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  • Kristina von Schweden

    von Katrin Losleben
    Namen:
    Kristina von Schweden
    Lebensdaten:
    geb. in Stockholm, Schweden
    gest. in Rom, Italien
    Tätigkeitsfelder:
    Königin, Mäzenin, Gründerin eines Theaters
    Charakterisierender Satz:

    „Il semble qu’elle [la musique] soit proprement faite pour l’âme, l’harmonie ayant avec elle une espece de simpatie qui la charme, mais il est dangereux a un honneste homme surtout un Prince d’en savoir trop.“ (nach Larsson 2000, Sp. 1052)


    Orte und Länder

    Kristina von Schweden dankte nach zehnjähriger aktiver Regierungszeit ab und reiste über Hamburg, Antwerpen, Brüssel, Innsbruck und zahlreiche italienische Städte nach Rom, wo sie sich endgültig niederließ. Ihr Leben und Wirken in Rom wurde von vier ausgedehnten Reisen nach Frankreich, Hamburg und Schweden unterbrochen.

    Biografie

    Kristina von Schweden widmete ihr Leben in besonderem Maß den Wissenschaften, der Kunst und der Musik Frankreichs, später der Italiens. Sie verzichtete auf die schwedische Krone und ließ sich in Rom nieder. Dort gründete sie das erste öffentliche Theater der Stadt und unterhielt in ihrem Palazzo eine Hofkapelle mit den besten römischen Musikern ihrer Zeit. Außerdem legte sie mit ihren „Conversazioni della regina“ den Grundstein für die spätere Accademia dell’Arcadia (vgl. Larsson 2000)

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    Kristina von Schweden war das einzige Kind von Gustav II. Adolf und Marie Eleonore von Brandenburg und wurde am 6.12.1626 in Stockholm geboren. Nachdem ihr Vater in der Schlacht von Lützen gefallen war (17.11.1632), wählte der Reichsrat die Sechsjährige zur Königin und übernahm unter Führung des Reichskanzlers Axel Oxenstierna bis zu ihrer Volljährigkeit die Regierungsgeschäfte. Oxenstierna zeichnete sich auch für die Erziehung Kristinas verantwortlich und orientierte sich dabei an der französischen Hofkultur.

    Kristina von Schweden selbst zeigte großes Interesse an höfischen Festen, Schauspielen und Balletten, an denen sie aktiv teilnahm. Es sind Texte und Programmbücher zu einigen dieser Veranstaltungen noch vorhanden, darunter „Then fångna Cupida“ (La Diane Victorieuse), „Fredsafl“ (La Naissance de la Paix, Text von René Descartes, schwedisch von Georg Stiernhielm) und „Parnassus Triomphans“, die allesamt allegorische Verherrlichungen der Königin und der schwedischen Großmacht darstellen.

    Zahlreiche Musiker aus Frankreich und Italien wurden an den Hof nach Stockholm geholt, unter anderem eine französische Instrumentalgruppe unter Pierre Verdier, die die Geige in Schweden einführte. 1652 engagierte der Sänger Alessandro Cecconi im Auftrag der Königin eine Operntruppe mit 16 (18?) Mitgliedern. Kapellmeister der Truppe war Vincenzo Albrici, der sie später nach Rom begleitete. Kristina von Schwedens Interesse galt insbesondere der Musik, Kunst und Literatur Italiens. Der Herzog von Bracciano, Paolo Giordano II, unterrichtete sie über dortige Entwicklungen.

    1654 verzichtete Kristina von Schweden aus eigenem Antrieb auf den Thron. Sie reiste mit ihrem Hofstaat über Hamburg, Antwerpen und Brüssel nach Innsbruck, wo sie offiziell zum katholischen Glauben übertrat (3.11.1655). Nach zahlreichen italienischen Städten erreichte sie am 23.12.1655 Rom. Hier nahm sie erstmals öffentlich die Heilige Kommunion ein und nannte sich von da an Cristina Maria Alexandra.

