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    von Lena Haselmann
    Nina Cassian
    Namen:
    Nina Cassian
    Lebensdaten:
    geb. in Galati, Rumänien

    Gelegentlich wird 1930 als ihr Geburtsjahr angegeben (s. Hollfelder).
    Tätigkeitsfelder:
    Komponistin, Pianistin, Dichterin, Filmkritikerin, Journalistin, Übersetzerin
    Charakterisierender Satz:

    „A poet never leaves his country, his native soil, his language, of his own free will.”


    (Nina Cassian, anlässlich ihrer ersten Amerika-Reise 1985 , zitiert nach “Cardinal Points”, Literary Journal: www.stosvet.net/12/cassian/info.html)


    Profil

    Die längst als bedeutende Dichterin gewürdigte Nina Cassian schuf auch ein vielgestaltiges kompositorisches Werk, vor allem für Klavier solo, das es noch zu entdecken gilt.

    Orte und Länder

    Nina Cassian wurde im rumänischen Galati geboren und studierte am Konservatorium in Bukarest. Während einer Gastprofessur in New York Mitte der 1980er Jahre wurde ihr nahegelegt, aus politischen Gründen nicht mehr nach Rumänien zurückzukehren. Seither lebt sie auf Roosevelt Island in New York.

    Biografie

    Nina Cassian wurde am 27.11.1924 in Galati, Rumänien als einzige Tochter einer jüdischen Familie geboren. Ihr Vater, I. Cassian-Matasaru, war ein bekannter Lyriker und Übersetzer. Ihre Mutter sang oft Schubertlieder am Klavier, von ihrem Vater begleitet, so dass Nina früh mit Musik und Poesie in Berühung kam. Wenige Jahre nach ihrer Geburt zog die Familie nach Brasov, wo Nina auf die Prinzessin-Elena-Schule ging. Nach dem Schulabschluss übersiedelten sie nach Bukarest, wo sie sich sechzehnjährig für ein Studium der Literatur am Institut Pompilian der Universität immatrikulierte. Früh fand sie dort Zugang zu intellektuellen Zirkeln und wurde mit sechzehn Jahren Mitglied der Kommunistischen Jugendorganisation Rumäniens. Sie träumte davon, die „Welt aus allen grundlegenden Antagonismen zwischen den Geschlechtern, Rassen, Nationen und Klassen zu befreien“. (zitiert nach Lidia Vianu, „Censorship in Romania“, Budapest, 1998, S.38f.).


    Unentschlossen, in welche Richtung ihr beruflicher Weg führen sollte, bestand sie die Aufnahmeprüfung am Konservatorium für Musik und Deklamation in Bukarest, wo sie fortan Klavier und Komposition studierte. In diese Zeit fallen auch ihre ersten literarischen Versuche, die besonders von den bedeutenden rumänischen Nationaldichtern Tudor Arghezi und Ion Barbu beeinflusst waren. Letzterer, obschon neunundzwanzig Jahre älter, verliebte sich in seine junge Kollegin und begann eine Beziehung mit ihr. Nach dem Ende der Liaison heiratete sie 1943 den kommunistischen Dichter Wladimir Colin.


    Nina Cassians erste literarische Veröffentlichung fiel ins Jahr 1947, als sie mit einem kleinen Bändchen surrealer Gedichte, „La scara 1/1“ (Der Maßstab 1/1), an die Öffentlichkeit trat. Für dieses Buch wurde sie von der offiziellen Kritik scharf angegriffen und als „dekadent“ geschmäht. Sie reagierte eingeschüchtert und verfasste in den Folgejahren nur mehr agitatorische Propagandadichtung, die den Proletarierkult feierte, ganz im Sinne der kommunistischen Parteidoktrin jener Jahre. Zusätzlich vereinfachte sie ihre Sprache und vermied jede metaphorische Komplexität im Dienste einer volksnahen Verständlichkeit.


    Neben den parteitreuen Veröffentlichungen wie „Sufletul nostru“ (Unsere Seele) oder „Tinerete“ (Jugend), floh sie zunehmend ins Reich der Phantasie und begann, Kinderbücher zu schreiben. Diese wurden ihr auch zum Experimentierfeld, um ästhetisch Innovatives auszuprobieren. 1948 erschien ihr erstes erhaltenes musikalische Werk, eine Sonate für Klavier und Violine, der gleich darauf eine kurze Sonatine für Klavier folgte.


