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  • Margarete Rawack

    von Silke Wenzel
    Namen:
    Margarete Rawack
    Lebensdaten:
    geb. in Beuthen,
    gest. unbekannt

    Sterbedatum und -ort von Margarete Rawack sind bislang nicht bekannt (vermutlich nach 1939).
    Tätigkeitsfelder:
    Violinistin, Musikpädagogin
    Charakterisierender Satz:

    „ In der Singakademie stellte sich an demselben Abend [6. Dezember 1907] Frl. Margarete Rawack mit dem Vortrag des D dur-Konzerts von Mozart, der Romanze aus dem Ungarischen Konzert von Joachim und des D moll-Konzerts op. 58 von Bruch als eine begabte, über eine gut entwickelte Technik gebietende Geigerin vor.“


    („Musikalisches Wochenblatt“ vom 2. Januar 1908, S. 7)


    Profil

    Margarete Rawack studierte von 1903 bis 1907 Violine bei Joseph Joachim und Emanuel Wirth an der Berliner Musikhochschule. Nach ihrem Studium versuchte sie zunächst als Geigerin im Berliner Musikleben Fuß zu fassen und konzertierte u. a. mit dem Berliner Philharmonischen Orchester. Vermutlich wandte sie sich jedoch ab 1909 vorwiegend der Musikpädagogik zu, öffentliche Konzerte sind von 1909 bis 1925 nicht zu belegen. Von 1925 bis mindestens 1928 war sie Mitglied im Damen-Streichquartett der Berliner Geigerin Charlotte Rosen. Mit Beginn der NS-Zeit wurde Margarete Rawack aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verfolgt. Sie erhielt Berufsverbot und wurde in beiden antisemitischen Musikerlexika der NS-Zeit gelistet. Margarete Rawack emigrierte zwischen 1939 und 1940 nach England.

    Orte und Länder

    Margarete Rawack wurde in Beuthen, Oberschlesien (heute Bytom, Polen) geboren. Von 1903 bis 1907 studierte sie an der Berliner Hochschule für Musik Violine und blieb vermutlich anschließend in Berlin wohnen. Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde sie ab 1933 in Deutschland verfolgt und floh zwischen 1939 und 1940 nach Harrow in England.

    Biografie

    Margarete Rawack wurde am 29. Juni 1877 im oberschlesischen Beuthen, heute Bytom in Polen, geboren. Über ihre Herkunft und ihre erste musikalische Ausbildung ist bislang nichts bekannt. Von Oktober 1903 bis Ostern 1907 studierte Margarete Rawack Violine an der Hochschule für Musik in Berlin und wurde dort bis 1906 von Joseph Joachim und Emanuel Wirth unterrichtet. In ihrem letzten Studienjahr gehörte sie ausschließlich der Klasse von Joseph Joachim an und zählte damit zu dessen späten Schülerinnen (vgl. Prante 1999, S. 6). An Ostern 1907 legte Margarete Rawack die Reifeprüfung ab, die nur wenige Schülerinnen und Schüler absolvierten (Jahresbericht 1906/07). Die Bedingungen der Reifeprüfung wurden in den Jahresberichten der Hochschule folgendermaßen beschrieben: „ Wenn die Schüler und Schülerinnen einen Grad der musikalischen Ausbildung erreicht zu haben glauben, dass sie fremder Leitung zu entrathen und ihre Weiterbildung selbst in die Hand zu nehmen im Stande sind, so können sie sich um ein Zeugniss der Reife bewerben. Zur Erlangung desselben ist eine Prüfung in allen Unterrichts-Gegenständen vor dem gesammten Lehrer-Collegium nothwendig.“ (Jahresberichte, zit. n. Prante 1999, S. 39)


