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  • Nanette von Schaden

    von Klaus Martin Kopitz
    Nanette von Schaden, Fotografie einer anonymen Miniatur
    Namen:
    Nanette von Schaden
    Geburtsname: Anna Stadler
    Lebensdaten:
    geb. vor in Ebelsberg bei Linz (heute Stadtteil von Linz), Österreich
    gest. in Regensburg, Deutschland

    Das genaue Geburtdatum ist nicht bekannt, beim angegebenen Datum handelt es sich um das Taufdatum.
    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin, Komponistin, Sängerin
    Charakterisierender Satz:

    „Zwar ist die musikalische Geschichte keine Dilettantengeschichte; wenn sich aber bloße Liebhaber zu der Höhe emporschwingen, wie die Frau von Schad [!], so verdienen sie nicht nur bemerkt, sondern auch angepriesen zu werden.“


    Christian Friedrich Daniel Schubart, Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst, hg. von Ludwig Schubart, Wien 1806, S. 169.


    Profil

    Sie war eine der wenigen herausragenden Pianistinnen ihrer Zeit.

    Orte und Länder

    Die Wirkungsstätten Nanette von Schadens waren Linz, Wien, Wallerstein, Augsburg und Regensburg.

    Biografie

    Nanette von Schaden wurde in der heute zu Linz gehörenden Gemeinde Ebelsberg geboren und dort am 2. Juni 1763 auf die Namen Anna Maria Leopoldine Theresia Elisabetha getauft. Ihr Rufname war vermutlich Anna, der Name Nanette findet sich nur in der Literatur. Sie war ein uneheliches Kind des Salzburger Hofkriegsratsdirektors Graf Leopold von Pranck (1728–1793) mit Walburga Stadler aus Thalheim bei Wels. Ab 1774 lebte sie in Wien im Hause des Reichshofrats Friedrich Freiherr von Mauchart (um 1736–1781), wo sie eine universelle Bildung und eine profunde Ausbildung als Pianistin und Sängerin erhielt. Klavierunterricht erteilte ihr insbesondere der hauptsächlich im schwäbischen Wallerstein tätige Hofmusikdirektor, Komponist und Pianist Ignaz von Beecke (1733–1803), der sich damals längere Zeit in Wien aufhielt.


    Am 4. November 1779 heiratete die 16-Jährige im Wiener Stephansdom den 25-jährigen Juristen Joseph von Schaden (1754–1814), Regierungsassessor in Diensten des Fürsten Kraft Ernst von Oettingen-Wallerstein (1748–1802), der sich im Auftrag seines Fürsten seit drei Jahren vornehmlich in Wien aufhielt. Kurz nach der Hochzeit zog das Ehepaar nach Wallerstein. Anna von Schaden erwarb sich dort rasch einen guten Ruf als Pianistin und erhielt ab 1781 eine jährliche Pension des fürstlichen Hauses in Höhe von 200 Gulden, was darauf hindeutet, dass sie in den Aufführungen der Hofkapelle, die der Komponist Antonio Rosetti (1750–1792) leitete, eine wichtige Rolle spielte. Erhalten ist der Anschlagzettel von einem „Liebhaber Concert“, bei dem sie am 2. März 1786 ein Klavierkonzert von Ignaz von Beecke spielte (Schloss Harburg, Fürstlich Oettingen-Wallersteinsches Archiv, zit. nach Günther Grünsteudel, Zur Biographie der Pianistin Anna (Nanette) von Schaden (1763–1834), in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben, Jg. 101 (2007), S. 219–240, hier S. 223).


