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    von Silke Wenzel
    Namen:
    Lily Henkel
    Geburtsname: Lily Goldschmidt
    Lebensdaten:
    geb. um in Nottingham, England
    gest. nach in , (Ort unbekannt)

    Tätigkeitsfelder:
    Pianistin, Solistin, Kammermusikerin, Klavierbegleiterin, Übersetzerin, Konzertveranstalterin
    Charakterisierender Satz:

    „The Queen attended the orchestral concert for children, conducted by Dr. Sargent, at the Central Hall, Westminster, on Saturday morning. Her gracious presence paid a deserved honour to the good work done by Mr. Robert Mayer and Mme Lily Henkel in organizing this excellent series of concerts, which cannot be without its effect upon the musical taste of the rising generation.”

    „Die Queen nahm am Samstag Morgen am Orchesterkonzert für Kinder teil, das von Dr. Sargent in der Central Hall, Westminster dirigiert wurde. Ihre gnädige Anwesenheit war eine verdiente Ehrung der hervorragenden Arbeit, die Mr. Robert Mayer und Mme Lily Henkel geleistet haben. Sie haben diese exzellente Konzertreihe organisiert, die nicht ohne Wirkung auf den musikalischen Geschmack der heranwachsenden Generation bleiben kann.“

    („The Times London“ vom 4. Februar 1929, S. 10)


    Profil

    Die Pianistin Lily Henkel wurde in den 1880er Jahren u. a. von Heinrich Ordenstein in Karlsruhe und Clara Schumann in Frankfurt a. M. ausgebildet. Sie etablierte sich anschließend in England als Pianistin, Klavierbegleiterin und Kammermusikerin. Zwischen 1904 und 1927 trat sie regelmäßig in London auf, u. a. mit ihrem eigenen Klavierquartett, dem „Henkel-Quartet“. Für den Verlag C. F. Peters übersetzte sie die Liedtexte von Hugo Wolfs „Italienischem Liederbuch“ sowie von seinem „Spanischen Liederbuch“ ins Englische. In späteren Jahren war sie vorrangig als Konzertveranstalterin aktiv und etablierte 1923 die Konzertreihe „Concerts for Children“ im Londoner Musikleben, die mindestens bis 1937 Bestand hatte.

    Orte und Länder

    Lily Henkel, geb. Goldschmidt wurde in Nottingham, England geboren. Sie erhielt dort ihre erste pianistische Ausbildung, die sie in den 1880er Jahren zunächst in Karlsruhe und anschließend von ca. 1884 bis 1886 bei Clara Schumann in Frankfurt am Main fortsetzte. Lily Henkel debütierte nach ihrem Studium in ihrer Heimatstadt und lebte spätestens ab dem Jahr 1903 in London. Ihr Aufenthaltsort nach 1936 ist unbekannt.

    Konzertreisen führten Lily Henkel durch Frankreich, Holland, Deutschland und Spanien.

    Biografie

    Lily Henkel, geb. Goldschmidt, wurde in Nottingham, England als Tochter von Alderman Edward Goldschmidt geboren; der Name der Mutter ist bislang unbekannt. Den ersten Teil ihrer pianistischen Ausbildung erhielt sie in England und setzte dann ihr Studium in Karlsruhe bei dem Pianisten und Gründer des Karlsruher „Conservatorium für Musik“ Heinrich Ordenstein fort. Vermutlich ab dem Jahr 1884 studierte sie für zwei Jahre bei Clara Schumann in Frankfurt am Main und galt dabei als gute Freundin ihrer Kommilitonin Mathilde Verne, mit der sie auch später noch regelmäßig in Kontakt stand (vgl. Verne 1936, S. 45ff. und Verne 1996, S. 168f.).


    Nach Abschluss ihres Studiums debütierte Lily Henkel in ihrer Heimatstadt Nottingham mit der dortigen Orchestral Society und trat u. a. in den Nottingham Orchestral and Philharmonic Drawing Room Concerts auf. Konzertreisen führten sie durch Frankreich, Belgien, Holland, Deutschland und Spanien, bei denen sie auch in Berlin, München und Leipzig (dort gemeinsam mit dem Böhmischen Streichquartett) auftrat sowie in Brüssel und Paris. Über diese Tourneen ist bislang nichts Näheres bekannt.

