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  • Marie Wilson

    von Silke Wenzel
    Namen:
    Marie Wilson
    Lebensdaten:
    geb. in London,
    gest. nach

    Tätigkeitsfelder:
    Violinistin, Orchestermusikerin, Musikpädagogin, Hochschuldozentin
    Charakterisierender Satz:

    „It was a pleasure to hear Miss Marie Wilson in Max Bruch’s amiable G minor concerto, all the more because it showed that her years of faithful service in the B.B.C. Orchestra have not blunted her sensibility or impaired the purity of her tone. There was a vein of poetry in her playing which caused the value of the concerto to appreciate as a piece of music. It is a pity she is not to be heard more often in solo work, for the aptitude which has come from orchestral experience now finds a happy outlet in an easy and polished style of playing. Plainly there is no inherent incompatibility between orchestral and solo playing of the violin.“


    „Es war ein Vergnügen, Fräulein Marie Wilson in Max Bruchs reizendem g-Moll-Konzert zu hören, umso mehr, da es zeigte, dass ihre Jahre im gewissenhaften Dienst für das B.B.C. Orchestra nicht ihre Empfindsamkeit abgestumpft oder die Reinheit ihres Tons beeinträchtigt haben. Es war eine Ader von Poesie in ihrem Spiel, die es ermöglichte, das Konzert als erstrangige Musik wertzuschätzen. Es ist schade, dass sie nicht öfters in Solowerken zu hören ist, da das Können, das durch die Erfahrung im Orchester entstanden ist, jetzt einen freudvollen Ausdruck in einem einfachen und glänzenden Stil erhält. Es gibt schlechthin keine inhärente Unvereinbarkeit von Orchester- und Solospiel der Violine.“


    („The Times“ vom 18. April 1939, S. 12)


    Profil

    Die Geigerin Marie Wilson trat nicht nur als Solistin und Kammermusikerin regelmäßig auf, sondern gehört bis heute zu den bekanntesten Orchestermusikerinnen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Noch während ihrer Studienzeit, 1922, erhielt sie eine Stelle als Violinistin im New Queen’s Hall Orchestra. Von 1930 bis 1944 war sie zweite Konzertmeisterin des BBC Orchestra, das sie in vielen (Rundfunk-)Konzerten als Konzertmeisterin führte, und spielte ab 1946 im „Philharmonia Orchestra“, das der Musikproduzent Walter Legge nach dem Krieg neu gegründet hatte. Zeitlebens blieb sie in weiteren Orchestern als Geigerin präsent. Mit dem Marie Wilson String Quartet veranstaltete sie zudem regelmäßig Konzerte in London und weiteren britischen Städten. Im Jahr 1936 wurde Marie Wilson als Professorin für Violine an das Royal College of Music in London berufen.

    Orte und Länder

    Marie Wilson wurde in London geboren und behielt dort ihren Wirkungskreis. Sie lebte in späteren Jahren in Lewes, in der Grafschaft East Sussex.

    Biografie

    Marie Wilson wurde am 30. November 1903 als Tochter eines Bergarbeiters geboren, der zudem als Geiger im Orchester des Londoner Gaiety Theatre spielte. Von ihm erhielt sie ab dem Alter von vier Jahren Violinunterricht.


