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  • Maria Adrianowna Dejscha

    von Maria Lobanova
    Namen:
    Maria Adrianowna Dejscha (orig.: Мария Адриановна Дейшa-Сионицкая)
    Ehename: Mria Adrianowna Dejscha-Sinoickaja
    Lebensdaten:
    geb. in Tschernigow, Russisches Reich (heute Tschernihiw, Ukraine)
    gest. in Koktebel, Sowjetunion (seit 1994 Autonome Republik Krim innerhalb der Ukraine)
    Tätigkeitsfelder:
    Russische Opern- und Liedsängerin (dramatischer Sopran), Gesangspädagogin
    Charakterisierender Satz:

    "[...] лучше Земфиры — Сионицкой и Шаляпина — Алеко я никого не найду".

    „[...] Ich könnte niemand Besseren als [Maria Deijscha-]Sionickaja für Semfira und Schaljapin für Aleko finden.“


    Brief von Sergej Rachmaninow an Anton Arenskij vom 17. April 1899. In: S. Rachmaninov. Literaturnoe nasledstvo [Literarischer Nachlass], hg. von Z. A. APETJAN, Bd. 1. Moskau 1978, S. 286.


    Profil

    Maria Dejscha war eine sehr bekannte Sängerin und Gesangspädagogin, die sich auch sehr engagiert für die Vermittlung von Musik einsetzte.

    Orte und Länder

    Maria Deijscha wurde in Tschernigow auf dem Gebiet der heutigen Ukraine geboren. Ihre Ausbildung erhielt sie in Kiew, St. Petersburg, Wien und Paris, weiterhin in Italien. Sie trat als Opernsängerin regelmäßig in St. Petersburg und Moskau auf, Konzertauftritte führten sie durch Russland, Frankreich und Belgien. Sie starb in Koktebel, ebenfalls auf dem Gebiet der heutigen Ukraine.

    Biografie

    Maria Adrianowna Sionickaja wurde am 3. November (nach julianischem Kalender am 22. Oktober) 1859 in Tschernigow in eher ärmliche familiäre Verhältnisse hineingeboren, die Eltern sind derzeit nicht namentlich bekannt. Im Alter von zehn Jahren trat sie in einem Amateurkonzert auf und begeisterte das Publikum mit ihrer schönen Stimme. Ihre professionelle Ausbildung als Sängerin begann 1878 in der Kiewer Musikfachschule bei I. Krawcow. Ab 1879 studierte sie Gesang am St. Petersburger Konservatorium bei Elisaweta Fjodorowna Zwanziger (1846-?) und bei Camillo Everardi (eigentlich: Camille François Everard, 1825-1899).

    Nachdem Maria Sionickaja im Sommer 1881 in Kursk in einem Wohltätigkeitskonzert aufgetreten war, sammelten die Mäzene der Stadt 4000 Rubel für eine Reise nach Wien, wo sie sich bei der renommierten Sängerin und Gesangslehrerin Mathilde Marchesi (1821-1913) vorstellte und ihre Weiterbildung erhielt. 1882 ging sie mit ihrer Lehrerin nach Paris, wo der Dirigent Édouard Colonne von Maria Sionickajas Stimme so begeistert war, dass er der Sängerin ein Debüt in Paris anbot. Dennoch entschloss sich Maria Sionickaja, nach Russland zurückzukehren, wo sie 1883 ihr Operndebüt mit Verdis Aida im St. Petersburger Mariinski-Theater machte. Von 1884 an trat die Sängerin meistens unter dem Namen ihres Ehemanns Dejscha auf, sie benutzte gelegentlich auch den Namen Dejscha-Sionickaja. Im Mariinski-Theater sang sie bis 1891 und anschließend bis 1908 im Moskauer Bolschoi-Theater. Ihr Debüt dort machte sie als Tatjana in Peter I. Tschaikowskys "Eugen Onegin", ein letztes Mal trat sie an dieser Bühne als Natascha in "Rusalka" von Alexander Dargomyschski auf.

