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  • Lula Mysz-Gmeiner

    von Raika Simone Maier
    Lula Mysz-Gmeiner, Portraitfoto, um 1900
    Namen:
    Lula Mysz-Gmeiner
    Geburtsname: Julie Sophie Gmeiner
    Lebensdaten:
    geb. in Kronstadt, Österreich-Ungarn (heute Brașov, Rumänien)
    gest. in Schwerin, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Lied- und Konzertsängerin (Mezzosopran), Herausgeberin, Pädagogin, Musikvermittlerin
    Charakterisierender Satz:

    „Die Grundelemente des Gesanges sind: die Musik (Melodie) und das Wort. Wir können Musik allein gestalten – wie es das Beispiel aller Soloinstrumente oder ihre ideale Vereinigung, das Orchester, zeigt – und wir können in freier und poetischer Sprache ein Kunstwerk vortragen, d.h. (sprachlich) gestalten. Eine Vereinigung beider, in Form des Gesanges verlangt das Lied, der Chorgesang, das Oratorium und die Oper. Aus diesem Zusammentreffen zweier Kunstgattungen ergibt sich das Sangesproblem, die Aufgabe, den Schwierigkeiten und Eigentümlichkeiten beider gerecht zu werden und sie doch zu einem neuen Ganzen zusammenzufügen.“ (Mysz-Gmeiner, Lula, Prof.: Die Gestaltung des Liedes. In: Hamel, Fred und Hürlimann, Martin (Hg.): Das Atlantisbuch der Musik. Zürich 1934. S. 637 ff.)


    Profil

    Lula Mysz-Gmeiner (1876-1948) wuchs in Kronstadt (damals Österreich-Ungarn, heute Brașov in Rumänien) als Tochter einer bürgerlichen, siebenbürgisch-sächsischen Familie auf. Sie war von großer Bedeutung für das Musikleben in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als Sängerin nahm sie durch ihre Repertoireauswahl und ihren Interpretationsstil großen Einfluss auf das zeitgenössische Musikleben. Darüber hinaus trug sie zur internationalen Vermittlung zeitgenössischer und historischer Kunstlieder bei.

    Für ihre Liederabende arbeitete Lula Mysz-Gmeiner unter anderem mit Max Reger, Franz Schreker, Eduard Behm, Emil Mattiesen und Richard Strauss zusammen. Ersterer widmete ihr genau wie Emil Mattiesen mehrere Lieder. Lula Mysz-Gmeiner sang mehrere Uraufführungen und führte häufig Klavier- und Orchesterlieder von Gustav Mahler auf. Zu ihren Lebzeiten war sie insbesondere für ihre Interpretationen historischer und zeitgenössischer Kunstlieder von Komponisten wie Johannes Brahms, Franz Schubert, Robert Schumann und Carl Loewe sowie von Hugo Wolf bekannt.

    Orte und Länder

    Lula Mysz-Gmeiner wurde in Kronstadt geboren und erhielt ihre künstlerische Ausbildung in Wien und Berlin. Ihre künstlerische Tätigkeit übte sie insbesondere in diesen beiden Städten aus. Darüber hinaus konzertierte sie im gesamten deutschsprachigen Kulturraum und unternahm mit ihren Liederprogrammen Konzertreisen nach Island, den USA, Russland, Frankreich, Skandinavien, Italien, England u.a.

    Biografie

    Lula Gmeiner wurde 1876 in Kronstadt/Siebenbürgen (heute Brașov, Rumänien) als Julie Sophie Gmeiner in eine bürgerliche Familie hineingeboren. Schon vor Beginn des Schulbesuchs ermöglichten ihre Eltern ihr und ihren Geschwistern eine musikalische Grundausbildung. Fünf der sechs Geschwister von Lula Mysz-Gmeiner wurden im Erwachsenenalter ebenfalls professionelle MusikerInnen: Ella Gemeiner wurde Opernsängerin und Gesangspädagogin, Rudolf Gemeiner Konzertsänger (Bariton) und Gesangspädagoge, Julius Gemeiner wurde Cellist und Cellolehrer, Luise Gemeiner wurde Pianistin und Klavierpädagogin. Die Geschwister lebten alle nach ihrer jeweiligen Ausbildung in Deutschland und blieben sowohl durch Briefwechsel als auch durch gemeinsame Konzerte miteinander verbunden.

