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  • Luise Wandersleb-Patzig

    von Silke Wenzel
    Namen:
    Luise Wandersleb-Patzig
    Geburtsname: Luise Wandersleb
    Varianten: Luise Patzig-Wandersleb, Louise Wandersleb-Patzig, Louise Wandersleb, Louise Patzig-Wandersleb
    Lebensdaten:
    geb. in Gotha, Deutschland
    gest. in Gotha, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Violoncellistin, Musikpädagogin
    Charakterisierender Satz:

    „Frau Wandersleb-Patzig, in unserer Stadt als Cellovirtuosin rühmlichst bekannt, spielte ein ‚Adagio‘ von Beethoven und eine Resignation von Fitzenhagen und bewies, daß sie ihr Instrument mit Meisterschaft beherrscht. Neben brillanter Technik ist an ihrem Spiele ein warmer und edler Ton, zweifellos saubere Tongebung und elegante Bogenführung zu loben.“


    (Bericht aus Gotha, in: „Neue Zeitschrift für Musik“ vom 15. Januar 1896, S. 32.)


    Profil

    Die Violoncellistin Luise Patzig-Wandersleb wurde vermutlich von Friedrich Grützmacher in Dresden ausgebildet und konnte sich Mitte der 1870er Jahre als Violoncellistin und Musikpädagogin im deutschen Musikleben etablieren. Am 11. November 1875 trat sie als Solistin in den Abonnementskonzerten des Leipziger Gewandhauses auf und war damit – nach Lisa Christiani 1845 – die zweite Violoncellistin, die dort solistisch konzertierte. Ab 1881 war Luise Patzig-Wandersleb als Lehrerin für Violoncello am Gothaer Konservatorium ihres Mannes Alfred Patzig, dem Patzig’schen Konservatorium, tätig, baute gemeinsam mit ihrem Mann den von ihm geleiteten Gothaer Orchesterverein zu einer zentralen Institution der Stadt aus und konzertierte regelmäßig als Solistin, Kammer- und Orchestermusikerin im Gothaer Umfeld.

    Orte und Länder

    Luise Wandersleb-Patzig wurde 1846 in Gotha geboren und erhielt dort ihre erste musikalische Ausbildung. In späteren Jahren erhielt sie Violoncellounterricht bei Friedrich Grützmacher, vermutlich in Dresden, und trat 1875 im Leipziger Gewandhaus auf. Im Jahr 1878 ließ sie sich mit ihrem Mann in Gotha nieder.


    Die einzige bekannte Konzerttournee führte Luise Wandersleb-Patzig 1879 durch Holland.

    Biografie

    Luise Wandersleb-Patzig, geb. Wandersleb, wurde am 15. Oktober 1846 als Tochter von (Johann Christian Friedrich) Adolph Wandersleb (1810-1884) und Christiana Dorothee Louise Behm (1827-1846) geboren (vgl. Deutsches Geschlechterbuch, Bd. 214, S. 744). Sie erhielt ihre erste musikalische Ausbildung vermutlich von ihrem Vater – die Mutter war im Wochenbett verstorben –, der in Gotha als Gesangslehrer, Hofkantor, Komponist und herzoglicher Musikdirektor wirkte. Belegt ist, dass Adolph Wandersleb für seine Tochter mehrere Stücke für Violoncello komponierte und auf diese Weise zu ihrer Bekanntheit als Violoncellistin beitrug (vgl. Artikel „Wandersleb, Adolph“, in: Mendel 1879, S. 264f.). Einem Bericht der „Allgemeinen Musikzeitung“ zufolge studierte Luise Wandersleb-Patzig anschließend Violoncello, vermutlich privat, bei dem bekannten Dresdner Violoncellisten Friedrich Grützmacher (vgl. „Allgemeine musikalische Zeitung“ vom 1. Dezember 1875, Sp. 764).