    In den Sommern 1883 und 1892 besuchte die Sängerin Italien, um sich dort weiterzubilden.

    1903 wurde ihr der Titel „Verehrte Künstlerin der Kaiserlichen Theater“ verliehen.

    Auch als Musikvermittlerin engagierte sich Maria Dejscha-Sinionickaja sehr nachhaltig. Von 1898 an war sie Mitglied der Moskauer Förderungsgesellschaft für die Organisation allgemeinbildender Volksveranstaltungen (Obschtschestwo sodejstwija ustrojstwu obschtscheobrazowatelnych narodnych razwletschenij), die 1898 auf Initiative von Walentina Serowa in Moskau gegründet wurde und literarisch-musikalische Matineen für Arbeiter und Theateraufführungen in Fabriken veranstaltete.

    Von 1899 an engagierte sich Maria Dejscha-Sionickaja aktiv im berühmten Moskauer Kerzins-Kreises. Dieser Kreis bestand aus Liebhabern russischer Musik (Kružok ljubitelej russkoj muzyki, 1896-1912) und war von A.M. und M.S. Kerzin begründet worden. Bei den Konzerten, die in diesem Rahmen veranstaltet wurden, nahmen die besten Interpretinnen und Interpreten der Zeit teil.

    Außerdem beteiligte sich Maria Dejscha-Sionickaja an der Organisation und Veranstaltung von Konzerten mit Musik aus dem Ausland (1906-1908). Von 1907 bis 1911 organisierte sie zusammen mit Boleslaw Leopoldowitsch Jaworski (1877-1942) "Musikausstellungen" in Moskau, bei denen vor allem Werke russischer Komponisten aufgeführt wurden.

    Zusammen mit der Sängerin, Folkloristin und Chordirigentin Ewgenija Eduardowna Linjowa (1853-1919) widmete sich Maria Dejscha-Sionickaja der Organisation des Moskauer Volkskonservatoriums, an dem sie von 1907 bis 1913 unterrichtete.

    In den Jahren nach 1900 gab sie Konzerte in Paris und Brüssel.

    1917 unterrichtete Maria Dejscha-Sionickaja am Ersten Moskauer Musiktechnikum. Von 1921 bis 1932 war sie Professorin am Moskauer Konservatorium. Von 1926 an unterrichtete sie auch in der Musikabteilung für Arbeiter sowie am Studio des Bolschoi-Theaters. Zu ihren Schülerinnen und Schülern gehörten Nonna Polewaja-Mansfeld, Lubow Stawroskaj, Iwan Zhadan u.a.

    Maria Dejscha-Sionickaja verstarb am 25. August 1932 in Koktebel (heute: Ukraine/Russische Föderation, Autonome Republik Krim).

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    Der Komponist Nikolaj Nikolajewitsch Karetnikow (1930-1994) war ein Enkel von Maria Dejscha-Sionickaja.

    Würdigung

    Maria Dejscha-Sionickaja war eine der bedeutendsten Vertreterinnen der vorrevolutionären russischen Gesangsschule, die die Traditionen des italienischen Belcanto sowie der deutschen und französischen Schule vereinigte. Die Sängerin verfügte über eine kräftige, exzellent ausgearbeitete, leichte Stimme vom schönen Timbre und besaß eine perfekte Vokaltechnik. Ihr Stil war sehr expressiv und gefühlvoll. Dejscha-Sionickajas Opernrepertoire bestand aus mehr als 40 Partien.

    Die Sängerin hatte einen sehr starken Charakter, war streng und höchst diszipliniert (s.: KARETNIKOV, Nikolaj. Temy s variaciajama [Themen mit Variationen]. Moskau 1990, S. 4-10).

    Dejscha-Sionickaja wurden etliche Romanzen gewidmet, darunter "Molitva" [„Das Gebet“, 1893] von Sergej Rachmaninow.


