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    von Melanie Unseld
    Nancy Storace. Strich von Pietro Bettelini, 1788
    Namen:
    Nancy Storace
    Varianten: Nancy Sorace, Nancy Ann(a) Selina Storace, Nancy Ann(a) Selina Sorace
    Lebensdaten:
    geb. in Marylebone, England
    gest. in Herne Hill (Dulwich), England

    Bei Hodges (Hodges 1989, S. 101) wird der 23.08.1817 als Sterbedatum angegeben.
    Tätigkeitsfelder:
    Sängerin
    Charakterisierender Satz:

    „Of her talents as an Actress and vocal Performer nothing need be said, as the public well knew and highly admired her in both Capacities […] none of her successors have equalled her original humour and spirit. She was an excellent musician, and if her voice had been equal to her knowledge and taste, she would, perhaps, have been without a rival.“ (Nachruf aus „The Morning Chronicle“, 26. August 1817, zit. nach Hodges 1989, S. 101.)


    Profil

    Nancy Storace ist vor allem als erste „Susanna“ in Mozarts „Le nozze di Figaro“ im historischen Gedächtnis geblieben. Darüber hinaus war sie in ihren Wiener Jahren die unumstrittene Prima buffa der dortigen Bühnen. Nach ihrer Rückkehr nach London feierte sie vor allem in Opern ihres Bruders Stephen Storace große Erfolge.

    Orte und Länder

    Nancy Storace war gebürtige Engländerin, ging aber bereits mit 13 Jahren nach Italien, wo sie ihre ersten großen Erfolge feierte. 1783 wurde sie nach Wien engagiert, wo sie bis 1787 blieb. Danach kehrte sie nach England (London) zurück und blieb dort – bis auf eine vierjährige Europatournee nach Frankreich, Italien und Deutschland – ansässig.

    Biografie

    Am 27. Oktober 1765 wurde Nancy Storace in Marleybone geboren und auf den Namen Ann Selina getauft. Bereits mit acht Jahren hatte sie ihre ersten Auftritte als Sängerin. Sie erhielt Unterricht bei Antonio Sacchini und Venanzio Rauzzini und feierte 1776 ihr Operndebüt am King’s Theatre (London). 1778 begab sie sich zusammen mit ihren Eltern auf eine Reise nach Italien, wo eine Vervollkommnung ihrer Ausbildung geplant war. Bereits ab 1779 aber war Nancy Storace an diversen Opernhäusern in Italien engagiert, darunter Florenz, Lucca, Treviso, Livorno, Parma, Turin, Mailand und Venedig. 1783 kam sie als Hofsängerin nach Wien, wo sie u.a. Wolfgang Amadeus Mozart kennenlernte. Sie avancierte hier rasch zu einer der bekanntesten und beliebtesten Sängerinnen ihres Fachs. In Wien heiratete sie den Violinisten und Komponisten John Abraham Fisher, die Ehe ging aber bald nach der Hochzeit in die Brüche: Man warf dem Ehemann die Misshandlung seiner Frau vor und Joseph II. verwieß ihn deshalb der Stadt. Im Sommer 1785 gebar Nancy Storace eine Tochter, die allerdings kurz nach der Geburt starb. Bereits im September 1785 kehrte Nancy Storace auf die Bühne zurück, begeistert gefeiert mit der zu diesem Anlass von Mozart, Salieri u.a. komponierten Kantate „Per la ricuperata salute di Ophelia“ (Text: Lorenzo da Ponte). 1786 trat sie als erste Susanna in Mozarts „Le nozze di Figaro“ auf. Am 23. Februar 1787 veranstaltete sie eine Abschiedsakademie, für die Mozart ihr die Arie „Non temer amato bene“ (KV 505) komponiert. Sie kehrte nach London zurück, wo sie zwischen 1787 und 1797 diverse Engagements am King’s Theatre und anderen Londoner Bühnen hatte. Daneben trat sich auch bei Konzerten und Oratorien-Aufführungen auf. 1797-1801 unternahm sie eine Konzertreise mit dem Tenor und Lebensgefährten John Braham (Frankreich, Italien, Deutschland). Am 3. Mai 1802 brachte sie ihren Sohn William Spencer Harris Braham in London zur Welt. Sie zog sich 1808 von der Bühne zurück und starb am 24. (oder 23.) August 1817 in Herne Hill (Dulwich).

