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    von Marina Lobanova
    Margarita Kirillowna Morosowa
    Namen:
    Margarita Morosowa
    Geburtsname: Margarita Mamontowa
    Lebensdaten:
    geb. in Moskau, Russland
    gest. in Moskau, UdSSR

    Das genaue Geburtsdatum ist unbekannt.
    Tätigkeitsfelder:
    Mäzenin, Muse mehrerer Künstler, Dichter und Musiker, Amateurpianistin
    Charakterisierender Satz:

    «Люблю. Радуюсь. Сквозь вихрь снегов, восторга метелей слышу лазурную музыку Ваших глаз. И зоря моя не угасла. Вижу ее – мою розу – мировую нетленную чистую розу – лучезарно-мистическую. Христос наше солнце. Солнце близится. Наша Радость, Звезда наша, Она с нами. Благословляю. Братски целую Вас – люблю Вас, сестра моя во Христе. Христос с Вами. Опять замолчу».


    [Ich liebe. Ich freue mich. Durch den Schneewirbel, durch die Begeisterung der Schneestürme höre ich die azurblaue Musik Ihrer Augen. Mein Morgenrot ist nicht erloschen. Ich sehe sie, meine Rose, die unvergängliche reine, strahlend mystische Rose der Welt. Christus ist unsere Sonne. Die Sonne kommt nahe. Unsere Freunde, unser Stern, sie sind mit uns. Ich segne Sie. Ich küsse Sie brüderlich. Ich liebe Sie, meine Schwester in Christus. Christus ist mit Ihnen. Ich werde wieder schweigen“.

    Brief des Schriftstellers Andrej Belys an Margarita Morosowa vom 26.01.1903


    (M. K. Morozova. Andrej Belyj. In: Andrej Belyj. Problemy tvorčestva. Stat’i. Vospominanija- Publikacii [Andrej Bely. Probleme des Schaffens. Aufsätze. Erinnerungen. Publikationen]. Moskau 1988, S. 528.)


    Profil

    Margarita Morosowa war eine der einflussreichsten Mäzeninnen des vorrevolutionären Russland; ihre finanziellen Unterstützungen ermöglichte zahlreiche kulturelle Projekte. Von besonderer Bedeutung war ihre Freundschaft mit Alexander Skrjabin, dessen Tätigkeiten sie großzügig unterstützte; auch Sergej Djagilews Pariser Konzerte für russische Musik wurden von ihr gefördert. Morosowa übergab eine der bedeutendsten privaten Gemäldesammlungen, die Meisterwerke russischer und westeuropäischer Maler enthielt, der Moskauer Tretjakow-Galerie. Die Sammlung enthielt wichtige Werke, die zwischen 1900 und 1917 entstanden sind und die für die russischen Symbolisten von zentraler Bedeutung geworden sind. Die Künstlertreffen in ihrem Haus prägten das intellektuelle und kulturelle Leben des vorrevolutionären Moskaus.

    Biografie

    Margarita Kirillowna Morosowa wurde 1873 in Moskau geboren. Ihre Mutter, Margarita Ottowna Mamontowa, geborene Levenštejn (1852–1929), besaß eine Damenschneiderwerkstatt; ihr Vater, Kirill Nikolajewitsch Mamontow (1848–1879), Kaufmann der „2. Gilde“, verkaufte Geschirr in der Moskauer Basmannaja-Straße. (Entsprechend ihrem Vermögen wurden in Russland zur damaligen Zeit alle Kaufleute drei Gilden zugeordnet.)

    Bereits als junges Mädchen zeigte Margarita Kirillowna Mamontowa reges Interesse für Musik, Literatur, Philosophie und Geschichte und beherrschte perfekt die französische Sprache. Im Jahr 1891 heiratete sie Michail Abramowitsch Morozow (1870–1903), dessen Familie zu prominentesten und reichsten Kaufleuten Russlands gehörte. Michail Abramowitsch Morozow erhielt eine exzellente Ausbildung: er studierte an der Moskauer Universität Geschichte und schloss sein Studium an der die historisch-philologische Fakultät ab; anschließend veröffentlichte er seine Studien zur allgemeinen Geschichte unter den Namen M. Jurjew. Er zeigte kein Interesse für die Geschäfte seiner Familie und verwendete das von seinem Vater geerbte Kapital für seine wissenschaftliche Arbeit und für seine Sammlung moderner russischer und westeuropäischer Maler, zu der Gemälde von Walentin Serow, Michail Wrubel, Claude Monet, Paul Gauguin, August Renoir, Vincent Van Gogh usw. gehörten. Zudem war er als großzügiger Wohltäter bekannt, der zahlreiche Krankenhäuser und Heime unterstützte. Nach seinem frühen Tod erbte Margarita Morosowa sein Dreimillionen-Rubel-Vermögen.