    Im selben Jahr ließ sie sich von Colin scheiden und heiratete den zehn Jahre älteren Alexandru Stefanescu, mit dem sie bis zu seinem Tod im Jahr 1985 zusammenblieb.


    Nebenher gelang es Cassian, sich als bedeutende Übersetzerin der Werke von Bertold Brecht, William Shakespeare, Christian Morgenstern und Paul Celan ins Rumänische einen Namen zu machen. Ihren Lebensunterhalt verdiente sie jedoch vor allem als Journalistin, unter anderem für das Magazin „Orizont“.


    1950 entstand ihr erstes größeres Werk, die „Songs for the Republic“ für Chor und Orchester, dem 1955 die Suite „Grivita“ für großes Orchester folgt. Insbesondere im ersteren Werk war sie sehr darauf bedacht, den sowjetisch fremdbestimmten Machthabern zu gefallen und deren Doktrin einer neuen Folklore zu folgen.

    Ende der 1950er Jahre nutzte sie die politische Tauwetter-Periode, um wieder zu ihrer eigenen dichterischen Sprache zurückzufinden. Es erschienen Gedichtsammlungen wie „Singele“ (Blut). Zu ihren zentralen Themen wurden der menschliche Körper und die Leidenschaft, sowohl im erotischen Sinne wie auch als Fähigkeit des Menschen, Schmerzen zu erdulden.


    Seit den 1970er Jahren wurden ihre Gedichte in viele Sprachen übersetzt, zuerst ins Französische, dann ins Spanische, bald ins Deutsche. Schließlich auch von bedeutenden Autoren wie Carolyn Kizer oder Stanley Kunitz ins Englische.


    Nach einigen Jahren, in denen vor allem kurze Klavierstücke entstanden waren, schrieb sie 1975 mit der Symphonischen Suite für Kammerorchester „The Cat by Itself“ wieder ein umfangreicheres Werk, in dem sie moderne Kompositionstechniken mit folkloristischem Material verband.


    Ende der 1970er Jahre trat sie in Rumänien mit einigen Schauspielmusiken an die Öffentlichkeit, zumeist für Kindertheaterstücke, so zu Jonathan Swifts „Gullivers Reisen“.


    1980 bekannte sie sich mit den „Tonal Fascinations“ für Streichorchester wieder ganz zum tonalen Komponieren und ließ fortan experimentelle Techniken und ihre Beschäftigung mit Schönbergs Dodekaphonie in den Hintergrund treten.


    1982 erhielt sie den Preis der Bukarester Schriftsteller Vereinigung für „De indurare“ („Vom Ertragen“).


    Drei Jahre später ermöglichte ihr ein „Soros“-Stipendium die Annahme einer Gastprofessur für Creative Writing in New York an der New York University. Während ihres Aufenthalts musste sie erfahren, dass ein enger Freund, der Ingenieur, Dichter und Dissident Gheorghe Ursu, verhaftet worden und an den Folgen gewalttätiger Befragungen verstorben war. Außerdem teilte man ihr mit, dass man in seinen Tagebüchern belastende Aufzeichnungen von ihr und über sie gefunden habe, z.B. einige regimekritische satirische Gedichte, so dass an eine Rückkehr in ihre Heimat nicht mehr zu denken war. Sie beantragte und erhielt politisches Asyl in den Vereinigten Staaten von Amerika, wo weitere Gedichtsammlungen erschienen, u.a. in angesehenen Zeitschriften wie dem „New Yorker“ oder der „American Poetry Review“. Finanziell über Wasser hielt sich Cassian vor allem mit Übersetzertätigkeiten.


    Bis zum Tode Ceauşescus wurde ihr Name aus der offiziellen Literaturgeschichtsschreibung Rumäniens getilgt.


    1986 gab sie das Komponieren auf und widmete sich von nun an, ermöglicht durch ein Yaddo Fellowship und einen Fulbright Grant, ausschließlich ihrer Arbeit als Schriftstellerin.


    1998 erschien ihr erstes Buch, das sie vollständig in englischer Sprache verfasst hatte, eine Sammlung neuer Gedichte mit dem Titel „Take my word for it“. An die Seite ihrer ständigen Themen wie Liebe, Leidenschaft und Verlust trat darin das Altern in den Mittelpunkt der Beschäftigung

    Zur Zeit arbeitet Nina Cassian an ihrer Autobiografie.