    Bereits kurz nach ihrer Ankunft richtete Kristina von Schweden in ihrem Palazzo eine Accademia (Conversationi della regina) und ein Theater ein, in dem Opern und Komödien gegeben wurden. Sie nahm im Lauf der Jahre Giacomo Carissimi als „maestro di capella del concerto di camera“, den Komponisten und Sänger Marco Marazolli (Marazzoli) als Kammermusiker, Alessandro Stradella als „servitore da camera“, Carlo Ambrogio Lonati (Lunati) als “Musica da camera”, Bernardo Pasquini als “Principe della musica”, sowie die Sänger Giuseppe Maria Donati als „musico primario della regina“, Guiseppe Bianchi, Paolo Pompeo Besci, Battista Vulpio, Vincenzio Dani, Niccolo Coresi, Nicola und Antonia Coresi, Antonio Rivani, Maria Landini, Angela Maddalena Voglia und Alessandro Cecconi unter Vertrag. Sie nahm selbst Gesangsunterricht bei dem berühmten Kastraten Loreto Vittori, Mitglied der Cappella Sistina und Star zahlreicher Opernvorführungen in verschiedenen Städten. Ihre Stimme galt als schön, jedoch nicht entwicklungsfähig.

    1663 bezog Christine mit ihrem Hofstaat den Palazzo Riario und richtete dort ihre z.T. aus Schweden mitgebrachte Handschriften-, Bücher- und Kunstsammlung ein. Von hier aus avancierte sie mit ihren von neuer Musik begleiteten Akademien zu wissenschaftlichen, theologischen und philosophischen Themen, besonders aber mit der Initiierung von Konzerten, Opern- und Theaterproduktionen zu einer der einflussreichsten Förderinnen der römischen Kulturlandschaft. Die Accademia Reale, so genannt seit 1674, wurde nach ihrem Tod fortgeführt als „Accademia dell’ Arcadia“, zu deren Mitgliedern neben Scarlatti und Corelli u.a. Johann Wolfgang von Goethe und Wilhelmine von Bayreuth zählten. Die Aufnahme von Musikern in die Akademie gibt Eindruck von der Bedeutung, die der Musik in den Zusammenkünften beigemessen wurde.

    Ab 1669 setzte sich Kristina von Schweden für die Gründung des ersten öffentlichen Theaters in Rom ein und nur zwei Jahre später, am 8. Januar 1671 öffnete das Teatro di Tor di Nona im Gebäude eines ehemaligen Gefängnisses gegenüber der Engelsburg seine Türen; Kristina war Initiatorin und Patronin des Theaters und nahm Einfluss auf die Wahl der Stücke, die mit Ausnahme der „Alcasta“ von Pasquini bereits in anderen italienischen Städten gespielt und für das Tor di Nona lediglich bearbeitet worden waren. Eröffnet wurde das Theater mit Francesco Cavallis „Scipione affricano“ (mit Prolog und Intermezzi von Alessandro Stradella, gewidmet der Königin Kristina von Schweden), es folgten von den selbigen „ll novello Giasone“; 1672 wurden „La Dori ovvero la sciava fidele“ und „Il Tito“ von Marc’Antonio Cesti und Alessandro Stradella sowie „La prosperità d’Elio Seiano“ von Antonio Sartorio gespielt. Die Karnevalssaison 1673 öffnete mit „Eliogabalo“ von Giovanni Antonio Boretto; außerdem wurde Bernardo Pasquinis „Amor pervendetta ovvero l’Alcasta“ uraufgeführt. Das Jahr darauf zeigte man „Il Massenzio“ von Antonio Sartorio und „Il Caligola“ von Giovanni Maria Pagliardi.

    Dem Heiligen Jahr 1675 schloss sich die Besteigung des Papststuhles durch Innozenz XI. Odescalchi an, der zwar vor seiner Wahl eifriger Opernbesucher war, danach jedoch sämtliche öffentliche Aufführungen verbieten ließ. So schloss das Tordinona 1675 seine Pforten und konnte erst 1690, nach Kristinas Tod wiedereröffnet werden. Dennoch blieb sie aktiv in der Förderung der Oper, des Oratoriums und der Instrumentalmusik: Der 19-jährige Alessandro Scarlatti wurde 1680 Kapellmeister ihres Orchesters.

    Eine weitere prägnante Vorstellung bot sie mit den drei Tage dauernden Festlichkeiten anlässlich der Krönung James II. in England: Unter Leitung von Arcangelo Corelli traten 150 Instrumentalisten und 100 Sänger im Palazzo Riario mit der Accademia per musica „Applauso festivo“ von Bernardo Pasquini auf einen Text von Alessandro Guidi auf.

    Kristina von Schweden starb am 19.4.1689 und sie wurde im Petersdom beigesetzt.