    1903 erhielt sie den Titel „Verehrte Künstlerin der Kaiserlichen Theater“

    Rezeption

    Dejscha-Sionickaja war die erste Interpretin einiger Opernpartien von zeitgenössischen Komponisten, dazu gehören die Semfira in "Aleko" (1893) von Sergej Rachmaninow, Ludmila in "Tušincy" [„Menschen aus Tuschino“, 1895)] von Pawel Blaramberg, Mariorica in "Ledjanoj dom" [„Das eiserne Haus", 1900] von Arsenij Koretschschenko, Luise in "Pir vo vremja čumy" [„Das Gelage während der Pest“, 1901] von César Cui.


    Die Interpretationskunst der Sängerin wurde hochgeschätzt von Arrigo Boito, Peter I. Tschaikowski, Nikolaj Rimski-Korsakow, Sergej Tanejew, Sergej Rachmaninow u.a.


    Dejscha-Sionickaja brachte viele Romanzen zur Uraufführung, dazu zählen "Kogda, kružas', osennie listy" [„Wenn kreisende Herbstblätter“, 1905], "Mečty v odinočestve vjanut" [„Die Träume verdorren in der Einsamkeit“, 1906], "V dymke-nevidimke" [„Im unsichtbaren Dunst“, 1906], "Stalaktity" [„Stalaktiten“, 1908], "Fontany" [„Brunnen“, 1908], "Menuėt" [„Menuett“, 1908] von Sergej Tanejew sowie "Zimnij večer" [„Winterabend“, 1908] und "Ėpitafija" [„Epitaph“, 1908] von Nikolaj Medtner.

    Werkverzeichnis

    Schriften:


    Penie v oščuščenijach [„Gesang der Empfindung“]. Moskau 1926;



    Briefe und Erinnerungsliteratur:


    "Perepiska S. I. Taneeva c M. A. Dejšej-Sionickoj" [Briefwechsel von S. I. Tanejew und M. A. Dejscha-Sionickaja], in: Pamjati Sergeja Ivanoviča Taneeva [Zum Andenken an Sergej Iwanowitsch Tanejew]. Moskau 1947; S. 235-258;


    "Iz vospominanij o Sergee Ivanoviče Taneeve" [Erinnerungen an Sergej Iwanowitsch Tanejew], in: S. I. Taneev. Materialy i dokulenty [Materialien und Dokumente], Bd. 1. Moskau 1952, S. 329-333



    Repertoire

    I. Opern (Auswahl):


    Arrigo Boito

    "Mefistofele": Elena; Margherita


    Alexander Borodin

    "Fürst Igor": Jaroslawna


    Alexander Dargomyschski

    "Russalka": Natascha


    Michail Glinka:

    "Ein Leben für den Zaren": Antonida;

    "Ruslan und Ludmila": Ludmila; Gorislawa


    Giacomo Meyerbeer:

    "L’Africaine": Selica;

    "Les Huguenots": Valentine;

    "Robert le diable": Alice


    Wolfgang Amadeus Mozart:

    "Don Giovanni": Donna Anna


    Eduard Naprawnik:

    "Dubrowskij": Mascha


    Amilcare Ponchielli

    "La Gioconda": La Gioconda


    Sergej Rachmaninow

    "Aleko": Semfira


    Nikolaj Rimski-Korsakow

    "Bojarin Wera Scheloga": Wera Scheloga;

    "Die Nacht vor Weihnachten": Oxana;

    "Schneeflöckchen": Kupawa; Schneeflöckchen


    Camille Saint-Saëns

    "Henry VIII": Cathérine d'Aragon


    Peter I. Tschaikowsky

    "Eugen Onegin": Tatjana;

    "Jolanthe": Jolanthe;

    "Mazeppa": Maria;

    "Pique Dame": Lisa;

    "Die Zauberin": Nastassia "Kuma"


    Giuseppe Verdi:

    "Aida": Aida;

    "Un ballo in maschera": Amelia


    Richard Wagner:

    "Die Walküre": Brünnhilde;

    "Siegfried": Brünnhilde;

    "Tannhäuser": Elisabeth


    Carl Maria von Weber

    "Der Freischütz": Agathe



    II. Lieder (Auswahl):


    Liedkompositionen von Milij Balakirew, César Cui, Michail Glinka, Nikolaj Medtner, Modest Mussorgsky, Nikolaj Rimski-Korsakow, Sergej Tanejew, Peter I. Tschaikowski usw.

