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  • Nadeshda Rimskaja-Korsakowa

    von Marina Lobanova
    Nadeshda Nikolajewna Rimskaja-Korsakowa
    Namen:
    Nadeshda Rimskaja-Korsakowa
    Geburtsname: Nadeshda Purgold
    Lebensdaten:
    geb. in St. Petersburg, Russland
    gest. in Petrograd (St. Petersburg), Russland

    Nach julianischem Kalender lauten ihre Lebensdaten * 31. Oktober 1848, † 24. Mai 1919.
    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin, Komponistin, Bearbeiterin von Orchesterpartituren für Klavier (vierhängig), Herausgeberin, Nachlaßverwalterin, Dialogpartnerin
    Charakterisierender Satz:

    „[…] прекрасная пианистка, […] высокоталантливая музыкальная натура“


    („[…] eine ausgezeichnete Pianistin, […] eine hochtalentierte musikalische Natur“


    (Nikolaj Andreevič Rimski-Korsakov. Letopis‘ moej muzykal’noj žizni [Chronik meines musikalischen Lebens]. 9. Aufl., Moskau 1982, S. 73).


    Profil

    Nadeshda Nikolajewna Rimskaja-Korsakowa war Pianistin und Komponistin und gehörte zu den ersten Musikerinnen Russlands, die eine professionelle Ausbildung genossen. Als eine der Lieblingsschülerinnen von Alexander Dargomyshski stand sie beim Entstehen zahlreicher Kompositionen ihrer Zeit Pate und führte sie erstmals in privatem Kreis auf. Dank ihrer profunden Musikkenntnisse und ihrer besonderen Begabung genoss Nadeshda Rimskaja-Korsakowa großes Ansehen und hatte Einfluss auf ihren Ehemann Nikolaj Rimski-Korsakow.

    Biografie

    Nadeshda Nikolajewna Purgold wurde am 19. Oktober 1848 in St. Petersburg als dritte Tochter des ordentlichen Staatsrats Nikolaj Fjodorowitsch Purgold (Geb.-datum unbekannt–1861) und Anna Antonowna Purgold, geb. Marzinkewitsch geboren. Mit neun Jahren erhielt sie ihren ersten Klavierunterricht, ihr Lehrer war der Klaviervirtuose Anton Awgustowitsch Gerke (1812–1870), ein Schüler von John Field, Friedrich Wilhelm Kalkbrenner, Ignaz Moscheles und Ferdinand Ries. Am nachhaltigsten wurde sie jedoch von Alexander Sergejewitsch Dargomyshski (1813–1869) beeinflusst. Von ihm lernte sie die Bearbeitung von Orchesterpartituren für Klavier. Die musiktheoretischen Fächer studierte Nadeshda Purgold am St. Petersburger Konservatorium, u. a. bei Nikolaj Iwanowitsch Saremba (1821–1879), und nahm einige Zeit Instrumentierungs- und Kompositionsunterricht bei ihrem zukünftigen Ehemann Nikolaj Andreevič Rimski-Korsakow.

    Ab Ende der 1860er Jahre nahm sie zusammen mit ihrer Schwester, der Mezzosopranistin Alexandra Nikolajewna Purgold (verh. Molas, 1844–1929) an den Musikversammlungen des „mächtigen Häufleins“ teil, einer Gruppe von Musikern, zu denen Mili Balakirew, Alexander Borodin, César Cui, Modest Mussorgski und Nikolaj Rimski-Korsakow gehörten. Dank der Schwestern Purgold konnten zahlreiche Kompositionen der „Fünf“ erstmals aufgeführt werden.