    Der schwäbische Dichter und Komponist Christian Friedrich Daniel Schubart (1739–1791), der die Wallersteiner Kapelle gut kannte, erinnert sich an die Musiker in seinen „Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst“, die er 1784/85 in der Festungshaft verfasste. Dort heißt es über Nanette von Schaden: „Frau von Schad. Zwar ist die musikalische Geschichte keine Dilettantengeschichte; wenn sich aber bloße Liebhaber zu der Höhe emporschwingen, wie die Frau von Schad, so verdienen sie nicht nur bemerkt, sondern auch angepriesen zu werden. Sie ist eigentlich eine Schülerin von Beeke, spielt aber weit geflügelter als ihr Meister, und in mehreren Stylen. Ihre Hand ist glänzend, und gibt dem Clavier Flügel. Sie liest mit unbeschreiblicher Fertigkeit; und doch blickt auch bey ihr das Weib hervor. Sie schnellt den Tact, grimmassirt zuweilen, und verkünstelt das Adagio. Nicht eignes Herzblut quillt – wenn sie Empfindungen ausdrückt, sondern immer ist’s Manier des Meisters. Was durch Mechanismus vorgetragen werden kann, das trägt sie meisterhaft vor; wo aber Genie gelten soll, da herrscht weibliche Ohnmacht: sie zappelt alsdann auf den Tasten wie eine geschossene Taube, und ihr Leben verlischt.“ (Christian Friedrich Daniel Schubart, Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst, hg. von Ludwig Schubart, Wien 1806, S. 169.)


    Wenn Schubart die brillante Technik Nanette von Schadens lobt, ihr aber eine tiefere Gestaltungsfähigkeit abspricht, so folgt er damit durchaus dem Zeitgeist, nach der eine Frau – quasi naturbedingt – kein „Genie“ haben konnte. Noch weitaus später sah sich Clara Schumann mit ähnlichen Unterstellungen konfrontiert.


    Um die Jahreswende 1786/87 ging Nanette von Schaden mit ihrem Ehemann nach Augsburg, als Schaden dort unter Beibehaltung seines Hofrats-Titels als Ratskonsulent in augsburgische Dienste trat.


    Anfang April 1787 machte das Ehepaar Schaden in München die Bekanntschaft des 16-jährigen Ludwig van Beethoven, der in Wien mit Mozart zusammengetroffen war und sich auf der Rückreise nach Bonn befand. Das Münchner „Wochen Blat“ [!] meldet unter den am 1. April 1787 eingetroffenen Fremden: „Bei Hrn. Albert, Weingastgeber zum schwarzen Adler in der Kaufingergasse. […] Den 1 April. Herr Peethofen [!], Musikus von Bonn bei Kölln. […] Herr von Schaden, mit dessen Frau, von Wallerstein, mit 1 Bed.[ienten]“ (Kurfürstlich gnädigst privileg. Wochen Blat, Nr. 14 vom 4. April 1787). Beethoven reiste mit dem Ehepaar von Schaden nach Augsburg weiter, traf dort auch mit Nannette Stein zusammen und erhielt von Schaden eine finanzielle Unterstützung für die Rückreise nach Bonn. Beethoven wäre vermutlich länger in Augsburg geblieben, wollte jedoch seine Mutter noch einmal sehen, die schwer krank war und am 17. Juli 1787 in Bonn verstarb. Am 5. September 1787 schrieb Beethoven Joseph von Schaden vom Tod der Mutter in seinem frühesten erhaltenen Brief. Weiter heißt es dort: „die außerordentliche güte und freundschaft, die sie hatten mir in augspurg drey k[a]r[o]lin zu leihen, muß ich sie bitten noch einige nachsicht mit mir zu haben; meine reise hat mich viel gekostet, und ich habe hier keinen ersaz auch den geringsten zu hoffen; das schiksaal hier in Bonn ist mir nicht günstig.“ (Ludwig van Beethoven, Briefwechsel. Gesamtausgabe, Band 1, hrsg. von Sieghard Brandenburg, München 1996, S. 5–7). Die Familie war in der Tat hoch verschuldet. Ob Beethoven das Geld später zurückgezahlt hat, ist nicht bekannt.


    Bereits 1788 setzte der Augsburger Lokalhistoriker Paul von Stetten (1731–1808) Nanette von Schaden in seiner Geschichte der Stadt ein kleines Denkmal: „Als Liebhaberinn der Kunst aber, giebt durch bewundernswürdige Geschicklichkeit auf dem Piano forte die nach dem Urtheil aller Kenner wenige ihres gleichen findet, Frau Anna von Schaden, gebohrne von Stadler aus Wien [!], Gattin des gelehrten Herrn Rathskonsulenten und Fürstlich Oettingen-Wallersteinischen Hofraths von Schaden, ein Frauenzimmer, auch in andern Stücken, besonders in Sprachen, in der Singkunst, im Zeichnen und in allen ihrem Geschlechte rühmlichen Künsten, von ausgezeichneten Talenten, den hiesigen musikalischen Uebungen sehr große Zierde. Ihre musicalische Stärke beweisen nicht nur die trefflichsten Ausübungen, sondern auch, die von ihr selbst componierten große und meisterhafte Concerte davon erst kürzlich zwey zu Mannheim, durch gestochenen Notendruck bekannt gemacht worden sind.“ (Paul von Stetten, Kunst- Gewerb- und Handwerks-Geschichte der Reichs-Stadt Augsburg, Band 2, Augsburg 1788, S. 319).


