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  • Marianne Kirchgessner

    von Melanie Unseld
    Scherenschnitt von Ursula Kuhlborn
    Namen:
    Marianne Kirchgessner
    Varianten: Marianne Kirchgäßner, Marianne Maria Eva Theresia Kirchgessner, Marianne Maria Eva Theresia Kirchgäßner
    Lebensdaten:
    geb. in Bruchsal, Deutschland
    gest. in Schaffhausen, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Glasharmonika-Virtuosin
    Charakterisierender Satz:

    „…ihr himmlisches Spiel auf diesem ausserordentlichen kostbaren Instrumente entzückte jedes an reine Harmonie gewöhnte Ohr und zwar ganz über alle unsere Erwartung; denn bis daher hörten wir nur blosse schwerfällige, melancholische Adagios mit einzelnen heulenden Tönen auf der Harmonika. Aber diese junge blinde Künstlerin behandelt dieses Instrument ganz anders; die vortreffliche Kompositionen, worauf sie sich hören läßt, spielt sie vollgriffig mit ganzer Harmonie, ihre Nüanzirungen, Wachsen und Hinsterben der Töne, Mordenten u.d.gl. sind unnachahmlich; Allegros, welche vor ihr noch kein Künstler gewagte hat, spielt sie mit einer unglaublichen Fertigkeit, voll von sanfter Grazie und Empfindung.“

    Auszug aller europäischen Zeitungen. Wien. Freytag den 13. May 1791, Nr. 109 (zit. nach Schneider 1985, S. 324).


    Profil

    Marianne Kirchgessner war eine der angesehensten Virtuosinnen auf der Glasharmonika, einem Instrument, das 1761 von Benjamin Franklin erfunden worden war und aufgrund seines obertonreichen, „gläsernen“ Klangs zahlreiche Künstler, Dichter und Musiker der Empfindsamkeit faszinierte. Obgleich sie blind war unternahm Marianne Kirchgessner (in Begleitung des Musikverlegers Heinrich Philipp Bossler und dessen Frau) jahrelange Konzertreisen und wurde so enorm populär. Schriftsteller wie Johann Wolfgang von Goethe und Jean Paul wurden durch ihr Spiel inspiriert, zahlreiche Komponisten, darunter Wolfgang Amadeus Mozart, komponierten für sie. Ihr früher, plötzlicher Tod gab der These Auftrieb, dass das Spiel der Glasharmonika gesundheitsschädlich sei (vgl. Bosseler 1809). Sie starb jedoch an den Folgen von Unterkühlung, zugezogen auf einer winterlichen Fahrt während einer ihrer Konzertreisen.

    Orte und Länder

    Aus Bruchsal stammend und in Karlsruhe ausgebildet ging Marianne Kirchgessner ab 1791 mehrfach auf ausgedehnte Konzertreisen. Die erste, die fast 10 Jahre dauerte (mit zeitweiliger kurzer Rückkehr in ihre Heimat und mehrmonatigen Aufenthalten in London u.a.), führte sie u.a. auch nach Linz, Wien, Dresden, Leipzig, Berlin, Hamburg, London, Kopenhagen und Petersburg. Nachdem sie sich in Gohlis (bei Leipzig) niedergelassen hatte, schränkte sie ihre Reisetätigkeiten etwas ein, wobei sie auch von dort aus mehrfach Konzertreisen unternahm.