    Zwischen den Musikern des „Mächtigen Häufleins“ und den Schwestern Purgold entstand eine enge Freundschaft. Nikolaj Andreevič Rimski-Korsakow und seine Freunde besuchten die Schwestern Purgold häufig auf ihrer Datscha. Zu jener Zeit konzipierte Rimski-Korsakow die Oper „Pskowitjanka“ [Das Mädchen von Pskow] und machte Nadeshda Nikolajewna Purgold mit seinen Ideen vertraut. Sie spielte als erste seine Skizzen, analysierte sie und instrumentierte etliche Opernfragmente. Sie war auch diejenige, die Rimski-Korsakow auf Nikolaj Gogols „Majskaja noč“ [Mainacht] als geeigneten Opernstoff aufmerksam machte. Im Frühjahr 1871 machte Rimski-Korsakow ihr während der Arbeit an der Oper der „Mainacht“ einen Heiratsantrag und am 30. Juni (12. Juli) 1872 fand die Trauung in der Spasso-Pargolowo Kirche des kleinen Datscha-Örtchens Pargolowo in der Nähe von St. Petersburg statt.

    Aus der Ehe gingen die Söhne Michail (1873–1951), Andrej (1878–1940), Wladimir (1883–1970) und die Töchter Sofia (1875–1943), Nadeshda (1888–1971) hervor, zwei weitere Kinder, Wjatscheslaw (1889-1890) und Maria (1888-1893), starben früh an Tuberkulose.

    Die Ehe verlief außerordentlich harmonisch, Nadeshda Nikolajewna Rimskaja-Korsakowa war zugleich enge Vertraute ihres Mannes und beste Kennerin und Kritikerin seiner Werke. Sie unterstützte ihn mit Rat und Tat und verteidigte ihn und seine Ideen mit Vehemenz. Ihre Gedanken äußerte sie genauso wie ihr Ehemann immer direkt, mit extremer Präzision, Energie und Stärke, die manche Menschen schockierten. Die hohe Wertschätzung Rimski-Korsakows gegenüber seiner Frau drückt sich nicht zuletzt in seinen Erinnerungen aus, in denen sie als höchste Autorität ständig präsent ist.

    Auch für die späten Klavierkompositionen Alexander Skrjabins und dessen mystische Konzepte, die bei ihrem Mann kein Verständnis fanden, zeigte sie große Begeisterung. Später verfasste sie sehr wertvolle Erinnerungen „N. A. Rimski-Korsakow und A. N. Skrjabin“, die erst 1950 publiziert wurden.

    Nach Rimski-Korsakows Tod (am 8. (21.) Juni 1908) arbeitete sie an seinem Nachlass; u. a. gab sie die erste und die zweite Auflage der „Letopis‘ moej muzykal’noj žizni“ [Chronik meiner musikalischen Leben]: St. Petersburg 1909 (1910), heraus. Als Rimski-Korsakows Erbin verwahrte sie sich gegen die Verwendung von Rimski-Korsakows „Scheherazade“ und „Der Goldene Hahn“ in Sergei Djagilews Balletten, da sie die Einrichtung der Partituren für das Ballett als eine Entstellung der Originalkompositionen empfand. (vgl. Otkrytye pis’ma S. P. Djagilevu [Die öffentlichen Briefe an S. P. Djagilew]: Reč, 1910, Nr. 201, 248, 267). Dass es ihr gelang, den Nachlass ihres Mannes unter den widrigen Umständen des post-revolutionären Russlands aufzubewahren und der Nachwelt zu erhalten, gilt als ihr großer Verdienst.

    Nadeshda Nikolajewna Rimskaja-Korsakowa starb am 11. (24.) Mai 1919 in Petrograd an den Pocken, nachdem sie eine Impfung abgelehnt hatte. Sie wurde neben ihrem Ehemann auf dem ehemaligen Nowo-Dewitschje-Friedhof, St. Petersburg begraben. 1936 wurden ihre Gräber sowie das Denkmal aus weißem Marmor in Form des Alt-Nowgoroder Kreuzes, gestaltet nach der Zeichnung von Nikolaj Rerich (Roerich), auf den Tichwinski-Friedhof des Alexander-Newski Klosters überführt. (vgl. Tatjana Vladimirovna Rimskaja-Korskova. Istorija odnogo pamjatnika [Geschichte eines Denkmals]: http://www.lomonosov.org/russia/russia915.html).

