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    von Martina Bick
    Namen:
    Martha Eckstein
    Lebensdaten:
    geb. in Raunheim, Deutschland
    gest. unbekannt
    Tätigkeitsfelder:
    Musikerin, Instrumentalistin

    Profil

    Martha Eckstein war eine Musikerin – vermutlich Instrumentalistin – aus der Musiker*innenfamilie Eckstein. Sie lebte in Vöhringen und wurde im März 1943 mit zahlreichen Familienmitgliedern in das sogenannte „Zigeunerlager“ in Auschwitz-Birkenau deportiert. 1944 wurde Martha Eckstein zuerst in das KZ Ravensbrück, dann in das KZ Flossenbürg gebracht, von wo aus sie nach ihrer Befreiung nach Vöhringen zurückkehren konnte. Ihre Eltern, ihr jüngerer Bruder und fast die gesamte übrige Familie Eckstein wurde in Auschwitz bzw. Sachsenhausen ermordet.

    Orte und Länder

    Martha Eckstein ist in Raunheim geboren und lebte dann in Vöhringen bei Ulm. Sie überlebte die Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, Ravensbrück und Flossenbürg und kehrte nach der Befreiung nach Vöhringen zurück.

    Biografie

    Martha Eckstein wurde am 25. Februar 1925 als Tochter des Musikers Richard Eckstein (1896-1942) und seiner Frau Elisabeth (1904-1943), die aus der Korbmacher-Familie Reinhardt aus der Gegend um Donaueschingen stammte, geboren.

    Die Sinti-Kapelle der Familie Eckstein war bereits seit dem 17. Jahrhundert im Landkreis Darmstadt-Dieburg bekannt. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie von Martha Ecksteins Onkel, dem Geiger Johannes Eckstein, geleitet. Es ist anzunehmen, dass auch dessen Bruder, Martha Ecksteins Vater Richard, Instrumentalist war und seine Fähigkeiten an seine beiden Töchter Martha und Rositta Eckstein (geb. 1923) sowie seinen Sohn Wilhelm Eckstein (1927-1944) weitergegeben hat, wie es in dieser Ethnie üblich war, nimmt Claudia Maurer Zenck an (vgl. Maurer Zenck 2016, o.S.). Anfang März 1938 wurde Richard Eckstein in Stuttgart „anthropologisch vom Kopf bis zu den Füßen untersucht“ und als „Zigeuner-Mischling mit vorwiegend deutschem Blutsanteil“ (Wuttke 2012, S. 9) eingestuft. Dies kam einer Sondergenehmigung gleich und er konnte zunächst weiterhin arbeiten und reisen. Im März 1941 zog Richard Eckstein über Rosenheim nach München. Dort wurde er im Sommer 1942 in das KZ Dachau eingewiesen und am 11.10.1942 im KZ Sachsenhausen getötet.

    Die Kapelle der Ecksteins in Vöhringen war bereits 1939 von der Reichsmusikkammer mit einem Auftrittsverbot belegt worden. Am 8. März 1943 wurde Martha Eckstein zusammen mit ihrer Mutter Elisabeth („Hauptbuch [Frauen]“ Nr. [Z] 3577, S. 231/2), ihrer Schwester Rositta und deren eineinhalbjährigen Sohn, ihrem jüngeren Bruder Wilhelm („Hauptbuch [Männer]“ Nr. [Z] 3193, S. 94) sowie mit der Familie ihres Onkels Johannes und dessen Frau Friedericke Eckstein mit neun von deren zwölf Kindern und einem Enkelkind ins KZ Ausschwitz eingeliefert, wo sie am 14.3.1943 registriert wurden (Czech, „Kalendarium“, S. 441).

    Martha Ecksteins Name ist mit dem Eintrag „Musikerin“ im „Hauptbuch (Frauen)“ verzeichnet, der Dokumentation des sogenannten „Zigeunerlagers“ des KZs Auschwitz-Birkenau, in dem von Ende Februar 1943 bis Ende Juli 1944 mehr als 20.000 Roma und Sinti inhaftiert waren. Dies könnte ein Hinweis darauf sein, dass sie Instrumentalistin und nicht Sängerin war.

    Im April, Mai und zuletzt am 1. August 1944 begann man, die noch arbeitsfähigen Frauen in Ausschwitz-Birkenau nach und nach ins KZ Ravensbrück zu deportieren, bevor die im „Zigeunerlager“ verbliebenen knapp 3.000 Sinti und Roma in der Nacht vom 2. zum 3. August 1944 vergast wurden. Durch die Deportation nach Ravensbrück stiegen die Überlebenschancen für Martha Eckstein: „Überlebt haben in Ravensbrück die jüngeren, anpassungsfähigeren Zigeunerfrauen, die in den verschiedenen Werkstätten des Lagers arbeiten konnten; (...). Doch die älteren und kränklichen Frauen sind auch hier mit ihren Kindern zugrunde gegangen, im Lager selbst oder auf den Transporten nach Maidanek und nach Auschwitz und zuletzt bei der Auflösung von Ravensbrück, auf den Hungermärschen nach Bergen-Belsen und Mauthausen.“ (Steinmetz, „Die Verfolgung der burgenländischen Zigeuner“, S. 119, zit. nach Maurer Zenck, a.a.O.).