    Während ihrer Studienzeit trat Margarete Rawack mehrfach auf. So spielte sie z. B. am 5. November 1904 bei einem von der Hochschule veranstalteten Konzert die Sonate für Violine und Klavier d-Moll (op. 108) von Johannes Brahms (vgl. Jahresbericht 1904/05). Nach Abschluss ihres Studiums debütierte sie am 6. Dezember 1907 mit dem Berliner Philharmonischen Orchester in der Berliner Singakademie. Dabei stand eines der Violinkonzerte D-Dur von Wolfgang Amadeus Mozart, ein Satz aus Joseph Joachims Violinkonzert in ungarischer Weise D-Dur (op. 11) sowie Max Bruchs Violinkonzert d-Moll (op. 58) auf dem Programm. Das „ Musikalische Wochenblatt“ rezensierte: „ In der Singakademie stellte sich an demselben Abend [6. Dezember 1907] Frl. Margarete Rawack mit dem Vortrag des D dur-Konzerts von Mozart, der Romanze aus dem Ungarischen Konzert von Joachim und des D moll-Konzerts op. 58 von Bruch als eine begabte, über eine gut entwickelte Technik gebietende Geigerin vor. Ihr Ton ist nicht besonders gross, aber klar, frei von störenden Nebengeräuschen. Dem Vortrag, im allgemeinen verständig, fehlt etwas Temperament. Am besten gelang das Bruchsche Konzert, namentlich im Adagio und im Schlusssatz, aber auch der Vortrag der Romanze wirkte erfreulich.“ („ Musikalisches Wochenblatt“ vom 2. Januar 1908, S. 7).


    Zwischen 1909 und 1925 lassen sich keinerlei öffentliche Tätigkeiten von Margarete Rawack nachweisen. Zu vermuten wäre, dass sie vorwiegend als Violinpädagogin arbeitete, möglicherweise in Berlin. Im Jahr 1925 gründete die Geigerin Charlotte Rosen in Berlin ein Damen-Streichquartett, in dem Margarete Rawack den Part der zweiten Violine übernahm; weitere Mitglieder waren die Bratscherin Gertrud Walter-Kurau und die Violoncellistin Ellen Drobtschevsky. Das Streichquartett bestand bis mindestens 1928, über Auftritte und Repertoire ist jedoch bislang nichts Näheres bekannt (vgl. „ Neue Zeitschrift für Musik“ vom Februar 1925, S. 110; vgl. Stegmüller 2007, S. 206).


    Aufgrund ihrer jüdischen Herkunft wurde Margarete Rawack mit Beginn der NS-Zeit verfolgt (vgl. Bundesarchiv Berlin, Reichskulturkammerakte von Margarete Rawack, Sign.: ehem. BDC, RK R 21, 538-546). Der damalige Präsident der Reichsmusikkammer Peter Raabe unterzeichnete am 17. August 1935 die Ablehnung des Aufnahmeantrags in die Reichsmusikkammer sowie das damit verbundene Berufsverbot: „ Gemäss § 10 der I. Durchführungsverordnung zum Reichskulturkammergesetz vom 1. November 1933 [...] lehne ich Ihren [...] Aufnahmeantrag ab, da Sie die nach der Reichskulturkammergesetzgebung erforderliche Eignung im Sinne der nationalsozialistischen Staatsführung nicht besitzen. Durch diese Entscheidung verlieren Sie mit sofortiger Wirkung das Recht zur weiteren Berufsausübung auf jedem zur Zuständigkeit der Reichsmusikkammer gehörenden Gebiete.“ (ebd., Nr. 546) Am 12. Dezember 1936 wurde Margarete Rawack von Seiten der Berliner Schulabteilung der Unterrichtserlaubnisschein entzogen: „ Nachdem Sie aus der Reichsmusikkammer ausgegliedert worden sind, ist die Ihnen s. Zt. erteilte Unterrichtserlaubnis hinfällig geworden. Ich ersuche Sie, mir Ihren Unterrichtserlaubnisschein binnen 3 Tagen zurückzugeben. Zur Ausübung einer unterrichtlichen Tätigkeit an arische Jugendliche sind Sie nicht mehr befugt.“ (ebd.; Nr. 544) Eine Beschwerde gegen den Ausschluss aus der Reichsmusikkammer, die Margarete Rawack am 5. September 1935 eingereicht hatte, wurde am 23. August 1937 abgewiesen (ebd. Nr. 540; 542). Margarete Rawack wurde in beiden zentralen antisemitischen Musikerlexika gelistet. Sowohl das von Hans Brückner und Christa Rock 1938 herausgegebene Buch „ Judentum und Musik – mit einem ABC jüdischer und nichtarischer Musikbeflissener“ als auch das von Theo Stengel und Hans Gerigk erstellte „ Lexikon der Juden in der Musik“ von 1940 enthalten einen Eintrag zu Margarete Rawack (vgl. Brückner/Rock 1938, Stengel/Gerigk 1940).


