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  • Moritz Hauptmann

    von Martina Bick
    Moritz Hauptmann. Gemälde von seiner Frau Susette Hauptmann.
    Namen:
    Moritz Hauptmann
    Lebensdaten:
    geb. in Dresden, Deutschland
    gest. in Leipzig, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Geiger, Kantor, Komponist, Musikpädagoge, Musiktheoretiker, Musikschriftsteller
    Charakterisierender Satz:

    „Wenn eine Josephine Lang, eine Fanny Mendelssohn einige Stücke und Stückchen zu Stande gebracht haben, die genannt worden sind, so hat das für’s Ganze keine Bedeutung, wo so viele Frauen sich mit Musik beschäftigen, so viel Zeit darauf verwenden, mit und ohne Beruf – aber auch die ausgemacht vorzüglichen Virtuosinnen bleiben in der Composition, wie ernstlich es auch manche betreiben mögen, doch immer dilettantenhaft. Es fehlt immer an der Idee, an einem strahlenden Centrum.“


    („Männlich und weiblich“. In: Ernst Hauptmann (Hg.) „Opuscula. Vermischte Aufsätze von Moritz Hauptmann“, Leipzig 1874, S. 129f.)


    Profil unter Genderaspekten

    Moritz Hauptmann war als Geiger, Komponist, Musiktheoretiker und Musikschriftsteller sehr geachtet und ein hoch frequentierter Lehrer. Sowohl als Privatlehrer als auch ab 1843 im Rahmen seiner Lehrtätigkeit am Leipziger Konservatorium bildete er zahlreiche Musikerinnen und Musiker aus. Sein polarisiertes Geschlechterbild ist auch in dieser Hinsicht von besonderer Bedeutung.

    Orte und Länder

    Moritz Hauptmann wurde 1792 in Dresden geboren und ging nach kurzen Aufenthalten in Gotha und Wien als Hauslehrer nach Russland. 1822 wurde er Geiger in der kurfürstlichen Kapelle in Kassel. Von dort wurde er 1842 nach Leipzig berufen, wo er bis zu seinem Tod 1868 als Thomaskantor, Kompositionslehrer, Musiktheoretiker und Musikschriftsteller wirkte.

    Kurzbiografie unter Genderaspekten

    Moritz Hauptmann wurde 1792 in Dresden als Sohn des Architekten und Akademieprofessors Johann Gottlieb Hauptmann geboren. Schon früh erlernte er Geige, Klavier, Musiktheorie und Komposition und wurde 1811 Schüler von Ludwig Spohr in Gotha. Es folgte die Anstellung als Geiger in der Hofkapelle in Dresden, anschließend im Theaterorchester Wien. 1915 wurde er Hausmusiklehrer des Fürsten Repnin in Petersburg, Moskau, Poltawa und Odessa. Von 1822 bis 1842 war er Mitglied der von Spohr geleiteten kurfürstlichen Kapelle in Kassel. Auf Empfehlung Felix Mendelssohn Bartholdys und Spohrs erhielt er 1842 die Stelle des Thomaskantors in Leipzig, nachdem er kurz zuvor Susette Hummel, die Tochter des Dresdner Malers Ludwig Hummel geheiratet hatte, mit der er drei Kinder bekam.

    Ab 1843 war Hauptmann Lehrer für Komposition und Musiktheorie am Leipziger Konservatorium sowie für ein Jahr Redakteur der „Leipziger Allgemeinen musikalischen Zeitung“.

    1850 gründete er zusammen mit Robert Schumann und Otto Jahn die Bachgesellschaft, in deren Vorstand er bis zu seinem Tod tätig war.

    Neben zahlreichen Kompositionen und der Herausgabe mehrerer Bände der Bach-Gesamtausgabe schrieb er u.a. die beiden musiktheoretischen Bücher „Die Natur der Harmonik und der Metrik“ (1853) sowie „Die Lehre der Harmonik“ (1868 posthum hg. von O. Paul) sowie zahlreiche musiktheoretische oder –historische Aufsätze. (Quelle: Peter Rummenhöller, Artikel „Moritz Hauptmann“ in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik. Personenteil, Bd. 8, Zweite, neubearbeitete Ausgabe, hg. von Ludwig Finscher. 21 Bände. Bärenreiter/Metzler, Kassel/Stuttgart 1994ff., S. 872-875.)