    Bereits zu Michail Abramowitsch Morozows Lebzeiten fanden im Haus der Familie regelmäßig Treffen berühmter Maler Schauspieler, Theaterkritiker und Adliger statt. Nach dem Tod ihres Mannes reiste Margarita Kirillowna Morosowa mit ihren vier Kindern Juri, Michail, Maria und Elena in die Schweiz und kehrte erst nach einem Jahr nach Moskau zurück. Die in ihrem Haus veranstalteten Salons wurden zum Mittelpunkt des öffentlichen und intellektuellen Lebens der Stadt. In Morozowas Salon trafen sich die bedeutendsten russischen Philosophen der Zeit sowie führende Vertreter des russischen Symbolismus, wie der Schriftsteller Andrei Bely, der Margarita Morosowa 1901 in einem Konzert begegnete und der wie viele andere seiner Zeitgenossen in sie verliebt war: für Bely, der in seinen Briefen an Morosowa mit „Ihr Ritter“ unterschrieb, war Margarita Morosowa der Inbegriff von Schönheit, Weisheit, Raffiniertheit und Perfektion. Eine platonische Liebe verband Margarita Morosowa auch mit dem Philosophen Fürst Ewgeni Nikolajewitsch Trubezkoj (1863–1920). Ihr Haus war Treffpunkt bedeutender Politiker, die leidenschaftlich über Probleme des modernen Russlands, der Notwendigkeit einer Verfassung, des Sozialismus usw. diskutierten; hier entstand eine der bedeutendsten Parteien Russlands, die „kadety“ (Konstitucionno-demokratičeskaja partija = Verfassungsdemokratische Partei), in der sich die fortschrittlichsten Köpfe des Landes vereinigten. Zugleich finanzierte Morosowa die Zeitung „Moskovskij eženedel’nik“ (Moskauer Wochenschrift) sowie die Fachzeitschift „Voprosy filosofii i psichologii“ (Fragen der Philosophie und Psychologie), deren Redakteur der angesehene Philosoph und Spinoza-Forscher Lew Michailowitsch Lopatin (1855-1920) war.

    Als Amateurpianistin nahm sie Klavierunterricht bei Nikolai Medtner (Metner) und Alexander Skrjabin, mit dem sie freundschaftlich eng verbunden war. Zwischen 1903 und 1908 gewährte sie Skrjabin eine jährliche Rente von 2000 Rubel und finanzierte einige seiner Konzerte. So war sie es, diedie Uraufführung seiner 3. Sinfonie „Le poem divin“ am 29.5.1905 im Pariser Théâtre de Châtelet unter Arthur Nikisch möglich machte. (vgl. Schibli 2005, S. 93)

    Von 1907 bis 1909 war Margarita Morosowa, Ko-Direktorin der Moskauer Abteilung der Russischen Musikgesellschaft; zudem finanzierte sie Sergej Djagilews Pariser Konzerte für russische Musik.

    Margarita setzte sich auch für soziale Belange ein und beteiligte sich finanziell an der Errichtung eines Heimes mit einer Gewerkschaftsschule. 1910 übergab sie 60 Gemälde aus der Sammlung ihres Mannes an die Moskauer Tretjakow-Gemäldegalerie. Auf ihrem Gut „Michailowskoe“ im Kaluga-Gouvernement gründete sie ein Heim für arme Kinder, und nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs richtete sie in ihrem Moskauer Haus im Nowinski-Boulevard ein Lazarett ein.

    Wie viele vermögende Leute verlor Margarita Kirillowna Morosowa nach der Oktoberrevolution von 1917 ihr gesamtes Vermögen: Ihr Moskauer Haus sowie alle restlichen Gemälde wurden verstaatlicht, und ihr wurden alle Zivilrechte aberkannt. Zusammen mit ihrer Schwester führte sie ein von Armut und Not geprägtes Leben und war vollständig auf Unterstützung von Bekannten und Freunden angewiesen. Erst nach Stalins Tod erhielt sie vom Staat eine winzige Rente in Höhe von 50 Rubel. Trotz der widrigen Umstände besuchte sie jedoch regelmäßig die Konzerte am Moskauer Konservatorium.