    Biografie

    Am 5. Juni 1769 wurde Marianne Kirchgessner in Bruchsal geboren. Mit etwa vier Jahren erblindete sie in der Folge einer Blatternerkrankung, dennoch wurde ihre offensichtliche musikalische Begabung früh gefördert. Sie kam ab 1780 zur Ausbildung zum Karlsruher Kapellmeister Johann Alois Schmittbauer. Im Januar 1791 brach Kirchgessner in Begleitung des Speyrer Musikverlegers Heinrich Philipp Bossler zu einer mehrjährigen Konzertreise auf, die sie im ersten Jahr über Linz nach Wien führte, wo sie Wolfgang Amadeus Mozart begegnete. Dieser komponierte für sie das Quintett für Glasharmonika, Flöte, Oboe, Viola und Violoncello KV 617 und das Adagio KV 356/617a für Glasharmonika solo, weitere Werke Mozarts für die Glasharmonika blieben Fragment. Kirchgessner gab mehrere Konzerte in Wien, bei denen sie u.a. auch die Werke Mozarts uraufführte. 1792 konzertierte sie u.a. in Prag, Dresden, Leipzig, Berlin, Hamburg und Magdeburg; von März 1794 bis Herbst 1796 ließ sie sich als angesehene und erfolgreiche Glasharmonika-Virtuosin in London nieder. Weitere Stationen der Konzertreise zwischen 1796 und 1800 waren Hamburg, Kopenhagen, Danzig, Königsberg und Petersburg. Sie kehrte dann über Schlesien und die Lausitz nach Sachsen zurück. Um den Jahreswechsel 1799/1800 ließ sie sich in der Nähe von Leipzig nieder (Gohlis) und ging von nun an von hier aus auf Konzertreisen, u.a. nach Hannover und Frankfurt/Main (1801), Stuttgart, Leipzig, Berlin, Wien und Prag (1802-1808). Im Sommer 1808 begegnete sie Johann Wolfgang von Goethe in Karlsbad. Sie starb auf einer Konzertreise von Stuttgart aus kommend in Schaffhausen.

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    Marianne Kirchgessner wurde am 5. Juni 1769 als Tochter des Kammerzahlmeisters Joseph Anton Kirchgessner und seiner Frau Maria Theresia, die ihrerseits eine Tochter des Würzburgischen Kapellmeisters Franz Georg Waßmuth war, geboren. Mit vier Jahren erbildete sie nach einer Blatternerkrankung. Kurz zuvor war auch ihre Mutter gestorben. Ihre frühe musikalische Begabung ließ Anton Siegmund Joseph Reichsfreiherr von Beroldingen auf sie aufmerksam werden, der ihr eine Ausbildung bei Joseph Alois Schmittbauer in Karlsruhe ermöglichte („Er gehört unter die vorzüglichsten Componisten unseres Vaterlandes […]“ Schubart 1806, S. 170) sowie den Erwerb eines teuren Glasharmonika-Instruments finanzierte. Bald machte sie große Fortschritte auf dem neuen Instrument, so dass sie häufig am Karlsruher Hof konzertierte.

    1784 wird Marianne Kirchgessner erstmals in Cramers Magazin erwähnt: „Der hiesige Domcapitular, Freyherr von Beroldingen, läßt ein blindes Frauenzimmer aus Bruchsal, Mademoiselle Kirchgasserin, bey welcher er Anlage fand die zweyte Paradies zu werden, bey Hr. Schmittbaur in Carlsruhe, die von ihm erfundene Harmonica lernen. Sie ist eine Enkelin des Capellmeisters Wasmuth in Würzburg, und Schmittbaur ist desto bereitwilliger und unverdrossener in dem Unterrichte dieser blinden Person, da er selbst ihrem Großvater seine musicalischen Kenntniß und sein Glück zu danken hat.“ (Cramer 1784, S. 175) Interessant daran ist der Hinweis auf die 10 Jahre ältere Maria Theresia Paradis, die just zu dieser Zeit als blinde Pianistin durch Europa reiste.

    Von 1790 datiert die erste (bekannte) Komposition, die für Marianne Kirchgessner komponiert wurde; zahlreiche weitere Kompositionen folgten im Laufe ihrer europaweiten Karriere: Da das Repertoire für Glasharmonika noch sehr beschränkt war, fühlten sich zahlreiche Komponisten, die Kirchgessner hörten, animiert, ihr mit eigens für sie komponierten Werken ihre Hochachtung zu bekunden; genannt werden in diesem Zusammenhang u.a. Muzio Clementi, Carl Friedrich Christian Fasch, Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Antonio Salieri, Giuseppe Sarti, Giovanni Battista Viotti und Johann Baptist Vanhal (vgl. Braunschweigisches Magazin, 4. April 1801, zit. nach Schneider 1985, S. 334). Marianne Kirchgessner hatte offenbar einen ausgeprägten musikalischen Geschmack, denn bereits 1791 heißt es über sie: „In diesen ihren so feinen Gefühl liegt auch der Grund, warum sie so wenige Kompositionen befriedigen können. Selbst Naumann und Schmittbauer thun ihr nicht Genüge. In den Werken des ersten, sagte sie, herrscht der Ausdruck der Kunst über den Ausdruck des Leidenschaftlichen und Schmittbauers Kompositionen sind mir zu leicht.“ (Johann Friedrich Christmann, Pfarrer, Komponist und Musikschriftsteller, in einem Brief vom 17. Februar 1791, zit. nach Schneider 1985, S. 322).