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    Anna Selina Storace wurde als Tochter des italienischen Kontrabassisten Stefano Sorace (das „t“ wurde erst später in den Namen eingefügt) und der Engländerin Elizabeth Trusler in Marylebone geboren. Sie hatte einen drei Jahre älteren Bruder, Stephen, der wie Nancy eine frühe musikalische Begabung zeigte. Beide Kinder wurden bestmöglich gefördert – Stephen im Hinblick auf eine Laufbahn als Komponist und Kapellmeister, Nancy als Sängerin. Dieser früh erkennbare Ausbildungsunterschied scheint nicht allein auf der Basis der Begabung der Kinder gefällt worden zu sein. Denn zum einen wird Stephen später auch als Sänger erwähnt (hatte offenbar also ebenfalls gute stimmliche Voraussetzungen), zum anderen scheint für diese frühe Entwicklungsförderung ein geschlechtsspezifischer Hintergrund relevant gewesen zu sein: auch bei den Geschwistern Mozart ist eine derartige Ausbildungslenkung erkennbar: Maria Anna („Nannerl“) Mozart als Pianistin, Wolfgang Amadeus Mozart als Komponist bzw. Kapellmeister (vgl. dazu Rieger 1990, S. 69 et passim).


    Erste Erfolge

    1773 trat Nancy Storace erstmals bei Konzerten, zusammen mit ihrem Vater und ihrem Bruder Stephen in Southampton und Salisbury auf. Als singendes Wunderkind fand sie dabei viel Beifall: „Wir dürfen nicht versäumen, den Verdiensten der Miss Storace Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: Sie sang einige Lieder mit großer Empfindung und Verständigkeit und ließ dabei außerordentliche Zeichen eines frühen musikalischen Genius erkennen“, vermerkt das „Salisbury Journal“ zu diesem Anlass (zit. nach Jenkins 1998, S. 97, Übers.: M.U.). Nancy Storace erhielt eine profunde Gesangsausbildung bei Antonio Sacchini und bei dem bekannten Kastraten und Komponisten Venanzio Rauzzini (1746-1810). Beim Londoner Bühnenabschied Rauzzinis (1777) trat seine Schülerin in dessen Kantate „La partenza“ auf. Kurz zuvor, am 29. Dezember 1776 war sie als Cupido in Rauzzinis Oper „L’ali d’amore“ auf der Bühne des King’s Theatres zu hören gewesen.

    1778 brach die Familie nach Italien auf, wo Stephen inzwischen seine Studien am Conservatorio di Sant’ Onofrio in Neapel, der Heimatstadt seines Vaters, fortgesetzt hatte. Für Nancy Storace, gerade 13 Jahre alt, begann in Italien ihre Bühnenlaufbahn. In Italien lernten die Geschwister Storace u.a. auch Michael Kelly kennen, der später (1783) ebenfalls nach Wien engagiert wurde und dort zum engen Kreis um Storace gehörte. Auch die Bekanntschaft zu John Soane geht auf die Jahre in Italien zurück.


