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  • Nina Mendzelevskaya

    von Alfred Hagemann
    Namen:
    Nina Mendzelevskaya
    Lebensdaten:
    geb. in Mogilev,
    gest. in Stuttgart,
    Tätigkeitsfelder:
    Konzertpianistin, Kammersolistin, Korrepetitorin, Klavierpädagogin
    Charakterisierender Satz:

    „Nina Mendzelevskaya spielte bei der Entwicklung der Klavierspielkunst in Weißrussland eine sehr bedeutende Rolle.“


    (Sofja Soldatowa, Lehrstuhlinhaberin an der Fachmusikschule Mogilev und Dozentin an der Musikpädagogischen Universität Minsk, Weißrussland, über Nina Mendzelevskaya; Volkova, S. 255)


    Profil

    Geprägt von der Moskauer Klavierschule der Zwischenkriegszeit (besonders von Heinrich Neuhaus), entwickelte die Klavierdozentin, Solistin und Kammersolistin Nina Mendzelevskaya ihre eigene Klaviermethodik, bildete in Mogilev (Weißrussland) Generationen von Pianistinnen und Pianisten aus, emigrierte aber wegen wiederholter antisemitischer Kampagnen nach Deutschland.

    Orte und Länder

    Nina Mendzelevskayas Biografie bewegt sich, geographisch gesehen, hauptsächlich zwischen Weißrussland und Russland, zwischen der Provinzstadt Mogilev und der Hauptstadt Moskau. Stuttgart wurde in ihren letzten beiden Lebensjahren als Kontingentflüchtling zu einem Neuanfang. Nina Mendzelevskaya gehört damit zu den rund 111.000 Personen aus den baltischen und den GUS-Staaten bzw. zu den rund 220.000 jüdischen Zuwanderern, die nach 1991 in die Bundesrepublik Deutschland kamen.

    Biografie

    Nina Mendzelevskaya wurde am 15. Juli 1918 in Mogilev (Weißrussland) geboren und stammt aus einer jüdischen Familie mit polnischen und russischen Wurzeln. Ihr Vater, Solomon Mendzelevski, wurde in polnischen Radzymin (in der Nähe von Warschau) geboren. Er flüchtete vor antijüdischen Pogromen nach Russland. Der polnische Familienname Mendzelevski blieb in der neuen russischen Umgebung eine Besonderheit. Solomon Mendzelevski arbeitete zunächst als Kellner und war in späteren Jahren der Leiter der Eisenbahnkantine. Er heiratete Chasja Lejwikowa, die Tochter eines Lehrers. Nina war das zweite Kind von sieben Kindern. Lebten Solomon Mendzelevski und seine Frau Chasja ihr Judentum noch konservativ und fromm, so waren ihre Nachkommen bereits assimiliert, aber durch einen entsprechenden Eintrag in ihren Ausweispapieren immer noch als Juden erkennbar. Drei von ihnen wurden Berufsmusiker. Innerhalb der Familie wurde Jiddisch gesprochen.