    Von 1918 bis 1926 studierte Marie Wilson Violine am Royal College of Music bei Maurice Sons, der zu dieser Zeit Konzertmeister des Queen’s Hall Orchestra und des Scottish Orchestra war. Dabeit trat sie regelmäßig sowohl als Solistin als auch als Kammermusikerin in den Studierendenkonzerten des Royal College auf. In diesem Rahmen konzertierte sie z. B. im Februar 1924 mit dem Violinkonzert D-Dur op. 77 von Johannes Brahms unter der Leitung von Adrian Boult, und die „Times“ rezensierte: „Miss Marie Wilson’s playing of Brahms’s violin concerto was worthy of all praise, not only for its purity of tone, intonation, and style, but for the surprising grasp of the meaning of the work which she showed for a player of her age, especially in the first movement“ („Fräulein Marie Wilsons Interpretation von Brahms’ Violinkonzert war jedes Lobes würdig, nicht nur für die Reinheit der Klangfarbe, der Intonation und des Stils, sondern für das für eine Musikerin ihres Alters überraschende Verständnis für die Bedeutung des Werkes, das sie insbesondere im ersten Satz zeigte.“; „The Times“ vom 18. Februar 1924, S. 17) Ebenfalls im Februar 1924 beteiligte sich Marie Wilson an Aufführungen von César Francks Klavierquintett f-Moll FWV 7 und eines von Felix Mendelssohn Bartholdys Streichquartetten Es-Dur. Einen Monat später führte sie als Primaria das Streichsextett Nr. 1 B-Dur op. 18 von Johannes Brahms auf sowie, im Februar 1926, Ludwig van Beethovens Streichquartett f-Moll op. 95 (vgl. „The Musical Times“ vom 1. März 1924, S. 257; vom 1. April 1924, S. 354; vom 1. März 1926, S. 261). Zudem wurde Marie Wilson am Royal College mehrfach ausgezeichnet. Sie erhielt Stipendien und Preise, darunter das „Open Scholarship“, das „Morley Scholarship“ und das „Gowland Harrison Scholarship“ sowie die „Tagore Gold Medal“ (1924) (vgl. „The Musical Times“ vom 1. Januar 1925, S. 61). Bei ihrem Studienabschluss wurde ihr der Titel einer Associate of the Royal College of Music (A.R.C.M.) verliehen.


    Eine weitere Besonderheit zeichnete ihre Studienjahre aus: Bereits 1922 wurde sie auf eine feste Stelle als Violinistin im New Queen’s Hall Orchestra berufen, das zu dieser Zeit von dem bekannten Dirigenten Sir Henry Wood geleitet wurde und u. a. die Konzertreihe „Popular Concerts“ bestritt.


    Nach ihrem Studienabschluss konnte sich Marie Wilson im englischen Musikleben als Solistin und Kammermusikerin etablieren, wie u. a. die „Times“ anlässlich eines Konzerts, das Marie Wilson im Februar 1929 in der Londoner Wigmore Hall veranstaltete, bemerkte: „Miss Marie Wilson ought to find a place for herself as a soloist, and maybe as the leader of a string quartet. [...] In the former capacity she proved herself an accomplished player at her recital at Wigmore Hall on Friday night. [...] In this she has both shown wisdom and been fortunate, for she has been able to get experience without launching herself prematurely on the open market. She plays with a strong, clean tone, good style, and steady rhythm, and she has a good deal of musical insight.“ („Fräulein Marie Wilson sollte einen Platz als Solistin und vielleicht einen als Primaria eines Streichquartetts finden. […] Als Solistin erwies sie sich bei ihrem Vortrag in der Wigmore Hall am Freitagabend als vollkommene Spielerin. […] Hierin zeigte sie ebenso Klugheit wie Glück, da sie in der Lage war, Erfahrungen zu sammeln, ohne sich verfrüht auf den freien Markt zu bringen. Sie spielt mit einem starken, sauberen Ton, gutem Stil und gleichmäßigem Rhythmus und sie verfügt über sehr viel musikalisches Verständnis.“; „The Times“ vom 18. Februar 1929, S. 10) Im Dezember 1931 spielte sie gemeinsam mit der Musical Society of the National Provincial Bank in der Londoner Queen’s Hall den Solopart in Édouard Lalos „Symphonie Espagnole“ d-Moll op. 21 – „with a very pleasing warmth of tone“, wie die „Times“ vermerkte („... mit einer sehr angenehmen Wärme des Tons“; „The Times“ vom 16. Dezember 1931, S. 10).