    Am 11. November 1875 debütierte Luise Wandersleb-Patzig in den Abonnementskonzerten des Leipziger Gewandhauses und war dabei –nach Lisa Christiani 1845 – die zweite Violoncellistin, die dort als Solistin öffentlich auftrat (vgl. Dörffel 1884, Anh. S. 84). Auf dem Programm standen zwei Sätze aus Bernhard Moliques Konzert für Violoncello und Orchester D-Dur (op. 45), ein Notturno von Friedrich Grützmacher und das zweite aus Robert Schumanns „Stücken im Volkston“ a-Moll (op. 102) für Violoncello und Klavier. Mit dem Auftritt wurde sie überregional bekannt, auch wenn z. B. das „Musikalische Wochenblatt“ äußerst skeptisch auf eine Violoncellistin reagierte: „Fräulein Wandersleb [...] spielte zwei Sätze (Andante und Allegro) aus dem Violoncelloconcert von B. Molique, Notturno von Fr. Grützmacher und das zweite der ‚Stücke im Volkston‘ von R. Schumann und entfaltete dabei in der Cantilene einen zwar sehr dünnen, aber doch weichen und singenden Ton und einen für getragene Melodie wohl ausreichend innigen Vortrag; die bewegteren, schwungvolleren Partien, z. B. in dem Molique’schen Concert konnten Frl. Wandersleb schon wegen des ihr anhaftenden Mangels an physischer Kraft nicht gelingen, ganz abgesehen von dem Umstande, dass das Violoncell überhaupt kein für weibliche Hände geeignetes Instrument ist. So waren denn die Leistungen des Frl. Wandersleb recht achtenswerth, ohne indess irgend erwärmend auf das Auditorium einwirken zu können.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 19. November 1875, S. 593f.) Weitaus „wohlwollender“ rezensierte die „Allgemeine musikalische Zeitung“ das Konzert: „Das fünfte Gewandhausconcert am 11. November machte uns mit zwei Solisten bekannt, von denen wir aus Galanterie der Dame den Vortritt lassen müssen. Fräulein Louise Wandersleb aus Gotha, eine Violoncellistin – anscheinend aus der Schule Fr. Grützmacher’s hervorgegangen – hat etwas Elegantes in ihrem Spiel und entfaltete auf ihrem Instrumente eine sehr anerkennenswerthe Fertigkeit. Dass derselben nicht Alles durchgängig in ganz makelloser Weise gelang, mochte wohl seinen Grund in einiger Befangenheit der jungen Künstlerin haben; namentlich mangelte dem Triller und dem Staccato noch die Vollendung. Dass ferner ihr Ton, der übrigens rein und nobel klang, in dem Concert von B. Molique nicht durchweg gegen das Orchester aufzukommen vermochte und sich sowohl hier, als auch in den andern beiden Piècen: a) Notturno von Fr. Grützmacher und b) ‚Stücke im Volkston‘ (Nr. 2) von Robert Schumann, welche sie gewählt, in den Portamentos und Glissandos ein etwas zu gefühlsschwelgerisches Element hervordrängte, wollen wir der Dame nicht allzu hoch anrechnen; im Ganzen war der Eindruck, den das Spiel des Frl. Wandersleb machte, ein durchaus günstiger und die Aufnahme, welche dieselbe hier fand, eine warme und entschieden wohlwollende.“ („Allgemeine musikalische Zeitung“ vom 1. Dezember 1875, Sp. 764)


    Am 6. Juni 1878 heiratete Luise Wandersleb-Patzig den Dirigenten, Pianisten und Musikpädagogen Alfred Patzig (1850-1927), der in Gotha den Orchesterverein leitete und 1881 dort ein eigenes Musikkonservatorium gründete; 1896 wurde er zum Professor ernannt. Das Ehepaar ließ sich in Gotha nieder. Aus der Ehe gingen sechs Kinder hervor, von denen eines im Säuglingsalter starb: Fritz (1879-1914), Marie (1880-1970), Hans (1881-1882), Hans (1883-1938), Walter (1885-1956) und Gertrud (1887-1964). Vier der Kinder wurden professionelle Musikerinnen und Musiker (vgl. Deutsches Geschlechterbuch, Bd. 214, S. 745-755).


    Trotz ihrer Heirat und ihrer Familie blieb Luise Wandersleb-Patzig im öffentlichen Musikleben präsent und konnte sich im Umfeld ihres Mannes sowie in ihrer Heimatstadt Gotha als Violoncellistin und Musikpädagogin etablieren. So unternahm sie z. B. 1879 gemeinsam mit ihrem Mann Alfred Patzig und dem Geiger Carl Venth eine Konzertreise durch Holland und wurde dort begeistert aufgenommen, wie ein Korrespondent des „Musikalischen Wochenblatts“ aus Almelo berichtete: „Nach einer ruhmgekrönten Kunstreise durch andere holländische Städte erfreuten auch uns das Ehepaar Patzig aus Gotha und Hr. Venth aus Utrecht mit ihrem Besuch. Eine seltene Erscheinung ist in dieser Vereinigung zu finden, nämlich eine Violoncellistin. Frau Wandersleb-Patzig documentirt als solche ungewöhnliche Fertigkeit und gesangvolle, einschmeichelnde Cantilene, sie streicht manchen männlichen Collegen über den Haufen, denn sie ist in Wirklichkeit eine tüchtige Meisterin ihres Instrumentes. Ganz vorzügliche Künstler sind aber auch die beiden Begleiter. Herr Patzig behandelt das Clavier mit vortrefflichem Geschmack, und Hr. Venth ist ein Violinist, wie man ihn nicht in Utrecht vermuthen sollte.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 9. Januar 1880, S. 33)