    Anfang des Jahres 1791 brach Marianne Kirchgessner, offenbar unterstützt vom Karlsruher Hof und in Begleitung des Musikverlegers Heinrich Phillip Bossler und seiner Frau, zu ihrer ersten großen Konzertreise auf: über Biberach nach Augsburg, wo sie am 16. März konzertierte, München, Regensburg nach Linz (Konzert am 24. Mai). Sie erreichte daraufhin Wien, wo sie am 10. Juni erstmals auftrat. Am 19. August folgte das zweite Wiener Konzert, bei dem sie auch Mozarts Quintett KV 617 aufführte: „Durchdrungen von dem Gefühle des wärmsten Dankes, über den glücklichen Beyfall, mit dem ich in meiner […] musikalischen Akademie, beehrt wurde, erkenne ich es für meine Pflicht, der mir so schmeichelhaften Aufforderung: mich noch einmal auf der Harmonika hören zu lassen, nach allen meinen Kräften zu entsprechen. Ich werde daher […] vor meiner Abreise von hier nach Berlin […] nächstkommende Woche noch eine grosse musikalische Akademie geben, und ein ganz neues, überaus schönes Konzertquintett mit blasenden Instrumenten begleitet, von Hern Kapellmeister Mozart […] spielen“ (Mozart-Dokumente 1961, S. 350f.). Ein letztes Konzert in Wien fand am 8. September statt.

    Weitere Stationen von Kirchgessners Konzertreise waren Prag, Dresden, Leipzig, Berlin, Hamburg, Magdeburg und Braunschweig. Bereits auf dieser Reise wurde sie allgemein so hoch gerühmt, dass die Konzertbesprechungen meist von der „berühmten Virtuosin“ Marianne Kirchgessner berichten (vgl. dazu etwa die in Schneider 1985 abgedruckten Quellen) und dass auch mehrere Huldigungsgedichte (wie das folgende) über sie abgedruckt wurden:


    Impromptu

    An die Harmonikaspielerin, Demoiselle Kirchgeßner.

    Es ist gewiß, es ist nicht bloser Glaube,

    Daß unser Geist, zerfällt der Leib zu Staube,

    In eine bessre Welt sich schwingt.

    Was diesem Instrument entklingt,

    Wenn deine Finger es mit Schöpferkraft berühren,

    Das ist kein Erdenthon, das ist ein Himmellaut

    Aus seel’ger Geister Mund, mit denen sich vertraut,

    Die Sterblichen zu überführen:

    „Wir sind bestimmt für eine bessre Welt“

    Dein Geist hieniden unterhält.

    (Anonymes Huldigungsgedicht auf Marianne Kirchgessner, abgedruckt in Musikalische Korrespondenz, 1792, zit. nach Hoffmann 1991, S. 119)