    Würdigung

    Nina Cassian war und ist eine außerordentliche Frau, eine vielseitig beschlagene und aktive Intellektuelle, die sich neben ihrer Tätigkeit als Dichterin auch als Kritikerin, Übersetzerin und Komponistin hervorgetan hat, wobei ihr kompositorisches Schaffen stets im Schatten ihrer schriftstellerischen Tätigkeiten gestanden hat. Ihre eigenen Gedichte hat sie allerdings nie vertont.

    Für ihr künstlerisches Schaffen erhielt sie zahlreiche literarische Preise, so 1969 und 1982 den Preis der Schriftsteller Gewerkschaft Rumäniens.

    Rezeption

    Die Würdigungen Nina Cassians als bedeutendste Dichterin Rumäniens nehmen ständig zu, besonders in den USA, dagegen ist ihr kompositorisches Schaffen völlig im Schatten geblieben, so dass von einer Rezeption nicht die Rede sein kann. Auch wenn ihre Werke in einschlägigen Lexika - wie z.B. ihr „Klavierquintett“, die „8 Préludes et inventions“, die „Toccata“, die „Sonatine“ und ihre „Caprices“ in Peter Hollfelders „Klavier-Musik“ - Führer („Die Klavier-Musik“, Hamburg, 1999, S. 601) - in Einzeleinträgen genannt werden, ist ihre Musik weder auf Tonträgern und nur vereinzelt in Notenmaterial zugänglich.

    Werkverzeichnis

    Kompositionen


    Sonate für Klavier und Violine (1948)


    Sonatine für Klavier (1949)


    “Songs for the Republic” - für Orchester und Chor (1950)

    8 Préludes et inventions - für Klavier (1954)


    „Grivita“ [Name eines Stadtviertels von Bukarest], Symphonisches Gedicht für Orchester (1955)


    Toccata für Klavier (1955)


    2 Lieder nach Gedichten von Mihail Eminescu (1957)


    “The Cat by Itself” - Symphonische Suite für Kammerorchester (1975)


    Schauspielmusik zu “Gullivers Reisen” für Kammerorchester (1978)


    7 Caprici für Klavier (1978)


    Musik für ein Puppenspiel: „Fearless Nicky“ für Kammerorchester (1979)


    „Tonal Fascinations“ - für Streichorchester (1980)


    „Vivarium: Dezett“ - für 5 Stimmen und 5 Blechbläser (1981)


    2 Liebeslieder a capella (1983)


    “Variation Perpetua” - Klavierquintett (Vl, Vla, Vlc, Clar, Pn) (1984)


    „The Magic Clarinet“ - für Klarinette und Klavier (1985)


    „2 x 5 Fingers“ - Stück für Klavier (1986)


    Gedichtbände


    La scara 1/1. Gedichte, Bukarest, 1947.


    Sufletul nostru. Gedichte, Bukarest, 1949.


    An viu - nouă sute și șaptesprezece. Gedichte, Bukarest, 1949.


    Nică fără frică. Gedichte, Bukarest, 1950.


    Ce-a văzut Oana. Gedichte, Bukarest, 1952.


    Horea nu mai este singur. Gedichte, Bukarest, 1952.


    Tinereț. Gedichte, Bukarest, 1953.


    Florile patriei. Gedichte, Bukarest, 1954.


    Versuri alese. Gedichte, Bukarest, 1955.


    Vârstele anului. Gedicht , Bukarest, 1957.


    Dialogul vântului cu marea. Gedichte, Bukarest, 1957.


    Prințul Miorla. Gedichte, Bukarest, 1957.


    Botgros, cățel fricos. Gedichte, Bukarest, 1957.


    Chipuri hazlii pentru copii. Gedichte, Bukarest, 1958.


    Aventurile lui Trompișor. Gedichte, Bukarest, 1959.


    Inverno (Iarna). Gedichte, Rom, 1960.


    Spectacol în aer liber. Gedichte, Bukarest, 1961.


    Sărbători zilnice. Gedichte, Bukarest, 1961.


    Încurcă-lume. Gedichte, Bukarest, 1961.


    Poezii. Gedichte. Bukarest, 1962.


    Curcubeu. Gedichte, Bukarest, 1962.


    Să ne facem daruri. Gedichte, Bukarest, 1963.


    Îl cunoașteți pe Tică? Gedichte, Bukarest, 1964.


    Disciplina harfei. Gedichte, Bukarest, 1965.


    Singele. Gedichte, Bukarest, 1966.


    Destinele paralele. Gedichte, Bukarest, 1967.


    Uită-l este... uită-l nu e, piesă pentru copii, Bukarest, 1967.