    Lula Gmeiner bekam bereits mit sechs Jahren Geigenunterricht und spielte mit fünfzehn Jahren im Philharmonischen Orchester von Kronstadt. Warum Lula Gmeiner kurz darauf statt des Geigenunterrichts Gesangsunterricht erhielt, ist nicht rekonstruierbar. Im Alter von sechzehn Jahren bekam Lula Gemeiner Gesangsunterricht bei dem Kronstädter Komponisten Rudolf Lassel, der ihr bereits nach kurzer Zeit eine Komposition widmete und diese gemeinsam mit ihr uraufführte.

    Mit achtzehn Jahren konnte Lula Mysz-Gmeiner trotz der anfänglichen Widerstände ihrer Eltern in Wien bei Gustav Walter, einem der renommiertesten Gesangspädagogen der Zeit, ihre Stimme professionell ausbilden lassen. Um 1898 kam sie möglicherweise auf Johannes Brahms’ Ratschlag hin nach Berlin und nahm dort nacheinander Unterricht bei den Sopranistinnen Emilie Herzog, Etelka Gerster und Lilli Lehmann.

    Gleichzeitig begann Lula Mysz-Gmeiner mit ihrer professionellen Konzerttätigkeit als Lied und Konzertsängerin. Im Laufe ihres beruflichen Werdegangs weitete sie ihre Konzerttätigkeit auf nationale und internationale Zentren aus. Nachweisbar sind insgesamt ca. 720 (inter-)nationale Auftritte: Sie trat in Deutschland ca. 420, Österreich ca. 70, Tschechien ca. 7, Ungarn ca. 20, Slowenien ca. 3, Schweiz ca. 10, Frankreich 21, Holland ca. 4, England ca. 20, Jugoslawien ca. 2, Baltikum (Lettland, Litauen, Estland) ca. 7, Polen ca. 14, Russland ca. 9, Belgien ca. 6, Dänemark ca. 4, Schweden ca. 2, USA ca. 5, Spanien ca. 2 und in Island ca. 11 Mal auf.

    Im Jahr 1900 heiratete die Mezzosopranistin in Kronstadt den Ingenieur Ernst Mysz. Das Paar hatte insgesamt drei Töchter, von denen nur Susanne Mysz das Erwachsenenalter erreichte. Susanne Mysz wurde ebenfalls Sängerin; im Gegensatz zu ihrer Mutter gab Susanne Mysz (verheiratete Anders) ihre Berufstätigkeit nach der Hochzeit mit dem Tenor Peter Anders bis zu dessen Unfalltod auf.

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    1920 wurde Lula Mysz-Gmeiner durch Franz Schreker an die „Staatlich akademische Hochschule für Musik zu Berlin“ (heute: Universität der Künste) berufen. Erfolgreich unterrichtete sie dort zahlreiche Schüler_innen, zu denen zumindest zeitweise Elisabeth Schwarzkopf, Lore Hoffmann, Peter Anders sowie ihre Tochter Susanne Mysz zählten. Nach einem Bombenangriff auf Berlin-Charlottenburg im Jahr 1943 wurde Lula Mysz-Gmeiners Vertrag mit der Hochschule nicht weiter verlängert. 1944 wurde ihr trotz ihres zu diesem Zeitpunkt auch nach damaligen Maßstäben bereits ruhegehaltsfähigen Alters eine Stelle am heutigen „Landeskonservatorium Schwerin“ angeboten. Lula Mysz-Gmeiners Ehemann zog mit ihr gemeinsam nach Schwerin. Die Sängerin starb am 7. August 1948 ebendort.

    Würdigung

    Lula Mysz-Gmeiner war zu ihren Lebzeiten als Sängerin, Gesangspädagogin und Herausgeberin allgemein anerkannt. Zeugnis von der zeitgenössischen Wertschätzung ihrer künstlerischen Arbeit geben heute verschiedene historische Quellen: Briefe, Konzerte mit bedeutenden Kolleg_innen und in namhaften Konzertsälen, (inter-)nationale Konzertreisen, die Verleihung des Titels der Kammersängerin, Rezensionen, Artikel, Porträts sowie ihre Veröffentlichung von mehreren Artikeln in zeitgenössischen Printmedien. Sie arbeitete außerdem mit den namhaften Konzertagenturen „Konzertdirektion Hermann Wolff“, Berlin und „Konzertagentur Albert Gutmann“, Wien zusammen und nahm beispielsweise Widmungen der Komponisten und Pianisten Max Reger, Emil Mattiesen und Wilhelm Kempff an. Mit den ersteren beiden, sowie mit Richard Strauss trat sie häufig gemeinsam auf. Max Reger und Emil Mattiesen hatten auf diese Weise die Möglichkeit, ihre Stimme genau kennenzulernen und einige Kompositionen auf Lula Mysz-Gmeiners individuelle stimmliche Fähigkeiten zuzuschneiden.