    Würdigung

    Zu Nadeshda Nikolajewna Rimskaja-Korsakowas Kompositionen gehörte das symphonische Bild nach Nikolaj Gogol „Zakoldovannoje mesto“ [„Der verhexte Ort“] (unveröffentlicht), Klavierstücke und Romanzen (unveröffentlicht). Nach ihrer Heirat hörte sie auf zu komponieren, setzte aber ihre Tätigkeit als Pianistin und Bearbeiterin fort. Sie verfasste zahlreiche vierhändige Bearbeitungen der Orchesterwerke von Alexander Dargomyshski, Nikolaj Rimski-Korsakow, Alexander Borodin und Alexander Glasunow. 1871 wurde ihre vierhändige Klavierbearbeitung der Ouvertüre-Fantasie „Romeo und Julia“ von Pjotr Iljitsch Tschaikowski vom Verlag Bote & Bock in Berlin veröffentlicht.

    Nadeshda Nikolajewna Rimskaja-Korsakowa bewahrte und systematisierte das Archiv ihres Mannes nach seinem Tod und bereitete es zur Herausgabe vor.

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    Nikolaj Andreevič Rimski-Korsakow widmete Nadeshda Nikolajewna Rimskaja-Korsakowa die Oper „Majskaja noč“ [Mainacht, 1878-1879] sowie die Romanzen „Noč“ [Die Nacht; Alexei Pleschtschejew], Op. 8, Nr. 2; „Pesnja Zulejki“ [Sulejkas Lied; Lord Byron in Übersetzung von Iwan Kozlow], Op. 26, Nr. 4; „Ty i vy“ [Du und Sie; Alexander Puschkin], Op. 27; Nr. 3; „O esli b ty mogla“ [Oh, wenn du könntest; Alexei Tolstoj], Op. 39, Nr. 1; „Zapad gasnet v dali bledno-rozovoj“ [Der Westen verblasst in der bleich-rosa Ferne; Alexei Tolstoj], Op. 39, Nr. 2; „Na nivy žёltye nischodit tišina“ [Über gelbe Felder sinkt die Stille; Alexei Tolstoj], Op. 39, Nr. 3; „Usni, pečal’nyj drug“ [Schlaf ein, trauriger Freund; Alexei Tolstoj], Op. 39, Nr. 4; „Nenastnyj den‘ potuch“ [Der unheimliche Tag ist erloschen; Alexander Puschkin], Op. 51, Nr. 5.

    Ihr ist auch „Kolybel’naja pesnja“ [Wiegenlied; Apollon Majkow], Op. 16, Nr. 1 von Pjotr Iljitsch Tschaikowski gewidmet.

    Rezeption

    Im Film: „Mussorgski“ (Sowjetunion, 1950; Regie: Grigori Roschal) mit Walentina Uschakowa als Nadeshda Rimskaja-Korsakowa.

    „Rimski-Korsakow“ (Sowjetunion, 1953; Regie: Gennadi Kasanski und Grigori Roschal) mit Lidia Sucharewskaja als Nadeshda Rimskaja-Korsakowa.

    Werkverzeichnis

    Orchesterwerk

    „Zakoldovannoje mesto“ [„Der verhexte Ort“], das symphonische Bild nach Nikolaj Gogol (unveröffentlicht)


    Klavierwerke


    Klavierstücke (unveröffentlicht)


    Romanze (unveröffentlicht)


    Zahlreiche vierhändige Klavierbearbeitungen der Werke von Alexander Dargomyshski, Nikolaj Rimski-Korsakow, Alexander Borodin und Alexander Glasunow. Bekannt ist ihre vierhändige Klavierbearbeitung der Ouvertüre-Fantasie „Romeo und Julia“ von Pjotr Iljitsch Tschaikowski (Berlin: Bote & Bock, 1871)



    Aufsätze


    Otkrytye pis’ma S. P. Djagilevu [Die öffentlichen Briefe an S. P. Djagilew]. In: Reč, 1910, Nr. 201, 248, 267.