    1924 erhielt Nina Mendzelevskaya ihren ersten Klavierunterricht, 1926 wechselte sie an Musikschule in Mogilev, zu Ida Merkina. Schon mit zwölf Jahren begleitete Nina Mendzelevskaya Stummfilmvorstellungen im „Haus der Roten Armee“ in Moglilev, im Alter von 12 bis 14 Jahren auch Sänger und Aufführungen des jüdischen Theaters. Theatertourneen durch Weißrussland schlossen sich an. Die reguläre Ausbildung an der Fachmusikschule in Mogilev umfasste fünf Jahre. Ihr erster Duopartner war der 14-jährige Geiger Boris Afanasjew. Um sie zu fördern, schickte der Direktor der Musikschule, Lazar Sisman, Nina Mendzelevskaya im Sommer 1933 zu Rachel Bluman, der Direktorin des Mersljakowski-Konservatoriums unter dem Dach des Moskauer Tschaikowski-Konservatoriums. 1934 wurde Nina Mendzelevskaya nach erfolgreicher Aufnahmeprüfung Studentin der Fachmusikschule. 1938 schloss sie die Fachmusikschule ab und wechselte auf das Tschaikowski-Konservatorium. Nina Mendzelevskaya studierte dort Klavier, Kammermusik, Pädagogik und Klavierbegleitung, u.a. bei Heinrich Neuhaus (1888-1964), Emmanuel Grossman (1913-1954), Grigori Kogan (1901-1979) und Maria Nemenova-Lunz (1878-1954). Zu ihren Kommilitonen und Freunden gehörten u.a. Swjatoslaw Richter (1915-1997), Emil Gilels (1916-1985), Yakov Flier (1912-1977), Teodor Gutman (1905-1985), Anatoly Vedernikov (1920-), Arno Babadschanjan (1921-1983), Näcip Cihanov (1911-1988), und Valentin Berlinsky (1925-2008). Als Studentin arbeitete sie als Korrepetitorin am Lehrstuhl für Violine bei Boris Belenkij (1911-1987). Nina Mendzelevskaya trat in dieser Zeit überall in Moskau und Umgebung in studentischen Konzerten auf: in Schulen, Universitäten, wissenschaftlichen Instituten, Fabriken, Werkstätten, auf Bauernhöfen und bei der Armee. Im Herbst 1941 musste sie ihr Studium wegen des Zweiten Weltkriegs für kurze Zeit unterbrechen, weil das Konservatorium evakuiert wurde. Sie arbeitete in dieser Zeit in Kamskoje Ustje, Republik Tatarstan, als Sprecherin beim Rundfunk. Im Jahr 1942 setzte sie ihr Studium in Saratov, wohin das Moskauer Konservatorium evakuiert worden war, fort. Nina Mendzelevskaya gab Konzerte in Krankenhäusern, für Soldaten und die Arbeiter der Militärfabriken. Im Jahr 1943 nahm das Konservatorium seine Arbeit wieder in Moskau auf. Nina Mendzelevskaya schloss 1945 ihr Studium mit dem Diplom ab. Ihr Diplomzeugnis trägt die Unterschrift von Dmitri Schostakowitsch (1906-1975), der Vorsitzender der Prüfungskommission war. Nina Mendzelevskaya blieb zunächst in Moskau, wo sie als Korrepetitorin am Mersljakowskoje-Konservatorium und als Musikdirektorin des Noginski-Staatstheaters arbeitete. 1948 bedrohten Pogrome ihren Vater und damit das wirtschaftliche Überleben ihrer Familie. 1949 kehrte Nina Mendzelevskaya deshalb aus der Hauptstadt in die Provinz, nach Mogilev, zurück und übernahm an der dortigen Musikhochschule den Lehrstuhl für Klavier („Klavier als Hauptfach“). Sie war eine begehrte Klavierpädagogin und Pianistin, außerdem Korrepetitorin einer Gesangs- und Geigenklasse. Nina Mendzelevskaya gehörte der Kommission für Staats- und Aufnahmeprüfungen an, war Jurymitglied für Stadt- und Gebietswettbewerbe und Beraterin für die Kindermusikschule Nr. 1. . Heinrich G. Neuhaus’ „Kunst des Klavierspiels“ lag stets aufgeschlagen in ihrem Arbeitszimmer, Porträts von Neuhaus und Richter schmückten die Wände. Sie entwickelte als Neuhaus-Schülerin aber bald ihre eigene Klaviermethode und bildete über 100 Pianistinnen und Pianisten aus, die wichtige Preise gewannen und in ihrer weiteren beruflichen Laufbahn prägend für das Musikleben Weißrusslands wurden. Sie gab weiterhin Konzerte – als Solistin, auch mit Sinfonieorchestern, als Kammermusikerin, als Klavierbegleiterin. Nina Mendzelevskaya heiratete 1950 den Violoncellisten Efim Dolgin, einen Klavier- und Geigenbaumeister, der auch Konzertmeister der Minsker Oper war. In zweiter Ehe war sie seit 1954 mit dem Zahnarzt Eugen Drabkin verheiratet. Ihre besondere Liebe gehörte dem Kurort Kislowodsk, an dem sie ihre Geburtstage verbrachte.

    Bei allen Erfolgen hatte sie auch unter Missgunst, Neid und ideologischen Verfolgungen zu leiden. Bereits 1951 hatte sie ihren Bruder Ruwa unterstützt, der als Musiker unter antijüdischen Maßnahmen zu leiden hatte. In den 1970er Jahren, in denen das Sowjetsystem stagnierte, litt sie selbst unter der offenen Hetze. Ihre Schwester berichtete über die „raffinierte moralische Quälerei“ in Weißrussland (Volkova, S. 226), die Nina Mendzelevskayas Persönlichkeit nachhaltig veränderte. 1974 wurde ihr der Lehrstuhl ohne gesetzliche Grundlage oder Angabe von Gründen entzogen. Begabte und interessierte Studenten wurden anderen Dozenten zugewiesen. Die Herabstufung als Korrepetitorin und die Kürzung ihres Deputats brachten sie schließlich auch wirtschaftlich in eine Krisensituation. „Beleidigt und erniedrigt kapselte sich Nina Mendzelevskaya von der Umwelt ab“, resümiert ihre Schülerin Irina Stschedrina (Volkova , S. 302). Nina Mendzelevskaya wurde 1980 schließlich unfreiwillig in den Ruhestand versetzt. Im Jahr 1997 emigrierte Nina Mendzelevskaya mit ihrer Familie nach Deutschland. Sie gehörte zur Gruppe der rund 220.000 Kontingent-Flüchtlinge, die zwischen 1991 und 2004 nach Deutschland einreisen durfte. Zu den Bedingungen für die Ausreise aus Weißrussland gehörte eine Beschränkung des Gepäcks, deshalb konnten nur wenige persönliche Dokumente und Gegenstände mitgenommen werden.