    Zugleich hatte Marie Wilson 1925 das „Marie Wilson String Quartet“ gegründet, das von 1925 bis 1930 in London und weiteren Städten konzertierte. Zur Gründungsbesetzung gehörten neben Marie Wilson als Primaria Gwendolen Higham (Violine 2), Anne Wolfe (Viola) und Phyllis Hasluck (Violoncello). Das Streichquartett wandte sich sowohl dem klassisch-romantischen Repertoire als auch aktuellen Werken zu. So umfasste z. B. das Programm eines Kammermusikkonzertes, das das Ensemble im März 1929 in der Londoner Wigmore Hall gab, ein Streichquartett von Frederick Delius, Joseph Haydns Streichquartett Streichquartett Nr. 78 B-Dur op. 76 Nr. 4 und das Streichquartett Nr. 1 G-Dur von Arnold Bax (vgl. „The Times“ vom 8. März 1929, S. 14). Im Januar 1930 berichtete die „Musical Times“ über ein Konzert des Ensembles im „Patrons’ Found“ des Royal College of Music. Auf dem Programm standen Streichquartette von Wolfgang Amadeus Mozart, Frederick Delius und Gordon Jacob: „On the present occasion an opportunity was afforded to a young organization, the Marie Wilson Quartet, to display its powers in established works of the quartet répertoire and also in a recently composed work by a British composer. The three Quartets chosen were by Mozart, Delius, and Gordon Jacob, which in variety and scope proved an excellent test of the performers’ artistic and interpretative qualities. A high standard of excellence was set in the Mozart, and fully sustained in the other two works, to the delight of a large audience, which welcomed this new combination of players into the ranks of established quartet players.“ („Beim gegenwärtigen Anlass wurde einer jungen Vereinigung, dem Marie Wilson Quartett, eine Gelegenheit gewährt, ihre Fähigkeiten in etablierten Werken des Quartettrepertoires und auch in einem kürzlich komponierten Werk von einem britischen Komponisten unter Beweis zu stellen. Die drei ausgewählten Quartette waren von Mozart, Delius und Gordon Jacob und erwiesen sich in ihrer Vielfalt und Bandbreite als eine ausgezeichnete Bewährungsprobe für die künstlerischen und interpretatorischen Fähigkeiten der Künstler. Ein hoher künstlerischer Standard wurde mit Mozart gesetzt und zum Entzücken des großen Publikums, das diese neue Kombination von Musikerinnen im Rang von etablierten Quartettspielern empfing, in den beiden anderen Werken vollkommen aufrechterhalten.“; „The Musical Times“ vom 1. Januar 1930, S. 63). Ab 1929 trat Marie Wilson zudem als Solistin und Kammermusikerin regelmäßig in Rundfunkkonzerten der BBC auf (vgl. u. a. „The Times“, „Broadcasting“ vom 20. November 1929, vom 11. Dezember 1929, vom 28. Dezember 1929).