    Würdigung

    Kristina von Schweden war interessiert an wissenschaftlichen, religiösen, philosophischen, literarischen und musikalischen Themen. Ihre musikhistorische Bedeutung liegt vor allem in der Förderung von Musikschaffenden. Waren die Päpste Alexander VII. Chigi (1655-1667), Clemens IX. Rospigliosi (1667-1669) und Clemens X. Altieri (1670-1676) dem kulturellen Leben gegenüber noch weitgehend positiv gegenüber, so unterband Innozenz XI. Odescalchi (1676-89) sämtliche öffentlichen Aufführungen. Einerseits wirkte sich die mangelnde Kontinuität in der Folge der Kirchen- und Stadtoberhäupter hinderlich auf die Entwicklung des kulturellen Lebens der Stadt aus: Weder entstand eine kontinuierliche Förderung durch eine Familie, wie dies in anderen italienischen Städten der Fall war; noch war die Gesetzeslage einheitlich (plötzliche Kritik an profanen Stücken, Verbot von Frauen auf der Bühne). Andererseits war Rom geprägt von einer Vielzahl finanzstarker Familien, die sich in der Förderung von Künstlern zu übertreffen suchten. Kristina von Schweden ermöglichte durch große finanzielle Aufwendungen, besonders aber durch ihr Wissen, ihr Interesse, ihrem Blick für musikalische Begabungen und ihre Stellung als dem Papst nahezu gleichrangig(e) Autorität („La Regina“) eine kulturelle Kontinuität, die das Musikleben Roms nachhaltig prägten (vgl. Larsson 2000). Sie umgab sich mit den besten Künstlern ihrer Zeit, verpflichtete jedoch nicht nur bereits etablierte, sondern mit Alessandro Stradella und Alessandro Scarlatti auch Musiker, die am Anfang ihrer Karriere standen.

    Darüber hinaus verfasste sie selbst Schriften über Kunst und Musik (“Pensées, L’Ouvrage du Loisir” sowie “Les Sentiments Héroïques”). Bedeutender aber ist ihr praktisches Handeln. So zeigt Carolyn Gianturco in der bislang einzigen Aufsatzsammlung zur Rolle Kristinas als Musikfördernde (“Cristina di Svezia e la musica”, Roma 1998), dass die Königin dem Librettisten Sebastiano Baldini und Alessandro Stradella für die Oper “Il Damone” von 1677 detaillierte Anweisungen zu Szenerie, Text, Stimmung und Musik gab (vgl. Gianturco 1998, S. 47ff.).

    Herausragend ist außerdem die Rolle, die sie der Musik in ihrer Akademie beimaß. So heißt es in Artikel 1 der Satzung:

    “Ogni Accademia commincerà con una fellicissima [sic!]sinfonia doppo la quale si cantera la prima parte del componimento musicale et destinata per l’Academia di quel giorno. Finita questa prima parte si fa la lettione Accademia, doppo la quale si canta la seconda parte della composizione e così finisce con la musica comme principio. Quando il componimento non sara diviso in due parti si commincera pure con la sinfonia et in tal caso si leggerà parimente dopo la sinfonia.” (zit. nach i Gianturco 1998, S. 55)

    Jede Zusammenkunft der Akademisten wurde mit einem eigens dafür komponierten Stück eröffnet, das nur für die Lesung unterbrochen werden durfte, sollte es den Charakter der Komposition entsprechen. Wie viele und welche Kompositionen en detail für die Akademien entstanden, ist der Autorin zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bekannt.

    Rezeption

    Geschichten von Kristina von Schweden ranken sich häufig um ihren ungewöhnlichen Lebensstil und ihr gelegentlich als anstößig wahrgenommenes Verhalten. Während ihre Bedeutung für die Musikgeschichte nach Ansicht der Autorin eher marginal behandelt wird, ist immerhin im Italien der heutigen Tage ein starkes Bewusstsein für das Wirken der „Regina“ zu erkennen, was sich in überwiegend italienischen Forschungsarbeiten über die „Regina“ niederschlägt.

    Quellen

    Literatur (Auswahl)

    Callmer, Christian. „Königin Christina, ihre Bibliothekare und ihre

    Handschriften: Beiträge zur europäischen Bibliotheksgeschichte“. (= Acta Bibliothecae Regiae Stockholmiensis, Bd. 30). Stockholm: Kungl. Bibliotek, 1977.

    Findeisen, Jörg-Peter: Christina von Schweden: Legende durch Jahrhunderte. Frankfurt am Main: Societäts-Verlag, 1992.