    Quellen

    (Auswahl)


    I. Bücher:


    Ė. F. Napravnik. Avtobiografičeskie tvorčeskie materialy, dokumenty, pis'ma [E. M. Napravnik. Autobiographische künstlerische Materialien, Dokumente, Briefe]. Hg. von L. M. Kutuladze. Leningrad 1959, S. 344, 346, 349, 353, 368, 386;


    Levik, Sergej Jur'evič. Zapiski opernogo pevca [Notizen eines Opernsängers]. 2. Aufl. Moskau 1962, S. 80;


    Ėngel', Julij Dmitrievič. Glazami sovremennika. Izbrannye stat'i o russkoj muzyke [Mit den Augen eines Zeitgenossen. Ausgewählte Artikel zur russischen Musik]. 1898-1918. Мoskau 1971, S. 104-105;


    Jakovlev, Vasilij. Izbrannye trudy o muzyke [Ausgewählte Arbeiten zur Musik], Bd. 2. Moskau 1971, S. 81, 96;


    S. Rachmaninov. Literaturnoe nasledstvo [Literarischer Nachlass], hg. von Z. A. Apetjan, Bd. 1. Moskau 1978



    II. Artikel:


    Korganov, G. "G-ża M. A. Dejša-Sionickaja" [Frau M. A. Dejscha-Sionickaja], in: Bajan 1888, Nr. 12;


    Kruglikov, Semën. "M. A. Dejša-Sionickaja", in: Novosti dnja vom 11.12.1902;


    F[indejzen], Nikolaj. "M. A. Dejša-Sionickaja", in: "RMG" 1902, Nr. 49, Sp. 1217-1221;


    Alekseeva, E. M. "M. A. Dejša-Sionickaja", in: Sovetskaja muzyka 1962, Nr. 8, S. 80-86;


    Keldyš, Jurij. "Opernyj debjut Rachmaninova" [Rachmaninows Operndebüt], ebd., 1970, Nr. 8, S. 66-78;


    Pružanckij, Arkadij Michajlovič. Otečestvennye pevcy [Vaterländische Sänger]. 1750-1917. 2. Aufl. Moskau 2008



    III. Erinnerungen:


    Karetnikov, Nikolaj. Temy s variaciajama [Themen mit Variationen]. Moskau 1990



    IV. Links:


    Artikel über Dejscha-Sionickaja:

    http://www.operanews.ru/deisha.html;

    http://www.belcanto.ru/deisha.html

    Forschung

    Obschon Maria Dejscha-Sionickaja von Kritik und Publikum sehr geschätzt wurde, gibt es nur kürzere Rezensionen u.ä., die keine umfassendere Darstellung ihrer Kunst erlauben. Das Buch ihres Enkels, des Komponisten Nikolaj Sidelnikov, enthält nur wenige Informationen zum Leben und Schaffen der Sängerin und zu ihrer Herkunft.

    Archivmaterialien zu Maria Dejscha-Sionickaja sind im Moskauer Staatlichen Zentralen Glinka-Museum für Musikkultur (Fonds 84) und dem Staatlichen Zentralen Bachruschin-Theatermuseum (Fonds 88) zu finden.

    Forschungsbedarf

    Es besteht ein großer Forschungsbedarf in Bezug auf das Leben und die Familienverhältnisse der Sängerin als auch auf ihr Schaffen. Auch ihre Verbindungen zu anderen Musikerinnen und Musikern und ihre Bedeutung in der Gesangskunst ihrer Zeit sollten erforscht werden.

    Autor/innen

    Maria Lobanova


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 21.05.2017


    Empfohlene Zitierweise

    Maria Lobanova, Artikel „Maria Adrianowna Dejscha“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 21.5.2017.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Maria_Adrianowna_Dejscha