    Skandal

    In Italien sorgte Nancy Storace durch ihre Stimme und ihr komisches Talent – nicht zuletzt auch durch ihre Jugend – für Furore. Ihren Durchbruch erlebte sie, als sie es wagte, den berühmten Kastraten Luigi Marchesi auf offener Bühne zu brüskieren. Michael Kelly erzählt diese Episode in seinen Memoiren: „Sie […] ging nach Florenz, wo der gefeierte Kastrat Marchesi am Teatro allo Pergola engagiert war. Er stand just auf dem Höhepunkt seiner Karriere und verzauberte nicht nur die Florentiner, sondern die ganze Toskana. Storace war neben ihm als seconda donna engagiert; und den auf dem ganzen Kontinent bestens bekannten Umständen, die ich nun erzählen werde, verdankte sie die blitzartige Entwicklung ihrer Karriere. Bianchi hatte die berühmte Cavatina „Sembianza amabile del mio bel sole“ komponiert, die Marchesi mit hinreißendem Charme sang; an einer Stelle setzte er eine Voletta über eine Oktave [voletta of semitone octaves], wobei er die letzte Note mit solch exquisiter Kraft und Stärke hielt, dass dieses Kunststück sofort als „bomba del Marchesi“ bekannt wurde. Gleich nach dieser Cavatina hatte die Storace zu singen. Sie musste dem Publikum nun zeigen, dass auch sie eine solche „bomba“ hinausschleudern könne. Sie versuchte, es gelang – zur Bewunderung und zum Erstaunen des Publikums, aber zum großen Entsetzen des armen Marchesi. Sofort griff Marchesis Manager Campigli ein und verbot ihr, weiterhin die „bomba“ zu singen. Sie aber weigerte sich mit dem Argument, dass sie ebenso ein Recht hätte, die Kraft ihrer „bomba“ zu zeigen wie jeder andere auch. Der Streit wurde mit der Erklärung Marchesis beendet, dass er oder sie die Bühne zu verlassen habe. Die Theaterleitung war nun gezwungen, sie zu entlassen und eine andere Sängerin zu engagieren, eine Sängerin mit geringeren Ambitionen zur „bomba del Marchesi“.“ (Kelly 1826, S. 97f., Übers.: M.U.)

    Auch wenn Nancy Storace nach diesem Vorfall die Bühne des Teatro allo Pergola verlassen musste – ihr Ruf verbreitete sich nun um so schneller in ganz Italien. Und noch bevor sie mit 18 Jahren Primadonna der italienischen Oper in Wien wurde, feiert sie außerordentliche Erfolge an italienischen Opernhäusern, unter anderem in Lucca, Livorno, Mailand, Parma und Venedig. Von dort aus wurde sie, u.a. zusammen mit Michael Kelly und Francesco Benucci, im Frühjahr 1783 nach Wien engagiert.


    Wien

    Am 22. April 1783 trat Nancy Storace erstmals vor das Wiener Publikum. Auf dem Programm stand Antonio Salieris „La scuola degli gelosi“. Das Wiener Publikum war von der neuen Sängerin begeistert; Graf Zinzendorf notierte am 22. April 1783 darüber: „Eine hübsche Figur, rundlich, schöne Augen, weißer Nacken, frischer Mund, schöne Haut, mit der Naivität und dem Ungestüm eines Kindes, singt wie ein Engel…“ (zit. nach Payer von Thurn 1920, S. 36). Auch der ungarische Dichter Ferencz Kazinczy meinte: „Storazzi, die schöne Sängerin, verzaubert Auge, Ohr und Seele“ (zit. nach Geiringer 1979, S. 19 bzw. 25).

    Nancy Storace avancierte rasch zum Publikumsliebling in Wien, wozu neben ihrer eindrucksvollen Stimme auch ihr jugendliches Alter und ihr ungezwungenes Auftreten beitrugen. Sie wurde zum umschwärmten Star des italienischen Ensembles, Lorenzo da Ponte schrieb über sie in seinen Memoiren: „Sie stand damals in ihrer höchsten Blüte und entzückte ganz Wien.“ (da Ponte 1969, S. 105)

    Nachgesagt wurde ihr auch ein besonderes Verhältnis zu Joseph II. Darüber, ob sie tatsächlich dessen Mätresse war, wurde vielfach spekuliert. Gesicherte Quellen darüber gibt es nicht, allerdings lässt sich aus den Briefen des Monarchen an seinen Intendanten Graf Rosenberg eine nicht nur positive Einschätzung Josephs II. zu Nancy Storace herauslesen: „Was die Storace betrifft, so wird man sie, wenn man sie nicht festhalten kann, was ich am meisten wünschen würde, wenigstens sicher für das Jahr 1788 engagieren müssen, wo sie mit der Toltellini zurückkommen wird, aber keineswegs zum Nachteil des Benucci, denn dieser Mensch gilt mehr als zwei Storaces“ (zit. nach Payer von Thurn 1920, S. 71).