    In Beziehung mit

    Susette Hauptmann geb. Hummel (1811-1890): die Tochter des Malerehepaars Marianne von Rohden und Ludwig Hummel heiratete Hauptmann 1841 in Kassel. Sie war Sängerin, Malerin, Zeichnerin und fertigte u.a. Portraits von Joseph Joachim, Ludwig Spohr u.a. an. Hauptmann war bei der Heirat bereits fünfzig Jahre alt und hatte lange geglaubt, nie zu heiraten. Das Ehepaar bekam drei Kinder. Sohn Ernst gab später posthum Werke und Schriften seines Vaters heraus; Tochter Helene taucht in der Schülerliste ihres Vaters auf (s.u.). Sie pflegte in deren letzter Krankheitsphase in San Remo die Musikfördererin Elisabeth von Herzogenberg (1847-1892), die von 1872 bis 1885 in Leipzig lebte.


    Anna Morsch (1841-1916): behandelte Moritz Hauptmann in einer ihrer Vortragsreihen.


    Henriette Voigt (1808-1839): Hauptmann verkehrte mit der Pianistin, Klavierlehrerin und Salonière in Leipzig in ihrem Salon, ihr Vater war sein Lehrerkollege an der Thomasschule.


    Frederika Stenhammar (1836-1880): studierte am Leipziger Konservatorium bei Hauptmann Komposition.


    Clara Schumann (1819-1896): Zum Unterricht von Clara Schumann schrieb Hauptmann aus Kassel am 12. November 1831 an Franz Hauser:

    „Es ist jetzt auch hier eine kleine Clavierspielerin Clara Wieck aus Leipzig. Das Mädchen spielt sehr schön, ist 12 Jahr und außer dem Spielen ganz kindlich; sie gehen nach Paris und Wien, und nach Beendigung der Reise will sie der Vater eine Zeitlang hierherschicken, da soll ich ihr das Nöthige beibringen für die Composition; es ist noch in so weitem Felde, und vielleicht auch gar nicht sein Ernst, sonst würde ich mich eher für Nein erklären – ich meine es hat noch keines bei mir was Ordentliches gelernt. Das mag wohl oft an den Schülern liegen, aber es liegt auch daran, daß das was ich ihnen lehren möchte nicht das ist was sie lernen wollen; wir sind in der Zeit auseinander, sie glauben sich in dem Elemente worein ich sie setzen möchte beengt – sie wollen Freiheit! Und mit Alba, aber gut gemeint, zu sagen: ‚Was ist des Freiesten Freiheit? – Recht zu thun!‘ – und daran soll sie keine meiner Vorschriften hindern, aber wir kommen selten zusammen.“ (Hauptmanns Briefe an Hauser, Bd. I, Leipzig 1871, S. 83/84.)

    Wie Clara Wieck unter solchen Einflüssen selbst über ihr Talent zum Komponieren dachte, hat sie wiederholt dargelegt, u.a. in einer Tagebucheintragung vom 26.11.1839, hier zitiert nach dem Aufsatz „Les-Arten oder: Wie verändert die Gender-Perspektive die Interpretation von Quellen?“ von Beatrix Borchard, in: Musik und Gender. Grundlagen – Methoden – Perspektiven, hg. von Rebecca Grotjahn und Sabine Vogt, Laaber 2010, S. 47: „Ich denke, mich mit der Zeit darein zu ergeben, wie ja überhaupt jeder Künstler der Vergessenheit anheim fällt, der nicht schaffender Künstler ist. Ich glaubte einmal das Talent des Schaffens zu besitzen, doch von dieser Idee bin ich zurückgekommen, ein Frauenzimmer muß nicht componiren wollen - es konnte es noch Keine, sollte ich dazu bestimmt seyn? Das zu glauben wäre eine Arroganz, zu der mich blos der Vater einmal in früherer Zeit verleidete, ich kam aber bald von diesem Glauben zurück. Möge Robert nur immerhin schaffen, das soll mich immer beglücken.“


    Eine Liste von 315 Privatschülerinnen und -schülern ist der Ausgabe „Hauptmanns Briefe an Hauser“, Bd. II, Leipzig 1871, S. 281-290 beigegeben. Meist sind nur Nachnamen verzeichnet, z.T. mit dem Anfangsbuchstaben des Vornamens versehen, z.T. gibt es jedoch Zusätze, die Frauen kennzeichnen:


    „Frl. Wiegand aus Kassel, 1939

    Frl. A. Speyer, aus Frankfurt a.M., 1844 [vermutlich ist die Sängerin Antonie Speyer gemeint, später verheiratete Kufferath]

    Frl. von Pogojeff aus Petersburg, 1847

    Miss Brown aus London, 1847

    Frl. Samson aus Holland, 1848 (?)