    Ihre älteste Tochter Elena heiratete noch vor der Oktoberrevolution und emigrierte. Über deren weiteres Schicksal ist bisher nichts bekannt. Ihre Tochter Maria gelang es, 1927 nach Deutschland zu reisen; dort heiratete sie Alexander Fiedler, einen Sohn des Direktors des berühmten Moskauer Fiedler-Gymnasiums. Morosowas Sohn Juri ist kurz nach dem Ausbruch des 1. Weltkriegs an der Front verschollen. Ihr Sohn Michail (1897–1952) wurde ein angesehener sowjetischer Shakespeareforscher; er unterrichtete an der Moskauer Universität und dem Staatlichen Institut für Theaterkunst (GITIS) und publizierte zahlreiche Bücher und Artikel.

    Margarita Kirillowna Morosowa starb am 3. Oktober 1958 in Moskau.

    Rezeption

    1910 malte der russische Maler Valentin Alexandrowitsch Serow ein Portrait Margarita Morosowas, das heute im Kunst-Museum Dnepropetrowsk hängt. (siehe dazu: http://www.reproarte.com/Kunstwerke/Valentin+Alexandrowitsch_Serow/Bildnis+Margarita+Morosowa/10093.html)


    Margarita Morosowa und Andrej Bely ist der Dokumentarfilm „Mistika ljubvi. Andrej i Margarita Morosova. Vaš rycar‘“ (Die Mystik der Liebe. Andrej Bely und Margarita Morosowa. Ihr Ritter), in der Regie von Wladimir Daw, Russland 2008 gewidmet.

    Quellen

    Primärliteratur


    Morosowa, Margarita Kirillovna. Moi vospominanija (Meine Erinnerungen). Moskau 1997.


    Sekundärliteratur


    Belyj, Andrej. Na rubeže dvuch stoletij (Die Jahrhundertswende). Moskau 1989.


    Ders. Načalo veka ([Der Anfang des Jahrhunderts). Moskau 1990.


    Ders. Meždu dvuch revoljucij (Zwischen den zwei Revolutionen). Moskau 1990.


    Ders.. Problemy tvorčestva. Stat’i. Vospominanija- Publikacii (Probleme des Schaffens. Aufsätze. Erinnerungen. Publikationen). hg. von S. Lesnevskij und A. Michajlov. Moskau 1988.


    Ul’janova, G. N. Blagotvoritel’nost‘ moskovskich predprinimatelej. [Wohltätigkeit Moskauer Unternehmer] 1860-1914. Moskau 1999.


    Alexander N. Skrjabin. Pis’ma (Briefe). hg. von A. V. Kašperov. Moskau 2003.


    Sigfried Schibli, Alexander Skrjabin, Grenzüberschreitungen eines prometheischen Geistes, BoD, 2005.

    Link


    http://kvartira-belogo.guru.ru/biography/mem-morozova.html

    Forschung

    Die Tätigkeit und das Leben von Margarita Morosowa blieben aus politisch-ideologischen Gründen mehrere Jahrzehnte so gut wie unbeachtet; mit der Perestrojka wuchs das Interesse an russischen Mäzenen, Wohltäter und Sammlern wieder, was zum Anwachsen der Veröffentlichungen führte. Von besonderer Bedeutung für die Forschung sind Morosowas persönliche Erinnerungen, in denen die wichtigsten Ereignisse des kulturellen Lebens zur Jahrhundertwende und in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts geschildert werden. Die zutage gebrachten Ergebnisse zum Einfluss Margarita Morosowas auf das kulturelle und insbesondere musikalische Leben sind bislang noch unvollständig und zum Teil widersprüchlich.

    Forschungsbedarf

    Besonders wichtig sind weiterführende Forschungen, die Aufschlüsse geben über Margarita Morosowas Aktivitäten im Musikleben Russlands zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 10774521
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 124250467
    Library of Congress (LCCN): no2005060431
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Marina Lobanova


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Ellen Freyberg
    Zuerst eingegeben am 26.10.2011


    Empfohlene Zitierweise

    Marina Lobanova, Artikel „Margarita Morosowa“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 26.10.2011.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Margarita_Morosowa