    Mehr als 20 Jahre lang, von 1878 bis ca. 1900, wirkte Luise Wandersleb-Patzig in Gotha als Solistin, Kammer- und Orchestermusikerin sowie als Musikpädagogin. Sie trat regelmäßig in den Konzerten des von ihrem Mann geleiteten Gothaer Orchestervereins auf, den sie gemeinsam mit ihm zu einer zentralen musikalischen Institution der Stadt ausbaute, wirkte als Violoncellolehrerin im 1881 gegründeten „Patzig’schen Konservatorium“ und erwarb sich als Musikerin die Anerkennung von Publikum und Presse. So schrieb z. B. das „Musicalische Centralblatt“ über ein Konzert am 30. November 1882, bei dem sie gemeinsam mit weiteren VioloncellistInnen Franz Lachners Serenade für fünf Celli (verm. Serenade G-Dur für 4 Violoncelli mit zusätzlicher Stimme, o. op.) spielte: „Im 2. Symphonieconcert des unter Patzig’s Leitung stehenden Orchestervereins in Gotha kam am 30. November die Serenade für fünf Celli von Fr. Lachner zu sehr wohlgelungener Ausführung, aus welcher die vorzügliche Führung der Celli durch Frau Patzig-Wandersleb, die am ersten Pulte sass, als besonders hervorragend bezeichnet wird.“ („Musicalisches Centralblatt 5 [1882], S. 466) Im Mai 1883 berichtete die „Neue Zeitschrift für Musik“, der Gothaer Orchesterverein habe in dieser Saison aus finanziellen Gründen die einheimischen Musiker in den Vordergrund seiner Konzerte gestellt und verwies dabei besonders auf Luise Wandersleb-Patzig: „Wir erinnern nur an den Violinvirt. A. Eichhorn und an die Violoncellvirt. Frau Wandersleb-Patzig, welche getrost neben den bedeutendsten Künstlern auf diesem Instrumente genannt werden darf.“ Ebenfalls 1883 war geplant, dass Luise Wandersleb-Patzig nicht nur als Violoncellistin, sondern auch als Dirigentin im Gothaer Orchesterverein mitwirken sollte: „Der Orchesterverein unter Herrn A. Patzig’s Leitung strebt eifrig vorwärts und ist in der Lage, das zu zeigen [...]; neuerdings hat der Verein auch Solovorträge und Vocalquartette in sein Programm aufgenommen und gibt seine Concerte, deren interessanteste Nummern die rühmlich bekannte Cellistin Frau Patzig-Wandersleben [sic] bietet, (dieselbe wird sich demnächst auch als Dirigentin bethätigen) jetzt in einem kleineren Local [...].“ („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 11. Januar 1884, S. 26) Ob das Vorhaben tatsächlich umgesetzt wurde, ist nicht bekannt.