    Frl. Koch aus Minden, 1851

    Frl. Weber aus ?, 1851

    Helene Hauptmann aus Leipzig, 1859“


    Bekanntschaft mit Carl Maria von Weber, Giacomo Meyerbeer, Felix Mendelssohn Bartholdy, Robert Schumann.


    Fürst Repnin: Hauptmanns Dienstherr in Russland.


    Ludwig Spohr (1784-1859): Komponist und Geiger, Lehrer und Förderer Hauptmanns.


    Franz Hauser (1794-1870): enger Freund Hauptmanns, Opernsänger, Gesangslehrer und Sammler von Handschriften. Aus den Jahren 1827 bis1867 sind Hauptmanns Briefe an Hauser erhalten, die 1871 von Alfred Schöne in zwei Bänden in Leipzig herausgegeben wurden. Hauser unterrichtete u.a. Henriette Sontag, Rosa von Milde und Jenny Lind. Es existiert u.a. ein Briefwechsel zwischen Fanny Hensel und Franz Hauser (Mendelssohn-Studien 10, 1997, S. 215-225). Franz Hauser sang auch Lieder von Fanny Hensel.

    Werk/Wirken unter Genderaspekten

    Moritz Hauptmann verstand sich in erster Linie als Komponist und Musiktheoretiker. Unter Genderaspekten ist seine polarisierte Geschlechterauffassung für seine musikschriftstellerische Tätigkeit und mehr noch für seine Unterrichtstätigkeit von besonderer Bedeutung. In dem Aufsatz „Männlich und weiblich“, verfasst im April 1857 und posthum in der Aufsatzsammlung „Opuscula“ 1874 durch seinen Sohn Ernst Hauptmann veröffentlicht, hat Moritz Hauptmann seine Auffassung zu diesem Thema dezidiert formuliert.


    Hauptmanns Geschlechterauffassung basiert im Unterschied zu gängigeren Vorstellungen dieser Zeit auf der These, dass im Weiblichen „das Gefühlsprinzip, im Männlichen das Verstandesprincip“ walte. Er ist der Ansicht, dass die „Natur“ des Mannes die „Einheit“ sei, die Innerlichkeit, das Integrale, die „Natur“ der Frau hingegen „das Vielerlei“, das Äußerliche und die Differenz, die Trennung. Der Frau das Gefühlsprinzip zuzuordnen heiße insofern, an ihre Tugend zu appellieren, die gerade das dem Menschen abverlange, was er von Natur aus nicht sei und sich nur durch eigenen Willen erarbeiten könne. „Wenn die Emanzipation der Frauen von ihnen selbst angestrebt wird, ist’s nur das Gelüst dem Triebe zu folgen, nach Aussen zu gehen mit ihrer Thätigkeit, recht Vielerlei vor sich zu haben, anstatt des lästigen Einerlei des inneren Hauses.“ (Quellenangabe s.u., S. 128)

    Vorbild und Ideal seines Männerbilds ist der Künstler, weil der „am meisten seiner Natur folgen“ könne. Und zwar der männlichen Natur, die „die Einheit der poetischen Idee“ suche, während das Weibliche in der Kunst „ihre Aeusserung in der Erscheinung oder Darstellung, in der Auseinandersetzung“ suche. Die poetische Idee sei „die notwendige Basis für das künstlerisch Ausgesprochene“ – darum sei die Kunst allein dem Mann vorbehalten. Künstlerische Ausdrucksmittel hingegen ließen sich viele finden, und in diesem Vielerlei finde auch die Frau ihre künstlerische Aufgabe.