    Neben ihren Erfolgen als Solistin und Kammermusikerin galt Marie Wilson auch als herausragende Orchestermusikerin. Von 1930 bis 1944 war sie als Violinistin im BBC Orchestra angestellt, spätestens ab 1932 als zweite Konzertmeisterin. In dieser Funktion führte sie regelmäßig das Orchester, zunächst hauptsächlich in den Rundfunkkonzerten, später auch in den Live-Konzerten. Mehr als 550 Auftritte als Konzertmeisterin verzeichnet die Rubrik „Broadcasting“ der „Times“ zwischen dem 29. Februar 1932 und dem 10. Oktober 1939 (vgl. Rubrik „Broadcasting“ in „The Times“ zwischen dem 29. Februar 1932, S. 19 und dem 10. Oktober 1939, S. 6). Dabei spielte Marie Wilson das gesamte Konzertrepertoire von Johann Sebastian Bach bis zu zeitgenössischen britischen und russischen Komponisten unter Dirigenten wie Sir Henry Wood, Joseph Lewis, Edward Clarke, Stanford Robinson, Victor Hely-Hutschinson, Leslie Hewart, Viscount Hidemaor Konoye, Warwick Braithwaite, Clarence Raybould, Julian Clifford, Ernest W. Goss, Frank Bridge, Nadia Boulanger und Adrian Boult. Erst 1933 trat sie erstmals auch in der Öffentlichkeit – und nicht nur im Rundfunk – als Konzertmeisterin auf. Unter der Leitung von Sir Henry Wood führte sie das Queen’s Hall Orchestra während einer Grippeepidemie. Auf dem Programm standen die Hebriden-Ouvertüre von Felix Mendelssohn Bartholdy op. 26, Robert Schumanns Klavierkonzert a-Moll op. 54 und Johannes Brahms’ 1. Symphonie c-Moll op. 68. Die Tatsache, dass eine Frau als Konzertmeisterin des Queen’s Hall Orchestra fungierte, wurde von der „Times“ sogar im Header der Rezension vermerkt: „The Promenade Concerts. Orchestra led by Miss Marie Wilson. The influenza is doing its best to disorganize the arrangements for the Promenade Concerts at Queen’s Hall. Several singers has had to cancel their engagements, and now Mr. Woodhouse has fall a victim. His place at the first desk last night was taken by Miss Marie Wilson. This is the first time that the ‚Prom’ orchestra has been led by a woman since the days of the war, when Miss Dora Garland led for a short time.“ („Die Promenade Concerts. Orchester unter der Leitung von Fräulein Marie Wilson. Die Grippe tut ihr Bestes, um die Orchesterbesetzungen für die Promenade Concerts in der Queen’s Hall durcheinanderzubringen. Mehrere Sänger mussten ihre Engagements absagen und jetzt fiel ihr auch Herr Woodhouse zum Opfer. Seinen Platz am ersten Pult nahm gestern Abend Fräulein Marie Wilson ein. Es ist das erste Mal seit den Kriegstagen, als Fräulein Dora Garland für kurze Zeit führte, dass das ‚Prom’ Orchester von einer Frau geführt wurde.“; „The Times“ vom 5. Januar 1933, S. 8) Über ihr Solo in Johannes Brahms’ 1. Symphonie hieß es im Weiteren: „Miss Wilson played her short solo in the slow movement very well.“ („Fräulein Wilson spielte ihr kurzes Solo im langsamen Satz sehr gut.“; „The Times“ vom 5. Januar 1933, S. 8) In den folgenden Jahren führte Marie Wilson häufiger das Orchester in öffentlichen Konzerten und trat gleichzeitig mehrfach als Solistin auf. In den Seasons 1934 bis 1936 vertrat Marie Wilson den Konzertmeister Charles Woodhouse, der erkrankt war: „The B.B.C. regrets that Mr. Charles Woodhouse will be unable to lead during the season of Promenade Concerts which opens at Queen’s Hall on Saturday, August 10. [...] Miss Marie Wilson, who undertook Mr. Woodhouse’s duties last season, will again act as leader.“ („Die B.B.C. bedauert, dass Herr Charles Woodhouse außerstande sein wird, während der Saison der Promenade Concerts, die am Samstag, den 10. August in der Queen’s Hall eröffnet wird, als Konzertmeister zu fungieren. […] Fräulein Marie Wilson, die Herrn Woodhouses Pflichten in der letzten Saison übernommen hat, wird wieder als Konzertmeisterin agieren.“; „The Times“ vom 31. Juli 1935, S. 10) Im Juni 1936 meldete die „Times“: „The forty-second season of Promenade concerts, under the direction of Sir Henry Wood, will open at the Queen’s Hall on Saturday evening, August 8. Miss Marie Wilson will lead the B.B.C. Symphony Orchestra of 90 players.“ („Die zweiundvierzigste Saison der Promenade Concerts wird am Samstagabend, dem 8. August, in der Queen’s Hall unter der Leitung von Sir Henry Wood eröffnet. Fräulein Marie Wilson wird die 90 Musiker des B.B.C. Symphony Orchestras als Konzertmeisterin führen.“; „The Times“ vom 29. Juni 1936, S. 21).