    Kurz nach der Jahrhundertwende ließ sich Lily Henkel in London nieder und etablierte sich dort als Pianistin, Klavierbegleiterin und Kammermusikerin. Ab dem Jahr 1903 werden ihre Konzerte regelmäßig in der „London Times“ besprochen. Demnach trat Lily Henkel in den Promenade Concerts, in der Queen’s Hall und der St. James’s Hall als Solistin auf. Am 6. und am 27. November 1909 veranstaltete sie zwei eigene Konzerte in der Steinway-Hall, die beide in den „London Times“ als „Mrs. Lily Henkel’s Concert“ angekündigt wurden. Gemeinsam mit „The Strolling Players’ Orchestra“, einem Amateurorchester, spielte sie 1910 Ferdinand Hillers Klavierkonzert fis-Moll op. 69 unter der Leitung von Joseph Ivimey.


    Gleichzeitig trat Lily Henkel auch als Klavierbegleiterin verschiedener Solisten auf, so z. B. 1904 in einem Konzert mit dem Cellisten Emil Krall in der Steinway-Hall sowie in mehreren Konzerten mit dem Geiger Ferencz Hegedüs in der Londoner Aeolian-Hall, u. a. mit den Violinsonaten A-Dur op. 100 von Johannes Brahms, a-Moll op. 105 von Robert Schumann und A-Dur (o. op.) von César Franck.

    Gemeinsam mit Pianistinnen und Pianisten wie Yolanda Mérö, Mathilde Verne und F. von Bose konzertierte sie in Klavierduetten. Neben Robert Schumanns „Andante und Variationen“ für 2 Klaviere op. 46 standen dabei häufig eher unbekannte Werke auf den Programmen, so z. B. Anton Arenskys Suite für 2 Klavier op. 15, die Variationen von Georg Schumann über ein Thema von Beethoven, Carl Reineckes „Improvisata on La Belle Griselda“ und die vier „Silhouettes“ von Anton Arensky.


    Im Jahr 1910 gründete Lily Henkel ein eigenes Klavierquartett, das so genannte „Henkel-Quartet“, das bis 1927 in unterschiedlichen Besetzungen regelmäßig auftrat. Über das erste Konzert des neuen Ensembles schrieb die „Times“ im Januar 1911: „The Henkel Pianoforte Quartet, consisting of Mme. Lily Henkel and MM. Alfred Hobday, Fritz Hirt, and Ivor James, gave their first concert on Saturday afternoon in the Steinway Hall. They began with Brahms’s Piano Quartet in G minor and ended with Mozart’s lovely work in the same key, and between the two gave the first public performance of Mr. Frank Bridge’s Phantasie for piano quartet in F sharp minor […]. The players gave an excellent performance of it, and there was less roughness on the part of the pianist than there was in Brahms’s Quartet and a better balance of all the parts.” („Das Henkel Klavierquartett, bestehend aus Mme Lily Henkel und den Herren Alfred Hobday, Fritz Hirt und Ivor James, gab am Samstag Nachmittag sein erstes Konzert in der Steinway Hall. Sie begannen mit Brahms’ Klavierquartett g-Moll und endeten mit Mozarts wunderbarem Werk in der gleichen Tonart. Zwischen den beiden Werken spielten sie die Uraufführung von Mr. Frank Bridges Phantasie für Klavierquartett in fis-Moll. Die Musiker gaben eine exzellente Interpretation des Werkes, die Pianistin spielte den Klavierpart weniger hart als im Brahms’schen Quartett und die Stimmen waren insgesamt ausgeglichener.“; „The Times“ vom 23. Januar 1911, S. 10)

    In späteren Jahren (spätestens ab 1915) war das Henkel-Quartet neben der Pianistin mit Arthur Beckwith, Raymond Jeremy und John Mundy besetzt. Der Komponist Arthur Bliss widmete Lily Henkel und ihrem Ensemble sein Klavierquartett a-Moll von 1915, das den „War Emergency Entertainments Prize“ gewann und das am 15. Juni 1915 vom Henkel-Quartett in der Steinway Hall im Rahmen eines „War Emergency Concerts“ aufgeführt wurde.


