Herzlich Willkommen bei MUGI

  • (PDF)
  • (100%)
  • Deutsch
  • Ottilie Friese

    von Silke Wenzel
    Die Pianistin Ottilie Friese (l.) mit ihrer Zwillingsschwester, der Geigerin Franziska Friese. Undatierte Fotografie von F. Jamrath & Sohn (Berlin).
    Namen:
    Ottilie Friese
    Lebensdaten:
    geb. in Elbing (Westpreußen), Deutschland (heute: Elblag, Polen)
    gest. unbekannt

    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin
    Charakterisierender Satz:

    „Die jüngere Schwester, Fräulein Ottilie Friese, besitzt als Klavierspielerin ebenfalls nicht nur einen ungewöhnlichen Grad an Kraft, sondern auch jene durch und durch musikalische, gediegene Naturanlage, die sich in der gerade auf die Sache losgehenden Auffassung sofort verräth, und wird bei fortgesetzten Studien unzweifelhaft viel erreichen.“


    („Vossische Zeitung“, zit. n. „Signale für die musikalische Welt“ vom 16. Mai 1867, S. 466)


    Profil

    Ottilie Friese trat als Kind und Jugendliche regelmäßig mit ihrer Zwillingsschwester, der Geigerin Franziska Friese, auf. In den Jahren 1861/62 studierte sie das Fach Klavier bei Ignaz Moscheles und Louis Plaidy am Leipziger Konservatorium – zeitgleich mit ihrer Schwester – und erhielt im September 1862 ein „Lehrer-Zeugniß“. In den folgenden Jahren konnte sich Ottilie Friese zwar im deutschen Musikleben als Pianistin und Klavierbegleiterin etablieren, stand dabei jedoch stets im Schatten ihrer Schwester, mit der sie häufig gemeinsam konzertierte und die von Presse und Publikum als herausragende Geigerin gefeiert wurde. Einer der Höhepunkte in der künstlerischen Laufbahn Ottilie Frieses war vermutlich die Aufführung eines der Konzerte für drei Cembali von Johann Sebastian Bach, das sie am 28. Januar 1867 im Leipziger Gewandhaus gemeinsam mit Sophie Menter und Carl Reinecke gab. Nach 1868 sind keine weiteren Konzerte Ottilie Frieses zu belegen.

    Orte und Länder

    Ottilie Friese wurde im damals westpreußischen Elbing, heute Elblag in Polen, geboren und wuchs dort auf. Sie erhielt 1859/60 privaten Klavierunterricht in Berlin und setzte in den Jahren 1860/61 ihr Studium am Konservatorium der Musik in Leipzig fort. Bis 1868 konzertierte Ottilie Friese regelmäßig in Leipzig, Hamburg und Berlin. Ihr weiterer Verbleib ist derzeit unbekannt.

    Biografie

    Ottilie Friese wurde am 30. Oktober 1846 in Elbing, damals Westpreußen, heute Elblag in Polen, als Tochter des Geigers Hermann Friese und seiner Frau geboren. Sie erhielt ab dem Alter von neun Jahren Klavierunterricht bei einem Fräulein Thimm in Elbing und in den Jahren 1859/60 bei dem Pianisten und Dirigenten Hermann Fliege in Berlin (vgl. Archiv der Hochschule für Musik und Theater Leipzig, A I. 2. Inskriptionen, Nr. 877 Ottilie Friese). Bereits zu dieser Zeit trat Ottilie Friese mit ihrem Vater und ihrer Zwillingsschwester, der Geigerin Franziska Friese, gemeinsam auf, so z. B. am 20. Mai 1860 im Rigaer Gewerbeverein (vgl. Rudolph 1890). Am 11. Februar 1861 wurde Ottilie Friese zeitgleich mit ihrer Schwester am Leipziger Konservatorium als Studentin aufgenommen und studierte dort das Fach Klavier bei Ignaz Moscheles und Louis Plaidy. Zudem erhielt sie Unterricht in Musiktheorie und Komposition bei Ernst Ferdinand Richter und in Ensemblespiel bei Raimund Dreyschock und besuchte Vorlesungen zur Musikgeschichte sowie Chorübungen in Gesang. In einer öffentlichen Hauptprüfung am 28. März 1862 im Leipziger Gewandhaus spielte sie einen Satz aus dem Klavierkonzert cis-Moll (op. 55) von Ferdinand Ries. Am 30. September 1862 erhielt Ottilie Friese ein „Lehrer-Zeugniß“, in dem Ignaz Moscheles vermerkte: „Fräul. Friese war meine aufmerksame Schülerin, und erreichte einen hohen Grad von Kunstbildung“. Louis Plaidy schrieb: „Frl. Friese war stets musterhaft fleißig und machte recht vorzügliche Fortschritte“. Auch Ernst Ferdinand Richter attestierte ihr in Musiktheorie und Komposition, sie habe „Anlagen“ gezeigt und „gute Fortschritte“ gemacht (vgl. Archiv der Hochschule für Musik und Theater Leipzig, A I. 2. Inskriptionen; A I. 3. Zeugnisse, Matrikel-Nr. 877 Ottilie Friese).