    In die Wiener Zeit fällt auch der Trubel um Storace’s Hochzeit: Im Frühjahr 1784 (das Aufgebot wurde am 21. März 1784 bestellt) heiratete sie den englischen Komponisten und Violinisten John Abraham Fisher (1744-1806). Dieser war wesentlich älter als Nancy Storace, so dass das Gerücht aufkam, die Heirat sei von der Mutter arrangiert worden. Ungewöhnlich wäre dies nicht, waren doch gerade die umschwärmten Primadonnen auch jenseits der Bühne Begehrlichkeiten ausgesetzt; der Status der verheirateten Frau hingegen verlieh den jungen Sängerinnen einen besser abzugrenzenden Schutzraum. Den Namen Fisher trug Nancy Storace jedoch nur kurz (nachweisbar nur im Entwurf zu W. A. Mozarts unvollendeter Oper „Lo sposo deluso“), auch die Ehe scheint nach kürzester Zeit zerrüttet gewesen zu sein. Dem Ehemann wurde die Misshandlung seiner Frau vorgeworfen, ein Vorwurf, der Joseph II. dazu veranlasste, Fisher aus Wien zu verweisen.

    Nancy Storace blieb in Wien und gebar im Januar 1785 eine Tochter, die jedoch nur wenige Monate nach der Geburt, am 17. Juli verstarb. Weitere Schwangerschaften sind aus dieser Zeit nicht nachweisbar, auch wenn Joseph II. über Nancy Storace schrieb: „Die Storace hat den Vorteil, daß sie so ziemlich das ganze Jahr hindurch die Taille einer schwangeren Frau hat…“ (zit. nach Payer von Thurn 1920, S. 57).


    Begegnung mit Wolfgang Amadeus Mozart

    Zum Wiener Kreis von Nancy Storace gehörte auch Wolfgang Amadeus Mozart. Er komponierte für sie die Rolle der Susanna in „Le nozze di Figaro“, eine Rolle, mit der sie in die Musikgeschichte eingegangen ist. Darüber hinaus komponierte Mozart für die Abschiedsvorstellung von Nancy Storace eine „Scena con Rondò mit klavier Solo“ („Ch’io mi scordi di te… Non temer, amato bene“ KV 505). Dass Mozart auf das Autograph „Composto per la Signora Storace dal suo servo e amico W. A. Mozart“ notierte, ließ die Vermutung einer Liaison aufkommen. Wahrscheinlicher hingegen ist, dass Mozart hiermit seine uneingeschränkte Wertschätzung dokumentieren wollte. Dafür spricht, dass sich Mozart auch an der (heute verschollenen) Huldigungskantate „Per la ricuperata salute di Ophelia“ beteiligt hatte, die Lorenzo da Ponte anlässlich ihrer Rückkehr auf die Bühne im September 1785 gedichtet hatte. Diese Kantate wurde von Salieri, Mozart und einem Komponisten namens Cornetti (wahrscheinlich Alessandro Cornet) vertont.

    Wahrscheinlich trat Wolfgang Amadeus Mozart zusammen mit Nancy Storace bei besagter Abschiedsakademie auf, denn die Konzertarie KV 505 enthält auch einen Klaviersolopart, den vermutlich Mozart bei dieser Gelegenheit übernahm.

    Auch Stephen Storace gehörte zum engeren Kreis um Mozart, war er doch auch mit dem aus England stammenden Mozart-Schüler Thomas Attwood befreundet. Nach der Rückkehr seiner englischen Freunde nach London (1787) waren sie es auch, die sich für ein (nicht realisiertes) Engagement Mozarts in England einsetzten.