    Weitere überregionale Berichte in den folgenden Jahren belegen die Kontinuität, mit der sich Luise Wandersleb-Patzig in das öffentliche Musikleben der Stadt einbrachte, sowie die Anerkennung, die sie hierfür erfuhr. So schrieb z. B. das „Musikalische Wochenblatt“ im Januar 1884 über den Gothaer Orchesterverein: „Neben dem mitgliederreichen Muikverein strebt auch der Orchesterverein unter Hrn. A. Patzig’s Leitung jetzt eine grössere Mannichfaltigkeit seiner Concerte an und hat Vocalquartette und Solonummern in das Programm aufgenommen; die Ersteren werden von Dilettanten vorgetragen, die Kosten der Letzteren bestreitet hauptsächlich die tüchtige Violoncellistin Frau Patzig-Wandersleb.“ („Musikalisches Wochenblatt“ vom 3. Januar 1884, S. 21) Am 15. März 1893 berichtete die „Neuen Zeitschrift für Musik“: „Das im Saale des ‚Mohren‘ stattgefundene dritte Orchestervereins-Concert schloß sich seinen beiden Vorgängern auf’s Würdigste an. Das Concert eröffneten zwei einheimische, beliebte Künstlerkräfte, nämlich das Ehepaar Patzig durch zwei vortreffliche Vorträge. In dem weiteren Verlauf des Concertes spielte Frau Patzig noch das schwierige ‚Souvenir de Peterbourg‘ von Servais, welches von ihrem Herrn Gemahl am Clavier meisterlich begleitet wurde.“ („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 15. März 1893, S. 125) Die erreichte Programmvielfalt der Orchestervereinskonzerte zeigte z. B. ein Konzert Anfang 1894, bei dem u. a. Ludwig van Beethovens Klaviertrio c-Moll (op. 1 Nr. 3), Georg Goltermanns Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll (op. 14) sowie Joachim Raffs „Cavatine“ und David Poppers „Gavotte“ (op. 23) für Violoncello und Klavier gespielt wurden: „Das im Mohrensaale stattgefundene III. Orchestervereins-Concert brachte uns zuerst Beethoven’s C moll-Trio für Clavier (Herr Patzig), Violine (Herr Heinze) und Cello (Frau Wandersleb-Patzig). Das Zusammenspiel war ein vorzügliches und kamen die Schönheiten des Werkes voll und ganz zur Geltung. Im weiteren Verlauf des Concertes erfreute uns Herr Patzig durch einige Solovorträge auf dem Clavier, während Frau Patzig sich als eine vorzügliche Cellovirtuosin in Goltermann’s A moll-Concert, sowie in einer Cavatine von Raff und in einer Gavotte von Popper erwies.“ („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 14. März 1894, S. 125) Zusammenfassend schrieb ein Gothaer Korrespondent der „Neuen Zeitschrift für Musik“ im Dezember 1894 über den Orchesterverein: „Die Theilnahme unseres Publikums an den Concerten des Orchestervereins zeigt erfreulicher Weise eine erhebliche Zunahme. Die Concerte dieses äußerst strebsamen Vereins füllen eine Lücke im musikalischen Leben unserer Stadt aus.“ („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 19. Dezember 1894, S. 572)