    Trotz ihrer festen Stelle im Orchester trat Mary Wilson auch weiterhin als Solistin auf, teilweise auch mit dem BBC Orchester. So übernahm sie z. B. bei einem der Promenade Concerts im September 1934, das ausschließlich Werken von Ralph Vaughan Williams gewidmet war, den Solopart von „The Lark Ascending“ (vgl. „The Times“ vom 28. September 1934, S. 12), und spielte in demselben Rahmen im August 1935 unter der Leitung von Sir Henry Wood Peter I. Tschaikowskys „Sérénade Mélancolique“ b-Moll op. 26: „For the ‚Sérenade Mélancolique,’ which was the only other work in the second part, is a small affair, notable chiefly in this instance for providing an occasion of hearing as a soloist Miss Marie Wilson, who is this year leading the orchestra.“ („Da die ‚Sérénade Mélancolique, das einzige andere Werk im zweiten Teil, eine kleine Angelegenheit ist, ist sie in diesem Fall hauptsächlich deshalb bemerkenswert, weil sie eine Gelegenheit bot, Fräulein Marie Wilson, die in diesem Jahr das Orchester leitet, als Solistin zu hören.“; „The Times“ vom 14. August 1935, S. 10) Im April 1939 konzertierte Marie Wilson gemeinsam mit dem Stock Exchange Orchestra unter der Leitung von Archie Camden in der Queen’s Hall. Dort spielte sie das Violinkonzert Nr. 1 g-Moll op. 26 von Max Bruch, und die „Times“ rezensierte: „It was a pleasure to hear Miss Marie Wilson in Max Bruch’s amiable G minor concerto, all the more because it showed that her years of faithful service in the B.B.C. Orchestra have not blunted her sensibility or impaired the purity of her tone. There was a vein of poetry in her playing which caused the value of the concerto to appreciate as a piece of music. It is a pity she is not to be heard more often in solo work, for the aptitude which has come from orchestral experience now finds a happy outlet in an easy and polished style of playing. Plainly there is no inherent incompatibility between orchestral and solo playing of the violin.“ („Es war ein Vergnügen, Fräulein Marie Wilson in Max Bruchs reizendem g-Moll-Konzert zu hören, umso mehr, da es zeigte, dass ihre Jahre im gewissenhaften Dienst für das B.B.C. Orchestra nicht ihre Empfindsamkeit abgestumpft oder die Reinheit ihres Tons beeinträchtigt haben. Es war eine Ader von Poesie in ihrem Spiel, die es ermöglichte, das Konzert als erstrangige Musik wertzuschätzen. Es ist schade, dass sie nicht öfters in Solowerken zu hören ist, da das Geschick, das durch die Erfahrung im Orchester entstanden ist, jetzt einen freudvollen Ausdruck in einem einfachen und glänzenden Stil erhält. Es gibt schlechthin keine inhärente Unvereinbarkeit von Orchester- und Solospiel der Violine.“; „The Times“ vom 18. April 1939, S. 12)