    Rückkehr nach England

    Im Frühjahr 1787 verließ Nancy Storace zusammen mit Mutter, Bruder, Thomas Attwood und Michael Kelly Wien Richtung London. Die Reisegruppe machte u.a. auch in Salzburg Station, wo sie auch Leopold Mozart begegneten. Dieser beschrieb seiner Tochter ausführlich die Reisegesellschaft um Nancy Storace: „Am Montag abends um halbe 7 uhr bekam ich von der Wiener Theater Sängerin M:dme Storaci ein Billet, daß sie auf der Trinkstube angekommen seye. Ich fand bey [ihr] ihre Mutter die eine Engelländerin ist, die Tochter selbst ist in Engelland gebohren, dann den Wiener theater Tenoristen Ochelly [Michael Kelly], der auch ein gebohrner Engelländer ist. – Einen anderen Engelländer, den [ich] nicht kenne, und ein Ciscisbeo von Mutter oder Tochter seyn wird. ihren Bruder den Maestro Storacci und einen kleinen Engelländer Attwood der aigens vor 2 Jahr nach Wienn geschickt wurde um bey deinem Bruder zu lernen. die Storaci hatte einen Brief von der Gräfin Gundacker Colloredo, also musste sie gehört und gut regaliert werden, weil sie nach einem jähr: Aufenthalt in London wieder nach Wienn zum Theater zurück kehret. den Dienstag bin [ich] von 10 uhr morgens bis 2 uhr mit ihnen in der Statt herum gallopiert um ein und anders ihnen zu zeigen. um 2 uhr speisten wir erst zu Mittag. Abens sang sie 3 Arien. und um 12 uhr in der Nacht sind sie nach München abgereiset. sie hatten 2 Wägen, ieden mit 4 Postpferd, ein Bedienter ritte voraus um die 8 Pferd als Currier zu bestellen. welch ein Gepack! – diese Reise mag Geld kosten!“ (Mozart: Briefe und Aufzeichnungen, Bd. IV, S. 28)

    Nancy Storace kehrte an das King’s Theater in London zurück. Woran die Rückkehrverhandlungen nach Wien, die sie im Frühjahr 1788 mit Graf Rosenberg führte, scheiterten, ist nicht bekannt.


    Die Londoner Zeit und eine Konzerttournee

    Neben dem King’s Theater trat sie vor allem auch auf den Bühnen des Covent Garden und am Drury Lane Theatre auf, wo ihr Bruder Stephen seit 1789 als Kapellmeister angestellt war. Sie feierte hier vor allem in komischen Partien große Erfolge. Thomas Gilliland rühmte ihre „ausgezeichnete Stimme, guten Geschmack und unglaublichen Humor. Unabhängig von der stimmlichen Kraft und der musikalischen Kenntnis ist sie unnachahmlich in ihrer komischen Darbietung.“ (zit. nach Hodges 1989, S. 99, Übers.: M.U.)

    Darüber hinaus trat sie auch in Westminster Abbey auf, hier sang sie vor allem Händel-Oratorien. Mehrfach fuhr sie auch nach Bath zu ihrem ehemaligen Lehrer Rauzzini, um in dessen Konzerten aufzutreten. Hier lernte sie auch ihren späteren Lebensgefährten, den Tenor John Braham (1774-1856) kennen, einen Schüler Rauzzinis und vielversprechenden Sänger am Anfang einer großen Karriere.

    Zusammen mit Braham ging Nancy Storace 1797 auf eine vierjährige Europa-Reise, zunächst nach Frankreich, wo die beiden von Joséphine de Beauharnais protegiert wurden und ihren Aufenthalt auf acht Monate ausdehnten, dann auch nach Italien, Wien und Hamburg. 1801 kehrte das Paar nach London zurück, wo Nancy Storace am 3. Mai 1802 ihren Sohn William Spencer Harris Braham zur Welt brachte. Die kleine Familie blieb in London und etablierte sich in künstlerischen und intellektuellen Kreisen. Braham und Storace traten weiterhin auch gemeinsam auf, allerdings ließ das Stimmvolumen von Nancy Storace allmählich nach. 1808 zog sie sich von der Bühne zurück.


