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  • Lena Stein-Schneider

    von Sarah Ross
    Namen:
    Lena Stein-Schneider
    Geburtsname: Helene Meyerstein
    Lebensdaten:
    geb. in Leipzig, Deutschland
    gest. in München, Deutschland
    Tätigkeitsfelder:
    Komponistin, Dichterin, Librettistin, Chorleiterin, Pianistin, Veranstalterin

    Profil

    Lena Stein-Schneider, geb. Helene Meyerstein, studierte Klavier und Gesang bei Prof. Prager am Leipziger Konservatorium sowie Kontrapunkt und Komposition bei Prof. Hermann an der Berliner Meisterschule. Erst nach ihrer Heirat mit dem Berliner Kaufmann Alfred Schneider nahm sie den Künstlernamen Lena Stein-Schneider an, unter welchem sie ihre zahlreichen Lieder, Instrumentalstücke wie auch Operetten veröffentlichte. Zudem war Lena Stein-Schneider als Autorin bzw. Librettistin und Dirigentin tätig (meist im Zusammenhang mit der Aufführung ihrer eigenen Werke).

    Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gründete sie einen eigenen Salon in ihrer Berliner Privatwohnung und später auch einen Ableger des berühmten New Yorker Rubinstein Frauenchors, sowie den Berliner Rubinstein-Club. Nicht zuletzt aufgrund dieser Aktivitäten war Lena Stein-Schneider als jüdische Komponistin im Berliner Kulturleben und Großbürgertum wie auch international auch im Bereich der Unterhaltungsmusik akzeptiert und anerkannt.

    Während des Nationalsozialismus hatte sie unter der systematischen Ausgrenzung und dem Auftrittsverbot als Musikerin, Komponistin und Schriftstellerin zu leiden. 1942 wurde sie in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Erst im im Februar 1945 konnte sie das Lager mit einem Transport der Schweizer Delegation verlassen. Zurück in Berlin, erhielt sie nach jahrelangem Wiedergutmachungsverfahren kurz vor ihrem Tod eine geringe Entschädigungszahlung.

    Orte und Länder

    Lena Stein-Schneider wurde in Leipzig geboren und aufgewachsen, bis sie nach ihrer Heirat nach Berlin zog. Ihre Kompositionen wurden Deutschland, Italien und den in den USA aufgeführt.

    Biografie

    Am 5. Januar 1874 wurde Lena Stein-Schneider als Helene Meyerstein in Leipzig geboren. Sie war das siebte von acht Kindern des Wollhändlers Moritz Meyerstein und seiner Frau Pauline.

    So wie viele jüdische Mädchen ihrer Zeit, so besuchte auch Lena Stein-Schneider die höhere Töchterschule in Leipzig (Arndt 2000). Anschließend studierte sie Gesang und Klavier bei einem Prof. Prager am Leipziger Konservatorium. Im Alter von 18 Jahren heiratete sie 1892 den Berliner Kaufmann Alfred Schneider, zog zu ihm nach Berlin und bekam zwischen 1893 und 1905 mit ihm vier Kinder: Alice, Fritz, Lucie und Gisela. Die Familiengründung war für Lena Stein-Schneider kein Grund, ihren Beruf aufzugeben – ganz im Gegenteil. In Berlin setzte sie ihren Musikunterricht fort und studierte Gesang bei Lola Beeth und Georg Vogel, sowie Kontrapunkt und Komposition bei einem Professor Hermann.

    Bereits 1900 gründete sie in ihrer Berliner Wohnung (Lietzenburger Straße) einen Salon, der nicht nur zu einem viel gefragten Treffpunkt des musikinteressierten Großbürgertums und preußischen Adels wurde, sondern auch zu einer wichtigen Plattform, auf der sie sich als Komponistin und Musikerin profilieren konnte. Vermutlich um das Jahr 1906 herum wurde aus Helene Meyerstein die Komponistin Lena Stein-Schneider. Aus diesem Jahr stammt auch das älteste (heute bekannte) Werk der Komponistin, „Der neugierige Kater“ opus 20 (1906), für das sie nicht nur die Musik sondern auch den Text schrieb (Arndt 2000, S. 11; Ploog 2015, S. 50). Schrieb Lena Stein-Schneider zu Beginn ihrer Karriere zeittypische Salonmusik (wie etwa die „Berceuse in C“, opus 52; „Nocturne in E“, opus 53), und somit mehrheitlich Stücke für Gesang und Klavier wie es für viele Komponistinnen jener Zeit üblich war, so polarisierte sie bereits drei Jahre später mit der Veröffentlichung und Uraufführung ihrer ersten Operette „Der Luftikus“ in Halberstadt (1909): Während Musikkritiker dieses Werk als wenig originell und leichte Musik abtaten, fand es beim Publikum großen Anklang und wurde in den Folgejahren in verschiedenen Städten aufgeführt (Arndt 2000, S. 13).