    Im Jahr 1923 gründete Lily Henkel gemeinsam mit Robert Mayer eine Konzertreihe „Concerts for Children“, die in London äußerst populär wurde und mindestens bis in das Jahr 1937 Bestand hatte. Zu Beginn der Saison 1929/1930 berichtete die „London Times” über das erste Konzert der Saison: „The Queen attended the orchestral concert for children, conducted by Dr. Sargent, at the Central Hall, Westminster, on Saturday morning. Her gracious presence paid a deserved honour to the good work done by Mr. Robert Mayer and Mme Lily Henkel in organizing this excellent series of concerts, which cannot be without its effect upon the musical taste of the rising generation.” („Die Queen nahm am Samstag Morgen am Orchesterkonzert für Kinder teil, das von Dr. Sargent in der Central Hall, Westminster dirigiert wurde. Ihre gnädige Anwesenheit war eine verdiente Ehrung der hervorragenden Arbeit, die Mr. Robert Mayer und Mme Lily Henkel geleistet haben. Sie haben diese exzellente Konzertreihe organisiert, die nicht ohne Wirkung auf den musikalischen Geschmack der heranwachsenden Generation bleiben kann.“; „The Times London“ vom 4. Februar 1929, S. 10). In der Saison 1936/1937 war die Reihe mit sechs Konzerten im Musikleben vertreten. Neben namhaften Solisten wie Alice Ehlers, Carl Flesch und Reginald Kell, waren u. a. das „London Philharmonic Orchestra“, das „London Symphony Orchestra“ sowie die „Royal Choral Society“ unter den Dirigenten Malcom Sargent, Stanley Chapple und Kennedy Scott in die Konzertreihe eingebunden (vgl. „The Times“ London vom 21. September 1936, S. 10).


    Neben ihrer Tätigkeit als Pianistin und Konzertorganisatorin arbeitete Lily Henkel auch als Übersetzerin und sprach vermutlich u. a. fließend deutsch. Bereits 1894 übersetzte sie Heinrich Sudermanns Novelle „Der Wunsch“ ins Englische „The Wish“). Es folgten englische Übersetzungen der Liedtexte von Hugo Wolfs „Italienischem Liederbuch“ und seinem „Spanischen Liederbuch“ für die Edition Peters in Leipzig und Frankfurt a. M. sowie Übersetzungen von drei Liedtexten Franz Schuberts, die bei Hinrichsen in London erschienen.


    Vor dem Jahr 1894 heiratete Lily Henkel, geb. Goldschmidt, einen Victor Henkel und nahm dessen Namen an. (Im Druck ihrer Übersetzung von Heinrich Sudermanns Novelle „The Wish“ im Jahr 1894 wird sie als „Lily Henkel“ geführt.) Im „Who’s who in music” von 1913 wird ihre Adresse mit 72 Hamilton Terrace (London) angegeben.


    Die letzte Erwähnung von Lily Henkel in den „London Times“ datiert vom 21. September 1936. Über ihr weiteres Leben ist bislang nichts bekannt.

    Würdigung

    Lily Henkel, geb. Goldschmidt war von Ende der 1880er bis Mitte der 1930er Jahre im englischen Musikleben als Pianistin, Klavierbegleiterin, Kammermusikerin und Konzertveranstalterin aktiv. Die einzigen bislang bekannten Konzertkritiken der „Times“ London beschreiben sie als eine eher mittelmäßige Pianistin. Großen Erfolg erzielte sie jedoch mit der von ihr und Robert Mayer gegründeten Konzertreihe „Concerts for Children“, die zu einer anerkannten Veranstaltungsreihe der Londoner Konzertsaisons wurde, an der sich namhafte Solisten, Orchester und Dirigenten beteiligten. Ihre englischen Übersetzungen von Hugo Wolfs „Italienischem Liederbuch nach Paul Heyse“ werden bis heute immer wieder bei der Edition Peters in Frankfurt am Main neu aufgelegt (zuletzt 2002).

    Eine angemessene Würdigung der Tätigkeiten von Lily Henkel lässt sich erst nach Sichtung weiterer Dokumente erstellen.

    Werkverzeichnis

    Übersetzungen


    Hermann Sudermann: The Wish [Der Wunsch]. Translated by Lily Henkel. London: T. Fisher Unwin, 1894.


    Hugo Wolf. Italienisches Liederbuch nach Paul Heyse. Liedtexte in deutsch und englisch. Übersetzt von Lily Henkel. Frankfurt a. M. u. a.: Peters, [ca. 1900]


    Hugo Wolf. Spanisches Liederbuch für eine Singstimme und Klavier, nach Heyse und Geibel. English translation by Lily Henkel, Leipzig: C. F. Peters, [ca. 1926].


    Franz Schubert. An die Musik / To music; Du bist die Ruh / Thou art repose; Ständchen / Serenade. English version[s] by Lily Henkel. London: Hinrichsen Edition o. D.