    Letzte Lebensjahre

    Nach Nancy Storaces Bühnenabschied trat ihr Lebensgefährte Braham weiterhin mit großen Erfolgen auf. 1815 trennten sich auch ihre privaten Wege, Braham heiratete 1816 eine andere Frau. Nancy Storace zog zusammen mit ihrer Mutter und ihrem Sohn auf ihr Gut in Herne Hill (Dulwich) und war dort weiterhin der Mittelpunkt eines regen intellektuell-künstlerischen Zirkels. In Herne Hill starb sie am 24. August 1817. Das „Gentleman’s Magazine“ veröffentlichte einen Nachruf auf sie, in dem es heißt: „…Sie war weder schön noch besonders feminin; aber sie war eine der vollendetsten und angenehmsten Frauen ihrer Zeit – sie faszinierte jeden mit ihrer Heiterkeit, ihrer lebhaften und intelligenten Konversation und ihrem unbefangenen und offenen Wesen.“ (zit. nach Hodges 1989, S. 102, Übers.: M.U.)

    Würdigung

    Nancy Storace gehörte in den 1780er Jahren zu den wichtigsten Sängerinnen und Sängerdarstellerinnen im Buffo-Fach. Als Prima buffa war sie 1783-1787 in Wien. Ihre in London verbrachten Jahre (ab 1787) standen vor allem im Zeichen der Zusammenarbeit mit ihrem Bruder Stephen, die Geschwister Storace gehörten zu den Stars der Londoner Bühnen. Die dritte Phase ihres künstlerischen Weges verband sie mit dem Tenor Braham, mit dem sie nochmals auf den Kontinent zurückkehrte, um hier vor allem in Paris, aber auch in Italien, Wien und Hamburg aufzutreten.

    Rezeption

    Zu den meistdiskutierten Fragen aus dem zeitgenössischen Umfeld gehörten das Aussehen von Nancy Storace, ihre Gehälter und ihre Lebensführung: die Hochzeit und die gescheiterte Ehe, die zahlreichen Verehrer aus den höchsten Kreisen der Diplomatie und der Kunst, der frühe Tod ihrer Tochter, die illegitime Lebensgemeinschaft mit Braham, der uneheliche Sohn sowie die Trennung von Braham 1815 – all das gab immer wieder Anlass, in der Öffentlichkeit ausgebreitet und diskutiert zu werden. Auch ihre stimmlichen Fähigkeiten waren umstritten, überzeugend hingegen scheinen ihre schauspielerischen Fähigkeiten gewesen zu sein.

    Nancy Storace gehört zu jenen Sängerinnen des 18. Jahrhunderts, die durch ihre Zusammenarbeit mit Mozart im historischen Gedächtnis geblieben sind. Sie wird heute vor allem als Mozarts „erste Susanna“ rezipiert. Die 2002 von Dorothea Link herausgegebene Sammlung von für Nancy Storace komponierten Werken eröffnet hingegen den Blick auf eine Vielfalt, die bei einer reinen Mozart-orientierten Rezeption auf der Strecke blieb: zahlreiche der wichtigsten Opernkomponisten des ausgehenden 18. Jahrhunderts schrieben für sie Rollen oder einzelne (Einlege-)Arien, darunter Salieri, Paisiello, Martín y Soler und ihr Bruder Stephen Storace.

    In der jüngeren Forschung überwiegt die Tendenz, ihr als Künstlerin gerecht zu werden. Dazu gehört die Betrachtung der für sie komponierten Rollen und Arien, die Rückschlüsse auf ihre Stimme zulassen. Als Ausnahmen sind Stellungnahmen zu betrachten, die das jenseits bürgerlicher Vorstellungen verbrachte Leben der Nancy Storace auf eine moralische Waagschale legen.