    Hættner Aurelius, Eva. „Inför lagen. Kvinnliga svenska självbiografier från Agneta Horn till Fredrika Bremer“. (= Litteratur, teater, film, N.S. 13). Lund: Lund Univ. Press, 1996.

    Hanheide, Stefan. „Königin Christina und die zeitgenössische Musik“. In: Christina, Königin von Schweden, Katalog der Ausstellung im Kulturgeschichtlichen Museum Osnabrück 23.November 1997 – 1.März 1998. Hg. von der Stadt Osnabrück et.al., Red. Ulrich Hermanns. Bramsche: Rasch Verlag 1997, S. 197-210.

    Heyden-Rynsch, Verena von der. Christina von Schweden: die rätselhafte Monarchin. Weimar: Verlag Hermann Böhlaus Nachfolger, 2000.

    Larsson, Gunnar. Christina (Alexandra). In: Die Musik in Geschichte und Gegenwart. 2., neubearbeitete Ausgabe. Ludwig Finscher (Hg.), Personenteil Bd. 4. Kassel u. a. 2000. Sp. 1050-???.

    Leopold, Silke „Rome: Sacred and Secular“. In: The Early Baroque Era. From the late 16th century to the 1660s. Ed. by Curtis Price. Houndmills, Basingstoke: The Macmillan Press Ltd., 1993, S. 49-74.

    Rodén, Marie-Louise. Queen Cristina. Hg. von Eva Sigsjö, Lund (?): Svenska Institutet 1998.

    Rosa, Susan. „Drottning Christinas konversion: En omvändering“. Uppsala: Signum, 1975.

    Stolpe, Sven: Königin Christine von Schweden. 2. Auflage, Frankfurt am Main: Knecht, 1964.


    Convegno Internazionale „Cristina di Svezia e la Musica“: Roma, 5.-6. Dicembre 1996. (=Atti dei convegni Lincei; Bd. 138). Roma: Accademia Nazionale dei Lincei, 1998.


    Quellen

    Drottning Christina av Sverige. “Gesammelte Werke. Autobiographie, Aphorismen, historische Schriften [mit 130 restaurierten Faksimileseiten der Arckenholtzausgabe von 1751/1752]”. Hamburg: Autorenverlag Maeger, 1995.

    “Drottning Kristinas Maximer. Les Sentiments Héroïques”, herausgegeben und übersetzt von Sven Stolpe. Stockholm: Bonnier 1959.

    Die Kristinasamlingen (Codices Reginenses) mit etwa 2000 Handschriften befinden sich in der Biblioteca Apostolica Vaticana.

    Handschriften, Briefe etc. befinden sich auch in der Azzolinosamlingen und der Montpelliersamlingen im Riksarkiv, Stockholm.

    Weitere Quellen sind in der

    Bibliothèque Nationale de Paris,

    Biblioteca Medicea Laurenziana di Firenze

    und der

    Bibliothèque Interuniversitaire de Montpellier, Graphisme et Gravure.

    Forschungsbedarf

    Kristina von Schweden ist eine beliebte Person der Geschichtsschreibung, die leider zu unwissenschaftlichen Phantasien anregt. Die deutschsprachigen Informationen über ihr Wirken als Mäzenin in Stockholm und Rom beschränken sich auf kurze Abschnitte, die Dank Silke Leopold in Standardwerken der Musikgeschichte zu finden sind (u.a. im Handbuch der musikalischen Gattungen (Band 11), hg. von Siegfried Mauser). Nach Ansicht der Autorin ist Kristina von Schweden ein Thema, das unter dem Aspekt „Musik als kulturelles Handeln“ einer Aufarbeitung bedarf, die ihrer Bedeutung als Förderin von Musikern, die selbstverständlich und fest im Kanon europäischer Kunstmusik des 17. und 18. Jahrhunderts verankert sind, gerecht wird.

    Normdaten

    Virtual International Authority File (VIAF): 4931803
    Deutsche Nationalbibliothek (GND): 118520652
    Library of Congress (LCCN): n50047934
    Wikipedia-Personensuche

    Autor/innen

    Katrin Losleben


    Bearbeitungsstand

    Redaktion: Nicole K. Strohmann
    Zuerst eingegeben am 15.06.2006


    Empfohlene Zitierweise

    Katrin Losleben, Artikel „Kristina von Schweden“, in: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen, hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske, Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 15.6.2006.
    URL: http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Kristina_von_Schweden