    Durch ihre Interpretationen von zeitgenössischen und historischen Kunstliedern prägte Lula Mysz-Gmeiner die Klangvorstellungen und Repertoirekenntnisse ihrer Zeitgenoss_innen wesentlich mit. Darüber hinaus prägte sie mehrere Generationen Studierender durch ihre pädagogische Arbeit an der „Staatlich Akademischen Hochschule für Musik in Berlin“. Zudem wurden von ihr Porträts und Artikel veröffentlicht. Lula Mysz-Gmeiner nahm in den 1920er Jahren einige Kunstlieder auf und gab 1938 einen Band mit Schubert-Liedern heraus.

    Rezeption

    In den zeitgenössischen Medien war Lula Mysz-Gmeiner präsent. Ihre Auftritte wurden in einschlägigen Fachzeitschriften wie der „Allgemeinen Musik-Zeitung“ oder „Die Musik“ausführlich angekündigt und rezensiert.

    Im 21. Jahrhundert wird Lula Mysz-Gmeiners künstlerische Arbeit kaum mehr rezipiert: Selten findet ihr Name als Lehrerin von Elisabeth Schwarzkopf und Peter Anders Erwähnung, ihre künstlerische Arbeit hingegen wird jedoch fast nie eigenständig wahrgenommen. Es sind aus diesem Grund außer in der Personalakte des UdK-Archivs Berlin kaum Quellen zu ihrer künstlerischen Arbeit in gebündelter Form archiviert. Die Sichtbarmachung ihrer Spuren bedarf somit umsichtiger Quellenrecherche.

    Ihre Aufnahmen von Schubert-, Schumann und Brahmsliedern u.a. können als Teil der Reihe „Lebendige Vergangenheit“ auch heute noch erworben werden.

    Werkverzeichnis

    Herausgaben

    Lula Mysz-Gmeiner (Hg): FRANZ SCHUBERT. Lieder für eine Singstimme und Klavier. Neu durchgesehen und mit Vortragsbezeichnungen versehen von LULA MYSZ-GMEINER. Band I. Braunschweig 1938.


    Audioaufnahmen

    Lebendige Vergangenheit – Lula Mysz-Gmeiner. Preiser Records Wien 1997.


    Schriften

    Lula Mysz-Gmeiner: Aus meinem Leben. In: Frau und Welt. O.O. 1936.

    Lula Mysz-Gmeiner: Die Gestaltung des Liedes. In: Hamel, Fred und Hürlimann, Martin (Hg.): Das Atlantisbuch der Musik. Michigan 1934, 637-642

    Lula Mysz-Gmeiner: Erinnerungen an Raimund von Zur Mühlen. In: DAZ. 4.12.1931.

    Lula Mysz-Gmeiner: Erziehung zur Sängerin. In: Die Elegante Mode. O. O. u. J. Archiv der Universität der Künste, Berlin.

    Lula Mysz-Gmeiner: Fäden. o. O. u. J. Archiv der Universität der Künste, Berlin

    Lula Mysz-Gmeiner: Lula Mysz-Gmeiner über sich selbst. Anlässlich ihres hiesigen Auftretens am 25. November. In: Stuttgarter Konzertführer. 19. November 1921. Archiv der Universität der Künste, Berlin.

    Repertoire

    Lula Mysz-Gmeiner hatte ein breit gefächertes Repertoire, sie führte zahlreiche Kunstlieder von sowohl historischen, als auch zeitgenössischen Komponisten auf: Zu ihrem Repertoire gehörten Kompositionen von Franz Schubert, Robert Schumann, Carl Loewe, Johannes Brahms, Emil Mattiesen, Arthur Bliss, Wolfgang Jacobi, Eduard Behm, Robert Kahn, Wilhelm Kienzl, Marta Linz, Gustav Mahler, Max Reger, Arnold Schönberg, Richard Strauss, Julius Weismann, Hermann Zilcher, Ludwig van Beethoven, Hector Berlioz, Bernhard Blau, Ferruccio Busoni, Peter Cornelius, Walter Courvoisier, Henri Duparc, Antonín Dvořák, Robert Franz, Edvard Grieg, Manfred Gurlitt, Franz Liszt, Joseph Marx, Elsa von Oettingens, Johann Friedrich Reichardt, Ottorino Respighi, Nicolai Rimsky-Korsakoff, Arthur Rubinstein, Alessandro Scarlatti, Hans Sommer, Peter I. Tschaikowsky, Oskar Ulmer, Richard Wagner, Carl Maria von Weber, Jean Baptiste Weckerlin, Julius Weismann, Hugo Wolf u.a.