    Wenige Wochen nach ihrem Studienabschluss, am 21. Oktober 1862, gab Ottilie Friese gemeinsam mit ihrer Schwester ein eigenes Konzert im Leipziger Gewandhaus, bei dem die französische Sängerin Julienne Orwil, der Pianist Carl Reinecke, die Geiger Ferdinand David und Friedrich Hermann sowie der Violoncellist Theodor Krumbholz mitwirkten. Dabei spielte Ottilie Friese Felix Mendelssohn Bartholdys Klavierkonzert d-Moll (op. 40), „Kindermärchen“ aus den „Charakteristischen Studien“ (op. 95) und „Der Tanz“ D-Dur (op. 129) ihres Lehrers Ignaz Moscheles und den Klavierpart in Franz Schuberts Rondo brillant h-Moll (D 895) für Violine und Klavier (vgl. „Neue Zeitschrift für Musik“ vom 31. Oktober 1862, S. 157; Dörffel 1884, S. 222). Das Konzert wurde international wahrgenommen. „The New York Musical Weekly and Musical World“ berichtete aus Leipzig: „A concert has been given by the youthful twin-sisters Franziska and Ottilie Friese, who have just quitted the Conservatory. The first is a violinist of no ordinary promise. She played the first movement of Beethoven’s Violin Concerto, the first violin part of Beethoven’s B flat Quartett (No. 6), and, with her sister, Schubert’s Rondo in B minor, in one of the Gewandhaus concerts [...]. Her sister Ottilie played Mendelssohn’s Pianoforte Concerto in D minor, Moscheles’ ‚Kindermärchen’ and ‚Tanz,’ and the piano part of Schubert’s Rondo. She, too, is of much promise.“ („Die beiden jugendlichen Zwillingsschwestern Franziska und Ottilie Friese, die das Konservatorium gerade verlassen haben, gaben ein Konzert. Die erste ist eine Geigerin von überdurchschnittlicher Begabung. In einem der Gewandhauskonzerte spielte sie den ersten Satz aus Beethovens Violinkonzert, den Violinpart von Beethovens B-Dur-Quartett (Nr. 6) und, mit ihrer Schwester, Schuberts Rondo h-Moll. Ihre Schwester Ottilie spielte Mendelssohns Klavierkonzert d-Moll, Moscheles’ ‚Kindermärchen’ und ‚Tanz’ und den Klavierpart von Schuberts Rondo. Auch sie ist ein vielversprechendes Talent.“; „The New York Musical Weekly and Musical World“ vom 20. Dezember 1862, S. 807) Bei einem Konzert im September 1866 spielte Ottilie Friese Ludwig van Beethovens Klaviersonate f-Moll („Appassionata“, op. 57) und nochmals den Klavierpart in Franz Schuberts Rondo h-Moll (vgl. „Leipziger allgemeine musikalische Zeitung“ vom 19. September 1866, S. 307). Im Mai 1867 trat Ottilie Friese in der Berliner Singakademie auf, wiederum gemeinsam mit ihrer Schwester. Auf dem Programm standen u. a. Ludwig van Beethovens Violinsonate A-Dur („Kreutzer-Sonate“, op. 47) und Felix Mendelssohn Bartholdys Klaviertrio c-Moll (op. 66), bei dem der Violoncellist August(?) Bruns mitwirkte. Die „Vossische Zeitung“ schrieb – den „Signalen für die musikalische Welt“ zufolge – über Ottilie und Franziska Friese: „Das von den Fräulein Franziska und Ottilie Friese am Sonnabend in der Singacademie veranstaltete Concert war trotz der vorgerückten Jahreszeit sehr zahlreich besucht – ein Zeichen, wie sehr es dem talentbegabten Künstlerpaar gelungen ist, sich Anerkennung und Anhänglichkeit zu verschaffen. Das Programm war im streng classischen Styl gehalten, wie das Spiel der beiden junge Damen selbst [...]. Die jüngere Schwester, Fräulein Ottilie Friese, besitzt als Klavierspielerin ebenfalls nicht nur einen ungewöhnlichen Grad an Kraft, sondern auch jene durch und durch musikalische, gediegene Naturanlage, die sich in der gerade auf die Sache losgehenden Auffassung sofort verräth, und wird bei fortgesetzten Studien unzweifelhaft viel erreichen.“ („Signale für die musikalische Welt“ vom 16. Mai 1867, S. 466) Im April 1867 konzertierte Ottilie Friese gemeinsam mit ihrer Schwester in der Berliner Singakademie; auch dort wurde das Geschwisterpaar begeistert empfangen. Die „Allgemeine Musikalische Zeitung“ berichtete über das Konzert: „Das erste der nachösterlichen Concerte wurde von den Schwestern Franziska und Ottilie Friese in der Singacademie veranstaltet, befestigte die gute Meinung, welche ich bereits nach dem ersten Auftreten der Violinistin Frl. Franziska Friese von deren Leistungsfähigkeit hatte, und liess auch in der Clavierspielerin, Frl. Ottilie Friese, ein recht bedeutendes Talent, sowohl nach der musikalischen, wie nach der technischen Seite hin erkennen. Die weitere Entwicklung beider Schwestern bietet entschieden künstlerisches Interesse.“ („Allgemeine Musikalische Zeitung“ vom 12. Juni 1867, S. 194) Einer der Höhepunkte in Ottilie Frieses künstlerischer Laufbahn war vermutlich ein Benefizkonzert „zum Besten der hiesigen Kinderheilanstalt“, das am 28. Januar 1867 im Leipziger Gewandhaus stattfand. Dabei spielte Ottilie Friese eines der Konzerte für drei Cembali von Johann Sebastian Bach gemeinsam mit der Pianistin Sophie Menter und dem Leipziger Dirigenten Carl Reinecke (vgl. Dörffel 1884, S. 223).