    Lena Stein-Schneider stach als Musikerin und Komponistin immer wieder durch die Genres, mit denen sie sich befasste, hervor und unterschied sich somit von anderen musikalisch tätigen Frauen ihrer Zeit: nicht nur ihr Dasein als Operettenkomponistin, sondern auch ihre Erfolge in der U-Musik, wie auch ihre Tätigkeiten als Texterin und Dirigentin (meist ihrer eigenen Werke) sind in der Biographie Lena Stein-Schneiders zu betonen. Besonders ihre Erfolge im Bereich der Unterhaltungsmusik gehen nicht zuletzt auch auf ihre regen Konzertreisen zurück. So unternahm sie in den 1920er Jahre ausgedehnte Reisen in die USA, wo unter anderem am New Yorker Keith Theatre ihr Singspiel „Composer’s Dream“ 1925 uraufgeführt wurde (Arndt 2000, S. 14, Ploog 2015, S. 52). Bereits 1919 hatte sie einen Fuß in das Filmmusikgeschäft gesetzt (sie schrieb die Filmmusik für die zweiteilige Filmreihe „Der Kampf um die Ehe“). Das inspirierte sie dazu sie sich fortan auch dem Verfassen von Sketchen für das Kabarett zu widmen. Auf diese Weise erweiterte sie ihr Oeuvre mit Kompositionen der Tanz- und Unterhaltungsmusik. Diese Werke brachten ihr letzlich nicht nur finanzielle Erfolge, sondern auch die Aufmerksamkeit und Angebote verschiedener Verlage und Plattenfirmen ein (u.a. verlegten Ricordi, Junne, Ullstein, Drei Masken, Pabst und Fischer ihre Werke; Deutsche Grammophon u.a. produzierten Plattenaufnahmen). Dass Lena Stein-Schneider ab einem gewissen Zeitpunkt von ihren Tantiemen leben konnte, verdankte sie zudem ihrer Umsichtigkeit in Bezug auf die Wahrung ihrer Rechte und ihren Mitgliedschaften bei AMMRE, der Vorgängerorganisation der heutigen GEMA, wie auch im Berufstand der Komponisten und in der Gesellschaft der Autoren (Arndt 2000, S. 14-15; dies. 2010).


    Ihre Tourneen durch die USA brachten sie schließlich in Kontakt mit dem New Yorker Rubinstein-Frauenchor, woraufhin sie einige Jahre später, in den 1930er Jahren, einen Ableger in Berlin gründete, dessen Präsidentin und Chorleiterin sie wurde. Dieser Chor führte auch Werke von Lena Stein-Schneider auf. Weiterhin gründete sie den sog. Rubinstein-Club, welcher fortan eine wichtige Plattform und Institution zur Förderung von Nachwuchsmusikerinnen und -musikern wurde, die sich hier einem interessierten Publikum und der kritischen Presse stellen konnten (Arndt 2000, S. 14, dies. 2010).


    Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten begann die systematische Ausgrenzung von Lena Stein-Schneider aus dem Kulturbetrieb und dem öffentlichen Leben. So wurde bereits 1933 der Rubinstein-Club verboten und der gleichnamige Frauenchor aufgelöst, was 1935 in der Verweigerung der Aufnahme in die Reichsmusikkammer und damit in einem endgültigen Berufsverbot mündete. Es führte letztlich zur Verarmung der mittlerweile verwitweten Komponistin. Dieser Ausschluss war für die Komponistin schwer zu verstehen, hatte sie doch im Ersten Weltkrieg als Lazarettschwester gedient und ihre Identifikation mit Deutschland als ihrem Land auch musikalisch zum Ausdruck gebracht, wie etwa in ihrem „Kronprinzen Marschlied“ opus 103 (1914).