    Repertoire

    Eine Auflistung der nachweisbaren Auftritte und Rollen von Nancy Storace wird hier in Kürze erscheinen. Sie liegt die Edition von Dorothea Link zugrunde.

    Quellen

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    Chancellor, V. E.: “Nancy Storace. Mozart’s Susanna”, in The Opera Quarterly. Vol. 7/2. 1990. S. 104-124.

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    Deutsch, Otto Erich: Mozart. Die Dokumente seines Lebens. Kassel: Bärenreiter 1961.

    Dittrich, Marie-Agnes: “Dichterleid und Damenzank: Zu Salieris ‘Prima la musica e poi le parole’ und Mozarts ‘Schauspieldirektor’”. In: Zeit in der Musik, Musik in der Zeit. Diether de LaMotte (Hg.). Frankfurt am Main, Berlin u.a.: Peter Lang 1997, S. 90-104.

    Edgcumbe, Earl Mount: Musical Reminiscences. London 1834.

    Geiringer, Karl, und Geiringer, Irene: “Stephen und Nancy Storace in Wien”. In: Österreichische Musikzeitschrift. Vol. 34/1. Jan. 1979. S. 18-25; wiederabgedruckt: „Stephen and Nancy Storace in Vienna“. In: Weaver, Robert L. (Hg.): Essays on the Music of J. S. Bach and Other Divers Subjects. A Tribute to Gerhard Herz. New York 1981. S. 235-244.

    Girdham, Jane: “The last of the Storaces”. In: The Musical Times. Vol. 129. No. 1740. Jan. 1988. S. 17-18.

    Heartz, Daniel: “Constructing ‘Le nozze di Figaro’”. In: Journal of the Royal Musical Association 112/1. 1987. S. 77-98.

    Highfill, Philip H. u.a.: A Biographical Dictionary of Actors, Actresses, Musicians, Dancers, Managers, and Other Stage Personnel in London, 1660-1800. Carbondale: Southerns Illinois University Press 1991.

    Hodges, Sheila: “’One of the most accomplished women of her age’. Anna Storace, Mozart’s first Susanna”. In: The Music Review Vol. 50 Nr. 2. Mai 1989. S. 93-102.

    Hodges, Sheila: “Lorenzo Da Ponte’s first Susanna”. In: Omaggio a Lorenzo Da Ponte. Atti del Convegno "Lorenzo Da Ponte. Librettista di Mozart." Mostra del Libro. "Il Poeta, il Musicista, il Teatro" Repertorio bibliografico. New York, Columbia University. Casa Italiana, Piccolo Teatro. 28-30 marzo 1988. Rom: Ministero per i beni culturali e ambientali 1992. S. 357-364. (= Quaderni di libri e riviste d’Italia. 24).

    Hogan, Charles Beecher (Hg.): The London Stage, 1600-1800: A Calendar of Plays, Entertainments and Afterpieces… Compiled from the Playbills, Newspapers and Theatrical Diaries. Part 5: 1776-1800. 3 Bde. Carbondale: Southern Illinois University Press 1968.

    Jenkins, John: Mozart an the English Connection. London: cygnus arts 1998.

    Kelly, Michael: Reminiscences. 2 Bde. London: Henry Colburn 1826.

    Lewy Gidwitz, Patricia, Matthews, Betty: Nancy Storace. In: The New Grove Dictionary of Music and Musicians. Stanley Sadie (Hg.), Bd. 24, 2. Auflage, London, 2001, S. 441-442.

    Link, Dorothea (Hg.): Arias for Nancy Storace. Mozart’s First. Middleton: A-R Editions (= Recent Researches in the Music of the Classical Era, 66) 2002.

    Matthews, Betty: “Nancy Storace and the Royal Society of Musicians”. In: The Musical Times. Vol. 128. Nr. 1732. Juni 1987. S. 325-327.