    Im Oktober 1894 begründeten Luise Wandersleb-Patzig und ihr Mann eine Konzertreihe mit Kammermusik, in deren Zentrum die Besetzung eines Klaviertrios mit Alfred Patzig (Klavier), R. von Voigtländer (Violine, Vorname unbekannt) und Luise Wandersleb-Patzig (Violoncello) stand. Das erste Konzert fand am 22. Oktober 1894 u. a. mit Klaviertrios von Ludwig van Beethoven (D-Dur, op. 70 Nr. 1) und Anton Rubinstein (B-Dur, op. 52) statt: „Von der Idee ausgehend, daß in unserer Stadt die Kammermusik noch verhältnißmäßig weniger als die anderen Musikgattungen gepflegt wird, haben sich die Herren A. Patzig, Frau Patzig-Wandersleb und R. v. Voigtländer von hier entschlossen, einen Cyclus von Kammermusikconcerten zu veranstalten. Das erste dieser Concerte, das verhältnißmäßig recht gut besucht war, fand am 22. Oct. d. J. [...] statt. Als Hauptwerke enthielt das geschmackvoll zusammengestellte Programm das D dur-Trio, Op. 70, Nr. 1 von Beethoven und das B dur-Trio, Op. 52 von Rubinstein. [...] Alle leisteten in Bezug auf Technik und Feinfühligkeit des Vortrages gleich Hervorragendes.“ („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 19. Dezember 1894, S. 573) Ebenso begeistert wurde das zweite Konzert der Reihe am 3. Dezember 1894 aufgenommen, bei dem weitere Musiker mitwirkten. Auf dem Programm standen das so genannte „Kaiserquartett“ von Joseph Haydn (C-Dur, op. 76 Nr. 3), zwei Stücke für Violoncello und Klavier von Jean Louis Nicodé, Joseph Haydns Serenade für Streichquartett F-Dur (op. 3 Nr. 5) und Franz Schuberts „Forellenquintett“ (A-Dur, op. 114): „Das gestrige von Herrn Director Patzig (Clavier), Frau Patzig (Cello) und Herrn R. von Voigtländer (Violine) veranstaltete II. Kammermusik-Concert wird gewiß wieder das Gefühl der größten Befriedigung hinterlassen haben. [...] Die Ausführung der Quartette und des Quintetts [...] war eine vorzügliche. [...] Die beiden Cellopiecen von Nicodé gaben der in hiesigen Musikkreisen hochgeschätzten Künstlerin Frau Patzig-Wandersleb von Neuem Gelegenheit, die Vorzüge ihres Spieles, gesangreiche Cantilene, innigen Vortrag und saubere Intonation von Neuem zu entfalten.“ („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 13. März 1895, S. 126) Die Kammermusikkonzerte bewährten sich auch in den folgenden Jahren. Dabei wurden mit der Zeit auch die Kinder des Ehepaares in die Konzerte mit einbezogen, darunter Fritz Patzig als Pianist und Marie Patzig als Geigerin: „7. Mai. Die Patzig’sche Künstlerfamilie und Herr von Voigtländer veranstalteten im Laufe der diesjährigen Wintersaison im Saale der neuen Loge 4 Kammermusikconzerte. Da gerade diese Kammermusikabende eine fühlbare Lücke im Musikleben unserer Stadt ausfüllen, und außerdem die Leistungen der genannten Künstler im Vereine mit noch anderen guten Kräften als vorzügliche zu bezeichnen waren, so fanden auch diese Veranstaltungen, trotzdem wir mit Künstlerconcerten im Winter überhäuft sind, doch ihr dankbares Publikum. Die sehr reichhaltigen, abwechslungsvollen und geschmackvoll gewählten Programms boten das Beste aus der classischen Kammermusik. Da sich hierzu eine meisterhafte Ausführung gesellte, so boten diese Concerte für den Fachmusiker die ungetrübtesten Kunstgenüsse. So geben wir uns der Hoffnung hin, daß diese erfolgreichen Concerte einen Antrieb geben, dieselben auch im nächsten Jahre wieder einzurichten.“ („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 9. Oktober 1895, S. 441) Zwei Jahre später hieß es: „31. October. Das Conservatorium des Herrn Professor Patzig hat für diesen Winter 4 Kammermusikaufführungen in Aussicht genommen, von denen die erste gestern Abend im Saale der Loge vor einem zahlreich versammelten Publikum stattfand, das den trefflichen Ausführungen reichen Beifall spendete.“ („Neue Zeitschrift für Musik“ vom 3. Februar 1897, S. 54)


    Parallel zu ihrer Konzerttätigkeit unterrichtete Luise Wandersleb-Patzig kontinuierlich als Lehrerin für Violoncello am Patzigschen Konservatorium in Gotha (vgl. z. B. „Musikalisches Wochenblatt“ vom 10. Januar 1884, S. 40 und passim; Artikel „Patzig-Wandersleb, Luise“ 1901), das ihr Mann 1881 gegründet und das sie gemeinsam mit ihm aufgebaut hatte. In späteren Jahren lehrten auch die Kinder an diesem Konservatorium, darunter Marie Patzig als Geigenlehrerin (vgl. z. B. Neue Zeitschrift für Musik“ vom 12. Juli 1899, S. 323).


    Luise Wandersleb-Patzig starb am 31. Januar 1901 in Gotha.

    Würdigung

    Die Violoncellistin Luise Wandersleb-Patzig debütierte 1875 in den Abonnementskonzerten des Leipziger Gewandhauses. Wenige Jahre später, 1878, ließ sie sich in Gotha nieder und galt dort über 20 Jahre lang als herausragende Solistin, Kammermusikerin und Musikpädagogin. Aus dieser Position heraus gestaltete sie gemeinsam mit ihrem Mann einen wesentlichen Teil des städtischen Musiklebens und bewirkte darin qualitative und institutionelle Verbesserungen, etwa im Rahmen des Gothaer Orchestervereins und des Patzigschen Konservatoriums. Die Vorbildfunktion, die sie darüber hinaus als anerkannte und berufstätige Violoncellistin im bürgerlichen städtischen Leben des 19. Jahrhunderts für nachfolgende Musikerinnen übernahm, kann bislang nur vermutet werden; sie dürfte jedoch erheblich gewesen sein.

    Rezeption

    Die Tätigkeiten Louise Wandersleb-Patzigs werden derzeit nicht rezipiert (zur zeitgenössischen Rezeption vgl. Biografie).