    Über ihre Lebensjahre zwischen 1935 und 1945, sowie während der Nachkriegsjahre bis zu ihrem Tod 1958, ist so gut wie nichts bekannt. Dokumentiert ist jedoch, dass Lena Stein-Schneider am 6. Aug. 1942 zur Großen Hamburger Straße transportiert und von dort am 14. Aug. 1942, im Alter von 68 Jahren, mit dem 44. Alterstransport I/45 in das KZ Theresienstadt deportiert wurde, wo sie 30 Monate inhaftiert war. Überleben konnte sie, weil sie noch vor der Befreiung am 5. Februar 1945 mit einem einmaligen Spezialtransport der Schweizer Delegation in die Schweiz gebracht wurde, wo sie sich für einige Jahre niederließ. Aufgrund ihres hohen Alters und der gesundheitlichen Schäden war an eine umfängliche Wiederaufnahme ihres Berufes nicht mehr zu denken. Während der Jahre in der Schweiz schrieb Lena Stein-Schneider nur noch einige wenige kleinere Musikstücke und ein Hörspiel, darunter auch das bekannte „Avinu Malkeinu: Gebet für den Frieden“, das in einer deutschen und einer hebräischen Version veröffentlich wurde (erstere vom Schweizer Verlag Editions du Bourg in Lausanne 1949; Arndt 2000, S. 19).


    Anfang der 1950er Jahre zog Lena Stein-Schneider wieder nach Berlin zurück, von wo aus sie ein langjähriges Wiedergutmachungsverfahren anstrengte. Ihr zentrales Anliegen dabei war, für den Verlust ihrer Manuskripte und Tonaufnahmen ihrer eigenen Werke entschädigt zu werden, was jedoch die vom Berliner Amt eingeforderte „Beweisbarkeit“ ihrer Verluste nahezu unmöglich machte. Im Alter von 83 Jahren erhielt Lena Stein-Schneider schließlich eine „Wiedergutmachung“ in Höhe von 3.500 DM. Am 17. Juni 1958 verstarb sie in München (ibid., S. 19-20).

    Betrachtet man die verschiedenen Lebensstationen von Lena Stein-Schneider, sofern diese dokumentiert und heute noch rekonstruierbar sind, so wird schnell deutlich, dass sie in vielen Dingen ihrer Zeit voraus war.

    Würdigung

    Lena Stein-Schneider hatte sich als eine von wenigen jüdischen Komponistinnen und Musikerinnen in Deutschland weit in die Öffentlichkeit hinaus gewagt und sich durch ihre vielfältigen künstlerischen Tätigkeiten einen angesehenen Platz im Berliner Kulturleben ihrer Zeit erarbeitet. Als Komponistin widmete sie sich nicht nur dem für Frauen eher untypischen Genre der Operette, sondern verzeichnete auch große Erfolge im Bereich der Unterhaltungsmusik. Als Gründerin eines Salons und des Rubinstein-Clubs setzte sie sich sehr für die Förderung von Nachwuchstalenten ein und konnte sich schließlich auch als Chorleiterin und Dirigentin einen Namen machen.

    Rezeption

    Vor dem Zweiten Weltkrieg wurden ihre Werke international aufgeführt und rezipiert. Durch das Berufsverbot, die Zwangsenteignung und schließlich die Deportation ins KZ Theresienstadt sind Manuskripte und Tonaufnahmen ihrer Werken verloren gegangen. Nur noch einige wenige sind beispielsweise im Archiv Frau und Musik in Kassel erhalten und können somit heute noch aufgeführt werden.

    Werkverzeichnis

    Bühnenmusik (Auswahl)


    1909: Der Luftikus, Operette in drei Akten (Komposition Lena Stein-Schneider und Kurt Walter, Libretto Lena Stein-Schneider). Uraufführung Halberstadt 1909

    1912.: König Drosselbart, Märchenspiel in 6 Bildern (Text Wilhelm E. Asbeck). Uraufführung 1916 in Berlin; auf Italienisch unter dem Namen Re Pappagoria 1935 in Mailand aufgeführt

    o. J.: Auto und Schimmel, Operette (Text Georg Runsky)

    1916: Prinz Heldenmut, Märchenspiel mit Gesang und Tanz in 8 Bildern (Text Wilhelm E. Asbeck). Uraufführung in Stralsund

    1919: Lustige Liebe, Operette in drei Akten (Komposition und Text Lena Stein-Schneider). Uraufführung in Forst

    1925: Composer’s Dream, Singspiel. Uraufführung Keith's Theatre in New York

    1928: Ein Hundert Küsse, Singspiel. Uraufführung in Gotha

    1949: Goldhärchen, ein musikalisches Märchen (Komposition und Text Lena Stein-Schneider). Französische Fassung: Fleur d’Or, un conte musical. In der Druckfassung illustriert von Lisa Voigt. Als Hörspiel gesendet in der Schweiz 1950