    Repertoire

    Eine Repertoireliste lässt sich aufgrund fehlender Informationen zur Zeit nicht erstellen. Anhand der wenigen überlieferten Musikkritiken wird jedoch bereits deutlich, dass sich Lily Henkel neben dem klassisch-romantischen Repertoire vor allem auf eher unbekannte und selten gespielte Werke konzentrierte. So führte sie z. B. 1910 Ferdinand Hillers Klavierkonzert fis-Moll op. 69 auf und präsentierte im Klavierduo Werke von Anton Arensky, Georg Schumann und Carl Reinecke. Auch das Klavierquartett „Henkel Quartet” führte neben Werken von Wolfgang Amadeus Mozart und Johannes Brahms Kammermusik der zeitgenössischen Komponisten Frank Bridge und Arthur Bliss auf.

    Quellen

    Artikel „Henkel, Lily“. In: Who’s who in music. H. S. Wyndham (Hg.). 1913 [verfügbar in wbis: world biographical information system].


    Artikel „Henkel, Lily“. In: A dictionary of modern music and musicians. A. E. Hull (Hg.). 1924 [verfügbar in wbis: world biographical information system].


    De Vries, Claudia. Die Pianistin Clara Wieck-Schumann. Interpretation im Spannungsfeld von Tradition und Individualität (= Schumann Forschungen Bd. 5). Mainz, London u. a.: Schott, 1996.


    Verne, Mathilde. Chords of Remembrance [Autobiografie], London: Hutchinson & Co, 1936.


    Verne, Mathilde. Das Unterrichten ist ein untrennbarer Teil meines Wesens. In: Monica Steegmann/Eva Rieger (Hg.): Frauen mit Flügeln. Lebensberichte berühmter Pianistinnen. Von Clara Schumann bis Clara Haskil. Frankfurt a. M., Leipzig: Insel-Verlag, 1996, S. 147-194. [Auswahl aus Mathilde Vernes Memoiren „Chords of Remembrance“ in deutscher Übersetzung ]



    Konzertkritiken und Zeitungsartikel


    The Times London vom 23. Oktober 1894, S. 6.

    The Times London vom 5. Mai 1899, S. 13.

    The Times London vom 30. November 1903, S. 8.

    The Times London vom 2. November 1904, S. 11.

    The Times London vom 30. November 1905, S. 7.

    The Times London vom 10. Mai 1906, S. 10.

    The Times London vom 6. März 1908, S. 12.

    The Times London vom 11. März 1908, S. 12.

    The Times London vom 6. November 1909, S. 9.

    The Times London vom 27. November 1909, S. 14.

    The Times London vom 4. Februar 1910, S. 11.

    The Times London vom 23. Januar 1911, S. 10.

    The Times London vom 20. November 1911, S. 10.

    The Times London vom 26. November 1913, S. 12.

    The Times London vom 4. November 1915, S. 11.

    The Times London vom 17. Dezember 1923, S. 10.

    The Times London vom 4. Februar 1929, S. 10.

    The Times London vom 26. Juli 1930, S. 10.

    The Times London vom 21. September 1936, S. 10.

    Forschung

    Zahlreiche Ankündigungen und Kritiken ihrer Konzerte finden sich in „The Times“ London in den Jahren 1904 bis 1936. Weitere Informationen über Forschungsquellen liegen bislang nicht vor.

    Forschungsbedarf

    Die Biografie von Lily Henkel und ihre künstlerischen Tätigkeiten lassen sich bislang nur fragmentarisch rekonstruieren. Dabei bleiben viele Fragen offen, z. B. zu ihrer Studienzeit bei Heinrich Ordenstein und Clara Schumann, zu ihren Konzerten und Konzerttourneen sowie zu ihren Konzertveranstaltungen. Auch das künstlerische Umfeld ist bislang nahezu unerforscht. Kein einziger Hinweis findet sich zudem auf eine mögliche Unterrichtstätigkeit von Lily Henkel. Ein Nachlass ist nicht bekannt.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 149693754
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 142226025

    Autor/innen

    Silke Wenzel, Die Grundseite wurde im Oktober 2007 verfasst.


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Nicole K. Strohmann
    Zuerst eingegeben am 26.10.2007


    Empfohlene Zitierweise

    Silke Wenzel, Artikel „Lily Henkel“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 26.10.2007.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Lily_Henkel