    Po povodu stat’i „Novoe o Musorgskom“ (Pis’mo v redakciju) [Anlässlich des Aufsatzes „Das Neue von Mussorgski“ (Brief an die Redaktion)]. In: Rossijskaja muzykal’naja gazeta 1913, Nr. 5.


    Moi vospominanija o A. S. Dargomyžskom [Meine Erinnerungen an A. S. Dargomyshski]. In: Russkaja molva 1913, Nr. 5.


    N. A. Rimski-Korsakow i A. N. Skrjabin, [N. A. Rimski-Korsakow und A. N. Skjabin] . In: Sovetskaja muzyka 1950, Nr. 5.


    Von Nadeshda Nikolajewna Rimskaja-Korsakowa herausgegeben


    Nikolaj Andreevič Rimskij-Korsakov: Letopis‘ moej muzykal’noj žizni [Chronik meiner musikalischen Leben]. 1. und 2. Auflage. St. Petersburg 1909 (1910)

    Repertoire

    Aufgrund des lückenhaften Forschungsstandes sind konkrete Angaben zum Repertoire momentan nicht möglich.

    Quellen

    Literatur


    Brown, David: Mussorgsky, His Life and Works. Oxford / New York, 2002.


    Brown, David: Tchaikovsky: The Early Years, 1840-1874. New York, 1978.


    Brown, Malcolm Hamrick: Nadezhda Rimskaya-Korsakova, in: The Norton/Grove Dictionary of Women Composers, ed. by Julie Anne Sadie and Rhian Samuel. New York and London, 1995


    Neff, Lyle: Rimsky Korsakov. Russian family of musicians. (2) Nadezda Rimskaya-Korsakova. In: Stanley Sadie (Hg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians, 2nd Edition, Vol. 21. London, 2001.


    Orlova, Alexandra: Mussorgsky’s Works and Days: a Biography in Documents. Bloomington and Indianapolis, 1983.


    Rimsky-Korsakov, Nikolaj Andreevič: Letopis‘ moej muzykal’noj žizni [Chronik meines musikalischen Lebens]. 9. Aufl., Moskau 1982.


    Rimskaja-Korsakova, Tatjana Vladimirovna: Istorija odnogo pamjatnika [Geschichte eines Denkmals]. http://www.lomonosov.org/russia/russia915.html


    White, Eric Walter: Stravinsky: A Critical Survey, 1882-1946. Mineola, NY., 1997


    Link


    http://www.lomonosov.org/russia/russia915.html

    Forschung

    Der Nachlass von Nadeshda Nikolaewna Rimskaja-Korsakowa befindet sich im Wissenschaftlichen Institut für Theater, Musik und Kinematographie in St. Petersburg (Russland, 191028, Sankt Petersburg, Mochowaja-Straße 34): Fond 9, 253 Archiveinheiten.

    Die jüngsten Internet-Veröffentlichungen brachten wertvolle Ergebnisse hinsichtlich der Familiengeschichte Rimski-Korsakows und Purgolds:

    http://ru.rodovid.org/wk/%D0%97%D0%B0%D0%BF%D0%B8%D1%81%D1%8C:135076; http://www.ostrov.ca/drevo/indilist.php?surname=%D0%9F%D0%A3%D0%A0%D0%93%D0%9E%D0%9B%D0%AC%D0%94&ged=family.ged&PHPSESSID=xxGOOGLEBOTfsHTTPcffWWWdGOOGLxx;


    Tatjana Vladimirovna Rimskaja-Korskova. Istorija odnogo pamjatnika [Geschichte eines Denkmals]:

    http://www.lomonosov.org/russia/russia915.html)

    Forschungsbedarf

    Es besteht ein Forschungsbedarf hinsichtlich ihrer kompositorischen und musikschriftstellerischen Tätigkeiten sowie ihres Nachlasses.

    Autor/innen

    Marina Lobanova


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Ellen Freyberg
    Zuerst eingegeben am 29.07.2011


    Empfohlene Zitierweise

    Marina Lobanova, Artikel „Nadeshda Rimskaja-Korsakowa“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 29.7.2011.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Nadeshda_Rimskaja-Korsakowa