    Die genannten zwei Klavierkonzerte sind höchstwahrscheinlich jene, die 1788/89 im Verlag von Heinrich Philipp Bossler (1744–1812) in Speyer (nicht in Mannheim) erschienen, und bei denen außer Nanette von Schaden auch der mit ihr befreundete Antonio Rosetti als Komponist angegeben ist. Bei beiden Konzerten, die in G-Dur und B-Dur stehen, ist davon auszugehen, dass der Orchesterpart ausschließlich von Rosetti stammt. Inwieweit er auch bei der Ausarbeitung der Klavierstimme half, lässt sich nicht entscheiden. Es sind fast die einzigen Kompositionen, die von Nanette von Schaden überliefert sind bzw. die sich ihr mit Sicherheit zuschreiben lassen. Zu erwähnen sind darüber hinaus noch ein Rondo, das 1787 mit der Autorenangabe „Schaden“ in Bosslers Sammelwerk „Blumenlese für Klavierliebhaber“ erschien, sowie sieben Variationen in C-Dur einer „Nani von Schaden“, deren Manuskript sich in der Bischöflichen Zentralbibliothek in Regensburg befindet. Während das Rondo wohl von Nanette von Schaden stammt, scheinen die Variationen eher ein Werk ihrer Tochter Maria Anna Antonie sein, die sich tatsächlich „Nani de Schaden“ nannte (Uta Goebl-Streicher, Zwei musikalische Nannetten in Augsburg. Nanette von Schaden und Nannette Streicher née Stein, in: Elena Ostleitner (Hg.), „Ein unerschöpflicher Reichthum an Ideen…“ Komponistinnen zur Zeit Mozarts (= Frauentöne, Band 6), Strasshof 2006, S. 80).


    1789 kam der bekannte Komponist und Musikschriftsteller Johann Friedrich Reichardt (1752–1814) auf der Durchreise nach Italien nach Augsburg und äußerte sich äußert lobend über das Klavierspiel Nanette von Schadens. In einem Brief aus Augsburg schreibt er: „Meinen Tag hab’ ich hier sehr musikalisch zugebracht, getheilt zwischen der Frau von Schaden, die unter allen musikalischen Damen, die ich kenne, selbst die Pariserinnen nicht ausgenommen, bei weitem die größte Klavierspielerin ist, ja an Fertigkeit und Sicherheit vielleicht von keinem Virtuosen übertroffen wird; auch singt sie mit vielem Ausdruck und Vortrag, und ist in jedem Betracht eine angenehme, interessante Frau; – und dem berühmten Instrumentenmacher Stein und seiner Familie. (Musikalisches Wochenblatt, hg. von Friedrich Ludwig Aemilius Kunzen und Johann Friedrich Reichardt, Berlin 1793, Heft 1, S. 30.)


    Mit der sechs Jahre jüngeren Nannette Stein (1769–1833), der Tochter des genannten Klavierbauers Johann Andreas Stein (1728–1792), verband Nanette von Schaden eine enge Freundschaft. Man traf sich regelmäßig zu gemeinsamem Musizieren, teils öffentlich, teils im privaten Kreis. Am 31. Mai 1792 schreibt Nannette Stein an ihren Verlobten Andreas Streicher: „Sonntag war ich bei Frau von Schaden die mir Ihren Brief übergab, und Montag erst erhielt ich die Musikalien; […] Sie können nicht glauben wie ich mir manchmal bei Frau von Schaden Mühe gebe die Streicherischen Pasagen, worunter ich hauptsächlich die Sechsten die Terzen und doppelt Triller zähle heraus zu bringen, Sie würden manchmal lachen, wenn Sie sehen könnten, wie ich Triompfiere wenn ich so glüklich bin eine derselben vor der Schaden heraus zu bringen, den Sie müßen wißen daß es immer um die Wette geht, die Schaden ruft oft aus, die verzweifelte Nanette was eben von Streicher kömt das hat sie gleich gelernt.“ („Diesem Menschen hätte ich mein ganzes Leben geben mögen“. Beethoven und die Wiener Klavierbauer Nannette und Andreas Streicher, hg. von Uta Goebl-Streicher, Jutta Streicher und Michael Ladenburger, Bonn 1999, S. 61f.)