    Nina Mendzelevskaya verlebte ihre letzten beiden Lebensjahre in Stuttgart. In der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs veranstaltete sie Konzerte und nahm auch am „westlichen“ Konzertleben, u.a. an den Veranstaltungen der Bachakademie, teil. Am 8. Januar 1999 starb sie nach schwerer Krankheit und wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Stuttgart begraben. Nina Mendzelevskayas Tochter aus zweiter Ehe, Margarita Volkova-Mendzelevskaya, ist Konzertpianistin, Diplom-Klavierpädagogin, Kammermusikerin, Klavierbegleiterin und Schriftstellerin. Sie verwaltet auch den Nachlass ihrer Mutter.

    Rezeption

    Nina Mendzelevskayas Tochter, Margarita Volkova-Mendzelevskaya, führt als Diplomklavierpädagogin und Inhaberin einer privaten Klavierschule das Werk ihrer Mutter in Stuttgart fort. Außerdem unterrichten Larissa Protsenko (Trier), Valentina Lukac (Aschaffenburg) und Mila Minkina (Dortmund) nach der „Methode Neuhaus-Mendzelevskaya“ in Deutschland.


    Innerhalb des seit 2006 ausgelobten, jährlich stattfindenden Karl-Adler-Wettbewerbs der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs gibt es den „Nina Mendzelevskaya-Sonderpreis für die beste Interpretationdes Werkes eines romantischen Komponisten“.


    An der Fachmusikschule Mogilev (Weißrussland), der ehemaligen Wirkungsstätte Nina Mendzelevskayas, findet seit 2005 im Dreijahresrhythmus ein vom weißrussischen Kulturministerium und der Stadt Mogilev getragener Kindermusikwettbewerb statt, der den Namen Nina Mendzelevskayas trägt.

    Repertoire

    Zum Repertoire von Nina Mendzelevskaya liegen zurzeit keine Quellen vor. Zeitzeugenerinnerungen und einzelne Konzertplakate zeigen folgendes Spektrum: Barock (Bach), Wiener Klassik (Beethoven, Mozart), Romantik (Brahms, Chopin, Schumann) sowie russische Komponisten (Rachmaninow, Skrjabin, Tschaikowski).

    Quellen

    Dieser Artikel stützt sich auf Interviews bzw. schriftliche Auskünfte von Margarita Volkova-Mendzelevskaya im April 2013.



    Literatur


    Margarita Volkova-Mendzelevskaya: Ein Leben für die Musik. Eine Hommage an die Pianistin und Klavierpädagogin Nina Mendzelevskaya, Norderstedt 2008. [zitiert als Volkova] (ISBN 978-3-8334-8907-5)


    Dieses Erinnerungsbuch wurde bereits 2005 in russischer Sprache im Aleteja-Verlag St. Petersburg veröffentlicht. Anlässlich der Buchpremiere erschienen zwei Artikel in russischen Emigrantenzeitungen:


    „Ein Leben in der Musik“. In: Russkaja Germanija [Russisches Deutschland], (Berlin, August 2005). (Original in russischer Sprache)


    Boris Roitblat: „Die Mutter wurde beleidigt - die Tochter hat geantwortet.“ In: Impuls Nr. 9/82 (Stuttgart, 2005), S. 9, 11. (Original in russischer Sprache)



    Links


    http://klavierschule-volkova.com/

    Forschung

    Das erwähnte Erinnerungsbuch von Margarita Volkova-Mendzelevskaya, der Tochter Nina Mendzelevskayas, liegt seit 2005 bzw. 2008 vor, eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Materials steht jedoch noch aus.

    Forschungsbedarf

    Eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Nina Mendzelevskaya müsste bei dem vorhandenen Materialfundus ansetzen. Möglicherweise könnten weitere Quellen in Weißrussland bzw. Russland erschlossen werden. Eine musikhistorische Einordnung in den Kontext der ehemaligen Sowjetunion, besonders in die ehemaligen musikpädagogischen Strukturen und Begrifflichkeiten, wäre für ein angemessenes Verständnis unverzichtbar. Da es über die – immer noch praktizierte Klaviermethodik – keine schriftlichen Dokumente gibt, wären hier Zeitzeugeninterviews und empirische Untersuchungen naheliegend. Für den sowjetischen Bereich wäre eine Vernetzung mit bereits erforschten Biografien sinnvoll, für den deutschen Bereich wäre zu prüfen, inwiefern die Kontingentflüchtlinge nach 1989 auch für einen Kulturtransfer gesorgt haben, für eine Weiterführung russischer bzw. weißrussischer Musiktraditionen unter neuen Bedingungen, d.h. im Musikleben der Bundesrepublik Deutschland.

    Normdaten

    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 130823910

    Autor/innen

    Alfred Hagemann


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back


    Empfohlene Zitierweise

    Alfred Hagemann, Artikel „Nina Mendzelevskaya“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom ...
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Nina_Mendzelevskaya