    1793 kehrte sie kurzzeitig nach Bruchsal zurück, im März 1794 traf sie allerdings bereits in London ein, wo sie bis zum Herbst 1796 blieb. Hier wurde ihr erstes Konzert am 17. März 1794 „un véritable triomphe“ (Fétis, zit. nach Schneider 1985, S. 318). In London spielte sie nicht nur auf Konzertbühnen, sondern ließ auch annoncieren, dass sie „unter der Patronage der Herzogin von York in diesem Jahr [1795] eine öffentliche Performance in ihrem Hause in Polandstreet, Goldensquare, errichtet, und nimmt täglich zu gesezten Stunden von Kennern und Liebhabern der Musik Besuche an.“ (Hamburgischer unpartheyischer Correspondent, 16. Mai 1795, zit. nach Schneider 1985, S. 329). Nach ihrem London-Aufenthalt ging sie über Hamburg, Kopenhagen, Lübeck und Danzig nach Königsberg. Dort konzertierte sie am 31. Oktober 1797 und fuhr dann nach Petersburg weiter, wo sie bis Mitte 1798 blieb. Im Oktober/November 1798 gastierte sie erneut in Königsberg und fuhr dann über Posen, Schlesien und die Lausitz nach Sachsen. Hier ließ sie sich 1799/1800 nieder; sie kaufte sich im Januar 1800 ein Haus in Gohlis (bei Leipzig), das von nun an ihr Lebensmittelpunkt wurde. Die AMZ teilte am 5. März 1800 mit: „Die bekannte Harmonicaspielerin, Demoiselle Kirchgessner aus Wien [sic!], hat sich in Gohlis, nahe bey Leipzig, ein sehr hübsches Landgut gekauft, wird, mit ihren vormaligen Reisegesellschaftern, Herrn Rath Bossler und seiner Frau, in Zukunft hier leben, und wahrscheinlich nur kleine und seltene Excursionen [d.h. Konzertreisen] von hier aus machen.“ (zit. nach Schneider 1985, S. 331). In der Tat reduzierte sich ihre Reisetätigkeit, dennoch sind noch folgende Konzertreisen zu nennen: 1801 nach Hannover und Frankfurt/Main; 1802 nach Stuttgart; 1804 ins nahe gelegene Leipzig; 1805 nach Berlin und Breslau; 1806 nach Wien; 1808 nach Prag.

    Im Juni 1808 traf Marianne Kirchgessner Johann Wolfgang von Goethe in Karlsbad. Im November gastierte sie in Stuttgart und fuhr dann weiter Richtung Süden, geplant waren Konzerte in der Schweiz. Auf dieser Fahrt starb sie an den Folgen einer Unterkühlung am 9. Dezember 1808 in Schaffhausen.

    Ihr Tod löste neuerliche Diskussionen über die Schädlichkeit des Glasharmonikaspiels aus, vermutete man als Todesursache doch eine allzu starke Nervenreizung durch das Glasharmonikaspiel. Diese Diskussion war bereits seit Jahren geführt worden, wie die ausführliche Abhandlung von Friedrich Rochlitz „Ueber die vermeynte Schädlichkeit des Harmonikaspiels“ dokumentiert, die 1798 in der Allgemeinen musikalischen Zeitung erschienen war. Und obwohl auch Rochlitz vehement für das Spielen der Glasharmonika eintrat, riet er zu einigen bezeichnenden Vorsichtsmaßnahmen: „Nervenkranke Personen sollten, so lange sie nicht geheilt sind, nicht Harmonika spielen“ (Rochlitz 1798, Sp. 100), man solle grundsätzlich „nicht allzu viel spielen“, schon gar nicht, „wenn man schon in schwermüthiger Stimmung ist“. Auch das „Spielen in die späte Nacht hinein“ solle man vermeiden, da der „Geist durch die Stille und Düsterheit der Nacht – mehr, als zu anderer Zeit, zur Wehmuth geneigt“ mache (ebda., Sp. 100f.). 1809 versuchte Bossler mit der Veröffentlichung von detailgenauen Schilderungen der Todesumstände von Marianne Kirchgessner jenen Urteilen über die Glasharmonika zu widersprechen (AMZ Nr. 32, 10. Mai 1809, Sp. [497]-509).

    Die Popularität der Glasharmonika fußte freilich nicht zuletzt darauf, dass ihr Klang dem Zeitalter der Empfindsamkeit und der anbrechenden Romantik ein passendes akustisches Gewand zu geben schien, und der frühe Tod einer berühmten Glasharmonika-Virtuosin passte dabei (allzu) gut in das Bild. Von dem Eindruck, den Marianne Kirchgessner und ihr Spiel auf ihre Zeitgenossen gemacht haben muss, sprechen auch zahlreiche Gedichte und Kompositionen, die auf ihren Tod geschrieben wurden, u.a. die Fantasie für die Harmonica am Grabe der um dieses Instrument so sehr verdienten Tonkünstlerin Demoiselle Kirchgessner gesetzt von Vaclav Jan Tomašek (Johann Wenzel Tomaschek/Wenzel I. Tomaschek), die als Beilage zur AMZ abgedruckt wurde.