    Im Jahr 1944 verließ Marie Wilson das BBC Orchestra und widmete sich nochmals einige wenige Jahre der Kammermusik und solistischen Auftritten. Gemeinsam mit der Pianistin Liza Fuchsova gründete sie 1947 ein Duo, das regelmäßig eigene Konzerte veranstaltete. Bei einem Londoner Konzert im Mai 1947 spielten die beiden Musikerinnen die Uraufführung von Elisabeth Lutyens „Suite Gauloise“ sowie eine der beiden Sonaten für Violine und Klavier von Ernest Bloch, und Marie Wilson gab Johann Sebastian Bachs Sonate für Violine solo a-Moll BWV 1003: „On Friday Miss Marie Wilson (violinst) and Miss Liza Fuchsova (pianist) gave the first performance of a ‚Suite Gauloise’ by Elisabeth Lutyens. [...] Bloch’s rarely played sonata for violin and piano added further interest to this programme. Both modern works were played with considerably more mastery and understanding than the solo items: Bach’s unaccompanied violin sonata in A minor by Miss Wilson, and Beethoven’s Waldstein sonata by Miss Fuchsova.“ („Am Freitag gaben Fräulein Marie Wilson (Violinistin) und Fräulein Liza Fuchsova (Pianistin) die erste Vorstellung einer ‚Suite Gauloise’ von Elisabeth Lutyens. […] Blochs selten gespielte Sonate für Violine und Klavier trugen zum weiteren Interesse für das Programm bei. Beide modernen Werke wurden mit beträchtlich mehr Meisterschaft und Verständnis gespielt als die Solonummern: Bachs unbegleitete Violinsonate in a-Moll von Fräulein Wilson und Beethovens Waldstein-Sonate von Fräulein Fuchsova.“; „The Times“ vom 5. Mai 1947, S. 7) Im Februar 1950 spielte Marie Wilson in der Central Hall in Westminster das Violinkonzert e-Moll op. 64 von Felix Mendelssohn Bartholdy gemeinsam mit dem Royal Philharmonic Orchestra unter der Leitung von Ernest Read (vgl. „The Times“ vom 17. Februar 1950, S. 10). Nochmals gründete Marie Wilson ein Streichquartett, diesmal mit Judy Hill (Violine 2), Hope Hambourg (Viola) und Lily Phillips (Violoncello) (vgl. Palmer 1948).


    Dennoch blieb Marie Wilson der Orchesterarbeit treu. Bereits 1946 nahm sie eine Stelle in den ersten Violinen des Philharmonic Orchestra an, das der Musikproduzent Walter Legge 1945 gegründet hatte, und das ursprünglich als Hausorchester der Schallplattenfirma EMI dienen sollte. Der Geiger Peter Mountain, der an der Seite von Marie Wilson spielte, beschrieb das Orchester in seinen Memoiren und ging dabei auch auf Marie Wilson ein: „The dynamic musical entrepreneur Walter Legge had founded this, virtually his own orchestra, principally as a house recording ensemble for EMI, with the aim of attracting top soloists and conductors, and setting a new standard for British music makers. [...] The first violins also included Marie Wilson (possibly the most outstanding female orchestral violinist of her time [...].“ („Der tatkräftige Musikunternehmer Walter Legge hat dieses, praktisch sein eigenes Orchester, vornehmlich als hauseigenes Aufnahme-Ensemble für die EMI gegründet, mit dem Ziel, herausragende Solisten und Dirigenten anzuziehen und einen neuen Maßstab für britische Musikproduzenten zu setzen. […] Unter den ersten Geigen war auch Marie Wilson (möglicherweise die herausragendste weibliche Orchesterviolinistin ihrer Zeit […].“; Mountain 2007, S. 81; vgl. auch „The Times“ vom 27. Dezember 1975, S. 4) 1963 wechselte Marie Wilson nochmals das Orchester und nahm eine Stelle als Violinistin am „London Philharmonic Orchestra“ an, das bis 1967 von John Pritchard, und von 1967 bis 1979 von Bernard Haitink geleitet wurde und das große Konzerttourneen bestritt, u. a. im Herbst 1975 durch Russland. Im Jahr 1974 spielte sie nach wie vor im renommierten „LPO“ unter der Leitung von Bernard Haitink (vgl. Gosling 1974).

    Im Jahr 1936 war Marie Wilson zudem als Professorin für Violine an das Royal College berufen worden (vgl. „The Times“ vom 26. September 1936, S. 10). Sie lehrte dort mehr als 35 Jahre lang bis 1973.