    Auch die Wissenschaft ist nach dieser Logik allein männlicher Natur, da auch diese eine Einheitsidee benötige. „Etwas, das wie Kunst aussieht, bringen Frauen noch eher zu Stande als eine wissenschaftliche Abhandlung. Goethe schreibt einmal an Schiller über den Roman einer Dame: ‚Es ist zu verwundern, wie weit unsere Frauen es in der Schriftstellerei zuweilen bringen, dass es fast aussieht, als wär‘ es etwas.‘ So ist’s in schriftlicher Darstellung, in der Malerei, in der Musik - - höchstens kommt es dahin, dass es aussieht, als wär‘ es etwas.“ (S. 129)


    Aus diesen Gründen seien Frauen zum Komponieren gänzlich ungeeignet. „Wenn eine Josephine Lang, eine Fanny Mendelssohn einige Stücke und Stückchen zu Stande gebracht haben, die genannt worden sind, so hat das für’s Ganze keine Bedeutung, wo so viele Frauen sich mit Musik beschäftigen, so viel Zeit darauf verwenden, mit und ohne Beruf – aber auch die ausgemacht vorzüglichen Virtuosinnen bleiben in der Composition, wie ernstlich es auch manche betreiben mögen, doch immer dilettantenhaft. Es fehlt immer an der Idee, an einem strahlenden Centrum. – Dass es an einem solchen auch in vielen Männercompositionen fehlt, ist gar nicht in Abrede gestellt, es ist nur die Frage, wo etwas zu finden sein kann, wo nicht.“ (S. 129-130)


    Abschließend ordnet Hauptmann in seinem Aufsatz - mit Bezug auf seine „Natur der Harmonik“ (Leipzig 1853) - dem männlichen Prinzip der Einheit die Oktave zu, dem weiblichen die Quinte, die bekanntlich in der Funktionstheorie in die nächstverwandte Tonarten führt, also die Zweiheit symbolisiert. „Das Männliche ist überall das Primäre, das Positive, das Weibliche das Secundäre, das Relative; so auch in der Schöpfungsfolge: Adam und Eva. – Ohne Adam keine Eva. Adam aber konnte zuerst allein da sein; erst dass die Einheit zu Verstand kommen, sich selbst begreifen konnte, musste die Zweiheit kommen.“


    Moritz Hauptmann, „Männlich und weiblich“. In: Opuscula. Vermischte Aufsätze von Moritz Hauptmann, Leipzig 1874, S. 127-131.

    Quellen zu Genderaspekten

    Quellen zu Genderaspekten

    Hauptmann, Moritz. Die Natur der Harmonik und Metrik. Leipzig, 1853.


    Hauptmann, Moritz. Die Lehre von der Harmonik. Hg. von Oscar Paul. Leipzig, 1868.


    Hauptmann, Moritz. Opuscula. Hg. v. Ernst Hauptmann. Leipzig, 1874.

    Online lesbar: https://archive.org/stream/opusculavermisc00haupgoog#page/n9/mode/2up


    Briefe von Moritz Hauptmann an Franz Hauser. Hg. von Alfred Schöne. 2 Bde. Leipzig, 1871.


    Briefe von Moritz Hauptmann an Ludwig Spohr und andere – Neue Folge der Hauptmann’schen Briefe. Hg. von Ferdinand Hiller. Leipzig, 1876.


    Beatrix Borchard, „Les-Arten oder: Wie verändert die Gender-Perspektive die Interpretation von Quellen?“, in: Musik und Gender. Grundlagen – Methoden – Perspektiven, hg. von Rebecca Grotjahn und Sabine Vogt, Laaber 2010, S. 43-56.


    Peter Rummenhöller, Artikel „Moritz Hauptmann“ in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik. Personenteil, Bd. 8, Zweite, neubearbeitete Ausgabe, hg. von Ludwig Finscher. 21 Bände. Bärenreiter/Metzler, Kassel/Stuttgart 1994ff., S. 872-875.



    Links für Genderaspekte


    http://de.wikisource.org/wiki/Moritz_Hauptmann

    Forschungsbedarf zu Genderaspekten

    In welcher Weise Hauptmanns Geschlechterauffassung auf seine Kompositionsschülerinnen und -schüler gewirkt hat, ist noch zu untersuchen, z.B. durch Durchsicht von Briefen u.a. Dokumenten seiner Schülerinnen und Schüler. Zu Clara Wieck vgl. hier den o.a. Aufsatz von Beatrix Borchard, „Les-Arten oder: Wie verändert die Gender-Perspektive die Interpretation von Quellen?“ (2010).

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    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Martina Bick


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back


    Empfohlene Zitierweise

    Martina Bick, Artikel „Moritz Hauptmann“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom ...
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Moritz_Hauptmann