    Anfang Januar 1793 trennte sich das Ehepaar Schaden – offenbar in gegenseitigem Einvernehmen. Nanette von Schaden zog mit ihren beiden Töchtern Maria Anna Antonia (1784–1819) und Josepha Amalia (1786–1843) zu ihrem Vater, dem Grafen von Pranck, der in Regensburg seinen Lebensabend verbrachte und dort im Mai 1793 verstarb. Obwohl Nanette von Schaden noch über 40 Jahre lebte, sind aus ihrer Regensburger Zeit keine Nachrichten mehr über eine künstlerische Tätigkeit bekannt.


    1838, vier Jahre nach ihrem Tod, erinnerte das Musiklexikon von Schilling an sie mit den Worten: „Schaden, Frau Nanette von, geborene von Pranck aus Salzburg, glänzte zu Ende des vorigen Jahrhunderts als Claviervirtuosin, obschon sie ihre Kunst nur als Dilettantin und durchaus nicht als Beruf übte. Um 1788 lebte sie zu Wallerstein. Damals stellte man sie den ersten Clavierspielern Deutschlands und Frankreichs zur Seite.“ (Gustav Schilling, Encyclopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften oder Universal-Lexicon der Tonkunst, Band 6, Stuttgart 1838, S. 159.)

    Würdigung

    Eine Würdigung Nanette von Schadens ist derzeit nicht möglich, da sie nur wenige Spuren hinterlassen hat.

    Rezeption

    Eine Rezeption des Lebens und Schaffens von Nanette von Schaden ist nicht nachweisbar – abgesehen von einem Eintrag in die „Encyclopädie“ von Gustav Schilling (1838).

    Werkverzeichnis

    Rondo (Allegro molto), 1787;

    Klavierkonzert B-Dur (zusammen mit Rosetti), 1788/89;

    Klavierkonzert G-Dur (zusammen mit Rosetti), 1788/89.

    Quellen

    Literatur


    Christian Friedrich Daniel Schubart, Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst, hg. von Ludwig Schubart, Wien 1806.


    Paul von Stetten, Kunst-Gewerb- und Handwerks-Geschichte der Reichs-Stadt Augsburg, Band 2, Augsburg 1788.


    Erich Schenk, Beethovens Reisebekanntschaft von 1787: "Nanette von Schaden", in: Festschrift Karl Gustav Fellerer zum 60. Geburtstag, hg. von Heinrich Hüschen, Regensburg 1962, S. 461–473.


    „Diesem Menschen hätte ich mein ganzes Leben geben mögen“. Beethoven und die Wiener Klavierbauer Nannette und Andreas Streicher, hg. von Uta Goebl-Streicher, Jutta Streicher und Michael Ladenburger, Bonn 1999.


    Günther Grünsteudel, "Zur Biographie der Pianistin Anna (Nanette) von Schaden (1763–1834)", in: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben, Jg. 101 (2007), S. 219–240.


    Günther Grünsteudel, „’Ihre Hand ist glänzend und gibt dem Clavier Flügel.’ Die Pianistin Anna (Nanette) von Schaden", in: Rosetti-Forum, Heft 12 (2011), S. 3–22.

    Forschung

    Mit Nannette von Schaden sowie auch ihrem Gatten haben sich speziell Erich Schenk und neuerdings Günther Grünsteudel befasst.

    Forschungsbedarf

    Wertvoll wäre eine detaillierte Biografie, was jedoch schwierig werden dürfte, da sich dazu vermutlich kaum noch neue Quellen erschließen lassen.

    Normdaten

    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 103943013

    Autor/innen

    Klaus Martin Kopitz


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Ellen Freyberg
    Zuerst eingegeben am 03.07.2012


    Empfohlene Zitierweise

    Klaus Martin Kopitz, Artikel „Nanette von Schaden“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 3.7.2012.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Nanette_von_Schaden