    Marie Wilson starb, Peter Mountain zufolge, im Jahr 1983 (vgl. Mountain 2007, S. 279). Im November 1983 hatte ihr die „Times“ noch zu ihrem 80. Geburtstag gratuliert.

    Würdigung

    Marie Wilson war mehr als fünfzig Jahre lang im britischen Musikleben als Solistin, Kammermusikerin und Hochschuldozentin, vor allem jedoch als hochgeschätzte Konzertmeisterin und Orchestermusikerin präsent. Als solche diente sie zweifelsfrei auch als Vorbild für andere Musikerinnen, die eine Orchesterlaufbahn anstrebten. Wie hoch Marie Wilson in dieser Funktion geschätzt wurde, zeigt unter anderem die Tatsache, dass ihr 1974 ein Orchesterwerk von Alexander Goehr, „Metamorphosis/Dance“, gewidmet wurde, das das London Philharmonic Orchestra im November 1974 in der Festival Hall unter der Leitung von Bernard Haitink uraufführte. Die „Times“ berichtete: „I wonder if, ever before, a piece has been dedicated to a back-deck violinist in the orchestra for which it was written – such is the case with Alexander Goehr’s ‚Metamorphosis/Dance’ commissioned by the London Philharmonic Orchestra and dedicated to them with special reference to Marie Wilson, one of their violinists. Senior readers, of course, will remember that Marie Wilson, who will be 71 at the end of this month, has been leader or sub-leader of some orchestra or other, often soloist in a concerto, ever since we attended our first concerts.“ („Ich frage mich, ob jemals zuvor ein Stück dem Mitglied eines Orchesters, für das es geschrieben wurde, gewidmet wurde – das ist der Fall bei Alexander Goehrs ‚Metamorphosis/Dance’, in Auftrag gegeben vom London Philharmonic Orchestra und diesem gewidmet, mit besonderer Referenz auf Marie Wilson, eine von dessen Violinistinnen. Ältere Leser werden sich natürlich erinnern, dass Marie Wilson, die am Ende dieses Monats 71 sein wird, immer Konzertmeisterin oder stellvertretende Konzertmeisterin des einen oder anderen Orchesters und oft Solistin war, seit wir unsere ersten Konzerte erlebt haben.“; „The Times“ vom 18. November 1974, S. 12)

    Repertoire

    Eine Repertoire-Liste von Marie Wilson kann derzeit aufgrund fehlender Forschungen nicht erstellt werden. Nachgewiesen sind Aufführungen der folgenden Werke:


    Bach, Johann Sebastian. Sonate für Violine solo a-Moll BWV 1003

    Bax, Arnold. Streichquartett Nr. 1 G-Dur


    Beethoven, Ludwig van. Streichquartett Nr. 11 f-Moll op. 95


    Bloch, Ernest. Sonate für Violine und Klavier (keine Präzisierung möglich)


    Brahms, Johannes. Violinkonzert D-Dur op. 77

    Brahms, Johannes. Streichsextett Nr. 1 B-Dur op. 18

    Brahms, Johannes. Symphonie Nr. 1 c-Moll op. 68


    Bruch, Max. Violinkonzert Nr. 1 g-Moll op. 26


    Delius, Frederick. Streichquartett (keine Präzisierung möglich)


    Franck, César. Klavierquintett f-Moll FWV 7


    Haydn, Joseph. Streichquartett Nr. 78 B-Dur op. 76 Nr. 4


    Jacob, Gordon. Streichquartett (keine Präzisierung möglich)


    Lalo, Edouard. „Symphonie Espagnole“ d-Moll op. 21


    Lutyens, Elisabeth. „Suite Gauloise“ für Violine und Klavier (Uraufführung)


    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Streichquartett Es-Dur (keine Präzisierung möglich)

    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Ouvertüre „Die Hebriden oder Die Fingalshöhle“ h-Moll op. 26