    Aus dem Jahr 1868 sind nur noch zwei Rezensionen eines Konzertes in Hamburg bekannt, das am 13. März 1868 in der Hamburger philharmonischen Gesellschaft stattfand und bei dem die Geschwister gemeinsam mit der Sängerin Therese Seehofer auftraten. Ottilie Friese spielte dabei u. a. Carl Maria von Webers Konzertstück f-Moll (op. 79). In beiden Rezensionen wurde Ottilie Friese gegen ihre Schwester ausgespielt und die künstlerischen Leistungen der Pianistin vernichtend kritisiert. Ein Rezensent der Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ schrieb über das Konzert: „Am 13. März fand auch das vorletzte Concert der philharmonischen Gesellschaft unter Mitwirkung von Fräulein Therese Seehofer aus Wien und der Schwestern Friese statt. Die Leistungen der drei jungen Damen wurden je nach dem Werthe derselben gewürdigt. [...] Fräulein Franziska Friese spielte das Amoll-Concert von Viotti und entwickelte darin viele Eigenschaften eines bedeutenden Violintalents. Besonders erfreuten wir uns dem einfach innigen Vortrag des Andantes [...] Fräulein Ottilie Friese steht nicht auf dem Niveau ihrer Schwester. Das oft und vortrefflich gehörte Concertstück von Weber war ein allzu gewagtes Unternehmen. Das Rondo von Schubert, welches die beiden Damen noch vortrugen hinterließ keinen befriedigenden Eindruck.“ („Signale für die musikalische Welt“ vom 20. März 1868, S. 344) Die „Allgemeine musikalische Zeitung“ bemerkte: „Im 168. philharmonischen Concert hörten wir die Frl. F. und O. Friese aus Berlin. Das Geigenspiel des Fräul. Franziska Friese ist höchst achtbar und anerkennenswerth [...]. Fräulein Ottilie Friese spielte das Concertstück von Weber ganz dilettantenhaft. Das von beiden Damen gespielte H moll-Rondo von Schubert war gleichfalls mangelhaft.“ („Allgemeine musikalische Zeitung“ vom 22. April 1868, S. 135)