    Ambitus. Gedichte. Bukarest, 1969.


    Povestea a doi pui de tigru numiți Ninigra și Aligru, poveste in Bukarest, 1969.


    Întâmplări cu haz. Gedichte, Bukarest, 1969.


    Cronofagie. 1944-1969. Gedichte, Bukarest, 1970.


    Recviem. Gedichte, Bukarest, 1971.


    Marea conjugare. Gedichte, Cluj, 1971.


    Atât de grozavă și adio. Confidențe fictive, Bukarest, 1971


    Loto-Poeme. Gedichte, Bukarest ,1971.


    Spectacol în aer liber. O altă monografie a dragostei. Gedichte, Bukarest, 1974.


    Între noi copiii, Bukarest, 1974.


    O sută de poeme, selecția autoarei, in Zusammenarbeit mit Șerban Foarță, Bukarest 1975.


    Suave. Gedichte, Bukarest, 1977.


    De îndurare. Gedichte, Bukarest, 1981.


    Blue Apple (Mărul albastru). Ins Englische übertragen von Eva Feiler, New York, 1981.


    Lady of Miracles. Gedichte, Bukarest, 1982.


    Numărătoarea inversă. Gedichte, Bukarest, 1983.


    Jocuri de vacanță. Gedichte und Kurzprosa, Bukarest,

    1983.


    Roșcată ca arama și cei șapte șoricar. Bukarest, 1985.


    Lady of Miracles. Ins Englische übertragen von Laura Schiff. Berkeley, 1988.


    Call Yourself Alive? Gedichte, ins Englische übertragen von Brenda Walker und Andreea Deletant. London, 1988 (ed. II, 1989).


    Life Sentence. Ausgewählte Gedichte, herausgegeben von William Jay Smith. New York und London, 1990


    Cheerleader for a Funeral. Übertragen von Brenda Walker. London und Boston, 1992.


    Cearta cu haosul. Gedichte und Kurzprosa (1945-1991), Bukarest, 1993.


    Desfacerea lumii: 1984-1996. Gedichte, Bukarest, 1997.


    Take My Word for It. Gedichte, New York, 1998.


    Something Old, Something New. Gedichte, Alabama, 2002.


    Memoria ca zestre. Cartea I: 1948-1953, 1975-1979, 1987-2003; Cartea II: 1954-1985, 2003-2004, Bukarest, 2003-2004.

    Quellen

    Interviews und Zeitungsartikel:

    Quellen und Werkverzeichnis nach Briefwechsel mit Nina Cassian.


    Sekundärliteratur:


    Zur Komponistin Nina Cassian existiert so gut wie keine Sekundärliteratur, abgesehen von Hollfelders oben genanntem Artikel in Peter Hollfelders „Klavier-Musik“ - Führer „Die Klavier-Musik“, Hamburg, 1999, S. 601 sowie einigen unter Links aufgeführten Internetseiten.



    Links


    http://www.enotes.com/nina-cassian-criticism/cassian-nina


    http://www.independent.co.uk/arts-entertainment/books-poetry-in-brief-1078999.html


    http://english.agonia.net/index.php/author/0002146/index.html


    http://atelier.liternet.ro/articol.php?art=1602


    http://www.revistatango.ro/celebritati/interviuri/nina-cassian-nu-ma-plang-am-iubit-si-am-fost-iubita-1531.html


    http://www.constantinroman.com/blouseroumaine/page_quo_05.html


    http://www.rri.ro/arh-art.shtml?lang=1&sec=13&art=18166

    Forschungsbedarf

    Eine Biografie steht bisher aus, wobei Nina Cassian derzeit an ihrer Autobiografie arbeitet. Ob es der über Neunzigjährigen allerdings gelingen wird, diese zu vollenden, steht dahin. Genauso fehlt jegliche Sichtung und Aufarbeitung, geschweige denn eine musikwissenschaftliche Analyse und Würdigung ihres kompositorischen Werks. Nach Cassian befinden sich weitere Noten in der Rumänischen Nationalbibliothek. Ebenfalls sollen in den Ton-Archiven des Radio Romania aufgezeichnete Konzerte vorliegen, an die aber bis dato nicht heranzukommen war.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 36959723
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 128393785
    Library of Congress (LCCN): n50034120
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Lena Haselmann


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Ellen Freyberg
    Zuerst eingegeben am 07.08.2012


    Empfohlene Zitierweise

    Lena Haselmann, Artikel „Nina Cassian“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 7.8.2012.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Nina_Cassian