    Würdigung

    Marianne Kirchgessner gehörte zu den bekanntesten Glasharmonika-Virtuosinnen ihrer Zeit. Ihre ausgedehnten Konzertreisen machten das Instrument europaweit bekannt, ihr Spiel inspirierte zahlreiche Komponisten zu Originalkompositionen für Glasharmonika und zahlreiche Schriftsteller, die im Klang des ungewöhnlichen Instruments eine Versinnbildlichung romantischer und empfindsamer Ästhetik erkannten.

    Rezeption

    Zu Lebzeiten genoss Marianne Kirchgessner eine große Popularität, die mit der ihres Instruments einherging.

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    Von frühester Jugend an wurde das Spiel von Marianne Kirchgessner immer wieder in verschiedenen Publikationen erwähnt und gewürdigt (vgl. dazu die Quellen in Schneider 1985). Vor allem aber war es Marianne Kirchgessners Virtuosität, die erstaunte, da die Glasharmonika bis dahin vor allem als ein Instrument für getragene Musik eingesetzt worden war. Daneben war sie – ähnlich wie ihre Zeitgenossin Maria Theresia Paradis – auch als Blinde eine Attraktion auf den Konzertbühnen. In einer Zeit, in der die Blindenbildung sich erst langsam entwickelte (vgl. dazu u.a. Fürst 2005), gehörte sie zu der kleinen Gruppe blinder Musiker, die gerade auch durch ihre Behinderung das Publikum in Staunen versetzte.

    Ihr Tod selbst löste darüber hinaus weitere Publikationen (und Kompositionen) aus. Zugleich gab er der lebhaft geführten Diskussion um die Gesundheitsschädlichkeit des Glasharmonika-Spiels neuen Auftrieb.

    Während der Hochphase der Glasharmonika als Instrument blieb der Name Kirchgessner bekannt. Später geriet er (zusammen mit der Glasharmonika) mehr und mehr in Vergessenheit. Hermann Ullrich gehörte zu den ersten, die im 20. Jahrhundert dem Lebensweg der Marianne Kirchgessner nachging.

    Werkverzeichnis

    Es ist nicht bekannt, dass Marianne Kirchgessner selbst auch komponiert hat. Ob sie – nach zeitgenössischem Usus – an ihrem Instrument improvisiert hat, kann man hingegen durchaus vermuten.

    Repertoire

    Da die Glasharmonika um 1790 ein relativ neues Instrument war, lagen – von den Zeitgenossen mehrfach beklagt – kaum Originalkompositionen vor. Es ist daher davon auszugehen, dass häufig Bearbeitungen von Klavier- oder anderen Werken aufgeführt wurden. Darüber hinaus war die Faszination des Instruments auch Anlass, eigens für die Glasharmonika zu komponieren. Zahlreiche Kompositionen wurden daher für die Glasharmonika, bzw. für die Glasharmonika-Spieler/innen geschrieben. Marianne Kirchgessner kam auf diese Weise im Laufe ihrer Karriere zu einem immer umfangreicheren Repertoire, das heute – nicht zuletzt da das Instrument kaum noch gespielt wird – nur noch in Bruchstücken rekonstruiert werden kann (vgl. dazu unter Forschungsbedarf).

    Da die Musikerin als blinde Virtuosin ohnehin nicht auf gedrucktes Notenmaterial zurückgreifen konnte und viele Dokumente von ihrer enorm schnellen Auffassungsgabe berichten, ist außerdem anzunehmen, dass einige der für sie komponierten Werke nie gedruckt vorlagen.

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    Mozart komponierte seine Werke für Glasharmonika bereits vor dem Eintreffen Marianne Kirchgessners in Wien: bereits die Berichte, die er über die Virtuosin las, inspirierten ihn dazu, für sie und das von ihm sehr geschätzte Instrument zu komponieren. Vollendet wurden dabei folgende Werke:

    · Quintett für Glasharmonika, Flöte, Oboe, Viola und Violoncello KV 617

    · Adagio KV 356/617a für Glasharmonika solo

    Weitere Werke blieben Fragment.