    Mendelssohn Bartholdy, Felix. Violinkonzert e-Moll op. 64


    Mozart, Wolfgang Amadeus. Streichquartette (keine Präzisierung möglich)


    Schumann, Robert. Klavierkonzert a-Moll op. 54


    Tschaikowsky, Peter I. „Sérénade Mélancolique“ b-Moll op. 26


    Williams, Ralph Vaughan. „The Lark Ascending“ für Violine und Orchester

    Quellen

    Literatur


    Artikel „Wilson, Marie“. In: Who’s who in broadcasting. Sydney Alexander Moseley. 1933 (verfügbar in wbis – world biographical information system).


    Artikel „Wilson, Marie“. In: British Music. Russell Palmer (Hg.). 1948 (verfügbar in wbis – world biographical information system).


    Brook, Donald. Violinists of to-day. New York: Books for Libraries Press, 1972 (darin ein eigenes Kapitel zu Marie Wilson, S. 180-187).


    Gosling, Kenneth. Marie Wilson prefers to be in team. In: The Times vom 2. November 1974, S. 17.


    Mountain, Peter. Scraping a Living: A Life of a Violinist. Bloomington: Milton Keynes, 2007.



    Zeitungsartikel und Konzertrezensionen


    The Musical Times vom 1. März 1924, S. 257.

    The Musical Times vom 1. April 1924, S. 354.

    The Musical Times vom 1. Januar 1925, S. 61.

    The Musical Times vom 1. März 1926, S. 261.

    The Musical Times vom 1. Januar 1930, S. 63


    The Times vom 18. Februar 1924, S. 17.

    The Times vom 18. Februar 1929, S. 10.

    The Times vom 8. März 1929, S. 14.

    The Times, „Broadcasting“ vom 20. November 1929.

    The Times, „Broadcasting“ vom 11. Dezember 1929.

    The Times, „Broadcasting“ vom 28. Dezember 1929.

    The Times vom 16. Dezember 1931, S. 10.

    The Times vom 5. Januar 1933, S. 8.

    The Times vom 28. September 1934, S. 12.

    The Times vom 31. Juli 1935, S. 10.

    The Times vom 14. August 1935, S. 10.

    The Times vom 29. Juni 1936, S. 21.

    The Times vom 26. September 1936, S. 10.

    The Times vom 18. April 1939, S. 12.

    The Times vom 5. Mai 1947, S. 7.

    The Times vom 17. Februar 1950, S. 10.

    The Times vom 18. November 1974, S. 12.

    The Times vom 27. Dezember 1975, S. 4.




    Links


    http://www.concertprogrammes.org.uk (Stand: 23. Oktober 2012)

    Die britische Concert Programmes Database verzeichnet zahlreiche Konzertprogramme von Marie Wilson.


    http://cadensa.bl.uk/uhtbin/cgisirsi/x/x/0/49/%20;%20charset=UTF-8 (Stand: 23. Oktober 2012)

    Das National Sound Archive der British Library verwahrt mehrere Aufnahmen von Solokonzerten und Kammermusik mit Marie Wilson sowie Interviews mit ihr bis in das Jahr 1985.

    Forschung

    Das National Sound Archive der British Library (vgl. Links) verwahrt mehrere Aufnahmen von Solokonzerten und Kammermusik mit Marie Wilson als Geigerin sowie Interviews mit ihr bis in das Jahr 1985, u. a. über Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Die Beiträge wurden für den vorliegenden Artikel nicht ausgewertet, könnten jedoch sicherlich weiteren Aufschluss über die Tätigkeiten Marie Wilsons geben.

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Marie Wilson umfasst ihre Biografie, ihre Tätigkeiten sowie ihre Kontakte im britischen Musikleben.

    Autor/innen

    Silke Wenzel


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Ellen Freyberg
    Zuerst eingegeben am 14.11.2012


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Marie Wilson“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 14.11.2012.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Marie_Wilson