    Lieder (Auswahl)


    1906: Der neugierige Kater, für Singstimme und Klavier (Komposition und Text)

    1908: Fünf Lieder für Gesang und Klavier, Frieda Hempel zugeeignet

    Hinter dem Glanz deiner SAugen, für Singstimme und Klavier (Text Tilly Dellon), Kammersänger Leo Slezak gewidmet

    1914/1915: Kronprinzen Marschlied - Immer feste druff! Donnerschlag, nun geht es los, für Singstimme und Klavier (Komposition und Text)

    1921: Mia May-Boston, für Klavier (Komposition und Text), für die Stummfilmschauspielerin Mia May zum Geburtstag

    1949: Gebet für den Frieden – Avinu Malkénu (Text Lena Stein-Schneider, hebräische Übersetzung R. Rysterband)


    Instrumentalstücke (Auswahl)


    1907: Nocturne in E, für Violoncello und Klavier

    1907: Valse d’amitié, für Klavier. Kronprinzessin Cecilie zugeeignet

    1913: Valse d’amitié, für Militärmusik oder für Kavalleriemusik

    1919: Pas de Colombine, für Klavier

    o. J.: Orchidea, Valse lente für Orchester

    1921: Orchidea, Valzer Boston per pianoforte

    1928: Tango tetegi, für Klavier

    1928: Am Mai-Kussa, für Klavier

    o. J.: Abendstimmung, für Viola und Klavier


    Filmmusik


    1919: Der Kampf um die Ehe. Wenn in der Ehe die Liebe stirbt. Liedeinlage von Lena-Stein-Schneider

    1919: Der Kampf um die Ehe: Feindliche Gatten. Liedeinlage von Lena-Stein-Schneider


    Diskografie


    Miriams Song. Music by Jewish Women Composers. CD, unter anderem mit den Stücken von Lena Stein-Schneider: Nocturne, Serenata, Abendstimmung, Wiegenlied. Zuk Records, Bremerhaven 2009

    Cantorial Highlights 2. Revival of Synagogue Music in Europa. CD, unter anderem mit Lena Stein-Schneider: Gebet für den Frieden – Avinu Malkénu

    Quellen

    Arndt, Peri, „Lena Stein-Schneider“, in: Lebenswege von Musikerinnen im „Dritten Reich“ und im Exil, Arbeitsgruppe Exilmusik am Musikwissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg, Peri Arndt, Silke Bernd, Gwyneth Bravo u. a. (Hg.) (= Musik im „Dritten Reich“ und im Exil, Bd. 8, Hanns-Werner Heister, Peter Petersen (Hg.)), Hamburg: von Bockel, 2000, S. 9-29.


    Arndt, Peri, „Lena Stein-Schneider“, in: Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, 2006 (aktualisiert Nov. 2010) http://www.lexm.uni-hamburg.de/object/lexm_lexmperson_00001487 (eingesehen am 21. Juni 2015).


    Ploog, Karin, ...Als die Noten laufen lernten...Teil 2: Geschichte und Geschichten der U-Musik bis 1945 – Komponisten – Librettisten – Texter, Nordersteed: Books on Demand, 2015, S. 49-56.


    Walk, Joseph, „Stein-Schneider, Lena“, in: Kurzbiographien zur Geschichte der Juden 1918-1945, hrsg. vom Leo Baeck Institute, Jerusalem, München, New York, London, Paris: K G Saur, 1988, S. 351.

    Forschung

    Nur wenige Veröffentlichungen beschäftigen sich Lena Stein-Schneider und ihren Werken. Zudem ist die Quellenlage häufig uneindeutig, mit häufig sehr unterschiedlichen Angaben (siehe Arndt 2000, S. 12-19).

    Forschungsbedarf

    Neben einer biographischen Grundlagenforschung zu ihrer Person und ihrem Werk wäre aber auch eine tiefergehende kulturgeschichtliche Auseinandersetzung von großem Interesse, welche sie als Jüdin, Komponistin und Berufsmusikerin im Berliner Kulturleben zu Beginn des 20. Jahrhunderts verortet, und auch ihren künstlerischen Beitrag im Bereich der Unterhaltungsmusik zu jener Zeit detaillierter untersucht.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 28224835
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 132220563
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Sarah Ross


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Silke Wenzel
    Zuerst eingegeben am 10.06.2016


    Empfohlene Zitierweise

    Sarah Ross, Artikel „Lena Stein-Schneider“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 10.6.2016.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Lena_Stein-Schneider