    In den folgenden Jahren sind keine Konzerte von Ottilie Friese mehr zu belegen. Ihr weiterer Lebensweg ist unbekannt.

    Würdigung

    Eine angemessene Würdigung der Tätigkeiten Ottilie Frieses wird erst nach weiteren Forschungen möglich sein.

    Rezeption

    Eine Rezeption der Tätigkeiten Ottilie Frieses findet derzeit nicht statt.

    Repertoire

    Eine Repertoireliste Ottilie Frieses kann derzeit aufgrund fehlender Forschungen nicht erstellt werden. Nachgewiesen sind Aufführungen der folgenden Werke:


    Bach, Johann Sebastian. Konzert für drei Cembali (keine Präzisierung möglich)


    Beethoven, Ludwig van. Klaviersonate f-Moll, op. 57 („Appassionata“)

    Beethoven, Ludwig van. Sonate für Violine und Klavier A-Dur, op. 47 („Kreutzer-Sonate“)


    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Klaviertrio c-Moll, op. 66

    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Konzert für Klavier und Orchester d-Moll, op. 40


    Moscheles, Ignaz. „Der Tanz“ D-Dur, op. 129

    Moscheles, Ignaz. „Kindermärchen“ aus den „Charakteristischen Studien“, op. 95


    Ries, Ferdinand. Konzert für Klavier und Orchester cis-Moll, op. 55


    Schubert, Franz. Rondo brillant h-Moll für Violine und Klavier, D 895


    Weber, Carl Maria von. Konzertstück f-Moll, op. 79

    Quellen

    Dokumente


    Archiv der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig, Sign. A. I. 1 Inskriptionsregister, A. I. 2 Inskriptionen und A. I. 3 Zeugnisse, Matrikelnummer 877: Ottilie Friese.



    Literatur


    Artikel „Friese, Hermann“. In: Rigaer Theater- und Tonkünstler-Lexikon. Moritz Rudolph (Hg.), 1890 (verfügbar in wbis – world biographical information system).


    Dörffel, Alfred. Geschichte der Gewandhausconcerte zu Leipzig vom 25. November 1781 bis 25. November 1881. Leipzig: Concert-Direction Gewandhaus, 1884.



    Zeitungsartikel und Konzertrezensionen


    Allgemeine musikalische Zeitung vom 12. Juni 1867, S. 194.

    Allgemeine musikalische Zeitung vom 22. April 1868, S. 135.


    Leipziger allgemeine musikalische Zeitung vom 19. September 1866, S. 307.


    Neue Zeitschrift für Musik vom 31. Oktober 1862, S. 157.


    Signale für die musikalische Welt vom 16. Mai 1867, S. 466.

    Signale für die musikalische Welt vom 20. März 1868, S. 344.


    The New York Musical Weekly and Musical World vom 20. Dezember 1862, S. 807.

    Forschung

    Zu Ottilie Friese liegen keine weiteren Forschungsinformationen vor.

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Ottilie Friese umfasst ihre Biografie sowie ihre Tätigkeiten. Besonders interessant könnte ihre Biografie im Hinblick auf die musikalische Ausbildung und den weiteren Lebensweg von Geschwistern im 19. Jahrhundert sein. Vgl. hierzu auch die Geschwister Marianne und Clara Eissler, Beatrice, May und Margaret Harrison, Clara und Jenny Blauhuth oder Eugenie und Sophie Menter.

    Autor/innen

    Silke Wenzel, 24. Juli 2010


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 09.08.2010


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Ottilie Friese“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 9.8.2010.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Ottilie_Friese