    Repertoire

    Eine Repertoireliste von Luise Wandersleb-Patzig kann derzeit aufgrund fehlender Forschungen nicht erstellt werden. Die folgenden Werke zählten zu ihrem Repertoire:


    Beethoven, Ludwig van. Klaviertrio c-Moll, op. 1 Nr. 3

    Beethoven, Ludwig van. Klaviertrio D-Dur, op. 70 Nr. 1

    Goltermann, Georg. Konzert für Violoncello und Orchester a-Moll, op. 14

    Grützmacher, Friedrich. Notturno

    Haydn, Joseph. Serenade für Streichquartett F-Dur, op. 3 Nr. 5

    Haydn, Joseph. Streichquartett C-Dur, op. 76 Nr. 3 („Kaiserquartett“)

    Lachner, Franz. Serenade für fünf Violoncelli (verm. Serenade G-Dur für 4 Violoncelli mit zusätzlicher Stimme, o. op.)

    Molique, Bernhard. Konzert für Violoncello und Orchester D-Dur, op. 45

    Nicodé, Jean Louis. A la savoyarde für Violoncello und Klavier

    Nicodé, Jean Louis. Romanze für Violoncello und Klavier

    Popper, David. Gavotte für Violoncello und Klavier, op. 23

    Raff, Joachim. Cavatine für Violoncello und Klavier

    Rubinstein, Anton. Klaviertrio B-Dur, op. 52

    Schubert, Franz. Quintett A-Dur, op. 114 („Forellenquintett”)

    Schumann, Robert. Stücke im Volkston a-Moll, op. 102

    Servais, Adrien-François. Souvenir de Peterbourg für Violoncello und Klavier

    Quellen

    Literatur


    Artikel „Wandersleb, Adolph“. In: Conversations-Lexikon. Eine Encyklopädie der gesammten musikalischen Wissenschaften. Hermann Mendel; August Reissman (Hg.). Bd. 11. Berlin: Verlag von Robert Oppenheim, 1879, S. 264.


    Artikel „Patzig-Wandersleb, Luise“. In: Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog. Bd. 6 (1901). Totenliste (verfügbar in wbis – world biographical information system)


    Deutsches Geschlechterbuch Bd. 214, 58. Allgemeiner Bd., Limburg an der Lahn: C. A. Starke, 2002.


    Dörffel, Alfred. Geschichte der Gewandhausconcerte zu Leipzig vom 25. November 1781 bis 25. November 1881. Leipzig: Concert-Direction Gewandhaus, 1884.



    Konzertkritiken und Zeitungsartikel


    Allgemeine musikalische Zeitung vom 1. Dezember 1875, Sp. 764.


    Monatshefte für Musikgeschichte 34 (1901), S. 138


    Musicalisches Centralblatt 5 (1882), S. 466.


    Musikalisches Wochenblatt vom 19. November 1875, S. 593f.

    Musikalisches Wochenblatt vom 9. Januar 1880, S. 33.

    Musikalisches Wochenblatt vom 3. Januar 1884, S. 21.

    Musikalisches Wochenblatt vom 10. Januar 1884, S. 40.


    Neue Zeitschrift für Musik vom 11. Januar 1884, S. 26.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 15. März 1893, S. 125.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 14. März 1894, S. 125.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 19. Dezember 1894, S. 572f.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 13. März 1895, S. 126.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 9. Oktober 1895, S. 441.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 15. Januar 1896, S. 32.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 3. Februar 1897, S. 54.

    Neue Zeitschrift für Musik vom 12. Juli 1899, S. 323.

    Forschung

    Ein Enkel Luise Wandersleb-Patzigs, Günther Patzig, veröffentlichte 1965 beim Verlag Erdmann in Wiesbaden ein „Schulwerk für Fideln und Gamben“. Ihre heutigen Nachkommen sind dem Deutschen Geschlechterbuch Bd. 214 zu entnehmen (s. Literatur).

    Forschungsbedarf

    Der Forschungsbedarf zu Luise Wandersleb-Patzig umfasst ihre Biografie sowie alle ihre Tätigkeiten. Besonders interessant wäre es in diesem Zusammenhang, ihre Berufstätigkeit als Violoncellistin in einem bürgerlich städtischen Umfeld am Ende des 19. Jahrhunderts näher zu untersuchen.

    Autor/innen

    Silke Wenzel, 4. November 2009


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Regina Back
    Zuerst eingegeben am 05.11.2009


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Luise Wandersleb-Patzig“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 5.11.2009.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Luise_Wandersleb-Patzig