    Martha Eckstein wurde von Ravensbrück in das Konzentrationslager Flossenbürg verlegt. Nach ihrer Rückkehr gab sie auf dem Meldezettel an, dass sie von Auschwitz käme; dass sie jedoch von Flossenbürg noch einmal in dieses KZ verbracht worden war, ist den Einträgen im „Kalendarium“ nach dem letzten Transport aus dem „Zigeunerlager“ nach Ravensbrück am 2.8.1944 nicht zu entnehmen. (Laut Czech, „Kalendarium“, S. 910, wurden am 18. Oktober aus zwei Außenlagern von Buchenwald 217 „Zigeunerinnen“, die bereits früher in Auschwitz waren, dorthin zurücküberstellt.)

    Martha Eckstein kehrte nach ihrer Befreiung aus Ravensbrück bzw. Flossenbürg oder Auschwitz nach Vöhringen zurück. Über ihr weiteres Schicksal ist nichts bekannt.

    Quellen

    Czech, Danuta, Kalendarium der Ereignisse im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau 1939–1945, Reinbek 1989.


    Franz, Philomena, Zwischen Liebe und Haß, Freiburg i.Br. 1985, 2. Aufl. 1986, 3. Aufl. 1987; erweiterte Ausgabe mit dem Untertitel „ein Zigeunerleben“, Rösrath 2001.


    „Hauptbuch des Zigeunerlagers Auschwitz (Frauen)“, in: Gedenkbuch. Die Sinti und Roma im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, hrsg. vom Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau in Zusammenarbeit mit dem Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma Heidelberg, 2 Bde., München 1993, Bd. 1 (in Bd. 2: „Hauptbuch des Zigeunerlagers Auschwitz [Männer]“).


    Maurer Zenck, Claudia, „Spuren unbekannter deutscher und österreichischer Musikerinnen. Auf der Suche nach NS-verfolgten ‚Zigeunerinnen‘ und ihrer Geschichte“, in: Multimediale Festschrift für Beatrix Borchard, online seit August 2016, Kapitel Biographik, http://mugi.hfmt-hamburg.de/Beatrix_Borchard/


    Maurer Zenck, Claudia, „Verfolgungsgrund: 'Zigeuner'. Nachruf auf unbekannte Musiker“, in zwei Teilen erschienen in: mr-[musica reanimata-]Mitteilungen H. 88 (Dez. 2015), S. 1–19, und H. 89 (März 2016), S. 1–20.


    Maurer Zenck, Claudia, Verfolgungsgrund: „Zigeuner“. Unbekannte Musiker und ihr Schicksal im „Dritten Reich“, Wien 2016 (= Antifaschistische Literatur und Exilliteratur – Studien und Texte, Bd. 25).


    Rose, Romani (Hg.), Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma [= Katalog zur ständigen Ausstellung im Staatlichen Museum Auschwitz], Heidelberg 2003.


    Steinmetz, Selma, „Die Verfolgung der burgenländischen Zigeuner“, in: In Auschwitz vergast, bis heute verfolgt, hrsg. von Tilman Zülch, Reinbek 1979, S. 112–133.


    Wuttke, Walter, „Die Vöhringer Sinti-Familie Eckstein“, in: Freidenker Blätter 7/2012, S. 1-22.

    Forschung

    Claudia Maurer Zenck stellt fest, dass in diesem Anfangsstadium der Erforschung des Schicksals verfolgter „Zigeuner“-Musikerinnen noch keine Dokumente aus den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts bekannt sind, die professionelle Sinti- oder Roma-Instrumentalistinnen bezeugen. Sie weist jedoch auf einige aufschlussreiche Fotografien hin, die bis ins 19. Jahrhundert zurückdatieren und weder ein romantisierendes noch ein diskriminierendes Bild von „Zigeunerinnen“ vermitteln, sondern sie in ihrer Tätigkeit als Musikerinnen bzw. musizierende Frauen vorstellen: So wurde um 1880 in einem Foto-Studio eine fünfköpfige gemischte Kapelle aufgenommen, in der eine junge Frau Bratsche, eine zweite Gitarre spielt (vgl. Rose, „Der nationalsozialistische Völkermord an den Sinti und Roma, S. 13), die laut Legende den Familien Eckstein und Köhler anhörten. Einige von ihnen waren Geschwister, vermutet Maurer Zenck und schließt aus dem Umstand, dass sie sich überhaupt als Kapelle fotografieren ließen und ihrer Kleidung nach zu urteilen, dass sie ein professionelles Ensemble waren, das vermutlich für Feste engagiert wurde (Maurer Zenck, „Spuren unbekannter deutscher und österreichischer Musikerinnen, 2016, Online-Publikation o.S.).



    Forschungsbedarf

    In Vöhringen gibt es weitere Quellen über die Musiker*innen-Familie Eckstein, anhand derer sich die weiteren Lebensläufe von Martha Eckstein und anderer Überlebender ihrer Familie vielleicht rekonstruieren lassen.


    Weiterer Forschungsbedarf besteht für alle im Nationalsozialismus verfolgten Sinti- und Roma-Musikerinnen und insbesondere die (heute verloren gegangene?) Tradition von Instrumentalistinnen unter diesen Musikerinnen.

    Autor/innen

    Martina Bick


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Silke Wenzel
    Zuerst eingegeben am 04.05.2017


    Empfohlene Zitierweise

    Martina Bick, Artikel „Martha Eckstein“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 4.5.2017.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Martha_Eckstein