    Michtner, Otto: Das alte Burgtheater als Opernbühne von der Einführung des deutschen Singspiels (1778) bis zum Tod Kaiser Leopolds II. (1792). Wien: Österreichische Akademie der Wissenschaften 1970.

    Mozart. Briefe und Aufzeichnungen. Gesamtausgabe, gesammelt und erläutert von Wilhelm A. Bauer und Otto Erich Deutsch, 7 Bde., Kassel u. a. 1962.

    Mozart. Neue Ausgabe sämtlicher Werke, 20 Bde. Kassel u. a. 1955 ff.

    Payer von Thurn, Rudolf: Joseph II. als Theaterdirektor. Ungedruckte Briefe und Aktenstücke aus den Kindertagen des Burgtheaters. Wien/Leipzig: Heidrich 1920.

    Price, Curtis: “Italian Opera and Arson in Late Eighteenth-Century London”. In: Journal of the American Musicological Society. Vol. 42 Nr. 1. Spring 1989. S. 55-107.

    Price, Curtis: “Mozart, the Storaces and Opera in London 1787-1790”. In: Europa im Zeitalter Mozarts. Hg. von Moritz Csáky und Walter Pass. Wien u.a.: Böhlau 1995. S. 209-213.

    Rieger, Eva: Nannerl Mozart. Leben einer Künstlerin im 18. Jahrhundert. Frankfurt am Main: Insel 1990.

    Sandor, Peter: “Mozart’s favorite ladies”, in: Opera/Canada Vol. XXIV/2. Juni 1983. S. 15-17, 44.

    Unseld, Melanie: Mozarts Frauen. Begegnungen in Musik und Liebe. Reinbek: Rowohlt 2005.

    mehr zu Quellen weniger zu Quellen

    Anm. zur Bibliographie: Wie bei allen Musikerinnen, die mit Wolfgang Amadeus Mozart in Kontakt kamen, finden sich auch über Nancy Storace Hinweise und div. mehr oder weniger aussagekräftige Informationen in der Mozart-Literatur. Da diese zu umfangreich ist, hier dokumentiert zu werden, sei lediglich auf diesen Umstand verwiesen, verbunden mit dem Hinweis, ggf. dort nachzuschlagen.

    Forschung

    Als verschollen muss wohl der Briefwechsel zwischen Nancy Storace und Wolfgang Amadeus Mozart gelten, der vermutlich nach ihrer Rückkehr nach London (1787) einsetzte.

    Die Briefe, die im Sir John Soane’s Museum aufbewahrt sind, wurden z.T. in der jüngeren Forschung (u.a. Hodges 1989) verwendet; zu den Forschungsdesideraten ist allerdings eine systematische Auswertung dieser Quellen zu zählen.

    Forschungsbedarf

    Systematische Auswertung der Briefe/des Briefwechsels im Sir John Soane’s Museum London.

    Forschungen zum sozialen Status der Primadonnen am Wiener Hoftheater unter Joseph II.

    Nancy Storace scheint eine besonders gesellige und Gesellschaft pflegende Person gewesen zu sein. Wo sie auftrat, war sie Mittelpunkt eines illustren Kreises, nicht nur bestehend aus Musikern und Sängerkollegen, sondern – über ihren Bruder – auch bestehend aus Komponisten, aber auch Literaten, Architekten, Gelehrten, Politikern und vielen anderen. Insofern wäre die Aufarbeitung des Zirkels um Nancy Storace – sowohl während ihrer Zeit in Italien, als auch aus der Wiener, der Londoner und der späteren Zeit in Herne Hill – wünschenswert.

    Normdaten

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    Autor/innen

    Melanie Unseld


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Nicole K. Strohmann
    Zuerst eingegeben am 09.01.2006


    Empfohlene Zitierweise

    Melanie Unseld, Artikel „Nancy Storace“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 9.1.2006.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Nancy_Storace