    Quellen

    Dokumente


    In zahlreichen nationalen und internationalen Archiven sind einzelne Briefe von und an Lula Mysz-Gmeiner archiviert, u.a. im Archiv der Musikfreunde Wien, Archiv der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig, Archiv Teutschhaus Hermannstadt, Institut für Theaterforschung Hamburg, Kirchenarchiv Kronstadt, Landesarchiv Berlin, Max-Reger-Institut Karlsruhe, Staatsarchiv Hermannstadt, Staatsarchiv Kronstadt, Staatsarchiv Leipzig, Stadtarchiv Schwerin, in der Stiftung Händel-Haus Halle, der Österreichischen Nationalbibliothek, dem Theaterwissenschaftlichen Institut Köln, dem Archiv der Universität der Künste Berlin, in der Wienbibliothek im Rathaus sowie in Privatarchiven der Familienangehörigen.


    Sekundärliteratur (Auszug)


    Gaiser-Reich, Gabriele: „Gustav Walter. 1834-1910. Wiener Hofopernsänger und Liederfürst“. Tutzing: Hans Schneider, 2011.


    Gmeiner, Ella: Familien-Chronik. Zürich 1934.


    Hajek, Egon: „Die Musik. Ihre Gestalter und Verkünder in Siebenbürgen einst und jetzt. Musikalische Lebensbilder“. Kronstadt: Klingsor-Verlag, 1927.


    Hanzlik, Robert: „Augenblicke europäischer Musikgeschichte in Briefen“. Hamburg: Verlag Dr. Kovac, 2007.


    Hilmar, Ernst: „Hugo Wolf Enzyklopädie“. Tutzing: Hans Schneider, 2007.


    Kösters, Ferdinand: „Peter Anders. Biographie eines Tenors“. Münster: Monsenstein und Vannerdat, 2008.


    Maier, Raika Simone: „Lernen, Singen und Lehren“. Lula Mysz-Gmeiner (1876-1948), Mezzosopranistin und Gesangspädagogin. Neumünster: von Bockel Verlag, 2017.


    Sand, Wolfgang: „Kronstadt. Das Musikleben einer multiethnischen Stadt bis zum Ende des Habsburgerreiches“. Klundenbach: Gehann Musik Verlag, 2004.


    Schreiber, Ottmar: „Max Reger in seinen Konzerten. Teil 1. Reger konzertiert“. Bonn: Carus Verlag, 1981.


    Schreiber, Ingeborg (Zusammenstellung): „Max Reger in seinen Konzerten. Teil 2. Programme der Konzerte Regers“. Bonn: Carus Verlag, 1981.


    Schreiber, Ottmar: Max Reger in seinen Konzerten. Teil 1. Reger konzertiert. [= Veröffentlichungen des Max-Reger-Institutes Elsa-Reger-Stiftung Bonn. Siebenter Band, Teil1] Bonn 1981.


    Popp, Susanne (Hg.): Max Reger. Briefe an die Verleger Lauterbach & Kuhn. Teil 1. [=Schriftenreihe der Max-Reger-Instituts Karlsruhe. Band XII] Bonn 1993.

    Forschungsbedarf

    Es besteht weiterhin Forschungsbedarf bezüglich aller Bereiche von Lula Mysz-Gmeiners künstlerischer Tätigkeit. Insbesondere sind Untersuchungen über ihre künstlerische Arbeit und ihre Vermittlungstätigkeit im nicht-deutschsprachigen Kulturraum von Interesse, sowie solistischen Auftritte bei Oratorien. Darüber hinaus steht eine detailllierte Untersuchung ihres Gesangs- und Interpretationsstils noch aus.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 67237112
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 117212490
    Library of Congress (LCCN): no91000410
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Raika Simone Maier


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Silke Wenzel
    Zuerst eingegeben am 10.06.2016
    Zuletzt bearbeitet am 05.07.2017


    Empfohlene Zitierweise

    Raika Simone Maier, Artikel „Lula Mysz-Gmeiner“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 5.7.2017
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Lula_Mysz-Gmeiner