    Auf ihren Konzertreisen spielte Kirchgessner darüber hinaus u.a. folgende Werke (Liste unvollständig, s. unter Punkt 15):

    · Johann Evangelist Brandl: Quartett für Glasharmonika, zwei Bratschen, Violoncello

    · Johann Rudolf Zumsteeg: „Una“ (Ballade, gesetzt für Glasharmonika)

    · Joseph Haydn: Adagio (ungesichert, wahrscheinlich eine Bearbeitung)

    · Paul Wranizky: [Solostücke]

    · Johann Baptist Vanhal: Variationen über das Duett „Nel cor piu non mi sento“

    · Johann Friedrich Christmann: Menuett, vermutl. auch ein Konzert für Oboe und Glasharmonika

    · „eigenes gesezte sehr schöne Sonaten, Quartetten, Quintetten und Konzert von dem geschikten Hrn. Eichhorn“ (vgl. Musikalische Korrespondenz der teutschen Filarmonischen Gesellschaft, 29. Dezember 1790, zit. nach Schneider 1985, S. 312)


    Auf den Tod Marianne Kirchgessners komponierte u.a. Vaclav Jan Tomašek die Fantasie für die Harmonica am Grabe der um dieses Instrument so sehr verdienten Tonkünstlerin Demoiselle Kirchgessner.

    Quellen

    Quellen:

    Bossler, Heinrich Philipp. „Mariane Kirchgessner in den letzten Tagen ihres Lebens (Bruchstück der zu erwartenden Biographie dieser Künstlerin von Hrn. Rath Bossler).“ In: Allgemeine musikalische Zeitung Nr. 32 (10. Mai 1809), Sp. [497]-509.

    Cramer, Carl Friedrich. Magazin der Musik. Zweyter Jahrgang 1784.

    Rochlitz, Friedrich. „Ueber die vermeynte Schädlichkeit des Harmonikaspiels“. In: Allgemeine musikalische Zeitung, 1. Jg., Nr. 7 (14. November 1798), Sp. [97]-102.

    Rölling, Carl Leopold. Über die Glasharmonika. Ein Fragment. Berlin, o.J. [1787].

    Schubart, Christian Friedrich Daniel. Ideen zu einer Ästhetik der Tonkunst. Wien 1806.

    Mozart. Die Dokumente seines Lebens. Gesammelt und erläutert von Otto Erich Deutsch. Kassel u.a.: Bärenreiter 1961.


    Zahlreiche Quellen sind außerdem abgedruckt in Schneider 1985 (s.u.).



    Sekundärliteratur:

    Fürst, Marion. Maria Theresia Paradis. Mozarts berühmte Zeitgenossin. Köln/Weimar: Böhlau 2005 (= Europäische Komponistinnen, Bd. 4).

    Gloede, Wilhelm. „Zum Glasharmonika-Quintett KV 617“. In: Mitteilungen der Internationalen Stiftung Mozarteum 50 (2002), S. 63-66.

    Hoffmann, Bruno. Ein Leben für die Glasharfe. Backnach: Niederland-Verlag 1983.

    Hoffmann, Bruno. „Mariane Kirchgeßner in Schaffhausen“. In: Schaffhauser Nachrichten Nr. 191, 192, 195, 196, 202 und 207. Schaffhausen (16.-22. und 29. August, 4. September 1968).

    Hoffmann, Freia. Instrument und Körper. Frankfurt am Main: Insel 1991.

    Pisarowitz, Karl Maria. Zum Bizentenar einer Blinden. Marianne Kirchgäßner (1769-1808). In: Mitteilungen der Deutschen Mozart-Gesellschaft, Augsburg 1969, Heft 3/4, S. 72-75.

    Reckert, Sascha. Artikel „Glasharmonika“. In: Musik in Geschichte und Gegenwart, 2. Aufl. Sachteil.

    Ruh, Hubert. „Johann Alois Schmittbaur. Markgräflich-Badischer Hofkapellmeister“. In: Badische Heimat 1959 (Heft 1), S. 10-12.

    Schmidt, Matthias. Das Andere der Aufklärung. Zur Kompositionsästhetik von Mozarts Glasharmonika-Quintett KV 617. In: Archiv für Musikwissenschaft, Jg. 60, Heft 4 (2003), S. 279-302.

    Schneider, Hans. Der Musikverleger Heinrich Philipp Bossler 1744-1812. Mit bibliographischen Übersichten und einem Anhang: Mariane Kirchgeßner und Boßler, Tutzing 1985.

