt aber Hochburg oder ähnlich. Paula Held hat einen Sohn namens Friedrich, der 1946 geboren wurde. Sie war in Lackenbach und auch in Auschwitz, war aber schon im Juni 1939 inhaftiert worden. Aus den DÖW-Akten geht kein Musikbezug hervor." (Nachricht von Nicole Ristow, Arbeitsstelle Verfolgte Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Universität Hamburg, am 27.4.2017.)


    Das Kind trug den Familiennamen der Mutter, d.h. es galt offiziell als unehelich. So jung Paula Held Mutter geworden war, konnte sie nach Einschätzung von Claudia Maurer Zenck doch in der üblichen „Zigeunerehe“ gelebt haben, in der beide Partner „von der Sippe zusammengesprochen“ wurden (Philomena Franz, „Zwischen Liebe und Haß“, S. 28); für eine offizielle Ehe sei sie zu jung gewesen, „denn bereits am 8. Dezember 1938 hatte Himmlers ‚Erlass RFSS betr. Bekämpfung der Zigeunerplage‘ legale Eheschließungen zwischen ‚Zigeunern‘ verboten. Auch eine ‚Mischehe‘ hätten sie nicht mehr eingehen können, denn auch diese wurden nach dem Juni 1941 nur noch ausnahmsweise zugelassen. Aber ‚Mischehen‘ waren die einzige einigermaßen sichere Ausnahmeregelung, die sie und ihr Kind noch vor der Deportation hätte bewahren können.“ (Maurer Zenk 2016, Spuren unbekannter deutscher und österreichischer Musikerinnen, Online-Publikation o.S. Darin Bezug auf Karola Fings u. Frank Sparing, Rassismus - Lager - Völkermord. Die nationalsozialistische Zigeunerverfolgung in Köln (Schriften des NS-Dokumentationszentrums der Stadt Köln, Bd. 13), Köln 2005, S. 387.)

    Forschungsbedarf

    Claudia Maurer Zenck hält die Chance, dass Paula Held das „Zigeunerlager“ des KZ Auschwitz-Birkenau überlebte, für gegeben, aber für geringer als die Chancen der zu einem späteren Zeitpunkt eingelieferten Frauen. Im „glücklichsten“ Falle sei sie nach Ravensbrück deportiert worden und habe dieses KZ überleben können (vgl. Maurer Zenck 2016, Spuren unbekannter deutscher und österreichischer Musikerinnen, Online-Publikation o.S.). Solange ihr Name nicht in einem der Register von Ravensbrück oder einem anderen Lager aufgefunden wird, muss Paula Held darum als im KZ Auschwitz-Birkenau verschollen gelten.


    Weiterer Forschungsbedarf besteht für alle im Nationalsozialismus verfolgten Sinti- und Roma-Musikerinnen sowie insbesondere die (heute verloren gegangenene?) Tradition von Instrumentalistinnen unter diesen Musikerinnen.

    Autor/innen

    Martina Bick


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Silke Wenzel
    Zuerst eingegeben am 30.03.2017


    Empfohlene Zitierweise

    Martina Bick, Artikel „Paula Held“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 30.3.2017.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Paula_Held