    Bis 1939 lebte Margarete Rawack in der Lietzenburger Str. 51 in Berlin-Wilmersdorf als Violinistin und Musiklehrerin. In den Berliner Adressbüchern ist sie bis 1939 unter dieser Adresse verzeichnet (vgl. Berliner Adressbücher 1939/40), die Korrespondenz mit der Reichsmusikkammer wurde jedoch über die Adresse Konstanzenstr. 11 abgewickelt. Zwischen 1939 und 1940 emigrierte Margarete Rawack nach Harrow in England (Auskunft Centrum Judaicum Berlin, 5. Juni 2007). Über ihren weiteren Lebensweg ist bislang nichts bekannt.

    Würdigung

    Eine angemessene Würdigung der Tätigkeiten Margarete Rawacks, die auch den musikpädagogischen Bereich zu berücksichtigen hätte, ist erst nach weiteren Forschungen möglich.

    Rezeption

    Eine Rezeption der Tätigkeiten von Margarete Rawack findet derzeit (Februar 2009) nicht statt (zur zeitgenössischen Rezeption vgl. Biografie). In der Exilforschung ist ihr Name bekannt (vgl. Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit. http://cmslib.rrz.uni-hamburg.de:6292/content/home.xml, Stand: 13. Februar 2009).

    Repertoire

    Eine Repertoireliste von Margarete Rawack kann z. Zt. aufgrund fehlender Forschungen nicht erstellt werden. In einem Konzert der Hochschule spielte sie die Violinsonate d-Moll (op. 108) von Johannes Brahms, das Programm des Debütkonzertes mit dem Berliner Philharmonischen Orchester umfasste eines der Violinkonzerte D-Dur von Wolfgang Amadeus Mozarts, Joseph Joachims Violinkonzert in ungarischer Weise (op. 11) sowie Max Bruchs Violinkonzert d-Moll (op. 58).

    Quellen

    Dokumente


    Archiv der Universität der Künste Berlin. Jahresberichte der Königlichen Hochschule für Musik Berlin 1903-1907.


    Berliner Adressbücher 1799-1943. Digital verfügbar unter: http://adressbuch.zlb.de (Stand: 3. Februar 2009).


    Bundesarchiv, Berlin. Reichskulturkammerakte von Margarete Rawack. Signatur: ehem. BDC, RK R 21, Nr. 538-546.


    Centrum Judaicum Berlin. Auskunft über Margarete Rawack in einer Mail an die Autorin vom 5. Juni 2007.



    Literatur


    Artikel „ Rawack, Margarethe“ . In: „ Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit“ . http://cmslib.rrz.uni-hamburg.de:6292/content/home.xml (Stand: 13. Februar 2009)


    Brückner, Hans; Rock, Christa Maria (Hg.). Judentum und Musik: mit dem ABC jüdischer und nichtarischer Musikbeflissener. München: Brückner, 1938 (antisemitische NS-Publikation).


    Prante, Inka. Die Schülerinnen Joseph Joachims. Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung für das Amt des Lehrers, Berlin. Unveröffentlichtes Typoskript, 1999.


    Stegmüller, Jürgen. Das Streichquartett. Eine internationale Dokumentation zur Geschichte der Streichquartett-Ensembles und Streichquartett-Kompositionen. Wilhelmshaven: Florian Noetzel Verlag, 2007.


    Stengel, Theo; Gerigk, Herbert. Lexikon der Juden in der Musik. Mit einem Titelverzeichnis jüdischer Werke, zusammengest. und bearb. v. Theo Stengel und Herbert Gerigk, Berlin 1940 (antisemitische NS-Publikation).



    Konzertkritiken und Zeitungsartikel


    Musikalisches Wochenblatt vom 2. Januar 1908, S. 7.


    Neue Zeitschrift für Musik, Februar 1925, S. 110.



    Links


    http://cmslib.rrz.uni-hamburg.de:6292/content/home.xml

    Das „ Lexikon verfolgter Musikerinnen und Musiker der NS-Zeit“ enthält einen kurzen Eintrag zu Margarete Rawack.

    Forschung

    Zu Margarete Rawack liegen keine weiterführenden Forschungsinformationen vor. Sophie Fetthauer, Mitarbeiterin am „ Lexikon verfolgter Musikerinnen und Musiker der NS-Zeit“ an der Universität Hamburg, danke ich für den Hinweis auf die Quellen des Bundesarchivs Berlin und die Möglichkeit der Sichtung.

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Margarete Rawack umfasst sowohl ihre Biografie als auch alle ihre Tätigkeitsbereiche.

    Autor/innen

    Silke Wenzel, 2. November 2009


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 14.11.2009


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Margarete Rawack“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 14.11.2009.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Margarete_Rawack