    Sterki, Peter. Klingende Gläser. Die Bedeutung idiophoner Friktionsinstrumente mit axial rotierenden Gläsern, dargestellt an der Glas- und Tastenharmonika. Bern u.a.: Peter Lang 2000.

    Thomsen-Fürst, Rüdiger. „This will be delivered to you by Mr. & Mrs. Davies & charming Daughters“. Die Konzertreise der Familie Davies 1767/68-1773. In: Le musicien et ses voyages. Christian Meyer Hg.). Berlin 2003, S. 349-369.

    Ullrich, Hermann. Die blinde Glasharmonikavirtuosin Mariane Kirchgessner und Wien. Eine Künstlerin der empfindsamen Zeit, Tutzing 1971.

    Unseld, Melanie. Mozarts Frauen. Begegnungen in Musik und Liebe. Reinbek: Rowohlt 2005.

    Welck, Friedrich von. Karlsruher Geschichte der Stadt und ihrer Verwaltung. Bd. 1. Karlsruhe 1895.


    Artikel in Lexika (Liste unvollständig):

    „Kirchgessner, Marianne“. In: Musikalisches Conversations-Lexikon. Hermann Mendel (Hg.). 6. Bd., Berlin: Verlag von Robert Oppenheim 1876, S. 71.

    „Kirchgeßner, Marianne“. In: Musik in Geschichte und Gegenwart, 2. Aufl., Personenteil, Bd. 10, Sp. 149-150 [Linda Maria Koldau].


    Links

    http://www.glassarmonica.com/resources/index-catalog.html

    (Repertoire für Glasharmonika, z.T. für Kirchgessner komponiert)

    http://www.crystalmusic.com/glassarmonica.html

    (über Glasharmonika)

    http://www.wu-wien.ac.at/earlym-l/logfiles/earlym-l.log9112c

    (über Glasharmonika)

    http://www.allegria-concept.de/ensemble.htm

    (aktuelles Ensemble mit Glasharmonika)

    Forschung

    Die Arbeiten von Ullrich und Schneider (s. unter Sekundärliteratur) bieten bereits eine gute Grundlage zur weiteren Erforschung der Tätigkeiten Marianne Kirchgessners. Nachforschungen im Karlsruher Stadtarchiv haben keine weiteren Hinweise auf die Ausbildungszeit Kirchgessners ergeben. Es ist anzunehmen, dass eine systematische Aufarbeitung der Reiseroute weitere Details zu den Konzerttätigkeiten Marianne Kirchgessners zu Tage brächten (s. unter Forschungsbedarf).

    Die von Bossler angekündigte Biographie über Marianne Kirchgessner ist – soweit bislang bekannt – nie vollendet worden.

    Forschungsbedarf

    · Über die bereits vorliegenden Dokumentationen der Konzertreisen bei Schneider und Ullrich hinaus gehört eine Untersuchung zu den Konzertreisen zu den wichtigsten Forschungsdesideraten.

    · Weiterer Forschungsbedarf besteht bei der Aufarbeitung ihres Repertoires und der für sie komponierten Werke. Dies könnte u.a. durch die systematische Auswertung der Rezensionen erfolgen.

    · Der Einfluss ihres Spiels auf die zeitgenössischen Literaten wird aus literaturwissenschaftlicher Perspektive erwähnt, auch hier müssten allerdings Forschungen ansetzen, um im interdisziplinären Dialog dem Phänomen des Klangs der Glasharmonika in Verbindung mit der Person Kirchgessners nachzugehen.

    · Schließlich gehört eine allgemeinere Aufarbeitung der im 18. und frühen 19. Jahrhundert auftretenden Glasharmonika-Virtuso(inn)en zum weitergreifenden Forschungsbedarf (vgl. dazu auch Thomsen-Fürst 2003).

    Normdaten

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    Library of Congress (LCCN): n85163694
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Melanie Unseld


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Nicole K. Strohmann
    Zuerst eingegeben am 25.08.2006


    Empfohlene Zitierweise

    Melanie Unseld, Artikel „Marianne Kirchgessner“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 25.8.2006.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Marianne_Kirchgessner